Amoi … Sowieso … !

Du bist gegangen.

Für immer.

Und mein Herz ist schwer.

Wir hatten die gleichen Hände, große, warme und trockene Arbeitshände. Früher als Kinder, brauchten wir uns nur anzuschauen, dann haben wir uns verstanden und wir spürten eine Verbindung, die über die Verwandtschaft im selben Clan hinausging. Weißt Du noch, als wir davon träumten, ein Floß zu bauen, mit einer Seeräuberflagge darauf? Aber Du warst 13 und ich schon 16 Jahre alt, aus diesem Vorhaben wurde nichts mehr, und weißt Du, Joe, der Weiher wäre eh viel zu klein gewesen für das große Floß!

Als wir älter wurden, haben wir uns viel erzählt, nächtelang und es gab dann auch ein paar Geheimnisse, nie haben wir zu jemandem darüber gesprochen, nicht wahr, Joe?

Dann kamen diese langen Jahre, die wie im Flug vergingen … viel Arbeit, Familie … keine ZeitkeineZeitkeineZeit … sag mal, warum nur bleibt immer so wenig Zeit für Menschen, die man liebhat? Nur ganz selten trafen wir uns, Du warst sehr seßhaft und sehr fleissig und sehr wortkarg geworden … aber manchmal haben wir wie damals als Kinder in unseren Augen gelesen und sahen die unerzählten Geschichten und auch unsere Geheimnisse .

Vor etlichen Jahren trafen wir uns an einem offenen Grab und als alles vorüber war, da standen wir alleine am Parkplatz vor Deinem Auto und wir haben solange geredet, bis es Nacht war und so kalt, daß wir uns umarmen mussten, um nicht zu erfrieren, weißt Du noch, Joe, ich sagte Dir, daß wir uns jetzt sagen müssen, was wir im Herzen füreinander empfinden, denn das Leben ist so flüchtig und alles kann so schnell vorbei sein und dann ist es zu spät.

Vor zwei Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen und ich habe es  gespürt, daß Du so voll mit Kummer warst, daß es Dich schier zerrissen hat … aber ich weiß nicht warum, Du warst schon kurz davor, darüber zu sprechen, aber es ging dann doch nicht, die Chance war vertan und kam nie wieder. Dann bist Du so sehr krank geworden.

Du hast mich nicht gerufen und ich bin nicht zu Dir gekommen, ich hab mich nicht getraut, wollte Dich nicht beschämen in Deiner Ehre mit diesem zerfallenden und vergehenden Körper … und jetzt sehe ich auf dieses Ende unserer Geschichte und weine darüber, daß nur diese wortlose Hilflosigkeit von uns übriggeblieben ist, lieber Herzensfreund, der Du mir warst und immer sein wirst in der weiten und fernen Nähe.

Ich lasse meine Liebe zu Dir schweben, möge sie Dich begleiten auf dem Weg … Dich wärmen, wenn Du frierst und Dich kühlen, wenn Du brennst, und Dich am Tor zur ewigen Freiheit mit einem Lächeln  Deiner neuen Bestimmung übergeben …

Es wird immer ein Licht für Dich leuchten in meinem Herzen …und … vielleicht sehn wir uns ja mal wieder, bis dahin : “Servus, Joe,  mach´s guat!” Und Du sagst doch jetzt: “Sowieso!” oder?

25 Gedanken zu „Amoi … Sowieso … !

  1. So schön und so traurig zugleich.
    Wir Menschen, sind schon oft so verdammte Feiglinge, und trauen uns einfach nicht des zu sagen, zu fragen oder zu machen, was wir uns so sehr wünschen. Und irgendwann, ist es dann zu spät dazu.
    Aber sei dir sicher, dass euer Band der Verbundenheit, nie ganz abgerissen ist, trotz aller Widrigkeiten und Schicksalsschlägen, auch bei ihm nicht.
    Danke dir!

  2. Oma Frieda würde jetzt sagen: Jung, datt leben geht weita.
    (Oma Frieda ist schon lange von uns gegangen. Recht hat sie trotzdem.)
    Ich kann dich gut verstehen. mick.

  3. Ich danke Ihnen für diesen wunderschönen Nachruf. Möge er Joe begleiten.
    Wir Zurückbleibenden, was bleibt uns nach dem vorläufigen Abschied? Das Erfüllendste scheint mir, ist die Möglichkeit, aus der Rückerinnerung zu lernen.
    Wo Schweigen herrschte, könnte man zukünftig und bei anderen Menschen sprechen und sich öffnen. Auf dass sich auch das Gegenüber öffnen kann.
    Das jedenfalls nehme ich aus Ihren gefühlstiefen Worten für mich mit. Herzlichen Dank dafür.

    Herzliche Grüsse aus dem aprilherbstkalten Bembelland,
    Herr Ärmel

    1. Lieber Herr Ärmel, ich dank Ihnen für die guten Worte…Sie haben so recht, einer muß sich öffnen, einer muß anfangen, damit sich die Starre lösen kann…ja…

      Liebe Grüße von Ihrer Graugans

    1. Ach lieber Arno, grad hab ich dran gedacht, daß morgen die Beerdigung ist, und eine kalte Hand wollte an mein Herz greifen…ich glaube, Deine Worte hier haben es verhindert, ich danke Dir!

    1. Liebe Christiane, ich denke gerade über so Vieles nach, über die Familie, aus der ich stamme und vor allem immer wieder über diese fürchterliche Entfremdung, die passieren kann, obwohl sich zwei im Herzen nah sind…
      Morgen ist die Beerdigung.
      Hab Dank für Deine Worte!

  4. Du Liebe, wie gross dein Herz ist, deine Liebe und wie gross deine Einsichten, die du mit uns teilst.
    Ich sende dir einen stillen Gruss, einen grossen Dank und ein kleines Lichterfunkeln-
    Ulli

    1. Ach, liebe Ulli, das hört sich so lieb an, wenn Du sagst, ich hätt ein großes Herz…ja, kann schon sein, aber leider verhalt ich mich trotzdem manchmal wie ein ziemlicher Depp und verstumme, obwohl ich eigentlich gerne und viel spreche, und werde fremd grad zu demjenigen, dem ich im Herzen so nah bin…und obwohl die Liebe aus mir herausströmt, kann ich sie weder einschätzen noch verstehen und ich fürchte, ich kann sie auch nicht so lenken, daß ein anderer Mensch überhaupt spürt, daß sie da ist…und irgendwann kommt die Rechnung für alles, was man versäumt hat…aber ich gebe nicht auf und hoffe, herauszufinden, warum alles so kam wie es gekommen ist und dann werde ich auch mir mein unzulängliches Menschsein vergeben, wieder mal!!
      Sei ganz lieb gegrüßt!

  5. Der Joe hat nun endlich das Floß besteigen können, von dem er einmal geträumt hat. Möge er das hell scheinende Ufer finden und dort in Seligkeit ankern können! AHOI, gute Fahrt! Und schick von dort einen Regenbogen an jene, die um dich trauern.
    Ich drück dich, Graugans! Deine Margit

    1. Ja, liebe Margit, das wär schön…ein Zeichen…einen Regenbogen oder eine weiße Taube am Fenster, wie bei den von mir so sehr geliebten Gebrüdern Löwenherz!
      Da wird nix kommen, fürcht ich…auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen verläuft im Nichts…aber so ganz loslassen werd ich sie nicht!
      Liebe Grüsse!

  6. Die Zahl der Gehenden und Gegangenen nimmt zu. Ist sonderbar. Macht traurig, und letztendlich, wie sollen wir das verstehen? Unbegreifliches Todesgeschehen.
    Handreich, mehr geht grad nicht

    1. Liebe Wildgans, Deine Hand tut gut, ist eh mehr, als man erwarten kann, dank Dir! Wer soll das verstehen, was danach kommt und warum wir sterben müssen…ich tu mir schon schwer genug, herauszufinden, was vorher passiert und warum wir uns trotz Herzensgewogenheit manchmal so furchtbar entfremden und lähmen in der Bewegung aufeinander zu…!

      Sei mir herzlich gegrüßt!

    1. Lieber Mr.Blu, Du berührst mich mit Deinen Worten…vor allem deshalb, weil Du mir Feinsinn zutraust, obwohl ich manchmal so total versage und grade dann alles falsch mache, was es nur gibt, obwohl ich jemand von Herzen gut bin…

      Servus!

  7. Ja, Ludwig, uns bleibt nur ein dennoch und nichts, was gesagt, aber auch nichts, was ungesagt blieb, kann man dann noch verändern…
    Es bleiben aber die Herzen, die um uns herum sind und die noch schlagen, denen können wir Gutes tun…jetzt…
    muß gerade so schmerzlich lernen, daß es irgendwann für alles zu spät sein kann!
    Ganz liebe Grüße zu Dir!

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