Herr Graugans fliegt nach Osten…

Mehrere äußerst seriöse Herren stehen relativ geduldig an der Absperrung im Salzburger Flughafen und beobachten genau, was Herr Graugans aus seinem Rucksack holt und als endlich die teuren Kameras und alle Filme, in viele Frühstücksbeutel vom Aldi verpackt und mit Ikeaclips verschlossen , auf die Schalen verteilt sind, fasst sich einer der Herren ein Herz und sagt: Darf ich Sie mal was fragen, Sie sind doch ein Profi oder? Denn wer heutzutage verreist denn mit so einer Ausrüstung und mit Filmen…richtigen Filmen? Nur ein Profi fotografiert noch mit Analogkamera … Profi … hmmmmh, sagt Herr Graugans, naja … nein … doch ja … nein kein Auftrag … eigene Erkundungen … Passsion … Kunst …sie werden weitergeschoben von den jetzt doch ungeduldig werdenden Herren … alle werfen mir noch einen anerkennenden Blick zu, als einer mir zuruft:  Also das ist ja ganz was Besonderes … Ja, da hat er Recht, der Herr Graugans ist ein besonderes Exemplar der Gattung Mensch, sonst würde ich nicht seit 33 Jahren mit ihm unsere gemeinsame Geschichte weiterspinnen!

Sie gehen weiter, viele Menschen kommen hinterher, ich höre noch … Istanbul – Kiew – Odessa – ins Herz von Europa … irgendwelche Auskünfte zur Analogkamera verstehe ich schon nicht mehr … ganz hinten taucht nochmal der schöne graue Kopf auf, ein strahlendes Lächeln im Graubartgesicht … ein winkender Arm … und schon ist er verschwunden, mein wunderbarer Herr Graugans, auf eine Erkundungsreise entlang seiner Sehnsucht, in den Osten.

Diese Reise ist schwer erkämpft, berufliche Selbständigkeit läßt kaum eine Lücke für eine Auszeit und wenn es nur zehn Tage sind. Um so mehr freue ich mich, daß er es geschafft hat, wegzukommen. Im letzten Moment, bevor ich ihn zum Flughafen bringe, finde ich unsere tote kleine schwarze Katze, die sich wohl mit letzter Kraft und sicher ganz unsäglichen Schmerzen heimgeschleppt hat, die Hinterbeine fast ganz abgeschnitten , nach dem üblichen maschinellen Schnelldurchlauf der Heueinbringung, der immer mehr zu einer gewaltsamen Heimsuchung wird für alles was wächst und kreucht und fleucht. Es soll angeblich Bauern geben, die gewisse Vorkehrungen treffen, die verhindern, daß Rehkitze oder Katzen totgemäht werden…unser kleines schwarzes Katzerl war leider auf der falschen Wiese.

Und so hat Herr Graugans vor seinem Abflug noch dieses arme Wesen vergraben. Ja, wir leben auf dem Land … die Menschen in der Stadt sagen immer, ach Ihr lebt ja hier draussen in einer Idylle … na ja, wie man´s  nimmt.

Die ersten wilden Rosen blühen.

Der ehrwürdige Nußbaum hinterm Haus scheint sich wieder erholt zu haben.

Draußen ist es brütend heiß. Ich sitze im Haus meiner Vorväter und es wird immer größer und leerer um mich herum. Sie ist eine Herausforderung, diese Leere und ich nehme sie an … sonderbar, wie wenig einsam ich mich dabei fühle.

Ich schenke dem Haus und mir ein paar Tage völliges Alleinesein, um wieder ins Gespräch zu kommen und ich brauche nur abwarten, was geschieht. Wir nehmen die Spürung auf, bis zum Morgengrauen sitze ich da und horche und dann endlich kriechen sie aus den Ritzen der alten Balken, die Geschichten … das Haus gibt sie frei und schenkt sie mir … legt sie mir förmlich vor die Füsse …

Oft schon habe ich mit dem Haus gehadert, es wie einen Klotz am Bein empfunden, wollte es loswerden und musste erkennen, daß es untrennbar mit meinem Herzen verbunden ist. Wenn ich auf die Sprache meines Herzens höre, dann höre ich auch, was das Haus zu mir sagt. Und ich höre außen, was innen gesagt wird. Ganz einfach. Und ich beginne wieder zu verstehen, was es will, weil mein Herz das auch will … es sind die Geschichten …immer wieder die Geschichten … das Haus braucht Geschichten … in der Stube sind unzählige Geschichten erzählt worden, immer schon, manche wurden gesungen, manche nur geflüstert, geschrieen, manche waren heimlich und existierten nur in Augenblicken, meine Mutter war eine Geschichtenerzählerin, Herr Graugans und ich sind es auch und viele, viele weitere sollen dazu kommen …

Ein Ort der Geschichten möchte es sein, dieses alte Haus … Diesem Wunsch werde ich gerne wieder nachkommen und liebe Menschen einladen, die alle ihre Geschichten mitbringen und das Haus füllen mit Zauber, Geheimnissen, Liebe, Abenteuern … mit allem, was das Leben so dabei hat. Die Tür ist auf für freundliche Reisende, die sich an den Tisch setzen wollen und erzählen ! Und mir fällt ein, was Herr Graugans gesagt hat, zum Abschied am Flughafen:

Reisen macht doch erst dann richtig Sinn, wenn man hinterher jemandem darüber berichten kann!  Ja, da ist was dran, ich brenne darauf, es zu erfahren!

Die Welt mag ja schlecht sein, aber eine gute Geschichte ist sie allemal wert!

Und sei es nur die von dem ehemaligen Rotarmisten, der jetzt in Kiew Taxi fährt und dessen deutscher Wortschatz besteht aus: „Erbswurst“ und „Naumburg an der Saale“, da war er nämlich stationiert.

Der Blog des Herrn Graugans, ein Roadmovie und noch viel mehr:

Erkundungen in der Ungleichzeitigkeit

 

17 Gedanken zu „Herr Graugans fliegt nach Osten…

  1. Ganz wunderbar erzählt, mit viel Herz und ich konnte das alte Haus leicht knarzen hören, als Zustimmung für die gemeinsam genossene Leere und den Frieden dabei. Möge Herr Graugans Bilder und Geschichten in Hülle und Fülle mitbringen!

  2. So lieb von Dir, Arno, dankeschön!
    Das alte Haus läßt grüßen und ausrichten, daß es im südöstlichsten Winkel der Republik liegt und für Geschichtenerzähler ein Faible hat…wenn Du also mal in der Nähe bist und ein paar Geschichten im Rucksack … die Tür geht wie von alleine auf…
    Liebe Grüße

  3. Es gibt so einige Parallelen…
    Dem Herrn Graugans eine gute Reise, und dass er dir erschöpfend berichten kann. Erschöpfend im guten Sinne, im Sinne von , ehm, reiseschriftstellerisch ehekamerädlich, du verstehst!?
    Gruß von Sonja

      1. Oh, Du bist eine wundervolle Geschichtenerzählerin! Diese Geschichte beschreibt eine große Liebe von Frau Graugans zu Herrn Graugans. Du bringst Herzen zum Schmelzen!
        Schnatternde Grüße
        deine Christl

  4. … War zum Herrentag spontan wieder da und im Buchholz fielen mir einmal mehr diese Rindenritzungen auf: CCCP usw. Für mehr fehlt mir hier das kyrillische Alphabet. Wie „historisch“ das inzwischen wirkt! Dabei tauchte doch früher immer, wenn du’s nicht erwartest hinter einem Busch ein einsamer Posten auf: Tui Kuritchel? (Bist du Raucher?) Zigarretenschnorrer everywhere – auch im Wald… Das war dann immer der Hinweis: Lieber wieder umkehren: Hinten stehen sicher wieder die Panzer und Kamas-Laster in den Erdlöchern, da latscht du jetzt nicht durch.

    (Ich schreib heute noch ne mail. Versprochen!)

    1. Lieber Mr. Blu, Du bist echt voller Geschichten und alle interessieren mich ziemlich! Und viele Fragen hätte ich auch, warte nur , wir werden im “ 11. Gebot “ so lang hocken, bis sie ringsrum die Stühle hochstellen!!

      (Hab schon geantwortet, ich schwör!)

      Servus!

  5. Wie gerne ich deinen Geschichten lausche! Ja lausche, weil ich ja jetzt deine Stimme im Ohr habe, während ich lese und das machen deine Geschichten für mich noch schöner! Und Sehnsucht habe ich nach deinem alten Haus bekommen, ach … Margarete…

    Herzensgrüße sende ich dir
    Ulli

    1. Irgendwie hör ich Dich manchmal trommeln, liebe Ulli, kann das sein…die Richtung, in die ich zu Dir hinlausche, scheint gleichgeblieben zu sein!

      Herzensgrüsse zurück!

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