Im Wald. Wir. Zusammen.

Vorgestern war sein Todestag. Henry David Thoreau. Am 12. Juli 1817 wurde er in Concord, Massachusetts, geboren und dort ist er auch gestorben, am 6. Mai 1862. In diesen 44 Jahren schmiss er seinen Lehrerberuf hin, weil er die damals üblichen “unerläßlichen Züchtigungen” nicht ausüben wollte; bezahlte Steuern nicht, um weder Mexikokrieg noch Sklaverei zu unterstützen; hielt Vorträge , in denen er  zu Widerstand aufforderte (“über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat”) war rebellisch, unbequem, anarchistisch und seine absolute Wahrhaftigkeit war sicher nicht schmerzfrei für seine Mitmenschen. Mein Vater hätte  über ihn gesagt, daß er “ein schwieriger Patron” gewesen sein muß und Ralph Waldo Emerson, sein enger Freund, sagte :

“Er führte ein Leben voller Entsagungen wie nur wenige Menschen. Er hatte keinen Beruf erlernt und lebte allein. Von einem schönen Haus, Kleidung, Sitten und Gesprächen höchst kultivierter Menschen hielt er nichts. Er traf sich lieber mit einem „guten Indianer“. Zeitlebens hatte er kein einziges Laster. Wenn er mit anderen Menschen zusammen war, widersprach er ihnen fortlaufend, was für andere wie eine Abkühlung wirkte und ihnen die Annäherung an Thoreau erschwerte … Er sprach nichts als die Wahrheit und handelte auch entsprechend. Er kannte keinen Respekt vor den Meinungen anderer Personen oder Parteien und huldigte ausschließlich der Wahrheit selbst. “

Er wurde als Gesellschaftsrebell, Drückeberger, Widerständler und vieles mehr bezeichnet , sein Abscheu gegen die damals noch durchaus salonfähige Sklaverei ging so weit, daß er Sklaven zur Flucht verhalf und daß er sich viel lieber mit Bauern über Details im Ackerbau unterhielt als mit der Bildungsbürgerlichkeit machte ihn sicher zu einem eher unbeliebten Staatsbürger. Heute wird er weltweit wegen seines Sprachstils, seiner Kunst, das beobachtete Leben zu beschreiben geschätzt. Und mir kommt es so vor, als würde er heute genau für das geliebt und verehrt, für das man ihn damals abgelehnt hat.

Ich kannte ihn gar nicht. Ich wusste, daß es einen Amerikaner gab, der in der Nähe von Boston irgendwo im Wald an einem See auf dem Grundstück eines Freundes sich eine Hütte baute, dort alleine für ein paar Jahre hauste und darüber ein Buch geschrieben hat.

Jetzt, nach dem Lesen seiner Worte verstehe ich nicht mehr, wie ich es so lange Jahre ohne dieses Buch ausgehalten habe: “Ich zog in die Wälder, um beim Sterben vor der Entdeckung  bewahrt zu bleiben, daß ich nicht gelebt hatte. … ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so herzhaft und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen würde …”

Mit 28 Jahren hat Henry Thoreau für sich beschlossen, daß sechs Wochen Lohnarbeit reichten, um ein Jahr davon zu leben, er baute sich in der Waldeinsamkeit eine Hütte, lebte dort mutterseelenalleine und führte ein Tagebuch über alles, was ihm außen und inwendig begegnete in diesen zwei Jahren.

Andreas Ammer, den ich sehr schätze, weil er mit seinem Team eine meiner Lieblingssendungen  “Druckfrisch” erschaffen hat und sich auch nicht von irgendwelchen Viren davon abhalten läßt, sie immer wieder zu erschaffen, hat sich eine neue Kunstform ausgedacht:

Das Schwarmhörspiel. Es lesen 500 Menschen 500 Seiten, jeder eine Seite. Umrahmt wird das Ganze von Geräuschen aus einem Wald und mit Klangschöpfungen von und mit Driftmaschine und Acid Pauli. Und da war dann die Aufforderung, alle, die Lust haben, sollten doch eine Seite lesen, alles weitere würde die Crew erledigen. Ja, es war ganz einfach und ich habe gelesen und jetzt bin ich eine von 500 und bilde mit ihnen einen Schwarm. Und jetzt ist es schon längst fertig und jede r kann es runterladen und hören: 16,5 Stunden, kostenloses Hörerlebnis vom Feinsten! Wenn ich zuhöre, diese verschiedenen Stimmen, die unterschiedlichen Slangs, die so unterschiedliche Art zu lesen … ach und dann hab ich mich selber gehört, mittendrin, und noch niemals habe ich mich so intensiv als Mensch unter Menschen gefühlt, ein unglaubliches Erlebnis! Wir sind und bleiben uns fremd und doch, so als Stimme unter Stimmen fühle ich mich geborgen und gut eingebettet in eine Gemeinschaft und bin dankbar, dabeisein zu dürfen inmitten dieses Leseschwarms. Und das Anhören dieser Texte ist ein verzauberndes Erlebnis, so Vieles hat dieser Henry David Thoreau aufgeschrieben, was mir aus der Seele spricht  … einer, der ganz genau hinschaut, Gedanken über das Leben, in einer Wahrhaftigkeit, die unbeschreiblich ist und die durch das Hören eher noch intensiver wird. Es berührt mich, dieses Tagebuch einer Einsamkeit, und unter anderem davon zu hören, wie einer jahrelang seine Stube täglich für einen besonders erwünschten Gast vorbereitet … der niemals kommen wird.

Vielen, vielen Dank, daß ich dabei sein durfte!

Ich liebe solche Experimente und dieses ist ein ganz besonderes und die viele Arbeit, die drinsteckt kann nur erahnen, wer selber mal versucht hat, ein winzig kleines Video für youTube vorzubereiten, mein ganz großes Kompliment an die Macher dieses Kunstwerkes! Es ist wirklich auf be- und verzaubernde Art gelungen, ich persönlich hätte die Lautstärke der Musik manchmal ein wenig runtergefahren zugunsten der leisen und sanften Stimmen, aber das ist wahrscheinlich Geschmackssache.

Ich kann nur allen empfehlen: Hört es Euch an, unbedingt:

“Walden oder das Leben in den Wäldern”

 

Um das alte Haus herum sind meine sehnlichst erwarteten Freunde, die  Herren Gundermann und kriechender Günsel eingetroffen und breiten sich selbst als Gastgeschenk so weitläufig aus in verschwenderisch strahlender Aufrichtigkeit, in einem Blau, blauer noch als der Himmel, so blau, daß man schwindlig werden könnte … wie unten, so oben …

Die alte Nachbarin erzählt mir von einem, der eine seltsame “Auferstehung” von den Toten miterlebt hat, aber das ist eine andere Geschichte und muß ein andermal erzählt werden…

 

Heimwärts

»Werdet Vorübergehende«  (Th. 42)

Früher, wenn es so mondhell war wie jetzt, dann konnte man nicht nur hören sondern auch sehen, wie er unten im Tal auf der nächtlich unbefahrenen Bundesstraße daherkam. Und auf der kleinen Brücke, da wo der Weg zu uns hinaufführt, da hat er sich kurz zum Rasten auf das Geländer gesetzt. Dann ist er weitergegangen immer Richtung Osten, heimzu. Eine spindeldürre Gestalt, einen Gehstecken in der Hand und auf dem Kopf einen Hut. Den hat er manches Mal übermütig  den Juchzern, die aus seiner Kehle zum Himmel flogen, hinterher geworfen. Es war so still damals in der Nacht, man hörte ihn schon von weither singen. Sein Repertoire bestand aus allem, was er in seinem bisherigen Leben gehört hatte, das Meiste “ein ziemlicher Schmarrn”, wie mein Vater es ausdrückte. Mit Inbrunst hat er das Kufsteinlied, den Schneewalzer und zum Leidwesen meines Papas das romantisierende “Alpenglühn” gerne und oft gesungen.

Ich sitze auf der Hausbank, über mir der silbertropfende Mond, dem die wieder heruntergelassenen österreichischen Grenzbalken völlig wurscht sind, er ist einfach oben drüber geflogen, weil er das schon immer so gemacht hat und es auch in Zukunft so machen wird, ob mit oder ohne Viren. Es ist so unglaublich still, nur manchmal ein leises Flattern in den Bäumen, ein Nachterl(Käuzchen) ruft und die einzigen Flugobjekte sind ein paar kleine Fledermäuse, die blitzschnell und lautlos in den Tiefen der Nacht verschwinden.

Wie gern würd ich heute den Geislechner Miche wieder singen hören. Damals galt er als komischer Kauz, wer kam denn schon in der Nacht lauthals singend auf der Bundesstraße daher? Und am nächsten Tag sagten die Leute: hast es gehört, gestern war der Miche wieder unterwegs und: jamei, er ist halt nicht so ganz richtig im Kopf… von Zeit zu Zeit kam er durchs Tal, meist vor Feiertagen, so wie jetzt vor Ostern und man hörte seine Stimme, eine Art Tenor, aber so genau kann ich mich nicht erinnern, nur, daß er sehr laut gesungen hat in schwindelerregende Höhen hinauf und so grad noch am äußersten Rand der für die Lieder beabsichtigten Tonfolgen, manchmal auch ein bisserl, also haarscharf, daneben. Er hat die Liedfolgen abgesungen und dann fing er wieder von vorne an. Niemals wieder habe ich : “Schau das Alpenglühn überm Bergsee” schmalziger und inniglicher singen gehört wie vom Miche … und auch wenn wir uns noch so anstrengten, würden uns die Jodler nie so herzergreifend aus der Brust springen wie die seinen und die Juchizer dazwischen.

Irgendwann hab ich ihn zum letzten Mal singen gehört und dann nie wieder. Irgendwann ist er zum letzten Mal an uns vorübergegangen, heimwärts …

Und irgendwann, es ist noch gar nicht so lange her, habe ich mit der alten Nachbarin geplaudert und sie hat mir erzählt, daß der Miche aus einem kleinen Häusl stammte, viele Kinder waren da, die taten sich schwer in der Schule und viel Geld hätte es sicher nicht gegeben. Der Miche hat in Adelhozen gearbeitet, da, wo das Heilwasser herkommt, das vor undenklicher Zeit der Hl. Primus als Quelle im Wald gefunden hat. Was er da gearbeitet hat, weiß man nicht und ob sie ihm viel Geld dafür bezahlt haben … aber wenn er am Wochenende mal frei hatte, ist er am Abend nach getaner Arbeit heimgegangen.  Das sind ungefähr 15 km, und da hat der Miche ganz laut singen müssen, weil er sich so arg gefürchtet hat im Finstern.

Ach, was gäb ich drum, wenn ich ihn hören tät heute … ich würd ihm zuwinken und mitsingen, ganz laut und das schmalzigste aller Lieder am Allerlautesten.

Das Lied ist für Dich, Geislechner Miche, Du kennst das Geheimnis:
wir sind alle Vorübergehende … heimwärts

 

 

 

 

 

»Andrea s’è perso …«

Dem fahlen Himmel haben die Berge die Farbe ausgeschlürft, an ihren Steilwänden läuft sie hinunter und versickert in den Falten. Blau sind sie jetzt, so blau wie damals das Cover der Platte “Blu” von Fabrizio de Andre. Im Autoradio ein Feature zu seinem Geburtstag. 80 Jahre alt wäre er geworden, wenn ihn der Tod nicht schon vor 20 Jahren geholt hätte. Einer, der aus wohlhabender Familie stammend, es sich leisten konnte, für die am Rand zu singen, sagt die Sprecherin.
Einer, der immer ganz nah an den den Abgrund heranging und über den Rand schaute, zu den Verlorenen und Abgestürzten, der seine Poesie entgegenstellte dem hoffnungslosen Leid und zärtliche Lieder als Geschenke für die Huren in den Schlamm der Straßen fallen ließ, sage ich.
Aber was wissen wir schon … er hat Lieder gemacht, um zu überleben, auch über die Zeit der Gefangenschaft in den sizilianischen Bergen, er hat viel getrunken, um zu überleben und immer wieder kommen Rosen vor in seinen Texten als Geschenk für die, denen niemand mehr was schenkt.

Früher, in dieser Zeit, die man dann später als “Jugend” bezeichnet, da hörten wir seine Lieder, deren Texte wir nicht verstanden, wir liebten seine schöne Stimme und ließen uns tragen von den Klängen, durch die Liebe waren wir leicht geworden, eine Zeitlang …
Wir waren jung, der Geliebte und ich und wir hatten es mit der Liebe zu tun, sie duftete nach Rasierwasser, Küsse schmeckten nach Wrigley , unsere Lippen waren weich, die Haut zitterte unter den aufgeregten Händen … für immer und ewig sollte er weitergehn, der Tanz ins Glück.

La canzone dell’amore perduto

Erinnere dich, die Veilchen erblühten
bei unseren Worten:
“Wir werden uns nie verlassen, nie und nimmer”.

Vorrei dirti ora le stesse cose
ma come fan presto amore
ad appassir le rose
così per noi

Die Liebe, die die Haare rauft,
Ist nun verloren,
Nichts bleibt außer ein wenig lustlosem Streicheln
Und etwas Zärtlichkeit.

Ma sarà la prima
che incontri per strada
che tu coprirai d’oro
per un bacio mai dato
per un amore nuovo

Viel später sagte der ehemals Geliebte: Du warst die erste, wirklich große Liebe in meinem Leben. Der Kuß war zu schwer von Verrat und sank zwischen unseren Mündern zu Boden.

Wie lange das alles schon vorbei ist, viele Jahre konnte ich die Lieder von damals  nicht mehr hören, jetzt ist der Schmerz blaß geworden wie der heutige Himmel, eine kleine Wehmut ist geblieben, und als ich das Lied “Andrea” höre, da kriechen nochmal die Bilder von damals aus ihren Verstecken und lassen mich die Narben spüren … Es handelt von einem, der sich verlaufen hat und nicht mehr zurückfindet … ja, ich weiß, wie das ist. Ich weiß, wie man verlorengehen kann, immer und überall und in Menschen, in ihren Augen und Worten und in meinen eigenen Gefühlen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Geschichte auserzählt ist und das pochende Herz das nicht glauben will. Die Liebe läßt sich nicht halten, weder beim Kommen, noch beim Gehen. Sie bietet keinerlei Sicherheit und schützt nicht vor Verrat. Sie kümmert sich weder um das, was ihr vorauseilt, noch was sie hinter sich herzieht. Das einzige, was die Liebe tut, ist lieben.

Andrea s’è perso
S’è perso
E non sa tornare
Andrea aveva
Un amore
Riccioli neri
Andrea aveva
Un dolore
Riccioli neri …

Andrea hat sich verlaufen und findet nicht mehr zurück. Er hat sich in einer schwarzgelockten Liebe verloren und jetzt in einem schwarzgelockten Schmerz … auf dem Papier steht, er wäre fürs Vaterland gefallen … abgeknallt haben sie ihn, in den Trentiner Bergen …

Dieses Lied war damals ein großer Hit in Deutschland, wahrscheinlich, weil alle dachten, es sei einer der üblichen SommerSonneStrandSchmachtfetzen … in den Eisdielen rauf und runtergespielt, wer kümmerte sich schon um den Text … auch ich beginne erst jetzt, zu begreifen, um was es eigentlich geht und warum Fabrizio de Andre es den “Kindern des Mondes” gewidmet hat! Und erst jetzt verstehe ich, warum ich oft  weinen musste, wenn ich es gehört habe.

Einer, dem es wohl auch unter die Haut gegangen ist, war Sigi Maron, der österreichische Liedermacher, der mit seiner Anarchie und EigenArt auf der Beliebtheitsskala der Angepassten ziemlich weit unten gehalten wurde und zeitweise sogar im Radio gesperrt , weil er zu sperrig und wütend über die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten war. Ich glaube, er ist Fabrizio de Andre sehr nahe gekommen mit seiner Art, das Lied auf Österreichisch umzuverdichten.

Leider ist der wunderbare Sigi Maron vor vier Jahren gestorben. Und vor einem Jahr ungefähr wollten ihm ein paar Musiker nochmal eine Ehre erweisen und es gab einen Tributabend für Sigi Maron im Wiener Stadtsaal. Daß der Nino von Wien, Ernst Molden und  Robert Rotifer hochkarätige und grandiose  Musiker sind, wusste ich natürlich, aber was mein Herz zum Überlaufen bringt vor Freude das ist diese große Zärtlichkeit, mit der ein jeder von ihnen sich dem Werk von Sigi Maron und letztendlich auch von Fabrizio de Andre nähert. Ein jeder von ihnen ist unverwechselbar er selbst … Nino Mandl liest: “es gibt kaan Gott”, es ist sein Text und trotzdem ist klar, daß die Poesie von Sigi Maron kommt! Und dann das Lied , dieses kleine große Lied über den “Andreas”, der sich verrennt hat …und sehe, wie er die Veilchen und die schwarzen Locken in den Brunnen wirft und dann … langsam … sich selbst hineinfallen läßt … ganz leise werd ich da, höre zu und sehe sie alle auf dieser Bühne, auch die zwei, die schon gegangen sind.

Andrea s’é perso … Andreas hot se varrennt

 

 

 

 

Das Feenspiel – Epilog

Irgendwann sind auch die schönsten Spiele vorbei, die Gäste gegangen und man bleibt alleine zurück. Die Graugans hat mit der knappen Begründung, sie müsse jetzt ruhen, um sich wieder zu sammeln, das eine Bein ins Bauchgefieder hochgezogen, auf dem anderen steht sie. Der Kopf ist unter dem schützenden Flügel verschwunden. Ich beneide sie ein wenig, ich werde noch Zeit brauchen, um aus den Worten, den Stimmen, den Geschichten, in deren Zwischenräumen ich mich ein wenig verloren habe, herauszutreten und bereichert an meiner eigenen Geschichte weiterzuwirken.

37 Tage lang habe ich mir hier auf dieser winzigen Bühne zwischen Himmel und Erde Gäste eingeladen, um dem Thema “Das Fremde” auf die Spur zu kommen. Viele hochinteressante Sichtweisen führten schließlich zu uralten Daseinsformen von ersehnten Hilfskräften, die nur noch in den Märchen und Sagen vorkommen und völlig fehl am Platz erscheinen in einer hochzivilisieren Welt, in der Wahrheit nur dann zu existieren scheint, wenn sie mit Fakten und Zahlen belegbar ist. Meine Ahnungen, die Suche nach etwas längst Verlorengegangenem und meine eigene Sehnsucht nach sowas wie einem Clan der 13 Frauen ließen mich die Spürung aufnehmen. Die einzige Möglichkeit, im Nebulösen zu forschen, konnte nur das einfache Spiel sein, so wie Kinder mit dem Nichtexistenten spielen und ihm dadurch ermöglichen, sich zu materialisieren.

Viele Fragen … wird sich da überhaupt jemand drauf einlassen, wieviel oder wie wenig Regieanweisungen braucht es … wie soll ich etwas erklären, was mir selbst ein Rätsel ist … ich entschied mich für größte Geheimhaltung und die eher dürre Aufforderung: »komm und sage, was Du zu sagen hast, egal, was es ist!« Und welche Freude, sie kamen!

13 Frauen, die einen, weil ich sie gerufen habe, die anderen sind einfach so aufgetaucht und dann noch welche, die sind erschienen. Unglaubliche Texte und Bilder haben sie mitgebracht, wundersame Poesie, Herzenskraft, Macht zur Verwandlung und Zärtlichkeit, soviel Zärtlichkeit … ja, und wie das so ist, wenn man alte Kräfte ruft in Nächten, in denen die Membran dünn ist zu anderen Wirklichkeitsformen … wer Ohren hat zu hören … hört auch zwischen den Zeilen die Not und die Pein durch die Jahrtausende, Verfolgung und die Schreie der Unzähligen, die auf den Scheiterhaufen brannten … und ich sah wieder diese nackten Füsse hinter einem Karren herlaufen … und auch die Einsamkeit in unseren heutigen Existenzen.

Was mich am meisten erstaunte: das Spiel nahm seinen eigenen Lauf und entwickelte eine eigene Dramaturgie.

Manch ein Geheimnis behalten die 13 Feen für sich, das ist auch gut so, vieles muß im Raum der Ahnungen bleiben, um es zu schützen.

Heute im Morgengrauen war das Fest vorbei und ich sehe, wie alle aus der Höhle kommen, die Kronen ein wenig schief vom ausgelassenen Tanzen … lachend und plaudernd, alleine oder in kleinen Gruppen schreiten sie aus in alle Himmelsrichtungen … fröhliche Zurufe und dann sind alle verschwunden. Der Vorhang meiner Bühne schließt sich. Feenstaub glänzt da und dort. Ein paar Glasperlen liegen auf dem Boden, eine hat ihren Zauberstab vergessen, sicher die Läuferin, die hatte es eilig … eine Krone liegt da, oh, das ist meine, gleich setze ich sie auf und ich fühle sofort: ich bin die Königin in meinem Reich.

Habt meinen Herzensdank, Ihr wundervollen Frauen, die Ihr den Mut hattet, das Nichtsagbare aus Euch heraussprechen zu lassen, Dank für Euer Kommen, wenn ich rufe, das Experiment ist gelungen … nicht deshalb, weil ein Traum Wirklichkeit geworden ist, sondern … weil Ihr mit mir meinen Traum weitergeträumt habt! Wir werden sehen, ob sich die Zauberfäden zu einem zarten Gespinnst verweben …

Vielen Dank auch an das Publikum, was wäre eine Bühne ohne Euch, die Ihr über so lange Zeit Eure Lichtzeichen hinterlassen habt! Nur Menschen, die es selber wagen zu träumen, zeigen wertschätzende Achtung vor den Träumen anderer … ich habe ein zärtliches Gefühl bei jedem »like«.

So, und jetzt möchte ich allen, die mir hier schon so lange treu sind aufs Herzlichste danken, denen, deren Namen ich kenne, aber auch den vielen, die immer wieder unerkannt hereinschauen … jaja, ich kenne auch die unverbindliche Flüchtigkeit in dieser virtuellen Welt … und doch schlägt hinter jedem Click ein Herz und oft hört man es sogar und auch hier hinterläßt ein liebevolles Wort das gleiche wie in der sogenannten »Wirklichkeit« : es tut einfach gut und wärmt die Seele, nicht wahr?

Uns allen wünsche ich ein gutes Neues Jahr, daß wir die Herausforderungen bewältigen, daß wir das Lachen nicht verlernen und daß wir niemals vergessen, daß wir nicht immer entscheiden können, ob wir gesund oder krank sind … aber ob wir trotzalledem glücklich sind, das können wir entscheiden! In diesem Sinne alles Liebe für Euch da draußen, bis bald mal wieder in diesem Theater!

Allen Mitwirkenden vom Feenspiel sei es selbst überlassen, ob sie sagen wollen, wer sie sind! Und allen, die eh schon  zu wissen glauben, wer sich hinter welcher Fee verbirgt, gebe ich zu bedenken … manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen, und schon gar nicht bei 13 mächtigen Zauberinnen in der Rauhnachtszeit!

 

 

Das Feenspiel – 13. Rauhnacht

Man mag mich nicht. Verteufelt, verkannt, vergessen. Und doch bin ich die, die ich bin. Kann mich nicht erkennen. Ich gehe um den See herum, die Uhr schlägt die Stunde vor Mitternacht, bald beginnt die letzte der Heiligen Nächte. Die bleiche Mondsichel spiegelt sich im schwarzen Wasser, von mir spiegelt sich nichts. Alt bin ich und bucklig und humpelnd schleppe ich den schweren Rucksack und böse bin ich und mein Gefolge sind mordende Rabauken … so wollen sie es sehen. Und heute Nacht soll sich die Wandlung vollziehen, ich soll wieder jung und strahlend schön werden und das Licht bringen in ihre finsteren Seelen… so wollen sie es sehen.

Im Sommer lebe ich im Gebirge und im Winter reise ich in die Unterwelt  und fliege über den Himmel. Ich bin, die ich bin , die ich war und die ich sein werde. Ich kann mich nicht erinnern, wer ich war und wer ich bin und doch bin ich die, die ich bin. Ich trage das, was beginnt, das was endet, und das was wieder beginnt im Rucksack mit mir herum. Ich bin im ZwischenRaum von Werden-Vergehen-Werden und füge die losen Enden zusammen. Ich bin da, wo nichts mehr ist, zwischen dem letzten Seufzer und dem ersten Atemzug … ich bin das Licht in der Dunkelheit und die Dunkelheit im Licht und ich bin jung und alt und jung zugleich. Ziemlich kompliziert, ich mag nicht weiter nachdenken über die fremde verwirrende Dimension, in der ich existiere, sondern freue mich über die Einladung der Eule und lasse mich auf ihren Schwingen zur Höhle hinauf in den Bergen fliegen.

Dort wartet Ihr schon, meine Schwestern. Wie schön Ihr seid, in Euren Augen spiegeln sich die Gezeiten und goldener Glanz leuchtet von Euren Kronen. Alles Wichtige habt Ihr schon gesagt auf Eure wunderbare Weise, eine jede mit der Magie ihrer EigenArt. Mir bleibt jetzt nur noch, den Kreis zu schließen … Oh, und seht, die Höhle öffnet sich, und so wie die Sterne oben so werden unsere Füsse unten den Reigen tanzen. Und während wir das Zauberlied singen in Begleitung von Mond und allerlei Tieren der Nacht drehen wir uns im Kreis  und unsere Füsse zeichnen das geheimnisvolle Muster in den Boden und alles was einen Anfang hat wird enden und alles was endet, hat einen Anfang, und dazwischen liegt die Ewigkeit.

So soll es sein.

Gastbeitrag: Die 13. Fee »Die Percht«

Das Feenspiel – 12. Rauhnacht

 

 

Die mit den Vögeln tanzt…

Ich komme, wenn die Sonne scheint.
Mit den Vögeln tanzen, mit den Fischen schwimmen, mit den Katzen schnurren und der kleinen Häsin einen Platz auf meiner Schulter geben…
Die Saalach ist mein Hafen und mein Fluss, der mich trägt und herumwirbelt.
Vom Untersberg tönt mein Juchitzer weit ins Land hinein.
Im Schatten des Berges, der mich beschützt, stimme ich in das Lied der Ahninnen ein und wiege mich im Wind der leisen Töne.
Das Leben ist ein Fest! Lasst uns gemeinsam tanzen am Feuer der Verwandlung!

Gastbeitrag: Die 12. Fee »Die mit den Vögeln tanzt«

 

Das Feenspiel – 10. Rauhnacht

Sieh mich an, meine Augen sind dunkel.
Sehr alt bin ich und doch jeden Tag jung.
Von tiefstem Grün ist mein Mantel,
eine mächtige Nachtkerze mein Stab.
Ich trag Zweige im Haar: Rosmarin, Salbei, Thymian, Lorbeer, Lavendel …
In meinem Beutel sind Samen: Akelei, Nigella, Ringelblume, Mohn, Karde …
und ein winziges silbernes Ei.
Nenne mich Yemayerba: Dotter und Gras.
Ich ruhe nie, bin allwach. Ich folge der Spur des Lebens.

Wo ist das Leben?

In der Dunkelheit, in der Einsamkeit, in den Abschieden, in den Tränen.
Im Unabgegoltenen. In den Verletzungen, die nicht heilen.
In den unauflösbaren Widersprüchen.
In der Zärtlichkeit, in den Augen-Blicken, in den arglosen Gesten.
In den Ritzen, den Fugen, in allen Zwischenräumen und Gängen, Übergängen.
In den Transitzonen, in den Wartesälen, auf den Bahnhöfen. Im Flüchtigen.
Im Fragment. Im Auftakt. Im Potential. In der Fügung des lächelnden Kairos.
In den Wurzeln, in den Knospen, im Sprießen, im Welken. Das Leben
ist in der Liebe, ist dort, wo du es siehst, wo du es gestattest, wo du ihm Raum gibst, es nährst …

Liebe Schwestern, lasst mich mitschwingen im Reigen!
Ein Geschenk hab ich für Euch, ein kleines Lied:

Wünschelstunde

Es treffen sich Dreizehn zur Wünschelstunde
im Krötengarten am Zauberteich.
Sie heben die Flüsterkelche zum Munde,
über’s Wolkenmeer schwebt die Mondin so weich

und lauscht hinunter zum nächtlichen Garten,
wirft silberne Netze über den Teich.
Da wollen die Dreizehn nicht länger warten:
Sie tauchen ins Mondenwasser sogleich

und schwimmen im Licht. Die Nachtkerzen blühen,
sehen wispernd den dreizehn Schwestern zu.
Auch Mariensternblümchen erwachen und glühen,
sie recken sich murmelnd, und hin ist die Ruh’!

Es raunt und staunt, es rauscht der Teich,
es bauscht und bogt und kichert leise,
es regt sich traumwach das Pflanzenreich,
selbst die Gräser singen auf ihre Weise.

Da entsteigen die Dreizehn dem Silberteich
und trinken die Kelche leer, ganz stumm.
Die Mondin schläft ein und die Blumen zugleich,
und die Wunschwunderstunde ist um.

 

Gastbeitrag: Die 10. Fee »Yemayerba«

Das Feenspiel – 9. Rauhnacht

Da, wo ich lebe, ist es still.
Um mich zu finden, musst du den Erlenhain hinter dir lassen und den Binsengürtel durchqueren. Wenn über dir der Himmel frei und weit ist und der Wind ungehindert von Gebüsch seinen Tanz tanzen kann, das Pfeifengras im Takt der Windmusik sich wiegt und im Frühling das Sumpfblutauge lächelt, die Frösche blau leuchten im Liebesrausch und der Ziegenmelker nächtens seine Rasseln schwingt – dann bist du in meinem Reich.
Jetzt, im Winter, hörst du kaum einen Laut. Mit der Dämmerung legt sich eine Nebeldecke über alles, sanft schützend und verhüllend.
Kaum jemand hat mich je gesehen. Erklären kann man mich nicht.
Ich zeige mich nur, wenn ich es will. Ein kurzes Aufleuchten. Mal hier, mal dort, schaukle ich auf Schwingrasen, springe von Bulte zu Bulte, gleite über Schlenken hinweg.
Ich kann dir den Weg zeigen. Mal tu ich’s, mal tu ich’s nicht. Wer mein Reich liebt, den führ ich wohlbehalten hinaus. Wer es nicht achtet, den führe ich hinein, sehr sehr tief hinein… und lehre ihn Respekt. Und wer ungestüm sich wehrt, wird immer tiefer sinken…
Mein Geschenk für euch Feen in der Höhle hier ist ein sanftes Leuchten, das kein Feuer braucht, und eine Musik mit Instrumenten aus Schilf und Pfeifengrasgeflecht. Und ich zeig euch den Weg zu Stille und Weite, in der die Jahrtausende leise flüsternd denen erzählen, die verstehen können.
Ob ich eine Fee bin? Ich weiß es nicht. Es kümmert mich nicht. Ich bin, was ich bin.
Ein Irrlicht.

Gastbeitrag: Die 9. Fee

Das Feenspiel – 8. Rauhnacht


liebe gretl,
hab dank für den ruf.
ich war so weit weg, war so lange verstummt.
1 flügel lahm, 1 hemd ohne kNopf. die stimmbänder kalt – so fühlt man sich alt.

gedankenKreisen dauern oft lang. kein schnee weist den weg in der tRautropfenzeit. man hört nicht auf, bevor(s) nicht(s) vollbracht. „no river too deep, no mountain too high“. ich kam zu fuß : 7x ruh rûch. zur n_acht hab ichs geschafft. und nun solls mit mir enden, dies griesgrame grausame ungrade jahr, das uns (wie) viel reif_e wohl brachte ins haar (?). was müssen wir können + wissen + sein, um 1 neues zu beginnen – weiser zu scheinen? manches wird leichter, wenns gemeinsam versucht. du hast uns aus+ein: geladen/gesucht. und jede von uns bringt etwas mit. lauf lächeln luft leben laut oder lied …

du weißt, liebe gretl, ich trag immer die last. die werd ich nicht los, was ich auch mach. das sei kein geschenk, hab ich noch gemeint, da hab ich sie schon übern berg hergeschleift. wenn man die last teilt, wird sie ganz klein … so hab ichs mir kl_eingeredet. verzeiht. salva venia: ich hab mich gefreut. es hätte (auch noch überdies) schlimmer sein können, denn ich erbte das leid. das schnürte ich einst <sorg_sam+k_leidsam> fest ein, 1 bündel ballast, damits keine_r sieht – wie hab ich gelacht. doch seit dieser zeit weiß ich mir nicht rat. ich red von nichts anderem mehr als von der last. sie hängt mir vom hals herab, schnürt mich halb ab. ich schleppe sie natürlich naturgemäß überall hin, bald verschwinde ich drin. die jahre vergehen und ich sing immer 1 lied, das handelt von trrrr … trauer trauma + trieb trübsal + t_rost. une histoire de pression. (alles muss extrem unangenehm anstrengend sein → 1 hartes los.) so gings stets bergauf, bis heuer den herbst. bis zu dem tag, an dem die wärme zerbarst. da wurds mir zu schwer endlich, und ich warfs hin. hab nicht lang nachgedacht, mich nicht versehen.

seitdem bin ich verstimmt verstummt.
um was solls noch gehen?

(ich oder du, mein lieber tag? zähl ich die jahre, die ich dich begleite, heute mir auf ohne entsprechend gefühl, wo ich sie gestern gespürt in jedem glied – werd ich morgen früh <ja, das hoff ich> ihrer unbedacht mit dir wieder streiten ums frischangesicht.) erst als du riefst, fee, sah ich wieder dorthin, wo das bündel ballast herumliegt ohne sinn. was hätte ich tun sollen? ich gebs ja gern zu. ich nahms mit nur aus angst, ich hätt sonst nichts zum dazutun.

was hätte eine_r für 1 grund, die last zu tragen?
wenn nicht die angst, leere zu wagen?

was will ich euch geben, was bring ich euch mit? piedestal fidibus fremdwörterschatz? scharrfüße schleusenstau schreibsalat? ich kam nicht gleich drauf, ich spürte_s nicht – zu groß ist das loch, das die leere aufschnitt. ich öffnete das bündel ballast, auf dass es das loch füllt, bevor eine_r rein_stürzt. doch der bund war lose/das bündel leer/alles leid war längst aufgezehrt. ich aber weiß nicht, wos hin ist. in mitleid zerronnen/in luft aufgelöst? seit wanns wohl schon weg ist? wie lang ichs le_er_trug? ich kanns euch nicht sagen, ich hüte mich gut. (we all know, there’s no shortcut through hell.) wer traut sich schon in 1 grab zu schauen, das er sich selbst 1x grub? natürlich erschrak ich. ich glaubte da sei nichts. nun hätte ich nichts mehr für euch. last leid luft leere – alles vorbei.

jetzt wärs zeit für die lösung. . das „let go“ hab ich schon unterhaut. doch er schreibt sich zu leise, mein innerer laut. wie schreiBt es sich so, dass das herz es auch hört? dass es ruhiger im takt schwingt, den fluss nicht mehr stört? eine bracht uns das feuer, da werf ichs hinein, das nutzlose bündel, das alte leid-leinen. wir bleiben allein. und für den moment, wo die flammen aufgehen, beben+lodern , wo altes vergeht, auf dass neues entsteht, weiß ich, was ich euch mitgeben möcht.

ich streich uns über_nacht den zweifel heraus, aus unseren köpfen+körpern, aus unserer haut. wir sitzen nur da, und schauen ins licht. das geb ich uns mit:
mut für die stille. 1 moment rûch.
kurz&gut: für 1 augen_blick:
nichts.

Gastbeitrag: Die 8. Fee »Nichts«