Klangschale

Woher kommt die Musik? War am Anfang das Wort oder der Klang?

Warum reagiere ich so extrem empfindlich und vor allem so unterschiedlich auf Töne, und warum konnte ich noch nie Musik nebenbei hören, wie soviele Menschen? Und ich weiß nicht, warum mich Musik manchmal extrem glücklich macht oder genauso extrem unglücklich und was mir das größte Rätsel aufgibt, warum kann ich manch eine Musik überhaupt nicht aushalten, weil sie mir die Brust sprengt oder das Herz zerreisst, ob vor Glück oder vor Unglück, nicht mal das weiß ich. Es scheint dann eine Art von Sehnsucht von mir Besitz zu ergreifen, die nicht mehr in der Welt des Erklärbaren angesiedelt ist und unerträglich wird, weil sie nicht gestillt werden kann.

Schon als junges Mädchen musste ich heulen bei manchen Liedern, vor allem bei den Beatles…“Blackbird“ kann ich heute noch kaum aushalten.

Vor ein paar Tagen ist mir das wieder aufgefallen. In der Dämmerung bin ich unterwegs, es schneit, die Straße ist leer und im Radio läuft „Dollar Days“ von David Bowie, die Landschaft wird immer unwirklicher…dieses Saxophon (weiß jemand, wer es so grandios spielt?) trägt mich durch die Nacht…dieser Hauch von Ewigkeit weht mich an…so schön, dieses Gleiten durch die Nacht auf den Tönen dieser Stimme und dieses wilden Saxophons…

Und nicht lang danach spielen sie „Child in Time“ und ich werde zerrissen und zerrüttet…was ist das nur?

Dieses Lied verfolgt mich, am Abend kommt es mir aus dem Fernsehen entgegen und es begegnet mir noch ein paarmal und mir fällt wieder ein, was ich Monate zuvor in einem meiner derzeitigen Lebensbücher („Zur frohen Zukunft“ – Werkstattgespräche mit Adolf Holl) gelesen hatte. Holl hatte sich vor Jahren in einem Kloster der Zisterzienser aufgehalten und darüber berichtet,daß er von ihnen beim Hören ihres Gesangs viel  gelernt habe, was er nicht vergessen hätte, auch Sachen, die älter seien als das Christentum, den Tonus Peregrinus zum Beispiel.

Ich forsche nach und erfahre, daß dieser Tonus Peregrinus, lat. „fremder Ton“,  von den acht Modi des Gregorianischen Gesangs abweicht. Es ist der neunte Ton. Es soll wechselnde Halte- oder Schlußtöne geben und es ist mir nicht wirklich klar, was dies alles bedeutet.

Bach hat das Magnificat, ein wildes, leidenschaftliches, unerbittliches und hartes Lied der Maria vertont als „Magnificat anima mea Dominum“ und da erscheint dieser Tonus Peregrinus.

Bach-Magnificat

Und dann wird mir gesagt, wo er noch vorkommt,

nämlich in einem Song von Deep Purple: „Child in Time“!

Deep Purple-Child in Time

a – Moll, a – Moll, G – Dur, a – Moll

Antworten?

Ich fürchte, nein, eher nur weitere Fragen…die Frage nach dem Alter des „fremden Tons“ wurde nirgendwo aufgegriffen.

Wo kommen die Töne her und was machen sie mit uns?

Geheimnisvoller Urgrund

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21 Gedanken zu „Klangschale

  1. Liebe Graue, ein Segen, es gibt noch jemanden auf der Erde, dem es ähnlich geht wie mir. Musik, die zerreißt. Musik, die ich nicht anhören darf, weil sie mich in einen Strudel reißt. Musik, die zu den Sternen emporträgt – selten geworden. Musik, die in die Erinnerungshölle hinabzieht. Musik, die verwundende Sehnsucht auslöst. Musik nebenbei hören? Unmöglich. Das Radio laufen lassen? Bloß nicht. Wenn ich nicht weiß, welche Musik mich erwartet, und ich mich nicht einmal vorher wappnen kann. Liebe Grüße von Deiner Madame

    1. Liebste Madame, ja, das empfinde ich auch als Segen, dachte, ich wäre allein mit diesen Empfindungen…gut zu wissen, daß es noch andere gibt mit dieser unbegreiflichen Sehnsucht. Sei lieb gegrüßt von Deiner Grauen

  2. Oh ja, Musik macht auch mit mir was sie will, da kann ich mich nicht wehren… Zerfließe oft, manchmal höre ich irgendwo einen Fitzel und dann beginnt es mit Gänsehaut etc..
    Sie macht mich auch fröhlich und lässt mich wild tanzen… und manche Musik mag ich nicht hören – eine Kakophonie für meine Ohren, ich komme nicht ran.
    Erinnerungen sind oft mit Musik verknüpft und brechen auf, wie Knospen in feuchtwarmer Luft…
    Musik höre ich auch nur dann, wenn ich nichts andere mache. Das geht nicht anders als hochsensibler Mensch. 🙂

    “Magnificat anima mea Dominum” habe ich auch schon gesungen – wird glaube ich gern in Taizé gesungen. Ein wunderschönes Lied, obwohl ich mit Kirche nichts am Hut habe. Aber die Musik macht es eben.. 🙂

    Musik verbundene Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

    1. Herzlich willkommen hier,liebe Silbia, wunderschön hast Du genau das beschrieben, um was es mir geht…berührt mich sehr, wenn Du sagst, daß Erinnerungen wie Kospen in feuchtwarmer Luft aufbrechen…Ich dank Dir und schicke liebe Grüsse, Graugans

  3. Liebe Graugans,

    ich habe auch keine Antworten, aber ich bin fasziniert vom Tonus Peregrinus und frage mich, ob er es ist, der auch mich in Randzonen des Aushaltbaren trägt?!

    Ich erinnere mich noch gut an die Spielmannszüge, die, als ich noch sehr klein war, durch unseren Ort zogen, ich wollte sie immer sehen und hören, zum einen wegen der Piccoloflöte, die ich so herrlich fand, zum anderen wegen dem Fahnenschwenker, aber jedesmal lief ich weinend zurück in die Stube, die grosse Pauke hatte in meinem Bauch gerührt und die Piccoloflöte mich noch ganz woanders abgeholt und trotzdem wollte ich es jedes Mal wieder hören, wie auch das Märchen von Brüderchen und Schwesterchen, obwohl ich nach dem Hören der Märchenplatte jedes Mal in Tränen aufgelöst war. Eine seltsame Sucht …

    Ich glaube übrigens, dass zuerst der Klang war, dein Bild passt hierzu wunderbar. Klar, auch dazu gibt es eine Geschichte, aber die erzähle ich dir lieber, wenn die Krokusse blühen ;o)

    Und nun werde ich wohl Musik forschen- ein schöner Plan.

    Witzig, dass du auch eine Kemenate hast, ich habe „nur“ eine Kemenate, keine silberne, aber eine feine Vorstellung ist solch eine Silberkemenate …
    von Herz zu Herz, von Kemenate zu Kemenate grüsse ich dich
    Ulli

    1. Liebe Ulli, das sagst Du wirklich gut: „Randzonen des Aushaltbaren“! Ich glaub nicht, daß es speziell dieser Tonus Peregrinus ist, der fasziniert mich vor allem, weil er so alt sein soll…oh, und die Kemenate ist die „Silbenkemenate“ von Silbia, die freundlicherweise hier zu Besuch war! Ja, die Vorstellung ist schön, daß sich hier Kemenaten treffen…
      Bin sehr gespannt auf die Geschichte, kannste Dir vorstellen! Liebe Grüsse

  4. Der gefragte Saxofonbläser heisst Donny McCaslin. Auf Blackstar liess sich Bowie von McCaslin und seinem Quartett musikalisch begleiten. Diese Musiker sind Jazzer und das hört man auch in fast jedem Stück dieser letzten Platte von David Bowie.

    Was die auch in Ihrem einfühlsamen Text, liebe Frau Graugans, beschriebene Magie der Töne betrifft, seien allen Interessierten die beiden grossen Hörwerke „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“ und „Das dritte Ohr – Vom Hören der Welt“ von Joachim Ernst Behrent ans Herz, oder besser vielleicht, ins Ohr, gelegt.
    Beide gibt es wohl auch als Bücher, aber darin kann man die vielen Tonbeispiele nicht hören.
    Also die Hörwerke in aller Ruhe anhören.

    Musik ist klasse – ein Überlebensmittel!

    Abendstille Grüsse aus dem klingenden Bembelland, Ihr Herr Ärmel

    1. Lieber Herr Ärmel, vielen, vielen Dank für Ihren Hinweis auf Joachim Ernst Berendt, werde ihn mir sofort wieder anhören, Sie haben vollkommen recht, ist ein wundervolles Hörwerk, vor allem, weil es um die Geheimnisse und die Magie des Hörens geht! Und herzlichen Dank auch für den Namen Donny McCaslin, spielt einfach grandios! Viele Grüsse von Ihrer Grauen

    2. Lieber Herr Ärmel, ich danke Ihnen für die Erinnerung an „Die Welt ist Klang“, ewig habe ich diese grandiosen Sendungen nicht mehr gehört, ich staube sie heute Abend mal ab …
      herzliche Grüsse aus dem gleissendem Schneeland
      Ulli

      1. Liebe Frau Ulli, das freut mich, Ihre Erinnerungsschaukel ein klein wenig angeschubst zu haben. 😉

        Andererseits – ist es nicht bedenklich, wie viele Sachen wir um uns haben und sie einfach vergessen im passenden Moment? Und glauben Sie mir, wer wüsste besser als ich selbst, wovon ich da spreche…
        Mittäglichschöne Grüsse aus dem vorwiegendsonnigen Bembelland
        Herr Ärmel

  5. Empfindsame Kinderseelen. Mein kleiner Bruder weinte erbärmlich, wenn jemand das alte schlesische Volkslied „Und in dem Schneegebirge“ anstimmte. – Meine Tochter bei „Bella, bella, bella-Marie“, nicht aber beim Cowboy Jim aus Texas oder beim Hasen Augustin.
    Ein kleiner Junge sang mir ein sibirisches Lied so inbrünstig, dass die ganze fünfte Schulklasse feuchte Augen bekam. (Er gehörte der von dort vertriebenen Pfingstgemeinde an).
    Das waren Momente!
    Oder als Ludwig Hirsch im Mainzer Unterhaus ein Konzert gab, zwischen den Liedern hätte man können eine Stecknadel fallen hören, stattdessen ein lauter Aufschluchzer einer bewegten Dame.
    Und so weiter…

  6. Oh ja. Und wie ich das kenne. Das Mysterium der Musik. Ich wills eigentlich gar nicht erklärt haben, weil dann eventuell der Zauber verloren geht. Andererseits ist es aber auch verführerisch interessant.
    Einer meiner ersten wirklichen Tränenzieher war „Love me love my dog“ von Peter Shelly. Und dann kamen noch 100 000 andere:
    „Blue moon“ von Elvis in dieser absoluten Gänsehautversion von 1956.
    „All in the game“ von Tommy Edwards 1958.
    „Lamplights“ von den Bee Gees.
    „Für immer jung“ vom Ambros. usw.

    Und dann stößt man als Rock&Roller plötzlich in den 70ern zum ersten Mal auf „Lili Marleen“ und „Seemann lass das träumen“ – eigentlich so gar nicht passendes Terrain – man wills nicht mögen, aber die stimmige Mischung aus Musik und Text überwältigen die antrainierte unehrliche Rationalität: Hab dich nicht so, du Arschloch: Ich bin ein guter Song!

    1. Ja, ich denks mir schon lange, daß Du auch so einer bist, dem Musik unter die Haut geht und an die Seele greift – Grüß Dich, so schön, daß Du da bist und auch Musik mitbringst.
      Bei „Lamplights“ fang ich sofort an, Rotz und Wasser zu heulen, „All in the game“, waaahnsinnig schön und gleichzeitig so traurig, daß es nirgends Männer gibt, die auch mal da drauf tanzen …ja und „Blue Moon“, ja, da haste recht, bei soviel Gänsehaut, da weiß ich echt nicht mehr, wie mir wird…Wir sollten mal eine Art Aktion starten in Bloghausen, jede/r stellt so besondere Songs rein oder weißt was, mal so eine Schlagergeschichte, alle trauen sich, mal ihre Leblingsschlager zum Anhören herzuzeigen…vielleicht mach ich da mal so einen Aufruf, was hältst Du denn davon? Mag ich auch soooo gern: „Seemann, laß das Träumen“(…deine Sehnsucht ist das Meer, deine Träume sind die Sterne…), „Gitarren singen leise durch die Nacht“, „Tanze mit mir in den Morgen“, „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“, „Barfuß im Regen“, usw., usw., usw. ich darf gar nicht nachdenken, da käm noch ganz schön was daher. Und wenn ich nur grad dran denk, was Meister Riffmaster noch alles gelagert hat, wer weiß, wer da noch so Lager betreibt, hat nicht auch der werte Herr Ärmel…oder Mr. Beat von der Companie…wir werden da mal was starten müssen, denk ich…Servus, bis hoffentlich mal wieder!

      1. Man könnt’s ja „bewusste Geschmacksverirrung“ nennen – oder „neben der Spur“.
        da drohn ja herrliche Überraschungen: barfuss im Regen? Oje. Aber es hat eben jeder so seine „Leichen im Keller“.
        Geht mir aber ganz genauso. es war immer eine Gratwanderung, dem Dj bei der Klassen- oder Schuldisco die Kassette zu reichen: Spiel mal „hard luck woman“ von Kiss oder „bye bye love“ von Simon&Garfunkel. nicht wegen dieser Songs – aber, wenn der Depp sich verspult, kommt raus, dass ich da hinten auf Seite 1 „Marleen“ von unser aller Marianne hatte. Peiiiiiiiiiii -nlich! Aber löschen kam auch nicht in Frage.

        1. Ojeh, denk ich mir da, nein bitte nicht „Marleen“…ja, da hast Du recht, da wird einiges auf uns zukommen…aber ist es nicht einfach nur wunderbar, wohin wir uns tränenden Auges verirrt hatten…und wer weiß, wohin es uns heut noch zieht…aber Helene die Fischerin ists nicht, das kann ich Dir flüstern!

    1. Jetzt hab ich dieses Lied schon sooo oft gehört und doch vergessen, daß da so ein Waaaahnsinnssax spielt, herzlichen Dank für den Wolferl, den geliebten!

  7. Meine liebe Graugans, wie trefflich Sie diese Töne beschreiben, die sich anfühlen als athmete man sie ein und mit jeder Brusthebsenkung erfüllen sie einen ganzkörperig… hach.

    Viele solche Lieder gibt es da halte ich inne, erstarre äußerlich doch innendrinnig wogt ein Notengetümmel wie das aufgebrachte Meer im Sommersturme. Und manchmal brauche ich einfach schlimmsten Krach (Wie andere es nennen!). Der pustet mir die Alltagsdudelei allerorten aus den Gehörgängen, man wird ja zugemülltont bis die Ohren sich vermuscheln möchten.

    Ich danke Ihnen für das Bach- Magnificat und natürlich auch den geschätzten Kommentatoren für die Hör-Tipps und grüße herzvollfreundlich,
    Ihre Frau Knobloch.

    1. Liebe Frau Knobloch, wie wunderbar Sie hier wieder kommentieren! Und Gottlob haben Sie den Krach erwähnt, ja, ja, den hatte ich ja ganz vergessen, den brauch ich auch manchmal auf voller Lautstärke, daß das alte Haus von Rocky – Docky zittert und bebt, allein schon deshalb, um die Synapsen wieder freizukriegen vom klebrigen, uns umgebenden Wahnsinn, Sie können mir folgen, nicht wahr? Seien Sie sehr herzlich gegrüßt, liebste Frau Käthe, von Ihrer fremden Feundin.

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