Der Leib

Der Leib ruht im Grab.

Seit Anbeginn der Zeiten muß der Held in einer guten Geschichte durch Düsternis und Qualen wandern und Mutproben bestehen, manches Mal wird er sogar zerstückelt, um dann neu zusammengesetzt und an Weisheit reicher dem Leben entgegenzugehen. Ein lieber Freund war besorgt, meine Worte hätten so verbittert geklungen … Naja, ich bin in eine Geschichte eingestiegen, die mich gepackt hat , die für alle, die sich ernsthaft damit beschäftigen, auch für mich, zu groß ist in ihrer einfachen Aussage. Es geht um Leben – Tod – Leben . Die Bitternis des Karfreitags mußte durchlebt werden, sie gehört dazu. Jetzt ist Ruhe und die Kräfte sammeln sich für das größte Geheimnis und die größte Freude: Die Auferstehung!

Ich gehe nicht in die Kirche, aber ich freue mich sehr darauf, die Glocken wieder zu hören, die ja verstummt waren. Es hat sich lieber Besuch angekündigt, Eier müssen gefärbt werden und ein Osterzopf wird gebacken. In der Osternacht um 5 Uhr werden wir um ein Feuer stehen und reden, lachen, singen und schweigen und irgendwann wird die neue Sonne über den Bergen hinter Salzburg hervorkommen und wir werden den neuen Morgen begrüßen und dann um den Tisch sitzen und miteinander essen, das Brot brechen und unser Lächeln wird es segnen, und wir werden froh sein darüber, das wir fürs erste das Leid und die Kümmernis abgestreift haben.

Ihr Lieben, alle, die Ihr mir bis hierher gefolgt seid, ich grüße Euch herzlich und danke Euch für Eure Aufmerksamkeit! Selbstverständlich werde ich auch noch das, was mich begeistert, aber auch, was mir Rätsel aufgibt an diesem Wunder der Auferstehung hier aufschreiben in den nächsten Tagen und freue mich, wenn Ihr mir gewogen bleibt! Kommt gut durch diese verzauberte Osternacht, laßt es Euch gutgehen und macht es Euch schön! Einen Wegweiser möchte ich uns allen mit auf den weiteren Weg geben, die Umsetzung ist nicht einfach, aber die Freude ist grenzenlos, wenn wir den Mut dazu haben:

„Liebe und tu was Du willst!“  (Augustinus)

In diesem Sinne seid gegrüßt, danke für die wundervollen Kommentare, ich werde sie alle beantworten, jetzt wartet schon der aufgegangene Hefeteig und möchte zum Zopf geflochten werden und die Eier wollen sich färben … Musik erklingt:

I see a darkness …

Es war absolut nichts Besonderes, der abscheuliche Tod des jungen Rabbi . Viele tausend Menschen wurden vor ihm und nach ihm ans Kreuz genagelt, da brauchte es nicht viel und schon gar nicht mußte man behaupten, Gottes Sohn zu sein. Die Machthaber durften tun, was sie wollten, ein Menschenleben war nicht viel wert, noch nie, auch heute nicht. Überall auf der Welt wurden und werden Menschen abgeschlachtet wie das Vieh und der Tod war auch ein Meister aus Deutschland, weil auch hier irgendwann irgendwer entschieden hatte, daß eine ixbeliebige Sorte Mensch ausgerottet gehört und eine Masse dazu gejubelt hat.

Im Namen von Jesus wurden Kreuzzüge veranstaltet und Millionen Menschen umgebracht, verbrannt, zu Tode gequält. Seine Existenz gilt als relativ gesichert, ob sich die Geschichte so zugetragen hat, wie dieser menschenverachtende, kirchliche Machtapparat behauptet, … daran zweifle ich sehr. Ich fühle mich auch heute noch ausgegrenzt und mißachtet, warum ich immer noch nicht ausgetreten bin, ist mir ein Rätsel … vielleicht hat es mit der Alternative zu tun.

Die Geschichte dieses jungen Wanderpredigers, der ganz sicher nie ein Religionsstifter sein wollte und schon gar nicht Gründer einer Amtskirche, und ob er nun der Messias war, das ist eine andere Geschichte und muß ein anderes Mal erzählt werden; aber er hat ein paar Worte hinterlassen, die die Welt aus den Angeln heben und sie zu einem Paradies machen könnten. Eine ganz schlichte Aufforderung und wie jede echte Magie einfachst in der Anwendung und jederzeit und überall zu praktizieren:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ … und es kommt nicht von ungefähr, daß man beim Quellenstudium auf viele Frauen trifft, die ihn sicher manches gelehrt und begleitet .

Als er am Kreuz dem Tod entgegendämmerte soll er gesagt haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und wenn es stimmt, daß er mit letzter Kraft „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ hinausweinte … dann hat er wohl doch auch bis zuletzt auf das Wunder gewartet, daß ein Vater da sein möge, der ihn rettet. Er war wohl einer von uns, die wir doch alle bangen, daß dieser Kelch des Sterbens an uns vorüberginge.

Ja, wir wissen, daß es eine Dunkelheit gibt, in der kein Trost mehr ist und die Hoffnung brüchig , was die mögliche Auferstehung anbelangt. Und doch tragen wir unsere Rettung im Herzen ohne zu begreifen

die Liebe

Mitten ins Herz

Der Film „Lucky“ ist mir unter die Haut mitten ins Herz gegangen. Schier unbeschreiblich,  Handlung gibt es kaum, passieren tut nichts, eigentlich wirkt alles wie eine Momentaufnahme des Lebens in einem kleinen Nest irgendwo in Amerika. Die Straßen sind staubig, die Sonne scheint grell und ein alter Mann geht durchs Bild, wie durch die Kulissen einer Westernstadt.Er hat seine Verrichtungen, hat feste Regeln und Zeiten, wo er seinen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst, alles läuft nach Plan, er geht nachhause, um bestimmte Shows im Fernsehen anzuschauen und am Abend sitzt er in einer Bar und trinkt Tomatensaft und unterhält sich mit den immer gleichen Leuten.

Harry Dean Stanton(91) spielt seine letzte Rolle in diesem großen kleinen Film, einen 91 jährigen, kauzigen Eigenbrötler und er spielt in einer vollkommen unsentimentalen Wahrhaftigkeit, die kaum auszuhalten ist. Die Kamera geht erschreckend nahe an ihn heran, man sieht jede Falte an diesem alten, dürren Klappergestell von einem Körper und man sieht diesen schönen sinnlichen Mund, einen Schopf brauner, ungebändigter Haare und Augen …diese Augen, dunkel und so tief wie das Weltall und ich denke, daß ich diese Tiefe bis jetzt nur bei denen gesehen habe, die von weit her kommen und gerade geboren werden oder bei denen, die sich bald auf die Reise hinaus machen. Später erfahre ich, daß Harry Dean Stanton kurze Zeit nach dem Fertigstellen des Films plötzlich gestorben ist …

Irgendwann merkt Lucky, daß auch er sterblich sein wird, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. Und er sagt zu jemandem: wenn Du mir versprichst, daß Du es nicht weitererzählst … ich hab eine Scheißangst!  Und irgendwann sieht er diese Frau an und in ein paar Sekunden spielt sich zwischen ihnen eine Liebesgeschichte, für die andere ein Leben brauchen und dann singt er dieses Lied …

Schön ist das, nach dem Kino 35 km durch die Nacht zu fahren, über Land, auf kleinen leeren Straßen, achtzugeben auf die Krötenwanderungen, den Mond über den Bergen zu sehen und an diesen schönen alten Mann zu denken, der mit einem Lächeln einfach weitermachte egal, wie lang es noch dauern sollte.

Wir haben alle mal Angst, nicht wahr, eine Scheißangst sogar. Auch in dieser Geschichte damals, im Garten Gethsemane , da war einer mitten unter seinen Freunden und er wusste, er würde bald sterben, aber die Freunde schliefen. Dann hat er Blut geschwitzt vor Angst.

Er sprach nicht nur davon, er war ein Liebender, das verbindet mich mit ihm.

Mein Vater, der Tod und Jesus in der Stube

Oft vermisse ich die langen Gespräche „über Gott und die Welt“, die früher einfach dazugehörten zum Leben, vor allem hier in der Stube des alten Hauses. Erscheint es mir nur so, oder interessiert sich niemand mehr für diese Fragen um Leben und Tod und warum wir denn hier sind auf dieser Erde und was denn vor uns war? Oder hat einfach niemand Zeit, oder hat bereits jeder das Gesuchte schon gefunden? Manchmal befürchte ich, so ziemlich alleine übriggeblieben zu sein mit meinen zweifelnden Fragen mitten hinein in die großen spirituellen Geheimnisse, religionsverweigernd und gottsuchend gleichermaßen. Eine Agnostikerin auf meine spezielle Art, nichts glaubend, alles für möglich haltend, hungrig …

Oft saßen mehrere um den Stubentisch, und ganz egal, womit das Gespräch begonnen hatte, Politik oder mittelalterliche Kunst, irgendwann landete es beim Ärger meines Vaters über die Kirche, die ihm verlogen erschien, weil sie von ihm einen Glauben verlangte an Dinge, die sie selbst nicht beweisen konnte. Und dann war man beim Lieblingsbuch meines Vaters: „Jesus in schlechter Gesellschaft“ vom hochverehrten Adolf Holl, der deshalb aus dem Kirchendienst als Priester entfernt wurde.

Wie ich sie liebte, diese hitzigen Gespräche in langen Nächten über Bibelstellen und Texte aus den verbotenen Büchern der Apokryphen, und darüber, was denn Jesus in den 33 Jahren so machte, darüber stand ja nichts geschrieben … die Frauen um Jesus, ein Lieblingsthema von Pfarrer Hermann, das unterbrochen wurde von seiner bildhübschen runden Köchin, die dann sagte: komm jetzt Hermann, wir müssen ins Bett, Du hast morgen Frühmesse …

Einmal hat sich mein Vater von seinem Freund Leopold , den er wegen seiner angeblich „ewigen Polemisiererei“ nicht mochte, aber dennoch an ihm hing, um 22 Uhr verabschiedet. Um drei Uhr morgens standen sie immer noch mitten in der total verqualmten Stube, in ein Streitgespräch über die Frage, ob Jesus nun Gottes Sohn war oder nicht so heftig verwickelt, daß sie sich weder hinsetzen noch auseinandergehen konnten …

Meistens kam am Ende dieser langen Abende auch die Sprache auf das Sterben und manch eine große Angst wurde mit Bier hinuntergespült und wir waren alle froh, uns zu haben und beisammen sitzen zu können. Jetzt sind die Freunde von damals tot. Als ich meinen Vater im Krankenhaus besuchte, ein paar Tage bevor er sich auf die Große Reise machte, da erzählte er mir von einem Traum … der Boandlkramer (Tod) sei ihm erschienen und habe ihn sehr freundlich angesehen, gar nichts Bedrohliches sei von ihm ausgegangen. Nein, er habe nichts gesagt, nur freundlich gelächelt. „Wir müssen irgendwo dieses Ölgemälde haben, da steht ein Bergsteiger im Gebirge und der Tod hält das Seil und es ist, als tät er ihn beschützen und er schaut genauso aus wie in meinem Traum … ich weiß nicht mehr, ob ich es selbst gemalt habe oder der Max (sein Bruder), brings mir doch mit , wenn Du wiederkommst!“ Ja, und ich habe das ganze Haus abgesucht, in jeden Schrank mehrmals hineingesehen, alles umgedreht, nichts. Ich konnte dieses Bild nicht finden.

Und dann ist mein Vater gestorben.

Ein paar Wochen später öffne ich eine Schranktür und es liegt einfach so da.

 

Ein Mädchen

Ein übertrieben hitziger Sonnenstrahl fällt vom Himmel und mit ihm ein Schwarm Krähen. Schimmerndes Gefieder in gleißendem Licht stakst über die Wiese, pickt hier und da , macht Gezeter, wirft sich wie auf Befehl in die Luft und fliegt als geschlossener dunkler Haufen wieder weg.

Die stille Woche … die Prophezeihung erfordert den Ritt auf einer Eselin hinein nach Jerusalem, ein kleiner, zarter junger Mann, Wanderrabbi mit aufrührerischem Geist, nicht den Pharisäern und schon gar nicht den schrecklichen römischen Unterdrückern gefügig, gerade ließ der Stadthalter tausende junger Männer ans Kreuz schlagen, einfach so aus Launen heraus, Er muß eswissen, was Ihm bevorsteht. Sie wollen, daß einer kommt und sie rettet aus der unglaublichen Not dieser Okkubation, sie wollen die Zeichen so deuten, daß sie auf Ihn als den Messias hinweisen. Irgendwann gibt er nach .

Die Suche nach Antworten führt mich immer tiefer hinein in die vielen Fragen meiner unzweifelhaft christlichen Prägung und je mehr ich mich durch das Dunkel der Jahrtausende bewege, umso mehr neue Fragen tun sich auf. Diese Geschichte von einem Menschen, der sein Kreuz schleppt zur Hinrichtungsstätte, blutend vor Angst und Qual und Einsamkeit und dann die Auferstehung … den Tod oder das Leiden besiegt, abgestreift, ad absurdum geführt? Er hat was mit mir zu tun, dieser Kreuzweg, etwas berührt mich in tiefster Seele, mich als Mensch, mich als Frau.

Frauen standen diesem Rabbi nahe, haben ihn unterstützt und ihn genährt und versorgt, nicht nur mit Essen, haben ihn begleitet bis zum Grab und darüber hinaus. Selbstbewußte, rebellische Frauen, ihre Spuren sorgfältig ausgelöscht … über eine von ihnen wurde gerade wieder ein Film gedreht: Maria Magdalena … ich rufe ins Dunkel der Zeit ihren Namen, aber wer sollte antworten … alles so lange vergangen, verhallt, welche Wahrheiten gibt es überhaupt, vielleicht ist alles nur erfunden als Opium für´s Volk … und es ist mir doch, als würde sich jemand neben mich setzen und meine Hand berühren …

Und dann schauen mir Augen entgegen aus einer virtuellen Welt, ein Gesicht auf einem Foto aus dem KZ, herausgeholt aus den Millionen von toten Menschen, nachkolloriert von einer jungen brasilianischen Fotografin, die mir erlaubte, es hier zu verwenden. Welch seltsame Fügungen es gibt, auf meiner Suche nach den Frauen in der Jesusgeschichte schiebt sich dieses Bild für immer in mein Herz, dieses kleine Mädchen, die Lippen verkrustet von den Schlägen einer KZ Aufseherin, fotografiert von einem, der dadurch überlebt hat. Wer hat dieses Mädchen begleitet, als es seinen Kreuzweg gehen musste?

Warum tun Menschen das?

Weil sie es können.

 

 

 

Ihr Name: Czeslawa Kwoka
drei Monate nach dieser Aufnahme wurde sie ermordet
sie war 14 Jahre alt

 

Thank you, Marina Amaral and warm regards to you.

 

 

Die Schlucht

Ein paar vereinzelte Schneeflocken segeln aus der dunkelgrauen Pferdedecke, die schwer am Himmel hängt.  An klaren Tagen kann man von hier aus auf die Salzburger Berge, den König Watze samt Frau und Kindern und womöglich bis weit ins Dachsteinmassiv hineinschauen. Alles ist mir bekannt und vertraut und doch bin ich fremd hier. Ich war schon bei den Pyramiden, aber noch nie hier an diesem Ort, 20 km von daheim. Dem großen, behäbigen Klotz von einem Hof, malerisch alleine auf der Hügelkuppe, hat man schon lang die filigranen Ursprünge herausgebaut. An der Hinterseite des Stalles scheint eine alte, windschiefe Mauer den Zeitläuften zu trotzen. Ein paar knorrige Nußbäume und ein vermooster Hollerbusch stehen davor, man stützt sich gegenseitig.

Es ist aufgeräumt und sonntäglich still, keine Menschenseele zu sehen. Das heisere Gebell des unsichtbaren Hundes klingt nach Einsamkeit und Kette.

Im Rand des dunklen Fichtenwaldes soll eine Pforte verborgen sein, durch die man zum Abstieg in eine tiefe Schlucht gelangt. Wir irren herum, es schneit jetzt heftiger und dann, es läuft mir ein Schaudern über den Rücken, sehen wir die Schlucht unter uns und es ist mir, als müsste ich eine unsichtbare Schwelle überschreiten.

Ein Forstweg mit den selten gewordenen Spuren eines holzschleifenden Ackergauls schlängelt sich neben dem tief eingegrabenen ausgetrockneten Bachbett hinunter. Uralte Sagen ranken sich um diese Gegend. Gleich auf der Anhöhe hinter dem Wald steht eine Kirche ganz alleine da, nur umgeben von ein paar Ringwällen. Die dazugehörige Burg hat die Zeiten nicht überdauert, das Geschlecht ist längst untergegangen und aus den Mauern wurden die umliegenden Gehöfte gebaut.

Nachweisliche Historie verliert sich in diversen Vergangenheiten. Geschichten sind übrig geblieben. Dunkle Geheimnisse um diese Schlucht, an deren Ende eine Felswand sein soll mit einem Gang zu einer Raubritterburg , verschlossen durch die eiserne Türe. Es ist die Rede von den Venedigern, gesteinskundigen kleinen Männern,  die „fühlig“ waren, d.h. sie konnten erkennen, wo Erze im Boden wuchsen … wir gehen den steilen Abhang hinunter auf einen alten Jahrmarktsplatz zu, auf dem heute hundertjährige Eschen stehen, wo früher die Karren der Schausteller und Händlerinnen ihre Ware feilboten und wo getanzt wurde; aber vor Mitternacht musste Ruhe sein, denn dann „ging es um“, dann trieb dort der Teufel mit wilder Horde sein Unwesen…

Die Schlucht zieht sich, es wird immer dunkler, der Wald ist mir nicht geheuer, in meinem Kopf sprechen sich die Geschichten,  um mich herum Nadelbäume in finsterer Monokultur … „was mache ich hier ?“- dieser Satz von Bruce Chatwin begleitet mich  … die Füsse versinken im angetauten Morast.

Kannst du nicht wenigstens ungefähr sagen, nach was wir eigentlich suchen, fragt mich der Fotograf und verschwindet im Unterholz. Nach was suche ich denn … nach diesem „heimlichen Grund“ der Höhlenkinder vielleicht, sage ich, nach diesem erregenden Gefühl von Fremde und Aufbruch und Angst und Wildnis und Abenteuer und was weiß ich, vielleicht auch nur Lust, einfach Lust und Hunger auf das Leben die sich meiner bemächtigten, und mich nie mehr ganz losließen, seit ich als junger Mensch diese Bücher las.  Ein paar Frauen mit langen wehenden Röcken überholen mich, zwei laufen weiter und eine setzt sich auf das abgebrochene Geländer des hölzernen Steges, der über den Bach führt. Biberfräulein heißen sie in den Geschichten, zu dritt und schwarzweiß sollen sie sein, meist taucht nur eine von ihnen auf und hilft zwar immer wieder den in Not geratenen, aber man hält sie für unberechenbar. Man meidet ihre Nähe, denn manch ein Versuch von jungen Burschen, mit ihr zu scherzen, endet tödlich. Sie gibt und nimmt, bindet und löst , beherrscht das Wandeln und Bannen, das Unsichtbarmachen und ein Blick von ihr läßt aus einem starken Mann einen liebeskranken, ergebenen Diener werden.

Die Frau neben mir auf dem Geländer schlenkert mit den nackten Füssen und singt leis vor sich hin, die Melodie kommt mir bekannt vor, … das Lied handelt von einem, dem das Herz so weh tut, wenn er ein spezielles Mädchen anschaut, das so schwarze Zöpfe hat und rote Wangen und weiße Haut … meine Großmutter hat es immer mit mir gesungen. Und ich lehne mich an das Geländer und singe das alte Lied mit dieser fremden Frau, dicke Schneeflocken verkleben die Augen, nur schemenhaft bemerke ich in meinem Augenwinkel ein graues Fellbündel. Ein Hund? Nein, eher ein Wolf, ich kann ihn nicht gut sehen, denn wenn ich genauer hinschaue, verschwindet er. Sag mal, in diesen vielen Geschichten da steht aber nichts davon, daß Dir ein Wolf folgt, oder?

Mit einem hellen Auflachen springt die Frau mit einem Satz vom Geländer, dreht sich zu mir, geht durch mich hindurch, läuft mit wehendem schwarzen Rock einen kleinen Pfad entlang und verschwindet in einer Felswand. Ich stehe da, und lausche dem leiser werdenden glockenhellen Lachen hinterher … wer ist sie … Fee oder Königin … Spuk, Traum … ihr Gesicht … sie hatte keins.

Ich fühle mich beobachtet. Du bist ja noch da, sage ich und sehe seine alten Augen in einem grauen Fell, und als ich dem Weg der Königin folge zur Felswand, da scheint er mich zu begleiten, ich spüre ihn mehr, als ich ihn sehen kann, merkwürdig vertraut … als wäre es schon immer so gewesen.

Dort angekommen an dieser Wand aus Nagelfluh suche ich die Türe, aber da ist nichts. Nur Stille, heimlicher Grund, wie eine Falte in Raum und Zeit, nur ein paar Schneeflocken und die Sterne umkreisen mich tonlos … was ist, wenn nichts mehr ist …

Alles.

Ist.

 

 

 

Hört – Hört!

Es ist jetzt tatsächlich schon wieder zwei Jahre her, daß ich etliche Schreibende fragte, ob sie denn Lust hätten, sich eine Geschichte auszudenken, die auf einen von mir vorgegebenen Schlußsatz zuläuft und als Besonderheit auch noch jeder ihren/seinen Teil davon zu vertonen. Welch eine Freude, es wollten alle mitmachen und es entstand ein absolut ungewöhnliches Projekt: „Hört – Hört, Geschichte am Feuer“.

Es war für mich eine unglaublich beglückende Erfahrung, eine intensive Zusammenarbeit von Menschen, die sich noch nie begegnet waren und ich habe mich so gefreut darüber, daß jetzt Andreas Glumm seinen wundervollen Teil der Geschichte wieder hervorgekramt und damit an dieses Projekt erinnert hat. Er war damals zwar schreib- aber nicht lesebereit und so musste ich, um an seine Poesie zu kommen, sie selber vorlesen!

War das Projekt erfolgreich, die Geschichte stimmig?

Das soll entscheiden wer will, für mich liegt das größte Glück schon darin, daß es stattfinden durfte, daß wir uns begegnet sind und ein Erzählfaden von Hand zu Hand gereicht wurde.

Vielen Dank nochmal an alle Mitwirkenden, es war so schön mit Euch!

Womöglich hab ich ja mal wieder so eine Idee … dann werde ich mich melden!

Blutmond

Drei Frauen sind wir und als wir oben am Hügel ankommen, stehen wir zwischen den beiden Himmelslichtern, die Sonne ertrinkt langsam im großen See und der Mond ist aufgegangen. Um uns herum ein Kreis von Bäumen, in Zweier- und Dreiergruppen stehen sie da, ihre Leiber ineinander verschlungen recken sie sich in den Himmel. Im Hintergrund die Silhouette der Berge. In den tiefen Geleisen der Lastwägen steht das Wasser und glänzt im Mondenschein, die  gefräßige Maschine, die tagsüber in der Kiesgrube den Sand ausspuckt, hält ihr riesiges Blechmaul verschlossen und schweigt. Von der Autobahn dröhnt der Feierabendverkehr, in der Siedlung leuchten die Fenster und die blauen Bildschirme. Und wir stehen in diesem kleinen Wäldchen herum … in unseren Augen schwimmen orangerote Kugeln … es ist Lichtmeß, die Rituale der letzten Jahre wurden lästig, wir haben sie zurückgelassen, in meinem Kopf geistern Phrasen und übriggebliebene Wörter herum …Kessel, Hüterin der Schwelle, Hexenmord, Vision, Neubeginn … was machen wir hier ohne Konzept und ohne Programm? Nichts. Und dann treibt es uns auseinander, das „wir“ löst sich auf. Jede ist allein.

Meine Gedanken laufen zurück, ich schaue nochmal auf mein Leben, wie vor ein paar Tagen, als ich die Unterlagen für die Rente zusammensuchte. Die Altersrente sozusagen, ich also jetzt auch, bald wird man mich Rentnerin nennen. Zwiespältige Gefühle bei dieser Bezeichnung. Eine Reise in die Vergangenheit, mein beruflicher Werdegang und dann auch noch die alten Schulzeugnisse … ich sehe ein wissbegieriges Kind, dann die plötzlichen Leistungseinbrüche, warum hat niemand nachgefragt? Ich spüre alte Schmerzen, Enttäuschungen, dieses Kind, das ich einmal war und das ich in mir trage, es sah und hörte Dinge, die andere nicht wahrnahmen und es war ständig voller Ahnungen … heute nennt man dieses Phänomen „Hypersensibilität“. Ich gehe auf dem Boden der Tatsachen herum und lasse mich in den Schutz einer Baumgruppe gleiten, ein glatter Stamm fängt mich auf … die Frage, ob ich denn pädagogisch wertvolle Arbeit geleistet habe, läßt sich kaum beantworten und Wehmut und Erinnerung an viele Fehler steigen auf aber auch die Situationen außerhalb der Planungen und Konzepte, die unzähligen Momente, wo sich Seelen mir anvertrauten, wo junge Menschen ihr Herz ausgeschüttet haben … ja, das war am schönsten, einfach nur dazusein  als Mensch unter Menschen und zur Verfügung zu stehen!  Und dann löst sich die Vergangenheit in Luft auf und fliegt weg. Leiser Gesang weht zu mir her und Rascheln im Unterholz. Ich gehe von Baum zu Baum und spreche die Worte aus, die sich mir in den Sinn schieben und ich höre mir dabei zu, wie ich von einem Ort spreche inmitten einer leuchtend gelben Sandwüste, an dem blutrote Felsbrocken herumliegen … ich erzähle von einer Reise, die ich nie gemacht habe …

Irgendwann stehen wir wieder beisammen, hier an diesem geheimen alten Ort, plötzlich liegt da ein leuchtend weißer Stein in unserer Mitte und wir halten uns an den Händen, einfach so, weil uns danach ist. Während wir den Jodler anstimmen für den „Alperer“, einem wilden Berggeist tief drinnen im Gebirge, löst sich im Osten aus dem Schatten des Untersberges der Riese Abfalter … mit großen Schritten geht er an der Salzach entlang, bis er auf der anderen Seite sein geliebtes Riesenfräulein findet und es in seinen Armen über den Fluß trägt, damit es keine nassen Füsse bekommt.

Hier, am Schnittpunkt der Welten, auf der Schwelle stehen wir, jetzt an Lichtmeß, mit einem Fuß in der Wildnis und mit dem anderen in der Zivilisation, die alte Zeit ist vorbei, die neue noch nicht da. Gut zu wissen, nicht alleine zu sein mit diesem Wahnsinn des Lebens und des Sterbens und weil wir jetzt voller Liebe sind zu uns und dem ganzen Universum, aber weil uns auch nichts so direkt heilig ist, greifen wir zum Himmel und blasen uns Sternenstaub ins Gesicht und tanzen lachend und singend nachhause.

 

 

Wildfrau

Vorbei, vorbei, Weihnachten, Silvester, Dreikönig … vorbeigerauscht … beim Nachbarn fliegt am 6. Januar der Christbaum vom Balkon herunter. Ein Auto, irgendwo verschämt am Ortsrand versteckt geparkt, nur die Zeugen Jehovas parken noch unsichtbarer, ein sehr frommer Papa, voller Glauben an die Bereitschaft der Heiligen katholischen Kirche, die diesjährigen Einnahmen der Sternsinger an die Bedürftigen auf der Welt zu verteilen, wartet geduldig und in Liebe zum Nächsten, bis die drei wieder ins Auto steigen, aus dem sie von Tür zu Tür ausgespuckt werden.

Erschreckend deutlich in Umfragen, wie wenig die Bevölkerung weiß über den christlichen Hintergrund ihrer vielen freien Tage, geschweige denn, was vorher sich so alles abgespielt hat, außer der Tatsache, daß da niemand in die Arbeit muß.

Und so huschten auch völlig unbemerkt von den meisten Menschen die Raunächte vorüber,  die nicht mehr zum alten, aber auch noch nicht zum neuen Jahr gehören. Schwierig, zu sagen, was das für Energie ist, die sich unbemerkt in unser Leben hereinschiebt und was  so besonders sein soll, wild und unberechenbar, daß alles geschehen kann. Niemand weiß was Genaues darüber, es gibt Spekulationen aus allen esoterischen Richtungen, viele alte Geschichten, Sagen, Märchen … eine Zeit zum „Losen“ (horchen), nach außen, aber vor allem nach innen, und es ist immer das Gleiche: wenn man darauf wartet, daß irgendwelche Wunder geschehen, dann passiert gar nichts. Gut ist, so wenig wie möglich zu tun, ruhig sein und einfach alles sein lassen …“ viel Übung und Erfahrung braucht es, die Zeichen und Botschaften zu verstehen“ und oft ist es so, daß man erst hinterher merkt, daß irgendwas anders war als sonst.

Die schwarze Katze, eine wilde Freigängerin, die keinerlei Berührung duldet, bleibt nach dem Fressen noch sitzen, streicht mir um die Beine, mager ist sie geworden, ich weiß, was geschehen wird …  in den nächsten Tagen kommt sie und bleibt so eng an meinem Bein, daß ich sie wegschieben muß und maunzt. Am nächsten Morgen liegt sie friedlich vor der Türe, tot.

Der vor Weihnachten gefallene Schnee ist schnell weggetaut, Föhnstürme jagen um das alte Haus, der dunkelblaue Gebirgskamm am Horizont kommt näher, darüber rot aufgeflammter Himmel. Allein in der Ebene steht der Untersberg, ein massiver Felsklotz . Durch die Mittagsscharte, eine tiefe Einkerbung auf seinem Grat, dringt feuerroter Nebel wie aus den Nüstern eines Drachen … Von geheimnisvollen Erscheinungen wird berichtet seit Jahrhunderten, z. B.  das Phänomen der angehaltenen oder rückläufigen Zeit. Dann erzählt jemand, daß seine Tochter vor seinen Augen für eine halbe Stunde verschwand, obwohl  sie immer da war und sich nur nach einer Blume gebückt hatte…und die Tage darauf besuche ich Freunde, die sind nicht da, ich rufe zum Balkon hinauf nach Hund Willi, niemand da, habe so ein komisches Gefühl, die Stille um das Haus ist zu still, komme mir vor wie in einem Vakuum, fahre schnell wieder weg…dann ein Anruf, wo ich denn bliebe, man würde auf mich warten,…alle wären da, der Hund auf dem Balkon… warum konnten wir uns nicht sehen …

Irgendwo hinter  dem Untersberg liegt Berchtesgaden … im Namen die Huldigung der Uralten, weiter im Norden heißt sie Holla, viele Namen hatte sie schon, in den Gebirgsländern heißt sie Percht und einst war sie heilig und eine große Göttin. In der Zeit um Weihnachten herum bis hinein in den Januar fliegt sie durch die Luft, begleitet von einer Horde wilder Gesellinnen, aus ihrer Kraxe verteilt sie Seelen und wenn die Zeit reif ist, holt sie sie wieder ab. „Die Gans war das heilige Tier der Göttin. Als Mutter der Gänse (mother goose, so ihr englischer Name) war Holla/Berchta auch Herrin der fliegenden Frauen und Schamaninnen …

Früher gingen drei Frauen im Namen der Göttin helfend von Haus zu Haus und da, wo Not war, blieben sie , fegten die Stube aus, setzten sich zu den Sterbenden und halfen beim Gebären. Wenn sie wieder gingen, hinterließen sie ihren Segen.

Dieser Föhn, ein lauwarmer Wind im Winter, er kehrt das Innerste nach aussen, immer mehr schiebt sich in mein Bewusstsein das Bild eines großen Kessels, in dem gerührt wird … untere Seelenschichten schwemmt es nach oben, alles gerät durcheinander, Sicherheiten fallen auseinander, Gefühle zeigen Trugbilder, Wahrheiten geraten ins Schwanken, feste Bilder zerfallen in kleine Teilchen, alles schwimmt umeinander und ein Zauberstab rührt hierhin und dorthin und ich versuche einfach, loszulassen und auf die wohlwollendste Fügung zu vertrauen, die sich irgendwann in diesem Kessel zusammenbrauen wird.

Und wieder wird diese Sehnsucht wach in mir, nach einem Verbund der Frauen, „Zwölfe gingen übers Land“ heißt es irgendwo und ich fühle mich verloren so alleine, die Rituale der letzten Jahre sind verblasst, wir dürfen nicht aufgeben, neue zu erfinden … je älter ich werde, um so mehr spüre ich die lebenslangen Begrenzungen, das Ausbremsen meiner Wildnatur … auch rings um mich herum sehe ich es …und dann suche ich alte Geschichten und lese vor allem immer wieder in meinem Lieblingsbuch von Ursula Walser – Biffiger, die sich auch irgendwann in ihrem Leben auf die Suche nach den Wildfrauen begeben hat und unter anderem einen der wichtigsten Frauenorte beschreibt, die Spinnstube, die in alten Zeiten in geschützter Atmosphäre Liebesschule für junge Mädchen war und natürlich der Ort,an dem gerade während und nach den Raunächten die Geschichten gesponnen wurden:

… wird zunehmend ein Umbruch spürbar, der eine Zeit hervorbringt, die sich still öffnet: auf das Kommende hin, auf heimliche Verwandlungen, auf erahnte Möglichkeiten, auf Kräfte, die am Wachsen sind …mit Geschichten, die wir für uns selbst spinnen, für unsere Freundinnen und unsere Töchter. Von listigen , lustigen, lustvollen Weibern ist da die Rede, von faulen und fleissigen, von nährenden und heilenden, von rauhen und feinen, von ernsthaften, kichernden, wagemutigen und unverschämten. Von neugierigen Forscherinnen wird erzählt, von weisen Frauen, die die Zyklen des Lebens und des Wandels kennen. Von Genießerinnen, die sich verwöhnen lassen, von leidenschaftlichen Liebhaberinnen, aufrührerischen Widerständlerinnen, von zornigen Kämpferinnen, von stillen erfolgreichen Wandlerinnen und von denen, die sich aufmachen und ihrer Sehnsucht folgen. Wir erzählen von handfesten, unabhängigen Praktikerinnen und auch von solchen, die sich zurückziehen und träumen von neuen Welten. Von Frauenkraft erzählen diese Geschichten und von Mutterwitz. Sie nähren unsere Wurzeln, machen Mut, schaffen Wirklichkeiten – sind Keim für das Kommende.“

Und ich schließe mich gerne an, wenn sie noch schreibt, daß uns die wilden Begleiterinnen der Percht verwirren und stören und Krach machen, wenn unsere Geschichten zu brav werden und wir zu angepasst , dann erinnern sie uns daran, „daß wir die Freiheit aufgegeben haben. Den Frauen aber, die sich entschlossen haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und die Spinnerinnen ihrer eigenen Geschichten sind, bleibt die Percht das ganze Jahr über eine Freundin und Beschützerin …“

Es ist jetzt Lichtmeßzeit, noch kann gesponnen werden und nebenbei wird im Kessel umgerührt, das Lebenssüpplein zusammengebraut. Wünsche werden entgegengenommen und untergerührt, wenn man sie losläßt und reinwirft. Den Wunsch, es mögen 12 (13)  Feen spüren, daß die Zeit reif ist, den Stab in die Hand zu nehmen und loszugehen, um sich mit den anderen zu treffen und ein Fest zu feiern,  übergebe ich hiermit dem Kessel und lasse ihn umrühren und berühren

 

Das Kursive stammt aus dem Buch:

Wild und  weise
Weibsbilder aus dem Land der Berge von Ursula Walser – Biffiger
AT Verlag, Schweiz, 1998

dieses wunderbare Buch begleitet mich durch viele Jahreskreise als eine Quelle der Inspiration und des Vertrauens auf die Existenz der wilden Frauen, die von den Bergen herabsteigen, die nachts mit raschelnden Röcken in unserem Hof herumgehen und in meinem Herzen tanzen! Vielen Dank fürs Zitierendürfen, liebe Ursula!

 

 

Tomten …

Zwei Freunde haben meine Kindheit begleitet, waren stets für mich da, wenn ich sie brauchte, hatten immer Zeit  und ich konnte ihnen einfach alles erzählen. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussahen, sicher waren sie nicht größer als ich, also ziemlich klein. Ich kann mich noch gut erinnern, wo wir unsere Treffen hatten und ich habe meine eigene Kinderstimme noch im Ohr, wie sie mit ihnen spricht und sie bei ihren sehr geheimen Namen nennt. Nie hat jemand von ihrer Existenz erfahren, gesehen hat sie auch niemand, denn ich vermute, sie waren unsichtbar.

Irgendwann müssen sie weggegangen sein, ohne daß es mir aufgefallen wäre … und als ich viele Jahre später große Sehnsucht nach meinen beiden Freunden bekam und ihre Namen an den geheimen Plätzen rief, da blieben sie verschwunden, für immer.

Manchmal in der Nacht richtet sich die Katze auf und schaut zur Türe. Blinzelnd und schlaftrunken folgt ihr Blick aufmerksam dem Weg, den „etwas“ zurücklegt. Ich höre und sehe nichts … sie aber schon. In der Mitte des Zimmers scheint dieses „etwas“ stehen zu bleiben. Sie schaut es sich nochmal langsam von unten nach oben an, dann legt sie sich schlafen, wacht aber sofort auf, wenn dieses Etwas zur Türe wieder hinausgeht. Nie ist sie aufgeregt dabei, sie beobachtet und kümmert sich nicht weiter darum.

Bald ist Sonnwend, ich stapfe durch den Schnee in Richtung Wald und denke über die Menschen nach, denen ich in diesem vergehenden Jahr begegnet bin, und ich frage mich, wer hat sich in meinem Herzen eingenistet, wer ist hindurchgewandert, wer will hinein? Wem konnte ich Freude schenken, wer hat in meiner Gegenwart gelacht? Konnte ich denen Trost spenden, die traurig waren? Habe ich die leisen Hilferufe gehört?

Es dämmert bereits … ich gehe am Waldrand den Hügel hinunter … ich werde beobachtet , ein Bussard hockt bewegungslos auf einem vergessenen Zaunpfahl und schaut mich mit scharfsichtigen Vogelaugen an. Es geht steil bergab, der alte Pfad ist mit Gestrüpp überwuchert. Vor vielen Jahren gehörte der Einödhof zur Gemeinde auf der anderen Seite des Hügels und hier war der Kirch- und Schulweg. Und aus dieser Zeit stammt auch die Geschichte, die mir jetzt wieder einfällt.

Der Einödbauer war der Vater meiner Schulfreundin und er erschien mir damals etwas seltsam, er hatte nur noch ein paar große und gelbe Zähne, saugte stets an einer halberloschenen selbstgedrehten Zigarette, und wenn er vom täglichen Gang über seine Felder und Wiesen zurückkam, saß er schweigend in der Stube. Wenn ich hereinkam sagte er nur freundlich: Jaaaaa, die Gret ist da, weiter nichts. Eines Tages, als wir eine Zeitlang alleine am Tisch saßen, fing der sonst so Schweigsame auf einmal an, mir eine Geschichte zu erzählen, die er Jahre zuvor selbst erlebt hatte. Er war damals auf dem Heimweg nach der Sonntagsmesse und ging auf dem alten Kirchpfad am Waldrand den Hügel hinunter. Da bemerkte er plötzlich, daß ein paar Meter rechts von ihm im Wald ein kleines Mannei (Männlein) neben ihm herschritt. Es hatte einen großen schwarzen Hut auf und sagte nichts und der Bauer sagte auch nichts. So gingen sie schweigend nebeneinander her den Berg hinunter. Am Waldesende war das Männlein dann so plötzlich, wie es aufgetaucht war, wieder verschwunden und der Bauer ging alleine über die Wiese auf seinen Hof zu.

Ja, so ist das gewesen, Gret, sagte er nur und hat niemehr davon gesprochen. Warum er nur mir von diesem Erlebnis erzählt hat ist mir bis heute genauso ein Rätsel, wie das Auftauchen dieses Männleins. Auf meine Frage nach seiner Größe konnte er mir nichts sagen außer, daß es eben sehr klein gewesen wäre und es hätte zum großen schwarzen Hut dunkle Kleidung getragen. Als ich merkte, daß meine Fragen nirgends hinführten, gab ich sie auf. Ein Leben lang begleitet mich diese Geschichte und heute, wo ich genauso alt bin wie er damals, ist mir, als hätte er mir eine Art Vermächtnis hinterlassen.

Der Schnee ist regenschwer und es wird Nacht. Der Wald wahrt seine Geheimnisse und ich gehe zurück. Daheim sehe ich, daß die Amaryllis aus vermeintlich roten Knospen zwei große weiße Blüten entfaltet hat, von einer Schönheit, die das Ausmaß dessen zu übersteigen scheint, was noch ohne Wehmut im Herzen zu ertragen ist …

Die Wintersonnwende hat sich vollzogen, das Licht ist uns wiedergeboren worden.

Allen, die hier zwischen Himmel und Erde ihre Spuren hinterlassen, sichtbar oder unsichtbar sage ich ein herzliches Dankeschön und wünsche Euch und uns allen Freude im Herzen, mögen die Sterne sich in unseren Augen spiegeln.

Und da wir uns die Hände nicht reichen können, laßt uns eine Kerze anzünden füreinander.

FROHE WEIHNACHTEN!