T.17 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Die Dunkelheit dringt durch die Fensterscheiben und füllt die Stube des alten Hauses. Ich zünde eine Kerze an, bleibe einfach sitzen und schaue so vor mich hin.

 

Das Kind ist noch ziemlich klein, so drei, vier Jahre alt, da kommen die Eltern eines Tages heim und bringen eine kleine rotkarierte Decke mit. Und weil der Stoff so weich und warm ist, breitet ihn die Mutter über das Kissen und von nun an darf das Kind jede Nacht mit seinem Kopf darauf liegen. Das Kind und diese warme rote Weichheit verschmelzen miteinander und werden ein einziges glückliches Spüren. Eins ohne das andere sind nicht mehr vorstellbar.

Eines abends, ein paar Wochen vor Weihnachten, ist das Kopfkissen leer.

Das Kind ist irritiert, will seine Schlafdecke, bekommt auf seine Fragen immer nur die Antwort, das Christkind hätte die Decke mitgenommen und würde sie an Weihnachten wieder bringen und es würde Augen machen, wie schön die Decke dann wäre…

Das Kind versteht die Mutter nicht, trauert um die verschwundene Weichheit, schläft mit schwerem Herzen  ein und wartet sehnsüchtig auf Weihnachten, weil ihm da ja das Christkind das Liebste, was es hat, wiederbringen wird.

Dann endlich kommt der Hl. Abend und die Tür geht auf…das Kind läuft lachend und voller Freude auf den Christbaum zu, unter dem seine geliebte Decke liegt…wie wundervoll doch die Farbe leuchtet. Aber als es danach greift und sie ans Herz drückt, da merkt es, daß etwas nicht stimmt, es fühlt sich anders an als früher…

Aus der Decke ist eine Winterjacke geworden.

Alle sagen, welch schöne Jacke das geworden sei und wie sie das Kind wärmen wird und es solle sich doch freuen!

Das Kind merkt sofort, daß ihm etwas gestohlen wurde, das es nie wieder zurückbekommen kann, es spürt zum ersten Mal den Verlust in seiner unwiderruflichen Schärfe und die ohnmächtig machende Verzweiflung über diesen Verrat seines tiefsten Vertrauens…ein Spalt tut sich auf, da hinein droht es zu stürzen, schier erstickend vor Schreikrämpfen und der immerwährend gestellten Frage:  Warum ?

Es nützt alles nichts, die weiche rote Decke kommt nicht wieder.

Es leidet lange lange unter dem Verlust, läßt sich die Jacke nicht anziehen und auch der Versuch, sie aufs Kopfkissen zu legen, scheitert kläglich, nie wird es wieder so sein wie früher.

Jetzt, sechzig Jahre später,  sitze ich  hier und spüre ihn immer noch, den Verrat an meiner Kinderseele. Soviel Zeit ist vergangen seitdem. Natürlich weiß ich, daß meine Eltern kein Geld hatten und deshalb musste halt damals dieser Stoff herhalten, damit ich ein Geschenk hatte vom Christkind.

Ja, und ich habe ihnen verziehen, sie haben es nicht gemerkt, daß sie mit dem Willen ihres Kindes etwas zerbrochen haben, was vorher unerschütterlich schien, dieses grenzenlose Vertrauen in die Zuneigung und das Wohlwollen eines Menschen.

Ich glaube nicht, daß ich ein mißtrauischer Mensch geworden bin und doch, in einer hintersten Nische meines Selbst sitzt diese kleine Unsicherheit, die mich manchmal auch die vertrautesten Menschen fragen läßt: Magst Du mich wirklich? Auch wenn ich nur ich bin und nichts dafür leiste? Und wirst Du mich womöglich gleich vergessen, wenn ich mich mal nicht melde?

Ach, meine kostbare Kinderseele, ich werde Dich beschützen und behüten und wir werden uns in eine rote weiche Decke schmiegen und Du darfst mir vertrauen, ich mache keine Jacke daraus.

Draußen brennt eine rote Kerze in der Laterne für alle Seelen, die sich manchmal etwas verloren fühlen.

 

 

14 Gedanken zu „T.17 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

  1. Ach..Auch diese Geschichte lässt das Herz flattern & zeigt sie doch wie empfindsam Kinderseelen / Menschenseelen zuweilen sind. Auch 60ig Jahre später. Das unvergessen dass wir Elefanten nachsagen tragen wir auch in uns. Verzeihbar aber dennoch mit einer Wunde. Wie Pergamentpapier. Doch Unverletzbarkeit wäre auch keine Alternative.
    Gutes gewünscht.

  2. Eine berührende Kindergeschichte. Vielen Dank für die Mitteilung, liebe Frau Graugans.
    Nach dem Lesen fiel mir sogleich ein eigenes Erlebnis dazu ein.
    Für mich ist die Quintessenz jedoch, dass ich durch diese Erinnerungen zwei Möglichkeiten geschenkt bekomme.
    Entweder ich beweine mein Schicksal und schneide mich von meiner möglichen weiteren Entwicklung ab. Oder ich stärke meinen Willen durch dieses Erlebnis und reife und wachse der Sonne entgegen. Lebensfreude ist der beste Wegweiser dahin.
    Herzlichvormitternächtlicher Gruss,
    Herr Ärmel

  3. Uff. Anrührender Text. Kompliment. Toll erzählt.
    Bringt mir prompt eine Inspiration zurück: Der erzwungene Abschied von einem Lineol-Büffel mit 5 Jahren. Das ist nicht dasselbe wie eine Kuscheldeckenmetamorphose, aber es hat einen ähnlichen Vertrauensknick ergeben.

    1. Der Schmerz ist immer der gleiche, egal um was es sich handelt , wenn das Herz gebrochen wird…es wächst ja gottlob wieder zusammen. Dieser Riß im Vertrauen wiegt schwer und die Narbe bleibt lebenslang spürbar . Ich dank Dir von Herzen für Deine Worte und versteh Dich gut.

  4. Ich kenn das auch. Nicht nur einmal. Schlimm ist nur, dass Kind zu trösten und ihm sagen zu müssen, dass das halt passieren kann, denn wer sieht das schon gern ein/wer gibt schon gern zu, (sich) nicht schützen zu können?
    Narben gehören dazu.
    Eine wunderbare Geschichte.
    Liebe Grüße
    Christiane

  5. Liebe Margarete, da sitze ich nun hier mit einer dicken Gänsehaut. So schön, so traurig und so wahr. Und in dieser heutigen Welt, in der viele Kinder nur so zugeschüttet werden, bis es dann soweit kommt, dass sie keine Wünsche mehr haben, darf man diese Geschichte laut vorlesen, dass es nämlich einmal Eltern gab, die so wenig Geld hatten, dass die wunderbare Kuscheldecke zur Winterjacke werden „musste“. Ein Kind, nein, das versteht das nicht wirklich, ist doch Vernunft sein Ding nicht, nur all sein eigenes Spüren und da helfen dann eben die beschwichtigen Worte der Erwachsenen nichts.
    Und natürlich machst du ein Erinnerungsfässchen auf!
    Und … ich denke an einen Bericht, den ich kürzlich über die Vergeblichkeit las, dass eben auch Kinder sie früh lernen. Das sind dann all die vielen silbernen Narben, die im Mondlicht leuchten und manchmal auch noch zwicken, wenn alles gut gegangen ist, dann haben aber die Kinder ihr unbändiges Lachen und ihr tiefes Spüren nie verlernt, was dann durch die feinen Runzekgesichter leuchten darf …
    tausend Dank für diese Geschichte, ich werde sie meiner Enkelin vorlesen.
    Herzliche Grüsse
    Ulli und ein Busserl durch die Luft

    1. Danke liebe Ulli, ja, Du hast das verstanden, gell!
      Ich glaub ja, daß es nicht nur die Vergeblichkeit ist, die so eine Wunde macht…den Verzicht lernt ein Kind schon, aber das, was es als Verrat empfindet, das wiegt schwer.
      Ja, das Herz ist ein besonderer Erdteil.

      Ich grüß Dich herzlich und schick ein paar Sternschnuppen zu Dir hinüber, Du Liebe!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.