„It is a risk …“

„It is a risk to love.
What if it doesn´t work out?
Ah, but what if it does.“

Peter McWilliams

Ja, ich glaube,  Mick zwo hat recht, wenn er schreibt: “ Allerdings glaube ich, dass die Geschichten nicht passiv sind. Sie laufen uns über den Weg, nicht umgekehrt! „

Diese Worte führen genau dahin, an diesen Punkt, an dem so unwiderruflich klar wird, daß die Zeit reif ist für genau diese eine Geschichte und keine andere…

Genauso ist das mit diesem Film, immer mal wieder muß ich ihn ansehen und jedesmal ist hinterher irgendwas irgendwie anders als vorher. So geht es mir oft mit Geschichten, nein, natürlich nicht mit allen…nur mit den ganz wichtigen, die was mit mir zu tun haben;  ich wüsste nicht zu sagen, was sich zwischen vorher und nachher in meinem Leben verändert hätte, aber daß nichts mehr ist wie vorher, das scheint sicher.

Michael Althen, der wunderbare, leider so früh verstorbene Filmkritiker hat mal über ein „zweites Leben im Kino“ geschrieben, das „besser ist als unseres und ihm doch aufs Haar gleicht“…das Kino als doppelte Natur gibt Auskunft über das, was ist, und das, was möglich wäre…wer wir sind und wer wir gerne wären, und daß wir, wenn wir uns den Bildern überlassen , womöglich erkennen, woher wir kommen und wohin wir gehen…

Eine Nuance nur reicht, ein Windhauch, eine ganz zarte Gedankenspur, kaum merklich, kann den Weg freimachen in völlig neue Richtungen, die Tür zu anderen Welten öffnen, zu neuen Ufern, neuen Träumen, weiteren Geschichten…um letztendlich immer die gleiche, nämlich die eigene  auszuleuchten.

Ganz am Anfang des Films sieht man eine Zehe mit einem Smileypflaster, man hört das Entkorken einer Flasche und das Geräusch, das irgendein Getränk macht, wenn es in ein Glas geschüttet wird.

Dann holt einer sein Feuerzeug aus der Tasche, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug… ich schmecke und rieche den verbrannten Tabak und als der Mann in Hut und hellem Sommeranzug vom Tresen weggeht, liebe ich ihn schon und bin bereit, ihm zu folgen durch die dunkle Bar hin zur Türe. Und dann geschieht dieses Wunder, der Klang der Gitarre (David Hidalgo), das gleißende Sonnenlicht, der Mann und ich, wir verschmelzen und werden zu einer Geschichte, die hier beginnt.

Viele Male musste ich den Film ansehen, um endlich zu erkennen, daß eigentlich alles schon in den ersten fünf Minuten erzählt wird und daß die Musik die Geschichte parallel dazu nochmal erzählt. Und ich lasse mich führen,  gehe den Weg mit, den Bobby Long durch eine runtergekommene Vorstadt von New Orleans entlanghumpelt, bis er an der Friedhofsmauer ankommt, wo er die leergetrunkene Flasche abstellt und wenn die Kamera auf die Trauergemeinde schwenkt und das grandiose Saxophon (Steve Berlin) einsetzt, ist klar, daß es kein Zurück mehr gibt aus dieser Geschichte, bis sie zu Ende erzählt ist.

Man hat diesem Film vorgeworfen, daß die Story zu simpel und vorhersehbar sei und, daß John Travolta viel zu wenig wie ein verwahrloster Säufer aussehen würde…ja, mag alles sein. Ich liebe diesen Film, genau so wie er ist und alle, die mitspielen, bezaubern mich immer wieder aufs Neue!

Ein ehemaliger Literaturprofessor und sein Schützling, den er dazu auserkoren hat, ein Buch über ihn zu schreiben, haben sich ins Haus einer verstorbenen Freundin geflüchtet und versuchen, sich durch große Mengen Alkohol soweit zu betäuben, daß sie die Verzweiflung über ein gescheitertes Leben nicht mehr spüren.

Da hinein gerät die Tochter der Freundin, die das Haus erbt.

Die junge Frau ist ihrerseits auch bereits eine gescheiterte Existenz, voller Zorn und Gram über eine verlorene Kindheit und tiefer Sehnsuch nach einer unerreichbaren Mutter.

Auf ihre Weise bewegen sich diese drei Menschen und ein paar Nebenfiguren durch ihr Schicksal und am Ende sind sie vom Meeresboden, auf den sie gesunken waren, wieder nach oben getaucht und sehen, jeder auf ganz eigene Art neuen Horizonten entgegen.

Was ist es, was mich so berührt an diesem Film… ich vermag es gar nicht so genau zu sagen, die Geschichte ist ein Märchen, in dem alle am Ertrinken sind und sich dann Kraft der Liebe retten…das allein ist es nicht, auch nicht mein Faible für gescheiterte Existenzen, für diese Lonly Wolves…

Nein, ich glaube, letztendlich ist es der Blues, der mich ergreift und durch diese Schwüle trägt, Bewegungen wie in Zeitlupe… ja es sind die Farben des Südens und der Blues.

Immer wieder dieser Blues, der alles einschließt, das Lachen und das Weinen, die Freude und den Schmerz, das Leben und das Sterben , dieses Hin und Herwiegen wie das Gras in einem lauen Sommerwind…das Sichhingeben an das Leben und das Sichtreibenlassen und dem Verstreichen der Zeit zuzusehen…

(Sehr schade, daß der wundervolle Soundtrack nur mehr für Wucherpreise erhältlich ist)
Das war einmal!
Inzwischen hat Herr Riffmaster, der nicht nur seines Zeichens Archivar von glücksbringenden Musikalien ist, sondern anscheinend auch diverse Zauberkünste beherrscht, genau diese Scheibe zu meiner großen Freude in seinem überirdischen Laden ausgestellt…würd mich ja nicht wundern, wenn er auch noch wilde Augen hätte!
Vielen Dank , lieber Meister!

Schade bleibt (vorerst) nur noch, daß ich leider leider niemand kenne, der/die mit mir „Alabama-Schuffle“ tanzen täte!

 

 

 

We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be arrive where we startet
And know the place for the first time.
T.S. Eliot

„Gott kennt mich und ich kenne Gott“ (Bobby Long)

 

A Lovesong for Bobby Long
Regie: Shainee Gabel
2005

29 Gedanken zu „„It is a risk …“

  1. Ihr Text, liebe Frau Graugans, hatte sofort mich am Haken. Bildergugge, Blues – ein Roadmovie.
    Der Film steht in guter Qualität zum streamen im Netz.

    Den Anfang haben Sie im ersten Video präsentiert. Tolle Bilder für einen Sehmann. Und wer einen der Hauptdarsteller eine Filmlänge lang ertragen kann wird gut bedient werden.
    Ich habe den Film trotz der schönen Bilder nicht zu Ende sehen können. In Carson McCullers´ famosen Buch The Heart is a lonely Hunter konnte ich wegen der Kürze der Darstellung die Widmung auf dem Vorsatzblatt nicht lesen. Und ich habs mehrfach versucht.
    Ganz katastrophal finde ich aber den Mann, von dem wir als Jugendliche schon forderten: Alle wollen dasselbe – Travolta in die Elbe.

    Bitte schreiben weiterhin über Filme.
    Mitternachtsgruss aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

    1. Ach , lieber Herr Ärmel, der John Travolta scheint leider ihren Killerinstinkt zu wecken, dagegen ist wohl nicht mal das Kraut der Altersmilde gewachsen, fürcht ich, die ich schon mal bei der Chefvisite arg gescheitert bin, als ich Gilbert Beceaud gegen die Mordgelüste des Herrn Blu. zu verteidigen suchte…

      Also, ich mag es, wie der alte Travolta den Bobby Long spielt, hilft nix.
      Trotzdem viele liebe Grüsse aus dem rauhen Bergland aber jetzt unter Föhnbestrahlung!

      1. Killerinstinkt? Welch ein schauriges Wort. Ich mag den Mann als Schauspieler nicht, das ist schon alles. Insofern sind nicht Sie mit Ihrer famosen Vorstellung gescheitert, sondern dieser Mann. Bei mir zumindest.
        Und ich freue mich derweil schon auf Ihre nächste Feinpräsentation.
        Einen herzlichen Zwanziguhrgruss aus dem Bembelland,
        Herr Ärmel

        1. Aber ja, Herr Ärmel, ganz liebe Grüße auch zu Ihnen.
          Der Killerinstinkt war natürlich ein Witz…aber ich geb´s ja zu, ich hatte schon bessere…seufz, nix für ungut…
          Warum fällt mir bei Zwanziguhrgruß die Uhr aus „High Noon“ ein?
          Superfilm!
          Haben Sie einen Lieblingsfilm, Herr Ärmel?

          1. Der hohe Mittag, ach – Gary Cooper… um zwanzig Uhr abends?
            Ach, liebe Frau Graugans, Sie können intime Fragen stellen.
            Aber Ihnen kann ich nichts verheimlichen – – – mein Lieblingsfilm ist Tante Frieda. Nach den Geschichten von Ludwig Thoma

  2. Seufz, ja, wenn die Amis eins können, dann das große Lied vom Scheitern singen – und zwar so, dass man hinterher stolz is,t auch ein Gescheiterter zu sein…

    Meine beiden Lieblinglinge diesbezüglich sind „Nebraska“ und der „Tod eines Handlungsreisenden“(nur echt mit Dustin Hoffman)…

    Sehr schön rezensiert, liebe Graugans. Als Tanzpartner kann ich mich leider nicht ins Gespräch bringen. Aber geteiltes Leid ist halbes Leid: Mit mir fährt auch keiner quer durch die Staaten um mir am Ende einen Pickup zu kaufen, wie es der Alte in „Nebraska“ erlebt.

    Da ich aber eh kaum Filmgucker bin, halte ich mich eher an den Balladenschatz der alternativen Countrybarden; siehe Guy Clark, Cash, Nelson und Co.

    1. Yeah! Yeah! Yeah!
      Weißt Du was Mister Blu, ich glaub ja langsam, daß ich diesen Blog nur deshalb mache, um irgendwann so einen Kommentar zu kriegen…obwohl es natürlich schade ist, daß auch Du nicht für den Shuffle zur Verfügung stehst…

      Endlich hat mal einer „Nebraska“ gesehen, Waaahnsinnsfilm!

      Really!

      Für Guy Clark bin ich Dir sehr dankbar, den kannte ich noch nicht und Willie Nelson…ganz starker Typ!
      Übrigends fahr ich Ende März in die große Hauptstadt, womöglich geht sich ja bei Hin- oder Rückfahrt irgendwo in der Pampa am Wegesrand eine Blechkanne Kaffee aus…?
      Howdy und Danke

      1. Was sagt man dazu? Schon der 2. Treffer:

        Erst Alois Nebel und nu Nebraska.

        Freut mich riesig!

        Biste sicher, dass du „2 Cheyenne auf dem Highway“ nicht doch auch noch kennst?

  3. Wunderbar, liebe Graugans, nun hab ich noch einen Film auf meiner Liste, gerade ist Filmguckzeit bei mir und heute schaute ich Paris Texas von Wenders, ich hab ihn nur einmal in den 80ern im Kino gesehen und wollte ihn immer mal wieder sehen, ich habe nix bereut und nun kann ich ihn wieder anschauen, wenn ich will und demnächst dann Herrn Travolta – lach – nee, keine Mordgelüste 😉
    und Nebraska kann ich auch nur vom hören sagen-
    hoidi … fein und passend
    herzliche Grüsse
    Ulli

    1. Liebe Ulli, wenn es denn überhaupt was Schönes gibt am Kranksein, so wird es wohl das sein, das man mal ohne schlechtes Gewissen herumliegen darf und nur Filmeanschauen und sonst nix!
      Ich hoffe ja, daß es Dir besser geht und wünsche Dir weiterhin eine gute Rekonvaleszenz!
      Viele liebe Grüsse
      von der auch noch nicht so ganz hustenfreien Graugans

  4. Nachwirkende Filme!
    Schön, daß es solche gibt.
    Spontan fällt mir aus jüngster Zeit „Paterson“ ein , dann zurückliegend Altman’s „Komm zurück, Jimmy Dean“ oder auch zum Thema passend „Rückfälle“, mit dem überragenden Günther Lamprecht.
    Das Schöne an DVDs oder Aufzeichnungen ist es ja, bestimmte Schlüsselstellen eines Films immer und immer wieder betrachten zu können . Das praktizierte ich in letzt genanntem Film des öfteren.

    1. Herzlichen Dank, lieber Gerhard, daß Du mich an „Paterson“ erinnerst, vielleicht läuft er ja noch irgendwo, ach es verschwindet alles so schnell, hätte ihn beinah vergessen, möchte ihn aber unbedingt sehen…auch „Komm zurück, Jimmy Dean“ interessiert mich brennend, da muß es halt eine DVD sein…ich finde es ja immer sehr schade, wenn Kinofilme in den Fernsehkasten verbannt werden…aber manchmal gehts halt nicht anders! Von „Rückfälle“ habe ich noch gar nichts gehört…super, drei neue Filme für mich, die es zu entdecken gilt.

      Und ja, bestimmte Stellen immer wieder anzusehen…das mach ich auch…bei „Bobby Long“ ist es der Anfang, den ich unendlich oft sehen kann und immer wieder was Neues entdecke!
      Liebe Grüße

  5. ch habe mich ja von vielen, vielen Filmen trennen müssen, als ich vor 10-12 Jahren renovierte habe.
    Eric Rohmer, Altman, Film noir…
    Ich erinnere mich auch an grandiose Schauspieler wie Wolfgang Kieling, wo allein schon das Zuschauen, wie er eine Rolle umsetztet, reine Freude war.

    „Rückfälle“ war ein Spielfilm im TV, bei dem mir erstmals Lamprecht auffiel.
    Er spielte das Zurückfallen in die Sucht in einer gewissen Szene so ungemein glaubhaft, daß ich wie weg war davon.

    Hier bei uns in Würzburg ist ein Arthouse-Kino, das vor 5, 6 Jahren neu aufgemacht hat. Im 1. Jahr war ich 50 x im Kino und vielleicht nur 2 x enttäuscht! Das will was heißen!
    Lieben Gruß

    1. Das ist ja traurig…so viele Filme weg! Wolfgang Kieling war auch einer meiner Lieblingsschauspieler! Aber Du hast ja ein Riesenglück mit dem Arthousekino in Würzburg…bei uns, zwischen München und Salzburg gab es paar Versuche, ein Programmkino zu installieren, aber da ich in den besonderen Filmen meist alleine im Kino saß, haben sich leider diese Versuche ziemlich relativiert und es läuft halt meistens Mainstream, wie überall…wenn Würzburg nicht über 300 km weit weg wäre…aber ich möcht eh seit Jahren die freischwingende Treppe von Balthasar Neumann anschauen im Schloß, da ist es ja gut, zu wissen, daß für den Abend ein Arthousekino zur Verfügung steht…das ist echt Glück…läuft das denn immer noch gut?
      50 x im Kino, davon träume ich auch!
      Servus, liebe Grüsse

  6. Das Kino läuft besser denn je!
    Es ist jetzt umgezogen in den Aussenbereich, wo die Massen nachwievor hinziehen.
    Anfangs war es eine Bürgerinitiative: Das eigentliche Arthousekino nahe dem Bhf machte zu – und es regte sich Widerstand! Ich gehörte dazu, obwohl nicht in Würzburg wohnhaft.

    Einen Teil der Filme habe ich auf Platte gesichert, u.a. den ominösen von Altan. Und von Kieling natürlich auch einen – da spielt er einen schwulen Barmann – das konnte der!

    1. Ich glaub, ich hab den Kieling in so einer Rolle mal gesehen, ganz wunderbar!
      Aber leider erinnere ich mich nicht mehr, wie der Film hieß…
      Welchen Film meinst Du da, mit „ominös“?

  7. Beinahe kann man leben in Filmen wie in dem von Bobby Long…nicht wahr! Gut beschrieben von Frau Graugans, die eventuell gut in die Runde der Blueser am Fluss passen würde?
    Gruß von Sonja

    1. Absolut, liebe Wildgeflügelte!
      Und mich zur Runde der Blueser am Fluß zu denken…nicht schlecht kombiniert, täte mir schon gefallen dort…womöglich seh ich Dich ja auch da hinten…Du hast graue Augen oder täusch ich mich? Ich hab blaue, daran erkennste mich gleich!
      Liebe Grüße von Margarete

        1. Also …auf die Entfernung bin ich ja sooo schlecht nicht mit der Schauerei…aber sag bloß…diese Nonnen, kochen sie bei Euch am Großen Fluß auch Grauschminke in den Küchen…bei uns auf Frauenchiemsee destillieren nur spirituelle Kräuter in den Klosterkesseln…
          Gruß vom alten Haus

          1. Hildegard von Bingen – die hat mal…
            Die konnte viel. Die ist hier ganz in der Nähe, in Bermersheim vor der Höhe, geboren; vielleicht hat sie sich und die zahllosen Jungfrauen um sich herum dezent geschminkt, wer weiß…
            Gruß vom uralten Haus

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