Fallwind…

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Die alte Katze Mimi geht hinter mir im Haus die Stiege runter. Sie ist sehr schwach geworden in den letzten Tagen und das bisschen Kraft, das sie noch hat, verschwendet  sie nicht dafür, zu essen oder sich zu waschen, sondern, um jetzt zur Haustüre hinauszukommen, in die Sonne.

Als ich mich umdrehe, schaut sie mir lange in die Augen und ich sehe in die dunkle Unendlichkeit des Universums. Uferlose Weite im Blick eines Wesens, das sich anschickt zu sterben.

Am Abend wankt sie  mit letzter Kraft ins Haus und bleibt liegen, wo ich sie hinbette.

Heute trage ich sie auf den Balkon, da liegt sie in der Sonne, wie so oft in ihrem Leben.

Gnadenloser Föhn , warmer Fallwind, weht sanft ums Hauseck und sorgt dafür, wie unter einem Vergrößerungsglas die Dinge des Lebens neu zu betrachten und mit Wehmut erkennen zu müssen, daß manch ein Traum längst weggeflogen ist und manch eine Wahrheit brüchig wird, wenn ich genauer hinsehe.

Dieser blöde Föhn, immer wieder kehrt er mir das Innerste nach außen und besteht  darauf, genauer, noch viel genauer hinzusehen, was wirklich zählt.

Manch eine hinausgeschobene Entscheidung will endlich getroffen werden, um sich von Vergangenenem zu lösen und Freiheit für die Zukunft zu bekommen.

Welche alten Verbindungen halten noch…gibt es neue, die schon halten?

Was bleibt übrig?

Die Berge verringern dramatisch ihren Abstand, rücken näher, färben sich nachtblau am hellichten Tag, der Himmel steht in Flammen…

Letztendlich bleibt nur die Erkenntnis übrig, daß ich umso reicher werde, je mehr ich verschenke, daß nur das bleibt, was ich loslasse, und daß Liebe dann entsteht, wenn ich liebe…so einfach ist es.

Warum, frage ich mich, kommen seit Jahren alle Katzen zu mir und wollen in meiner Nähe bleiben, wenn es zum Sterben ist? Wilde werden plötzlich zahm und Katzen, die normalerweise nie so unhöflich wären, jemand lange in die Augen zu schauen, suchen meinen Blick und dann sprechen sie mit mir, jammern und klagen in einer Sprache, die ich zwar erahne aber nicht dechiffrieren kann.

Die alte Katze Mimi liegt ruhig da und atmet sich leise dem Tod entgegen, nein keine dramatischen Lebensrettungsaktionen mehr, keine Fahrt zur Tierklinik und schon gar keine Todesspritze.

Sie darf in ihrem eigenen Tempo auf die letzte Reise gehen, in der Nähe von uns, ihren Lebensmenschen, immer wieder sehen wir nach ihr, das Leben vollendet sich…ja, natürlich weine ich ein wenig, aber ich werde sie gehen lassen, dorthin, wo Fragen und Antworten aufhören… und ich lasse das Mantra leise laufen, von dem es mal geheissen hat, daß es der Dalai Lama für einen Freund gesungen habe, um ihm das Sterben leicht zu machen.

Ein Gesang, den ich seit Jahren erfolglos gesucht habe, merkwürdig, plötzlich ist er einfach da…er soll sowohl beim Sterben als auch beim Leben helfen …vielleicht deshalb, weil beides ja eigentlich eins ist

oder

wir womöglich das eine und das andere eh nur träumen?

Wer weiß das schon, nicht wahr?

 

Während ich an diesem Text schrieb und das Mantra lief ist sie gestorben, weggegangen auf leisen Pfoten…

Gute Reise Mimi.

Dank an meine Schwester, das Felltier, für alles.

Ruhe in Frieden.

20 Gedanken zu „Fallwind…

    1. Ach, liebe Madame, nun ist er also auch gegangen, der treue Begleiter an Deiner Seite. Da wird in Deinem Leben eine große Lücke sein…
      Ja, und wenn es eine ewige Seligkeit gibt, und davon gehe ich aus, dann werden dort auch die Pelzigen willkommen sein, da bin ich sicher!
      Liebe herzliche Grüße an Dich

  1. Ich finde den Gedanken schön, dass du eine bist, zu der die Tiere kommen, wenn es darum geht, dass sie Begleitung wollen, um zur letzten Tür zu gelangen. Wie viel Vertrauen darin zum Ausdruck kommt …
    Aber trösten kann dich wohl keine/r wirklich, wenn jemand sich nach 20 Jahren Beisammensein verabschiedet hat … ich würde auch heulen. Ohne Ende.
    Gute Reise, Katzentier, (einen irgendwie doch) gelingenden Tag dir, Margarete.
    Liebe Grüße
    Christiane & Fellträger

    1. Wißt Ihr was, liebe Christiane nebst Fellträger, manchmal denk ich mir inzwischen, ob ich wohl lernen soll, den Tod nicht mehr als absolutes Feindbild zu sehen, weil so viele zu mir kommen, um sich sterbend vor meine Füsse zu legen…
      Du sagst das so wohlwollend und schön…daß sie Begleitung zur letzten Türe wollen…es fällt mir nicht so leicht, aber ich bemühe mich, diesen Auftrag anzunehmen…
      Sei ganz lieb gegrüßt und dank Dir!

  2. Hui-hui-hui und das am frühen Morgen.
    Seeeeeeehr starker Text.

    Das muss der Novemberblues sein, der auch kommt, wenn das Wetter untypisch oktobert.

    1. Dank Dir!
      Solltest Du rein zufällig grad einen richtig sauguten Blues zur Hand haben, bittebitte schick ihn gleich, vielleicht durchdringt er diese Nebelsuppe hier!!!
      Lieben Gruß an Dich!

  3. Wie schön Du es in Worte kleidest, das Sterben. Diesen Gang in die Auflösung, ins uferlose Universum. Möge Ihre Reise friedlich gewesen sein und sie sich verstreut haben mit all der empfangenen Liebe. Sie bleibt immer da und bei Dir, diese kleine alte Katze.
    Ich denk an Dich.

    1. Du bist sehr lieb, ich dank Dir!
      Und weißt Du was, es passieren manchmal so Merkwürdigkeiten…es kratzt an der Tür wie nur eine es konnte…ich sage: aber Mimi, Du bist doch schon weit weg…sie steht da, ich spür es, sie sagt „Mmmmmrrrrh“ und geht wieder…
      irgendwie scheint alles gut zu sein,
      aber nach fast zwanzig Jahren ist doch ein großes Loch im Leben jetzt und ich wein ihr schon nach, der kleinen alten Katze.
      Viele liebe Grüsse an Dich und Deine Fellbande

  4. Dorthin, wo alle Fragen aufhören und dorthin, wo sich zeigt was Traum und was Wirklichkeit ist, vielleicht.
    Liebe Graugans, ich sitze hier sehr berührt, wie oft du das schaffst! Danke und liebe Grüsse
    Ulli

    1. Ja, vielleicht, liebe Ulli, ja vielleicht zeigt es sich dort…
      Es ist mir eine große Freude, Dich berühren zu dürfen,
      Schwesterchen, komm laß uns tanzen zur Musik der Sterne…
      liebe Grüße, Deine Graue

  5. „Letztendlich bleibt nur die Erkenntnis übrig, daß ich umso reicher werde, je mehr ich verschenke, daß nur das bleibt, was ich loslasse, und daß Liebe dann entsteht, wenn ich liebe…so einfach ist es.“
    Vielen Dank für diesen Satz!

    1. Ach Du lieber gestreifter Zeilentiger, so eine Bemerkung von einem, der selber so schön schreibt, daß ich bei jedem Wort förmlich an seinen Lippen hänge, zaubert mir ein Glänzen in die Augen! Hab vielen herzlichen Dank dafür!

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