Der Marxnhans

Auf dem Grabstein aus rotem Untersberger Marmor hat der Vater ein Kreuz aus Eisen geschmiedet, kunstvoll und schlicht, und ein paar Vögel hat er eingearbeitet, sie singen mit weitgeöffnetem Schnabel. „Marxn-Familie“ hat er darunter ins Eisenblech gestanzt in seiner typischen Schrift. Im Sturmwind versuche ich, eine Kerze anzuzünden, für ihn und alle, die mal waren auf unserem Hof.

Und dann hör ich es , es klingt in meinen Ohren, seit Jahren hatte ich es vergessen, dieses „Wischperl“, das mein Vater immer auf den Lippen hatte, so eine Art geflüstertes Vorsichhinpfeifen, ein „Wischpeln“ halt. Meistens war es ein neuer Landler oder Walzer, den er sich so oft auf Platte oder Cassette anhörte, bis er ihn pfeifen konnte, dann nämlich konnte er ihn auch über kurz oder lang auf der Ziehharmonika spielen.

Mein Vater war ein Ziacherer. Er selbst hat sich nie so bezeichnet, weil er viel zu bescheiden war , um sich die für diese Bezeichnung seiner Ansicht nach nötige Virtuosität und Perfektion zuzuschreiben. Er habe sich das Ziachspielen ja selber beigebracht, Lehrer gab es keine damals und Noten auch nicht, aber die hätte er ja eh nicht lesen können. Ich spiel´ eigentlich nur für mich, weil´s mich halt freut, hat er immer gesagt.  Gelernt hat er auf einer alten Chromatischen, die hat aber dann schon schwer geschnauft, die Knöpfe haben geklappert und ein paar blieben manchmal hängen. Irgendwann eines Tages kam von irgendwoher verbilligt ein Akkordeon und der Vater spielte sich durch das ganze Repertoire der Schlager, die man halt für Geburtstage und Gartenfeste so braucht … von La Paloma über den Affenrock, den Pferdehalfter an der Wand, das alte Haus von Rocky Docky und natürlich mit Gesang „der alte Schimmel ist im Himmel“ … Aber diese Zeit ging vorüber, er konnte sich mit den Tasten nie so ganz anfreunden. Im Lauf der Jahre kamen alle möglichen meist etwas ramponierten Instrumente zu uns und wurden bespielt nach mehr oder weniger fachmännischer Reparatur. Niemals mehr werden Tangos so wunderbar schräg und verwegen klingen wie die vom Papa, gespielt auf Bandoneon und Konzertina, aus denen Töne hervorpfiffen, mit denen niemand rechnen konnte, weil sie dem Nichts im Inneren der geklebten Blasebälger entsprangen, unvermittelt  und querliegend zur gängigen Melodie …

Auch ein Harmonium tauchte auf, das aber trotz heftigen Tretens nur schweratmig schnaufte und keinen Ton entließ.

Irgendwann in seinem Leben war es soweit, der Vater hatte soviel Geld zusammen, daß er nach Graz fahren konnte um sich dort endlich seinen Traum zu erfüllen und eine diatonische Steirer Ziehharmonika zu kaufen. Viele Jahre hörte er sich tagsüber in seiner Schmiedewerkstatt die Musikstücke an, die er sich dann nach der Arbeit, meist noch im Arbeitsgewand in der Stube  auf der Zugharmonie beibrachte, oft war er so versunken, daß er gar nicht merkte, daß es darüber dunkel geworden war …

Wenn Leute ihn fragten, wie das denn möglich sei, sich ohne Noten alles selbst beibringen zu können, dann sagte er stets: ja mei, wennst ein Gehör hast, dann ist das kein Kunststück, Du brauchst ja nur hinhören und dann mußt halt fleissig sein und üben. Das einzige Problem bei der Sache ist immer, ob ich´s mir dermerken kann …

Ja, er hatte dieses  „Gehör“, vielleicht nicht direkt das absolute, aber doch ein ganz besonderes. Er konnte einfach alles nachpfeifen und nachspielen, nachsingen und ich glaube, bei entsprechender Förderung wäre er ein Multiinstrumentalist und Musiker geworden. So blieb er einer, der nur so virtuos sein konnte, wie er imstande war, sich die Lieder zu merken. Manchmal , wenn ich heimkam, dann sagte er: Ich hab ein neues Stückl, das mußt du dir anhören, das wird dir gfalln! Und meist war es dann eines mit diesen tiefen, schnarrenden Bässen, die ich so gerne mochte. Und während er spielte, hat er gelächelt und dann sagte er: schön, gell! Und seine klitzeblauen Augen glänzten, wie sie das nur bei Menschen tun, denen die Musik eine Herzensangelegenheit ist.

Wenn er irgendwo bei Freunden eingeladen wurde, verstaute er „für alle Fälle“ die Ziehharmonika im Kofferraum. Gesagt hat er nie was, aber wenn er dann im Lauf des Abends ein paarmal gefragt wurde: Hans, hast Du die Musi dabei?, dann holte er sie und spielte auf.

Ach Papa, sage ich da am Grab, wir hatten es nicht immer leicht , weil wir so verschieden waren oder womöglich so ähnlich, ich weiß es nicht mehr … wir mussten uns sehr plagen miteinander und daß wir uns so sehr liebhatten, machte nichts einfacher. Für mich bist Du der beste Ziacherer gewesen, und im ganzen Internet hab ich keinen gefunden, der den „Gföller Marsch“ so gut spielt wie Du und ich bin so dankbar für „das Gehör“, das Du mir geschenkt hast und schon wieder fällt mir das Stückl nicht ein, weißt Du, das mit diesen schnarrenden Bässen, das ich so gern mag, schad, daß du jetzt nicht die Musi in der Stube  unter der Bank rausziehen kannst und mir vorspielst. Ich habe herumgesucht und nur einen gefunden, der annähernd so gespielt hat wie Du , der Schneider Willi, Du hast ihn sehr geschätzt, gell! Es gibt nur dieses einzige alte Video von ihm, vor ein paar Jahren ist er gestorben.

Nicht nur der eiskalte Sturmwind treibt mir die Tränen in die Augen am Grab. Was ist, wenn nichts mehr ist … was ist mir denn geblieben von meinem Papa, dem Marxn Hans?

Ich höre ihn spielen.

Einen besonderen Dank an den lieben Riffmaster, der in seinem Sammelsurium der Wunder eine Zeitung über Akkordeon präsentierte und mich mich in die Erinnerung an meinen Vater, den Ziacherer, führte!

12 Gedanken zu „Der Marxnhans

  1. liebe graugans, dank dir, dass ich das jetzt grad lesen durfte. bin sehr berührt von dem zärtlichen porträt, von der zuneigung, von der guten, ruhigen, unbeirrbaren würde, die aus deinem text zu mir her strahlt. – sehr herzlich: pega

    1. Ja, lieber Arno, Erinnerungen, die tragen manchmal so ein ganz eigenes Potential mit sich herum und schleichen sich hin zu Deinen Erinnerungen …Ich dank dir sehr, daß Du Dich so berühren läßt!

      Ich grüß Dich herzlich

  2. So bleibt er uns immer in guter Erinnerung, der Marxn-Hans mit seiner Ziach!
    Wenn ich an meinen eigenen Vater denk, der es uns wahrhaftig nicht leicht gemacht hat, dann doch auch, wie er musiziert hat. Das lässt doch über vieles andere hinweg schauen.

  3. Deine Erinnerung ist so zart, wie schön und ich sitze mal wieder hier und bin so ganz berührt von dieser, deiner Art!
    Ja, was bleibt? Bei dir viel, weil es im Herzen wohnt!
    Herzliches zu dir hin,
    Ulli

    1. Ach Ulli, hab vielen Herzensdank für Deine warmen Worte … das Herz ist ein ganz eigener Erdteil und ein einsamer Jäger …
      Liebe Grüße zu Dir

  4. Dein Text greift nach mir und nimmt mich mit. Du hast so was Spezielles, etwas, was zieht … und zugleich lebendig und warm, ich mag das sehr. Danke für deine Erinnerung.
    Liebe Grüße
    Christiane, die in Richtung Berge winkt

    1. Deine Worte tun mir sooo gut, genau das ist es, was wir doch immer so wollen, was Spezielles zu sein und damit jemanden Freude zu machen, nicht wahr?
      Ich dank Dir sehr … hab dich winken gesehen und der blonde Zopf hat geleuchtet in der Nacht!
      Viele liebe Grüße mit heißem Herzen von Kaltfront zu Kaltfront…

  5. „Was ist, wenn nichts mehr ist …“ Ein bewegender Text, liebe Graugans.

    (Du, auch wenn es nicht wichtig ist: Als du den Text online gestellt hast, war ich in – Graz. Habe mir aber kein Musikinstrument gekauft. Und bin auf dem Weg quasi bei euch vorbeigekommen, aber mit Zug und in Hast, da war kein Halten.)

    Herzliche Grüße, wieder zruck dahoim

  6. Ohjaaaaa, warum nur klappts immer erst im Alter (bzw. nach dem Ableben der einen Seite) das nötige Verständnis, das man dereinst hätte haben sollen oder wollen, in Worte zu fassen … Wir kennen das Phänomen sicher alle, die hier mitlesen. Toller Text. Auch wenn meine eigenen Akkordeonerfahrungen nicht ins Idyll führten, selber was zustandezubringen, auf dem Monstrum.

    Und sehr viele Jahre später; 10 Jahre nach meinem Aufgeben, war es plötzlich für einen kurzen Moment der Rockgeschichte sogar cool.

    http://www.youtube.com/watch?v=X43ZyUGOPyw

    1. Oh, danke lieber Mr. Blu!! Superlied!!!
      Solltest du trotz erlittener Qualen auf dem Akkordeon noch Hörlust haben: Das
      „Herbert Pixner Projekt“ ist es wert, bisserl auf youtube herumzugeistern … a propos geistern … was war das mit dem „Geisterhaus“ im Saaletal, das ist ja geheimnisvoll … aber da sollt ich wohl lieber bei Deinem wundervollen Waaaahnsinnstext in den Weiten Deiner Blogprairie was dazu sagen, gell!
      Ach, der Otto Lechner fällt mir auch ein, und Attwenger, lauter Grenzgänger, kennste wahrscheinlich schon.
      Viele liebe Grüße einstweilen

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