Leopoldine und Herr Ritz

Es wurde später nie über sie gesprochen, sie wurden „zugewiesen“, das heißt, jeder Haushalt musste welche nehmen, sie wohnten wohl ein paar Jahre bei uns, dann starben sie und wurden vergessen. Keine Spuren haben sie hinterlassen, ein paar wenige Fotos sind von ihnen übriggeblieben und eine Art Gesellenbrief, und ein Poesiealbum, sonst nichts, auch kein Grab, das wurde bald aufgelöst, als mein Vater nicht mehr bezahlen konnte. Aber ich weiß noch, wo das Grab war und ich stelle hin und wieder eine Kerze auf die leere Fläche im Friedhof, dort, wo sie begraben sind, unsere „Flüchtlinge“. Diese Ausdrucksweise ist mir unangenehm, ich empfinde es als demütigend, so von Menschen zu sprechen, die verjagt worden sind.

Leopoldine Ritz, und ihr Bruder, von dem nicht einmal der Vorname bekannt ist, weil sie immer „Herr Ritz“ zu ihm sagte, müssen kurz nach Kriegsende zu uns gekommen sein, sie wurden bei uns im „Stübel“ untergebracht, das ist in einem alten Bauernhaus wie dem unsrigen die Kammer gegenüber der Stube, wo sich das Leben abspielte, dazwischen liegt der Hausgang. Mittels einer sehr gewagten Ofenrohrkonstruktion und eines alten, rauchenden Ofens wurde das Stübel mehr schlecht als recht beheizbar gemacht, auch haben sie selber gekocht darauf. Mein Vater sagte, sie hätten schon recht armselig bei uns  gehaust. Ich kann mich nur noch sehr undeutlich erinnern daran, daß „die Poldi“ mir ziemlich unsanft die Haare kämmte, sie passte auf mich auf, fuhr mich mit dem Kinderwagen spazieren, aber das war schon Mitte der Fünfzigerjahre, der Herr Ritz war schon verstorben und als ich 1959 eingeschult wurde, da war die Poldi auch schon lange tot.

Wie haben sie damals nur alle miteinander gelebt? Meine Großeltern waren ja auch im Haus, ungefähr gleichaltrig wie die Geschwister Ritz. Der Herr Ritz hat wohl nie das Stübel verlassen, saß immer auf dem Sofa Jahr und Tag. Haben sie denn überhaupt miteinander gesprochen? Ich glaube nicht. Meine Mutter, die Hausherrin, von den Eltern meines Vaters weder erwünscht noch gemocht, sie war ja auch einFremdling, und geredet wurde eh nicht viel. Und dann noch diese Not, der kleine Hof hat nichts abgeworfen, es gab nie genug Holz zum Heizen, Großvater und Vater mussten zusätzlich arbeiten gehen und die Frauen mochten sich nicht sehr und schon gar keine Fremden wollte man im Haus. Mein Vater schimpfte auch, wie alle, über diese „Flüchtlingsweiber“, vor allem die bei unseren Nachbarn, die sich Gänse hielten, die sie mit Kartoffeln stopften um ihnen dann, wenn sie fett genug waren, mit angeblich stumpfen Messern weißgottwielang die Krägen durchzusäbeln, langsam und qualvoll. Meine Güte, ja, grausig, und keiner hat aber was unternommen, vielleicht hätte ja mal wer das Messer schleifen können. Naja, aber das war halt so „bei denen“. Ach, die waren auch nicht schlimmer als der reiche Wirt, der als Metzger zum Nachbarn kam und die Schweine ewig schrieen, bis er sie endlich abgestochen hatte, diese Schreie verfolgen mich ein Leben lang.

Untereinander hatten sie anscheinend keinen Kontakt, die Verjagten. Ein gemeinsames Schicksal macht noch lang keine Freundschaften.

Heute sitze ich manchmal im Stübel im alten Haus und schau mir das Foto an vom Herrn Ritz und frage mich heute, erst heute, selber eine Alte werdend, wie es ihm denn so ergangen sein muß, was hat er gelesen, wer war er denn, von ihm weiß ich gar nichts, schade, ich sehe das Bild eines gepflegten alten Herrn mit gescheiten und ein wenig traurigen Augen. Seine Schwester konnte wenigstens das Zimmer verlassen, aber er, was hat er gemacht, die langen Tage und Nächte, an einem Ort, wo er hingejagt wurde und nur gezwungenermaßen geduldet? Nichts weiß ich, nichts, gar nichts. Geboren und gelebt haben beide in Neutitschein. Ein verblichenes Poesiealbum existiert noch, keinen hat es interessiert, ob ich meine Kinderkritzeleien dort hinein schmierte, sie hatten andere Probleme wahrscheinlich, wir mussten irgendwie überleben.

Ich zünde eine Kerze an im Stübel, dort, wo der kleine Tisch stand und der armselig geflickte Teppich lag, auf den Herr Ritz die Füsse in den peinlich sauberpolierten Schuhen stellte, sitzend auf dem Sofa. Heimat. Fremde. Heimat.

Längst sind alle Spuren verweht, auch wir werden verwehen über kurz oder lang und doch hänge ich jetzt endlich die Bilder der Verjagten auf hier in diesem alten Haus, wo sonst.

Heimat. Fremde. Heimat.

 

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3 Gedanken zu „Leopoldine und Herr Ritz

  1. Liebe Frau Graugans,
    dein Artikel macht mich sehr betroffen. Man vergißt, dass es diese Menschen bei uns gegeben hat. Flüchtlinge, da denke ich immer nur an die jetzigen jungen Männer aus Afghanistan und Syrien. Es ist schön, dass du an die Flüchtlinge aus unserer Zeit erinnerst. An die Ausgrenzungen und das abfällige Gerede erinnere ich mich jetzt wieder.
    Schlimm, schlimm. Wir wissen ja gar nicht wie gut wir es haben.
    Herzlichst
    ganga

  2. Wie ist das anrührend!
    In unserem alten Haus sollen zu Kriegszeiten neun Flüchtlingsfamilien eng gedrängt gelebt haben, doch es gibt keine Spuren mehr! Nur eine halbleere Medizinflasche mit der Aufschrift „Gift“ und einem Totenkopfzeichen fanden wir beim Renovieren des Speichers!
    Die Fotos und deine Schilderungen haben mich, wie schon gesagt, sehr, sehr angerührt!
    Gruß am Montag von Sonja

  3. Uff. Starker Tobak, der die Erzählungen und Mutmaßungen meiner Eltern bestätigt. Beide kamen ab und an in den 70er Jahren auf dieses Thema: Wenn wir nach der Vertreibung in den Westen geraten wären – würde es uns da besser ergangen sein? Sie kamen jedes Mal zur Erkenntnis „Nein“. Ausreiseantragstellerei war für uns nie ein Thema, trotzdem der Ärger über galoppierenden Kleingeist in der DDR von Tag zu Tag wuchs.

    Der Kontakt zu Leuten aus „der alten Heimat“, die Richtung Bayern „auf Transport“ geschickt wurden, aber in Hessen ankamen, hinterließ ein zwiespältiges Bild: Die einen so, die anderen so. (Aber am elendsten waren diejenigen Sudetendeutschen dran, die glaubten, aus alter österreich-ungarischer Verbundenheit nach Österreich zu gehen.)
    Habe nach der Wende erst in einem Sachbuch die Information gefunden, dass es einen regelrechten Hungermarsch von Vertriebenen nach Bonn gegeben haben soll, organisiert vom frisch gegründeten Bund der Vertriebenen, der dann den Gedanken an „Lastenausgleich“ entstehen ließ, weil Adenauer erst dann bemerkte, dass könnten für die Zukunft Wähler sein.

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