# 42 Himmelaufsperren

Die frühjahrsmäßige Verprimelung hat bereits begonnen, landauf landab stehen sie in Töpfen und Schalen tonnenweise herum und sollen mit ihren grellen Farben angeblich gute Laune machen.  Ob das was nützt bei denen, die von früh bis spät über einfach alles schimpfen müssen? Man könnte einen Container voller bunter Primeln über sie ausschütten, es würde nichts nützen. Und ein scheußliches Haus bleibt immer ein scheußliches Haus, auch tonnenweise Wegwerfblumen machen es nicht schöner. Was ich auch noch nie verstanden habe ist das sofortige Wegwerfen nach Absolvieren der angezüchteten Blühpflicht. Manchmal bekomme ich abgeblühte Exemplare, man sagt dann, ich hätte ja einen grünen Daumen. Oder weil ich doch am Land lebe und soviel Grund ums Haus herum, da gäbe es ja mehr Möglichkeiten als in der Stadt, wo man nur einen Balkon hätte usw. Also, mein Daumen ist keineswegs grüner als der von der übrigen Spezies und ich sage dann: geh halt spazieren und vergrab die Primeln unter irgendwelche Büsche oder im Wald, Du brauchst dazu nur eine kleine Schaufel. Es macht mich traurig, wenn lebendige Wesen in die Abfalltonne geworfen werden, nur weil sie nicht mehr blühen.

Manchmal sprechen mich alte Menschen an und sagen: Du sammelst doch Geschichten, mir ist da was eingefallen, was früher immer so erzählt wurde, Du kannst es bewahren, bevor es verschwindet. Ich höre sie mir gerne an, die alten Geschichten, aber bewahren kann ich sie nicht, und ich sage immer wieder, erzählt sie Euren Enkelkindern, denn Geschichten werden bewahrt, indem man sie weitererzählt. Ich höre immer wieder, daß „die Jungen“ nur in ihr Handy starren, die würden nicht zuhören. Meine Erfahrung mit jungen Menschen ist eine ganz andere. Abends, an einem knisternden und funkensprühenden Feuer, da verschwinden die Handys ganz schnell, weil sie beim Zuhören stören und beim Singen.

Das Bewahren ist eine zweischneidige Sache: Ein altes Bauernhaus bewahrt man nicht, indem man es abträgt und in irgendeinem Bauernhofmuseum wieder aufbaut, sondern, indem man drin lebt. Ein schönes altes Geschirr hat keinen Sinn hinter Glas in der Vitrine, sondern, wenn eine köstliche Speise von fröhlichen Menschen bei festlichem Mahle daraus gegessen wird.

Tiere bewahrt man nicht, indem man ihre Natur bricht und ihnen ihre wilde Würde nimmt und sie in Käfige sperrt, mögen diese auch noch so groß sein. Und Sprache wird nicht bewahrt, indem man sie in Wörterbüchern zur Erinnerung verliert, sondern ausschließlich nur dann, wenn man sie spricht.

Auf der Straße rollt wieder mal mit grauenhaftem Getöse eine lange Kolonne Panzer. Ein Geräusch, das mir durch Mark und Bein geht. Ich sitze auf dem Radl und versuche zu entkommen, auf dem Feldweg hin zum Wald, in die Gegenrichtung. Und ich sehe vor mir den Bussard, der oben auf dem noch nicht eingesammelten Schneezeichen am Wegrand sitzt, ganz still und bewegungslos. Beim Anblick dieser Majestät steigen mir die Tränen in die Augen … wie schön dieses Land ist, wie dankbar ich bin, daß ich eine Heimat habe und wie gut doch unser Leben hier ist … und wie schnell alles vorbei sein kann, wenn erst mal die Panzer nicht nur durchs Tal rollen, sondern auch schießen.

Der Bussard sieht mich kommen und hebt sich lautlos hinauf und schwebt mit ausgebreiteten Schwingen, von der Luft getragen, in den Himmel. Im Wald ist ein Geräusch, das sich wie Husten anhört, wahrscheinlich ein Reh.

Als ich an der saueren Wiese entlang radle, beschließe ich, heuer dort eine Jahresuhr zu gestalten, indem ich gleichzeitig zu den Mittwochsbeiträgen hier im Blog ein Foto veröffentliche, das zeigt, was grade so wächst auf dieser Wiese. Da sie anscheinend nur im Spätherbst gemäht wird, kann man gut die dort heimische Flora im Jahresablauf bestaunen. Darauf freue ich mich sehr und mache auch gleich ein Bild von diesem geliebten Zauberwesen, das mit seinen Blüten den Himmel aufsperrt.

Sei willkommen und gegrüßt, Himmelsschlüsserl!

 

Und da streift die Kraulquappe durch die Welt!

Ein Gedanke zu „# 42 Himmelaufsperren

  1. Deine Überlegungen zum Thema „bewahren“ teile ich … und sie regen zum Weiterdenken an. Himmelschlüssel … gestern habe ich auch die ersten gesehen.
    Auf die Wiesenfotos freue ich mich schon! 🙂
    Liebe Grüße, Andrea

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