9. Rauhnacht…auf Haaresbreite

An irgendeinem Abend stand sie in irgendeiner Kneipe am dunklen Ende des Tresen, da wo die Toilette gleich ums Eck war und wartete vergeblich auf eine Bekannte. Sie trank das zweite Bier und wollte zahlen. Da stand er neben ihr, sagte dem Barkeeper einen Musikwunsch, drehte sich zu ihr um, sah sie an und sagte: “ Mädchen, Du hast so traurige Augen , hör diesen Song, der ist für Dich. Stell Dir vor, es ist Sommer und heiß und Du fährst alleine im Auto die Küste von Amalfi entlang…wenn ich wiederkomme, möchte ich Dich lächeln sehen“, dann verschwand er. Als er wiederkam, lächelte sie, da begann die Haaresbreite.

In den nächsten Wochen traf sie ihn ab und an, er stellte sich eine Weile zu ihr an den Tresen und sie redeten über alles Mögliche, Gott und die Welt, über den Gesang der Wale und Zeitungsmeldungen und über ihr Leben. Sie erzählte ihm von ihren Träumen. Er blieb meist so lange bei ihr stehen, bis seine Freunde nach ihm riefen. Dann sagte er zu ihr : „denk dran, es ist Sommer und heiß in Amalfi“, da musste sie immer lächeln und er sagte, „so will ich Dich haben, Mädchen“ und dann sagte er: „Tschüss, bis bald“.

Meistens begegneten sie sich einmal in der  Woche, wenn er nicht kam, vermisste sie ihn. Nie hatten sie sich berührt, nur ein einziges Mal lagen zufällig ihre Hände so nah beieinander, daß sie sich um Haaresbreite berührt hätten,  und um Haaresbreite hätte sie ihn lieben können.

Irgendwann einmal kam er spät, klopfte kurz mit dem Knöchel auf den Tresen, wie Männer das tun, wenn sie in Eile sind und sagte: „na Mädchen, alles gut bei Dir…jaja, alles gut und bei Dir? Jaja, auch alles bestens, viel Arbeit, also dannmachsgut, ja, Du auch, wir telefonieren mal, jaja“. Als er die Kneipe verließ, drehte er sich nicht mehr um und sie wusste, die Haaresbreite war vorbei.

Als der Barkeeper dieses verdammte Lied spielte, tropfte der See aus ihren Augen und ihr Handrücken wurde nass. Das Taschentuch, das ihr der freundliche Herr neben ihr anbot, lehnte sie ab.

In der Nacht suchte sie in der Mülltonne nach der zerknüllten Italienkarte.

19 Gedanken zu „9. Rauhnacht…auf Haaresbreite

    1. Geheimnisvoll, was aus dem Meer der Geschichten manchmal so aufsteigt und sich zu einem Text ergießt, wenn man es einfach sich selbst überläßt. Grüß dich auch herzlich, liebe Ulli

  1. Liebe Frau Graugans, ich bin eingenommen von Ihren atmosphärisch dichten Bildern. Eine leise Melancholie schwingt darin, die mit dem Griff in die Tonne einen belebendhoffenden Übergang bildet zu diesem grossartigen Lied von Steve Harley. Das Lied eines Menschen, der so glücklich ist, dass er es fast für einen Traum hält.
    Ich danke Ihnen für diesen wunderbaren Beitrag.
    Nachmittäglichschöne Grüsse aus dem bluesigen Bembelland, Ihr Herr Ärmel

    1. Lieber Herr Ärmel, welch eine Freude, daß Ihnen das Lied auch so gut gefällt! Als ich es zum ersten Mal hörte, wurde ich förmlich überflutet vor Glück und Sehnsucht nach diesem blauen Meer und er singt einfach auch soo schön, dieser Steve Harley! Viele liebe Grüsse aus Rosenhausen nach Blues-Land, Ihre Frau Graugans

  2. Liebe Graugans,
    da möcht ich gleich die Flügel ausbreiten und auf meiner Sehnsucht dahin schweben. Dieses Lied!… Seh mich wieder am Wanderstab auf dem Sentiero degli Dei hoch über der göttilchen Costiera Amalfitana dahin schreiten. Oder nächtlich von Minori die tausend Treppenstufen durch Zitronen- und Olivenhaine nach Ravello hinaufsteigen, damals als ich grade mal 18 war.
    Das Ränzel muss geschnürt werden, das seh ich schon kommen! Schmeiß doch die ganze Vernunft in die unendlich blaue See!
    Deine Margit (an einem ungemütlichen Schneemorgen)

  3. Oh ja … Sehnsucht lässt sich kaum besser beschreiben … und ja, es gibt diese Begegnungen auf Haaresbreite … da werd´ ich doch glatt sentimental.

    Und dann noch dieser traumhafte Song von Steve Harley (den ich noch so gar nicht kannte) … das nenn ich eine gelungene Symbiose … GRATULATION !

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