3. Brief an die Frauen

Heißer Wüstenwind schiebt den Vorhang zwischen den Zeiten zur Seite … eine Frau geht in großen Schritten auf einen Felsen zu, rotgoldener Schimmer der untergehenden Sonne läßt ihn aufleuchten, bevor das schwarze Tuch der Nacht sich über ihn legt. Durch einen schmalen Spalt schlüpft sie in eine kleine niedrige Steinkammer und setzt sich auf den Boden. Sie weint. Wer bist Du, sage ich.

Man nennt mich „Die Händische“. Von der Großmutter habe ich die Gabe geerbt. Kinder hören auf zu weinen, wenn ich sie mit meiner Hand berühre, Wunden hören auf zu bluten, das Fieber geht weg. Und ich kann sehen, was kommt. Alle wollen es wissen, aber wenn ich ihnen das Schlimme sage, dann schlagen sie mich und ich werde verjagt. Wenn es etwas Schönes ist, dann schenken sie mir Honigwein. Manche kommen heimlich und flüstern mir ihre Not ins Ohr. Oft kann ich nicht helfen, denn ich sehe das Schicksal voraus, kann es aber nicht ändern, das verzeihen sie mir nicht.

Einer geht herum, der hat auch eine Gabe, er hat den guten Blick. Er spricht oft in Rätseln, Gelähmte stehen wieder auf, Taube hören, Kranke werden gesund, wenn er sie ansieht. Ich vertraue ihm und daß ER Gottes Sohn ist und der Retter der Welt, das verstehe ich nicht, aber ich glaube es, denn ich sehe es in seinen Augen.

Ich bin am Haus vorübergegangen, in dem er mit seinen Gefährten sitzt und das Brot bricht und den Wein trinkt und dann sah ich alles, was geschehen wird, den Schmerz, die Pein, die Qualen, die sie ihm zufügen werden und wie schrecklich er am Kreuz sterben wird. Bald schon, wenn der Morgen heraufdämmert, wird er seinen Weg zu Ende gehen und sein Schicksal wird sich erfüllen.

Und dann bin ich gelaufen, hierher an diesen Ort, den niemand kennt, außer ich und Er.

Hier warte ich, denn er wird kommen, auch das sehe ich. Und ich werde seinen Kopf in meinen Schoß betten, kalter Schweiß wird über sein mageres Gesicht laufen und in mein Gewand sickern und er wird nach Blut und Angst riechen. Ich werde meine große breite Hand auf seine Stirne legen und leise die Melodie meiner Großmutter summen. Dieser kleine schmächtige Mann wird da liegen wie ein zitterndes Kind, das Zuflucht sucht und sich am Rock der Mutter festhält und wir werden nichts sagen, wir brauchen keine Worte für das Unabänderliche. Und dann, kurz bevor der Morgen graut, wird er aufstehen und gehen. Ich sehe ihm nach und dann dreht er sich nochmal um, es ist noch finster, aber ich kann seine Augen erkennen, sie sagen: ich komme wieder.

Ja, ich weiß, wenn alles vorbei sein wird, wenn sie Deinen geschundenen toten Leib vom Kreuz geholt haben dann wirst Du mir erscheinen und Dein Strahlen wird mir sein, wie die Morgensonne und die Zärtlichkeit in Deinen Augen wird mein Herz ausleuchten für immer. Und dann werde ich zu Dir sagen: Nein, berühre mich nicht!  Ich verstehe nicht, warum, aber ich muß es sagen. Du wirst Deine Hand auf Dein Herz legen und sagen: Erzähle es allen. Sie werden mir nicht glauben, werde ich sagen.

Und dann wirst Du vor mir verschwinden, nur ein Strahlen wird im Raum bleiben.

Es ist Karfreitag, plötzlich hat sich der Vorhang wieder geschlossen, das Zeitenfenster hat der Wüstenwind zugeweht. Ich hätte ihr gerne noch zugerufen:  auch mir bleibt vieles rätselhaft, aber ich glaube Dir, ferne Schwester. Ob sie mich hört?  Jetzt ist die Stunde, zu der sie IHN  vom Kreuz holten, Frauen nahmen ihn in ihre Obhut, haben ihn gesalbt und in ihre Liebe gebettet.

Und ich sitze da und lege meine großen, breiten und alten Hände auf meine Wunden.

Text: Margarete Helminger

2. Brief an die Frauen

Jetzt ist es an der Zeit!

Gerade jetzt, während ich diesen Brief an euch Frauen in der fernen Zukunft schreibe, nur einen Steinwurf entfernt von meiner Zeit oder auch nicht, bin ich alt und blass. Blass werden mich die Jünger meines Sohnes lassen, blass werden mich ihre Nachfolger halten. Eine starke Frau darf keine Lebensgeschichte für die Nachfolgenden haben. Nur die Mutter des besonderen Sohnes soll sie sein und im Rauschen der Zeiten hinter dem Schatten ihres Sohnes unsichtbar werden.

Kein Wort über mich als Frau, als Liebende, als Mutter. Kein Wort über meine zwei Freundinnen – seine zwei weiteren Jüngerinnen am Kreuz und am Grab. Namen tänzeln von Jünger zu Jünger, von Schreiber zu Schreiber, nur unsere variieren. Wir sollen die drei Frauen hinter dem Schleier bleiben, unsere Geschichten nebulös.

Ich habe nicht aufbegehrt, auch nicht die zwei anderen Frauen. Wir haben vertraut.

Es gibt etwas Größeres in der Welt als alle Zwietracht und alles Trachten nach Macht und Haben.

Ich war die Frau, die Liebende und Geliebte, die Mutter, die Heilende, die Dienende, die Wandernde und die Jüngerin.

Ich war nie getrennt.

Bald schon gehe ich zurück in Mutter Erdes Schoß. Ich werde mich im Himmel fühlen, ich werde daheim sein – nach all diesem Wandern.

Zurück bei ihr, der großen Schöpferin, der unermüdlich Kreativen, finde ich erneut Trost, Schutz und Heilung.

Wie im Leben, so im Tod.

Ich war nie getrennt.

Ich werde nie getrennt sein.

Wir, die drei Frauen mit den variierenden Namen, wir, die drei Frauen in Gestalt und einst aus Fleisch und Blut, waren nie getrennt.

Ich sehe jetzt, was kommen wird. Es wird gewesen sein, wenn ihr mir durch meine Worte in eurem Jetzt begegnen werdet. Ihr werdet es Geschichte nennen.

Derweil die Frauen vermagdet, auf Äußerlichkeiten und Jugend reduziert wurden und werden, stets dem Mann zu Diensten, alles Göttliche, alle Rituale zu sinnentleerten vergoldeten Kälbern und Metaphern wurden, gab es auch immer die, die sich erinnerten, die nicht vergessen hatten und die Geschichte weiter webten. Die Bögen von einst zu jetzt schlugen. Die neue Bilder fanden, neue Skulpturen schufen, zeitlose Musik und Schriften erzeugten, die etwas erkannten, etwas Verbundenes, über die drei Zeiten hinweg, oft nur ungefähr erahnend und doch …

Solche werden es sein, die mich heilig sprechen; mich, die Blasse. Sie malen mir die Wangen rot, krönen mein Haupt. Schon werden sie mir zu Ehren Schreine an Wegesränder bauen, diese mit Blumen und Opfergaben durch alle Zeiten hindurch schmücken. Sie erschaffen edle Skulpturen für Kirchenräume,  formen meine Gestalt aus hellem und aus dunklem Holz. Widmen mir Monate und Feiertage, tragen Abbilder durch die Straßen, opfern Blumen, teilen reiche Ernten.

Ohne eine Mutter geht es nicht.

Unschuldig war meine Liebe.

Rein war die von keiner Schuld beschwerte Liebe zum schreinernden Mann. Unschuldig, unverdorben wie es manche Frauen und Männer durch alle drei Zeiten waren, sind und sein werden.

Mich werden sie die Unbefleckte nennen, mich zu einem Mysterium erklären. Als sei Liebe, Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt nicht schon Mysterium genug! Ich hinter dem Schleier, hinter dem Schatten, im Nebel versteckt.

Es hat nichts genutzt!

Wir sind nicht getrennt- waren es nie, werden es nie sein.

Die Erde dreht sich, Bilder und Landschaften verändern sich, Menschen lernen langsam, viele erinnern sich schlecht.

Und doch, mehr und mehr Menschen erinnern sich. Jetzt. Mehr und mehr Frauen verbrennen die Schleier, treten aus Schatten und Nebel heraus.

Jetzt ist die Zeit.

Der Weg ist noch weit.

Ihr Frauen aber, die ihr nicht getrennt von mir, von Mutter Erde, Tara, Demeter und Inanna seid, die ihr versteht, dass alle eins sind, geht weiter in Schönheit und im Vertrauen.

Seid Frauen mit geradem Rücken, seid Liebende und Geliebte, seid Mütter oder Tanten, seid Gebärende und Schöpferinnen, seid Tanzende und Wissende, seid Dankende und Teilende, seid Träumerinnen und Handelnde, seid Heilende und Sehende, seid Streitende und Schlichtende, seid Erinnernde und Kämpfende.

Seid auch närrisch und wild.

Ihr seid nicht getrennt.

Jetzt ist es an der Zeit!

Die Geschichte schreibt sich, meine und deine auch; alles zu seiner Zeit.     

Text: Ulli Gau 

1. Brief an die Frauen

Die Frauen sind da, um verschwiegen zu werden.

Jahr für Jahr nähen sich die Schmerzen in mich ein, die Trauer, die Not, die Ohnmacht. Dann lerne ich, sie auszuhalten, sie als etwas anzusehen, was mich zusammenhält. Als wäre ich eine Wunde, die die Welt aufrecht erhält.

Ich bin ihm gefolgt, weil er dem Schmerz etwas entgegen zu setzen wusste. Wut und ganz viel Liebe und Mut. Plötzlich war da mehr als die Traurigkeit. Plötzlich gab es einen Weg, der gegangen werden musste. Als wäre ich ein Baum, der plötzlich Wurzeln schlägt, die ihn verbinden mit anderen Wurzeln. Ein ganzes Wurzelgeflecht.

Als würde das Leben uns bloß streifen und alles was wirklich ist, liegt unter der Haut, unter dem Boden, unterhalb dessen, was man sieht. Und doch ist es das, was uns ausmacht.

Der Ausweg, denken wir, ist eine Tür, die ins Offene führt, nach außen. Dabei ist der Ausweg in uns. Er wird mit uns geboren. Ist immer schon da. Verborgen. Innerhalb. Also außerhalb dessen was wir sehen.

Es war die Schönheit meiner Gedanken die sie verstörte.

Text: Elke Engelhardt

Erinnere Dich … Schwester

Bald fliegen die Glocken nach Rom, dann ist es still.

Ich träume mich, wie jedes Jahr in die alte Geschichte hinein, vom Leben und schrecklichen Sterben eines Mannes, der, von Gott geschickt, sein Kreuz als Mensch durch ein Leben schleppt und von der Liebe spricht, die letztendlich den Tod überwindet.

Ich traue dieser Geschichte, weil es eine gute Geschichte ist und weil sie wahr und wirklich ist, wie alle guten Geschichten. Dem, was im Lauf der Jahrtausende daraus entstanden ist, vor allem den religiösen Machtzentren, die sich daraus gebildet haben, traue ich keineswegs.

Wenn ich versuche, mich in diese Geschichte hinein zu träumen, dann sehe ich Männer, die Frauen sind auch da, aber sie bleiben schemenhaft, haben kaum Worte, huschen wie Schatten durch die Bilder, waschen IHM die Füsse, stehen weinend unterm Kreuz … machen ihre Arbeit leise und bleiben im Hintergrund. Immer schon habe ich den Wunsch, sie zu befragen, sie, die Frauen um Jesus. Ich würde gerne mit einer Frauengruppe nach Israel reisen auf den Spuren der biblischen Frauen, das macht aber dieser furchtbare Krieg nicht mehr möglich und deshalb wird es eine Traumreise.

Ich stelle mir vor, daß die Zeitebenen parallel existieren, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, nur getrennt durch eine Membran, die man durchdringen kann, wenn man ausreichend Traumkraft dazu mitbringt. Ich frage ein paar heutige Frauen, bei denen ich diese Kraft vermute, ob sie mitträumen wollen: Ich glaube, daß wir uns mit den Ahninnen verbinden können, weil wir ja ihr Erbe in uns tragen. Wir könnten versuchen, uns zu erinnern, an was auch immer … an Bilder, Gerüche, Töne, Farben, Worte … würden wir sie verstehen?  Wäre es möglich, auf einer Art Traumpfad uns mit den Frauen um Jesus in dieser Geschichte zu verbinden? Können wir Fragen stellen … oder … würden wir befragt?

Ich frage also ein paar Frauen, ob sie sich vorstellen könnten, sich da hinzuträumen, zu einer Art „Kanal“ zu werden und dann das Gesehene oder Gehörte in Worte zu kleiden und aufzuschreiben, ganz egal was da so daherkommt durch Zeiten und Räume, alles darf/muß Fragment bleiben und vielleicht ists ja auch nur ein leises Raunen…

Ja, das haben die Befragten sofort verstanden, die Resonanz berührt mich und ich harre der Dinge, die da kommen werden. Ich fühle mich mit den Frauen, die hier mitmachen, ganz stark verbunden und nenne die Texte „Brief an die Frauen“, egal von welcher Seite sie kommen und was sie uns sagen wollen. Mit Einverständnis der mitwirkenden Träumerinnen schalte ich bis einschließlich Ostermontag die Likes und auch die Kommentarfunktion hier aus und wir bleiben vorerst anonym, um uns hinter die vielen namenlosen Frauen von damals zu stellen und um überhaupt das Geheimnis und den Zauber dieser Kontaktaufnahme zu wahren.

Ich werde in den folgenden Tagen Brief um Brief hier veröffentlichen.

 

 

 

 

#44 Ranunculus ficaria und der Kikeriki

Heute um 4.06 Uhr war Frühlings-Tag-und Nachtgleiche. wir gehen auf Ostern zu.

Auf der Bundesstraße liegt schon wieder ein plattgefahrenes graubraunes Fell … ein Feldhase, jetzt ist er nur noch ein kleines Häuflein Elend. Beim Weiterfahren sehe ich in einiger Entfernung auf der Wiese rechts von der Straße fünf lebendige Hasen sitzen. Beim Näherkommen steigen drei davon als Bussarde senkrecht in die Luft, ein weiterer  entpuppt sich als Katze vor einem Mausloch und der fünfte der Gruppe hoppelt schließlich als Hase nach irgendwohin in Richtung Gebüsch.

Um den alten Nußbaum herum wächst in großen Mengen „der Kikeriki“, auch Gefingerter Lerchensporn genannt, wie ein Teppich breitet er sich um den Baum herum aus. Man kann ihn mit etwas Geschick langsam aus der Erde ziehen, er hat eine einzige, lange weiße Wurzel, die uns als Kinder sehr faziniert hat, schaut sie doch aus wie ein langer Wurm. Große Sträuße haben wir damit gebunden.

Unter unserer Kiefer entdecke ich eine Kolonie Veilchen. Mein ganzes Leben lang kamen immer am gleichen Platz im Frühling die Veilchen, man konnte sie schon paar Meter vorher riechen. Dann blieben sie jahrelang aus und ich suchte vergebens nach ihnen, denn ein Frühling ohne sie war mir nicht vorstellbar, aber jetzt sind sie wieder da und im Verströmen ihres Duftes senkt sich ein tiefer Frieden in mein Herz.

Ich liebe den Fernseher und wenn genug Geld da wäre, dann hätten wir längst den  mit dem größten Bildschirm, den es gibt! So viele Spielfilme,  Dokumentationen, Reportagen  und interessante Gespräche hätte ich ohne Fernseher niemals gesehen.  Und ich stimme Werner Herzog zu, der sagt: „Ich sehe ab und zu Trash-TV… ich will wissen, in welcher Welt der Sehnsüchte ich lebe.“ Ja, so geht es mir auch.

Natürlich ist ein Fernseher kein Ersatz für das Kino und manche Filme leiden unter dem kleinen Format, in das sie gezwängt werden, aber so viele Filme, die mich interessieren, hätte ich nie gesehen, weil sie in den erreichbaren Kinos nicht gezeigt werden. Auch DVDs sind keineswegs ein Ersatz, aber: in der Not frißt der Teufel Fliegen, nicht wahr!

Nächste Woche kommt auf ARD eine Serie über Kafka, Regie führt David Schalko und der Kameramann ist der großartige Martin Gschlacht und die Besetzung aller Rollen ist so grandios, das kann nur gut werden, ich freue mich sehr darauf! Filme, in denen Martin Gschlacht die Kamera führt, will ich alle sehen, weil es immer besondere Filme sind. Erst kürzlich hat er den silbernen Bären auf der Berlinale bekommen. Ob ich mir den Film „Des Teufels Bad“ anschauen werde ist noch nicht sicher. Allein die Ausschnitte, die ich bisher gesehen habe, sind mir so unter die Haut gegangen und lösen Reaktionen in meinem Innenleben aus, die ich kaum ertrage. Es geht um Frauen, um das Weinen der Frauen, um die Qual von Frauen, was ihnen angetan wird und was sie sich gegenseitig und selber antun und das ist nicht einfach so eine Geschichte von früher, einer anderen Zeit, die man sieht und froh ist, daß es heute anders ist. Das Schlimme daran ist, daß es um die Wahrheit und die Wirklichkeit  eines  Lebens als Frau geht und das es uns jetzt betrifft … wenn wir es wagen, uns zu er – innern.

Es gibt im bairischen Deutsch einen alten Ausdruck, fast vergessen ist er schon:  das „Innerwerden“.  Wie immer kann man das nicht gut übersetzen, es bedeutet ungefähr sowas wie : man erfährt was Neues, aber es ist wichtig und intensiv gemeint.

Wenn ich also sage, daß ich in diesem Film was innerwerde, daß wir was innerwerden, was deshalb so schmerzt, weil es an etwas rührt, was wir als eine Art Kollektivschmerz schon in uns tragen … dann weiß ich nicht, ob ich diesen Film aushalte. Der Kameramann sagte, er hat weinen müssen.

Ein unglaublich schöner Tag ist heute und ich lege die geliebte alte Platte von Reinhard Mey auf und spiele das Frühlingslied

„…die Mädchen tragen ihre Mäntel offen
und Männer wagen einen schnellen Blick.
In allen Augen blüht ein neues Hoffen,
auf Liebe und ein kleines Stückchen Glück…“

 

Heute auf der Streuwiese:
Das Scharbockskraut

 

und da blühts bei der  Kraulquappe

# 43 Der Alfons, der Bussard und die Buschwindröserln.

In der Laterne vor dem alten Haus brennt schon die Kerze und die Türe ist offen, wir freuen uns auf Besuch. Der Alfons kramt noch ein bisserl im Auto herum und als er mit Gastgeschenk im schwarzen Stoffbeutel aufs Haus zu geht, da lächelt er und mir ist, als würde das Haus auch lächeln und seine Arme ihm entgegenstrecken. Meistens tut das Haus gar nichts, wenn es jemand betritt, zumindest merkt man ihm nichts an. In seltenen Fällen scheint es jemand, der oder die es betreten, nicht zu mögen, dann verhält es sich kalt und abweisend und eine Art Düsternis kriecht aus den Ecken und es wird dunkel, auch wenn das Licht brennt. Und manchmal, da lächelt es aus allen Ritzen und ein warmer, goldener Schimmer der Freude legt sich über die Dinge und über die Menschen, die um den Tisch herum sitzen..

Ja, und so war dieser Abend dann auch. Der Alfons ist ein lieber Mensch, wir verstehen uns gut und aus diesem Kontakt ist im Lauf der Jahre immer mehr eine Herzensfreundschaft geworden. Wir sitzen da, essen und trinken und lassen die Geschichten kommen und gehen. Es gibt soviel zum Erzählen, so viele Fragen, so viele Antworten, ein wohltuendes Reden, so, als würden wir schon hundert Jahre hier sitzen und die nächsten hundert dazu.  Und wir sind umarmt von meterdicken Mauern, selten, daß ein Gast und das Haus sich so mögen. Und wir gehen in den großen Raum hinaus, in dem früher die Schmiede meines Vaters war. Auf dem Weg zum hinteren Teil des Hauses hängen unzählige alte Schlösser und Hellebarden lehnen an der Wand … übriggeblieben von einem Auftrag einer Burg. Alfons schaut alles mit glänzenden Augen an, sein Vater war auch Kunstschmied und Musikant, genau wie meiner. Die ehemalige Schmiede hat Herr Graugans umgebaut zu  Fotostudio, Buchbinderwerkstatt etc. und zu seinem Firmenbüro, wir sagen aber nach wie vor Werkstatt dazu. Als wir wieder ins Vorderhaus gehen, fällt mir auf, wie schön die Dinge werden, wenn jemand sie im Vorbeigehen mit liebevollem Blick streift. Sogar die Spinnweben sind nicht wegzudenken, sie gehören zum Ensemble und runden es erst so richtig ab.

Das Allerschönste ist ja, wenn man so beieinander sitzt, wenn man die gleiche Sprache spricht und dann hin und wieder lachend feststellt, daß es doch nicht dieselbe ist, weil die ca. 15 km, die zwischen unseren Heimatorten liegen, tatsächlich zu wörtlichen Unterschieden in den Regionaldialekten geführt haben. Es tut unglaublich gut, mal einen Abend lang die ganz normale hiesige Alltagssprache zu hören, ohne die ständige Anpassung an das, wie ich es nenne „Nordsprech – Syndrom“, das krampfhaft verhindern soll, daß man der Sprache das Südliche anhört. Das angestrebte, weil intellektuell höherstehend vermutete nördlich angehauchte Hochdeutsch scheint umso leichter erreichbar, je mehr man Wörter wie „mega“ und „lecker“ benutzt und nicht mehr schauen, sondern nur noch „kucken“ darf und was sonst noch an „unfassbar“ gescheiter Sprachvielfalt so daherkommt.

Wir hatten es schön mit dem Alfons und haben geredet, wie uns der Schnabel gewachsen ist und wir werden das sicher bald wieder so machen. Nachdem wir uns um Mitternacht verabschiedet hatten, lag auf dem Sofa der vergessene schwarze Stoffbeutel mit dem Aufdruck „Chor“ herum … wie war das … man läßt was liegen, dann kommt man bald wieder zurück, oder? Wär schön, freu mich schon!

Beim Radlfahrn kommen kalte Windböen und jagen mir Regentropfen wie Eiskugerln ins Gesicht. Ich mag dieses Wetter im März, ich brauch nicht immer Sonnenschein und ich liebe es, durch den Sturm zu sausen und mich von der wilden Kraft der Elemente tragen zu lassen.

Auf der Eberesche, ganz oben, sitzt der Bussard. Ich sehe ihn jetzt täglich. Heute schaut er zu mir runter, schaut mir direkt in die Augen und bleibt sitzen, während ich an ihm vorbeifahre.

 

Auf der Streuwiese heute:

Buschwindröserl (Anemone nemorosa)

 

Da schreibt die Kraulquappe.

# 42 Himmelaufsperren

Die frühjahrsmäßige Verprimelung hat bereits begonnen, landauf landab stehen sie in Töpfen und Schalen tonnenweise herum und sollen mit ihren grellen Farben angeblich gute Laune machen.  Ob das was nützt bei denen, die von früh bis spät über einfach alles schimpfen müssen? Man könnte einen Container voller bunter Primeln über sie ausschütten, es würde nichts nützen. Und ein scheußliches Haus bleibt immer ein scheußliches Haus, auch tonnenweise Wegwerfblumen machen es nicht schöner. Was ich auch noch nie verstanden habe ist das sofortige Wegwerfen nach Absolvieren der angezüchteten Blühpflicht. Manchmal bekomme ich abgeblühte Exemplare, man sagt dann, ich hätte ja einen grünen Daumen. Oder weil ich doch am Land lebe und soviel Grund ums Haus herum, da gäbe es ja mehr Möglichkeiten als in der Stadt, wo man nur einen Balkon hätte usw. Also, mein Daumen ist keineswegs grüner als der von der übrigen Spezies und ich sage dann: geh halt spazieren und vergrab die Primeln unter irgendwelche Büsche oder im Wald, Du brauchst dazu nur eine kleine Schaufel. Es macht mich traurig, wenn lebendige Wesen in die Abfalltonne geworfen werden, nur weil sie nicht mehr blühen.

Manchmal sprechen mich alte Menschen an und sagen: Du sammelst doch Geschichten, mir ist da was eingefallen, was früher immer so erzählt wurde, Du kannst es bewahren, bevor es verschwindet. Ich höre sie mir gerne an, die alten Geschichten, aber bewahren kann ich sie nicht, und ich sage immer wieder, erzählt sie Euren Enkelkindern, denn Geschichten werden bewahrt, indem man sie weitererzählt. Ich höre immer wieder, daß „die Jungen“ nur in ihr Handy starren, die würden nicht zuhören. Meine Erfahrung mit jungen Menschen ist eine ganz andere. Abends, an einem knisternden und funkensprühenden Feuer, da verschwinden die Handys ganz schnell, weil sie beim Zuhören stören und beim Singen.

Das Bewahren ist eine zweischneidige Sache: Ein altes Bauernhaus bewahrt man nicht, indem man es abträgt und in irgendeinem Bauernhofmuseum wieder aufbaut, sondern, indem man drin lebt. Ein schönes altes Geschirr hat keinen Sinn hinter Glas in der Vitrine, sondern, wenn eine köstliche Speise von fröhlichen Menschen bei festlichem Mahle daraus gegessen wird.

Tiere bewahrt man nicht, indem man ihre Natur bricht und ihnen ihre wilde Würde nimmt und sie in Käfige sperrt, mögen diese auch noch so groß sein. Und Sprache wird nicht bewahrt, indem man sie in Wörterbüchern zur Erinnerung verliert, sondern ausschließlich nur dann, wenn man sie spricht.

Auf der Straße rollt wieder mal mit grauenhaftem Getöse eine lange Kolonne Panzer. Ein Geräusch, das mir durch Mark und Bein geht. Ich sitze auf dem Radl und versuche zu entkommen, auf dem Feldweg hin zum Wald, in die Gegenrichtung. Und ich sehe vor mir den Bussard, der oben auf dem noch nicht eingesammelten Schneezeichen am Wegrand sitzt, ganz still und bewegungslos. Beim Anblick dieser Majestät steigen mir die Tränen in die Augen … wie schön dieses Land ist, wie dankbar ich bin, daß ich eine Heimat habe und wie gut doch unser Leben hier ist … und wie schnell alles vorbei sein kann, wenn erst mal die Panzer nicht nur durchs Tal rollen, sondern auch schießen.

Der Bussard sieht mich kommen und hebt sich lautlos hinauf und schwebt mit ausgebreiteten Schwingen, von der Luft getragen, in den Himmel. Im Wald ist ein Geräusch, das sich wie Husten anhört, wahrscheinlich ein Reh.

Als ich an der saueren Wiese entlang radle, beschließe ich, heuer dort eine Jahresuhr zu gestalten, indem ich gleichzeitig zu den Mittwochsbeiträgen hier im Blog ein Foto veröffentliche, das zeigt, was grade so wächst auf dieser Wiese. Da sie anscheinend nur im Spätherbst gemäht wird, kann man gut die dort heimische Flora im Jahresablauf bestaunen. Darauf freue ich mich sehr und mache auch gleich ein Bild von diesem geliebten Zauberwesen, das mit seinen Blüten den Himmel aufsperrt.

Sei willkommen und gegrüßt, Himmelsschlüsserl!

 

Und da streift die Kraulquappe durch die Welt!

# 40 unter der Sonne

Den uns selbst erstellten Auftrag, uns zu einer beliebigen Zeit an einem beliebigen Tag hinzusetzen und darüber zu schreiben, was grad ist, das ist keineswegs so einfach, wie es sich anhört. Ich denke an ein Zitat aus einer Rezension über den Essayband „Die Würde ist antastbar“ von Ferdinand von Schirach. Darin geht es in etwa darum, daß die Leute meinen, man würde sich hinsetzen, schreiben, aufstehen und das Gedicht sei fertig. So einfach ginge das aber nicht, das Schreiben, man ist nicht nur einsam, sondern es macht auch innendrin was mit einem Menschen. Grade noch bin ich in der Sonne gesessen auf der Hausbank vor dem alten Haus, um mich herum die eigenen Katzen und ein Kostgänger, der sich weigert, heimzugehen, was auf Dauer nicht ganz unproblematisch bleiben könnte für die nachbarliche Harmonie.

Um mich herum wächst alles und bald werden in dieser Wärme die Knospen aufspringen, viel zu warm, viel zu früh… einem hochaktuellen wissenschaftlichen Forschungsergebnis zufolge verlangsamen sich die Wasserströmungen im Ozean bedenklich, wenn der Golfstrom zum Erliegen kommt, dann ist der Kipp-punkt erreicht und man kann nur ahnen, was dann passiert, Eiszeit oder Wüste in Europa. Und wenn wir so weiterleben, wie wir das derzeit tun, dann wird es schon die nächsten Jahre passieren. Es verunsichert mich zutiefst, warum da nicht mehr darüber gesprochen wird und vor allem, was es für uns zu tun gibt, jetzt, um das Ganze noch aufzuhalten. Klimawandel ist nicht nur ein Wort, sondern die Vernichtung unserer Existenz hier auf Erden. In Spanien vertrocknet das Land, aber wir kaufen jetzt im Februar die Erdbeeren und den Salat und die Zucchini von dort  und dann werfen wir auch noch die Hälfte davon weg, weil wir die Form des Überkonsumierens gewöhnt sind und jegliche Einschränkung als bedrohliche Freiheitsbeschneidung empfinden. Auch die Urlaubsfliegerei wird eher immer mehr, am Abend sehe ich über Salzburg so viele Flieger aufsteigen, daß es mir vorkommt wie ein überdimensionales Tontaubenschießen, die werden auch im Minutentakt in die Luft gejagt.

Aber wir hoffen halt, daß die Wissenschaft sich irrt und übertreibt und es wird schon alles gutgehen oder?

Ich bin froh, daß noch gutes Wasser aus der Leitung fließt, wir genug zum Essen haben und daß uns keine Bomben um die Ohren fliegen. Aber wenn ich mich so umschaue, was an Sorgen und Problemen um mich im Gras zwischen den Winterlingen und den heraustreibenden Tulpen  so herumliegt … möcht ich manchmal gerne einfach davonlaufen. Es gibt für jedes Problem eine Lösung, man muß sich nur trauen, sie zu finden. Ich lerne in kleinen Schritten, Alter und den Verfall des Körpers anzunehmen, weil das Dagegensein ja auch gar nichts besser macht, sondern nur unglücklicher. Dinge annehmen, wie sie sind … in Demut … eine Lebensaufgabe.

Viele Probleme haben damit zu tun, daß man das Geld, das für ihre Bewältigung nötig wäre, nicht hat. Wenn ich daran denke, wie es mit Haus und Hof weitergehen soll und auf welche Lösung es immer deutlicher hinsteuert, dann fängt solidarisch mit dem kaputten Dach auch mein Herz an, zu bröckeln.

Josef Hader hat einen Film über das Land gemacht, erzählt er im „Kulturjournal“, im Radio auf Ö 1. Er sagt, daß das Land immer nur so dargestellt wird, wie die Stadtmenschen sich vorstellen, daß es zu sein hat. Normalerweise schau ich mir keinen Film an, der grad überall beworben wird, aber hier werde ich eine Ausnahme machen. Hader sagt, die Menschen in der Stadt sind weder besser noch schlechter wie die am Land, sowohl hier wie dort werden sie von ihrer Umgebung deformiert. Der Unterschied : In der Stadt kann man sich besser verstecken, das ist am Land nicht gut möglich. Und in seinem Film kommen Menschen vor, die alle nicht so sind, wie man sich am Land eine Frau oder einen Mann vorstellt … sie passen nicht dazu. Das möchte ich mir ansehen, denn dieses Thema Stadt/Land ist auch mein Thema und ich freue mich sehr, wenn es jemand , den ich schätze aufgreift und mit seinen Mitteln was draus macht. Der Film heißt: „Andrea läßt sich scheiden“ und läuft ab Anfang März auch in deutschen Kinos.

Gestern war der Tag der Muttersprachen. Hans Kratzer hat für die SZ einen außergewöhnlich guten Artikel darüber geschrieben, wie es in Bayern mit der  Landessprache  so ausschaut! Das Land und seine Sprache, ein enorm weites Feld und eine inzwischen sehr traurige Geschichte. Eine Frage treibt mich um, die mir niemand wirklich zufriedenstellend beantworten konnte bisher: warum flüchten Menschen panisch aus ihrer Muttersprache, ihrer Mundart, der Sprache ihrer Region, versuchen sie aus sich heraus zu brennen und verbieten ihren Kindern sie zu sprechen? Warum wollen so viele Menschen nicht mehr, daß man hört, woher sie kommen? Wie gesagt, ein weites Feld und muß einen ganz eigenen Platz demnächst hier bekommen! Land und Sprache hängt in enger Verbindung zusammen. Ich liebe die verschiedensten Mundarten, jede ist gut auf ihre Weise, ihre Melodie.

Im bairischen Fernsehen ist so ziemlich der einzige Ort, wo man zumindest in einer Art Kunstbairisch noch ein bisserl oberbairisch, niederbairisch, fränkisch und oberpfälzerisch hört,  die Serie: „Dahoam is dahoam“. Ja, das ist Trash, ich hab dafür ein Faible, deshalb kann ich den zugegebenermaßen großen Schmarrn überhaupt aushalten, aber es wird tatsächlich von manchen SchauspielerInnen eine einigermaßen normale Alltagssprache gesprochen. Ansonsten dürfen in Filmen hauptsächlich Verbrecher, mehr oder weniger depperte Hausmeister oder den HauptdarstellerInnen untergeordnete geistig minderbemittelte Handwerker oder, die Steigerung, dicke und dumme Kellnerinnen oder Hausfrauen etc. die Mundart der Region sprechen. So schauts aus.

Seit Tagen geht mir dieser Bibelvers nicht mehr aus dem Kopf:

Was geschehen wird,
wird wieder geschehen.
Was man getan hat,
wird man wieder tun.
Es gibt nichts Neues
unter der Sonne.

Kohelet 1,9

Liebe Kraulquappe, vielen Dank an Dich und R. für den Kratzer-Artikel, der Herr Graugans, selbst SZ-online- Jünger,. hätt ihn doch glatt übersehen!

# 39 Memento homo …

… daß du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.( Gen.3, 19)

Heute, zu Beginn der magischen 40 Tage bin ich selber überhaupt nicht verkatert, obwohl drei der nämlichen Exemplare der Fellbande (zwei eigene und ein Kostgänger) um mich herumsitzen. Gestern war Faschingsdienstag. An mir ist der Fasching leider spurlos vorübergegangen. Früher machte immer irgendwer einen Hausball, „Tanz in allen Räumen“, zum Essen gab es Nudelsalat, belegte Brote und den Käse-Igel, eiin großer Weißkrautkopf wurde in Alufolie gewickelt und dann mit Trauben und Käsewürferln gespickt. Dazu gab es Ananasbowle und Bier und um Mitternacht gabs scharfe Gulaschsuppe. Und es wurde selber Musik gemacht , gesungen, Platten aufgelegt und getanzt. Alle waren irgendwie kostümiert, da war nichts Gekauftes dabei, sondern aus alten Gewändern was zusammengenäht. Und es gab immer ein Motto und es waren immer zuviele Leute in zu kleinen Räumen, man mußte beim Tanzen aufpassen, daß man nicht den anderen auf die Füße trat. Unser letzter Hausball war vor etlichen Jahren  und lange vor dem schrecklichen Krieg, die „Russendisco“. Und da waren kaum zehn Leute da. Jetzt macht niemand mehr einen Hausball, weil kein Mensch mehr daheim ausgelassen feiern mag, anscheinend. Der Fasching scheint nicht mehr stattzufinden, zumindest nicht mehr im privaten Umfeld, die Realität oder was sonst, erlaubt es nicht mehr, sich Masken aufzusetzen und sich in jemand anderen zu verwandeln. Schade, ich würde gleich wieder zu einem Ball einladen, wenn es Leute gäbe, die Lust drauf haben.

Bei der besten aller Faschingsveranstaltungen, in Veitshöchheim,  waren die Narren los, so wie es sich gehört. Und mittendrin im bunten Treiben mit Musik und lustigen Sprüchen setzten die Narren den als Reichskanzler und Maurer verkleideten Landesvater samt Assistenz zu und sagten ihnen, bitterernst und gnadenlos die Meinung, wie es sich zumindest einmal im Jahr auch gehört, auch dafür sind die Narren gut und völlig richtig am Platz. Da war dann mal für kurze Zeit niemandem mehr zum Lachen zumute.

Als Schulkinder haben wir uns das ganze Jahr über auf den Faschingsdienstag gefreut, wir durften verkleidet in die Schule kommen, „Maschkeragehen“ haben wir das genannt und auf dem Gesicht hatten wir eine „Larve“, wir durften lustige Filme anschauen und später sind alle Klassen mit ihren LehrerInnen in einem langen Faschigzug durch das Dorf gezogen. Ich kann mich so gut erinnern, daß ich mal zwischen einem Koch mit großer Haube und einem Rauchfangkehrer mit schwarzem Gesicht gegangen bin. Meine Freundin und ich waren „Feine Damen“ aus der Stadt, stöckelten Po wackelnd herum, das Gesicht aus dem Farbkasten bemalt und wir redeten ziemlich gespreizt nach der Schrift … so wie wir uns halt die feinen Damen vorstellten. Schade, daß man den Kindern diese Freude heute nicht mehr gestattet.

Am Rosenmontag hätten wir gerne die Nachbarsfreundin mit ihrem Mann zu einem heute altmodischen Fondue eingeladen, aber beide sind furchtbar an einer Grippe erkrankt und ich koche Hühnersuppe, der ich einen Heilungszauber untermische, weil ich das kann,  und mache Ingwerwasser und Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und habe die Hoffnung, daß es ihnen bald wieder besser geht.

Mit den Schneeglöckerln ist es mein ganzes Leben lang immer das Gleiche: erst geht der Schnee weg, dann ist länger nichts und ich bin traurig, daß wohl keine mehr wachsen. Und irgendwann steht ein einzelnes Schneeglöckerl da und dort und sonst nichts.  Und auf einmal, sozusagen über Nacht, sind plötzlich ganze Flecken weiß, als hätte eine riesige Kraft erstmal ein paar Späher losgeschickt, um die Lage zu sondieren, um dann mit voller Kraft anzuschieben und sich selbst zu gebären und sich in einem Blütenrausch über die Wiesen zu werfen. Lauter weiße Glöckerln mit grünen Tupfen und wie betörend gut sie riechen. Unter dem Nußbaum geht der Specht spazieren mit edler Garderobe. In weißem Gefieder mit schwarzen Punkten und einem blutroten Wams und einer blaugrün schillernden Ausgehjacke stakst er herum und pickt hierhin und dorthin mit langem rasiermesserscharfem Schnabel. Bald wird er den Stamm hinaufgehen in eleganter Haltung und dann hört man sein Tocktocktock.

Im Fernsehen wird der Opernball in Wien übertragen. Der über 90 Jahre alte „Mörtel“ Lugner hat die 79 Jahre alte „Priskilla Präsli“, wie er sie nennt, als diesjährige Begleitung ausgewählt. Eine überraschend liebenswürdige und eher leis und zurückhaltende Frau wird da vorgestellt. Sie scheint sich echt zu freuen, hier dabei sein zu dürfen und bedankt sich freundlich vor den Kameras und beantwortet geduldig die immergleichen Fragen höflich und guterzogen. Sie spricht selbstverständlich von Elvis als der größten Liebe ihres Lebens. Sie steht da, heruntergehungert auf die Größe ihres Modellkleides, hinter dicker Schminke und den Machenschaften diverser operativer Verjüngungsreparaturen ist von dem, was mal ihr Gesicht war, nicht mehr viel vorhanden. Sie ist reich und berühmt, hat einen Mund, der in starrem Dauerlächeln auf eine weiße Porzellanmaske gemalt zu sein scheint, und in ihren kleinen schwarz ummalten Augenschlitzen ist es dunkel. Sie tut mir leid, die kleine, magere alte Frau, die sie nicht sein darf.

Und so schauts bei der lieben Kraulquappe aus am Aschermittwoch.