24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 22 #Andréa Catel de Prates Soares

Mutmaßungen über das Deutschsein

Deutschsein, das ist für mich vor allem das Beherrschen der Deutschen Sprache. Eine harsche, viel zu oft schwierige, und mit Regeln versehene Sprache – die ich trotzdem wundervoll finde. Wer die Sprache nicht beherrscht, wird Schwierigkeiten haben sich zu integrieren, Deutsche und deren Kultur kennen zu lernen.

 

In Sao Paulo, Brasilien geboren wurde ich mit 7 von meiner Mutter nach Belgien geschickt, wo meine Tante mit ihrer Familie lebte. Ihr Grund: eine bessere Schulbildung. Bevor ich nach Deutschland kam, konnte ich also fließend Portugiesisch und Französisch. Erst mit 10 bin ich nach Deutschland gekommen. Meine Tante hatte ein Stipendium für ihren Doktor und konnte sich aussuchen ob sie in Belgien bleiben, nach London oder nach München gehen wollte. Sie entschied sich für München.

 

In München war ich erstmal in einer französischen Schule. Diese Zeit betrachte ich heute noch als “Eingewöhnungszeit”, es war Deutschland und doch irgendwie nicht. Zwar hatten wir Deutschunterricht, als ich aber schließlich in eine deutsche Schule kam, konnte ich gerade mal die Grundlagen, wie “ja”, “nein”, “Guten Tag”, “Danke” und “Bitte”. Das erste Mal, dass unsere Lehrerin einen “Andreas” aufrief fühlte ich mich angesprochen – und war peinlich berührt als ich merkte es war ein Junge gemeint. Mein erster kleiner Aufsatz, ich glaube es war eine Erzählung, hatte dafür schon einen ganz deutlich bayerischen Einfluss. Statt “plötzlich klingelte es” habe ich “da glingelts” geschrieben.

 

Natürlich war es für mich als Kind einfacher Deutsch zu lernen. Klar wurde es auch schnell besser, ich musste ja in der Schule und überall Deutsch reden (da ist es wieder, das Bayerische). Allerdings hat ewig gedauert, bis ich diese Sprache in meinen Augen wirklich beherrschte. Ganze 25 Jahre waren es, und ich bin sicher, die Kommasetzung werde ich nie ganz beherrschen.

 

Irgendwann habe auch ich geheiratet. Einen Amerikaner, der Deutsch lernen musste. Schließlich haben wir in Deutschland gelebt. In seiner Naivität (es gibt kein passenderes Wort)

und nicht zuletzt, weil ich fließend Deutsch rede, dachte er, ich wüsste alle Regeln und könne ihm helfen. Allerdings habe ich mich immer wieder dabei ertappt, die eine oder andere Regel vergessen zu haben. Was ist ein Gerundium gleich wieder? Und wie geht das mit dem Genitiv?

 

Deutsch ist schwierig. Ich rede hier nicht nur von der Aussprache, die fast jedem nicht-deutschen so schwer fällt. Es gibt so viele Regeln, die man beachten muss. Grammatik, Rechtschreibung, Satzzeichen und dann auch noch das Neutrum (das schwierig zu verstehen ist, wenn man dieses Konzept gar nicht kennt).

 

Deutsch ist aber auch ungemein präzise und akkurat. In keiner anderen mir bekannten Sprache können zwei scheinbar zufällig aneinandergereihte Wörter eine Sache so genau auf den Punkt bringen. Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass es einige Wörter im Deutschen gibt die keine Übersetzungen haben, wie Fahrvergnügen oder Schadenfreude. Deutsch ist die Sprache der Erfinder und Ingenieure, denn es werden mehr Patente auf Deutsch angemeldet als in jeder anderen Sprache. Und dann sind da noch die “Ausnahmen von der Regel”, aber selbst die machen Sinn.

 

Meiner Meinung nach fängt diese Genauigkeit in der Sprache, einschließlich ihrer Ausnahmen das Deutschsein ein. Es ist kein Zufall, dass der Stereotyp eines Deutschen mit Präzision, Pünktlichkeit und Höflichkeit zu tun hat (und auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel).

 

Ein Beispiel: die sogenannte “Work-Life-Balance”. Ein Amerikaner arbeitet anders als ein Deutscher. Es gibt sogar Studien darüber, dass Deutsche in ihren 8 Stunden Arbeit mehr “schaffen”. Deutsche lieben ihre Freizeit, die sie gerne im Freien verbringen, oder im Urlaub. Fast kein anderes Land in der Welt hat so viele Urlaubs- und Feiertage. Das alles gehört für mich zum Deutschsein dazu.

 

Deutschsein ist seine Arbeit gut zu tun und pünktlich abzugeben – während der Arbeitszeit. Deutschsein ist nach der Arbeit mit den Kollegen auf ein Bierchen zu gehen. Deutschsein ist seine Freizeit zu genießen (außer man ist Selbständig). Deutschsein ist aber auch mit der Geschichte konfrontiert werden, so gut wie überall (und nicht immer nett). Deutschsein ist leider auch von Leuten umgeben sein, die von dieser Geschichte nicht gelernt haben (was aber nicht nur ein Deutsches Phänomen ist). Deutschsein ist Erfindungsreichtum, Schrebergärten, schnelle Autos und Autobahnen, grantig sein und Gemütlichkeit. Vor allem ist Deutschsein für mich aber Freiheit, Freiheit zu sagen und zu tun was man will (solange das tun nicht gegen das Gesetz verstößt).

 

Es hat lange gedauert, bis ich endlich von mir aus gesagt habe ich bin Deutsch. Viele meiner Freunde sagen das schon lange. Trotzdem habe ich mich lange dagegen gesträubt meine brasilianischen Wurzeln aufzugeben. Erst nachdem ich, auch wegen des oben erwähnten Amerikaners, in die Vereinigten Staaten zog und schon ein paar Jahre dort lebte, fiel mir auf wie Deutsch ich wirklich bin. Deutschsein kann abfärben. Ich habe über die Jahre so einige dieser Eigenschaften übernommen und bin froh drum.

 

Eines ist jedoch sicher, ich hatte verdammtes Glück in dieses Land zu kommen und immer noch hier sein zu dürfen. Wäre ich in Brasilien geblieben oder hätte sich meine Tante für Brüssel oder London statt München entschieden, wäre ich ein anderer Mensch.

Text: Andréa Catel de Prates Soares

 

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 21 #Graugans

In den letzten Wochen war hier sehr viel Betrieb, viele hielten ihr Gastspiel hier auf meiner Bühne, zwischen Himmel und Erde. Jetzt ist die Bühne leer, ich habe den Haupteingang geschlossen, halte aber immer noch eine kleine Türe offen für Seiteneinsteiger, Nachzüglerinnen, versprengte Geister … Ich liebe es, Gäste zu haben, die mein Dasein bereichern, weil sie mich teilhaben lassen an ihrer Art, die Dinge zu sehen.

Ich bin aber auch sehr gerne alleine, rieche die Theaterluft und höre meinen Schritten zu auf dem Bühnenboden, der klingt, als wäre ein Hohlraum darunter, zum Sichverstecken vor der realen Welt. Eine virtuelle Bühne, eine die erstaunlich lange sich schon hält, alle anderen Versuche waren nicht so erfolgreich. Das halbfertige Papiertheater lehnt seit Jahren hinter einem Schrank. Das wunderbare “Theater hinterm Ofen”, ein Geschenk in Form einer Palette mit einem Stuhl darauf kommt nur an einem Abend zum Einsatz, beim Verlesen eines meiner besten Gedichte, wie ich meine, fängt der Ofen an, Funken zu sprühen, der einzige Gast ist eingeschlafen, schreckt auf und geht nach Hause … ach ja …und die Idee eines lauschigen, intimen Kellertheaters mit frivolem Saxophon scheitert an diversen Gründen, u.a. weil es vom einzigen Stück nur den letzten Satz gibt, an den ich mich aber nicht erinnern kann. Für eine, die zumindest teilweise von einer alten Theaterfamilie abstammt, bisher keine erfolgreiche Bilanz. Ich gehe nicht gern ins Theater, mag es nicht, eingeklemmt zwischen Vielen stundenlang auf eine Bühne zu starren. Aber ich habe Sehnsucht nach der Bühne, weiß genau, wie es da riecht und habe die Geräusche im Ohr, und ich spüre den Stoff des Vorhangs auf meinen Fingerkuppen … meine Sinne sind erregt, wenn ich nur an eine  Bühne denke und das Seltsamste ist, ich bin noch nie auf einer gestanden.

Die Mama muß es mir direkt vererbt haben, so eine Art Gen. Sie erzählte diese Geschichten, immer und überall. Sie spielte Szenen. Sie hat Arien aus Toska gesungen, während sie die Kuh gemolken hat. Woher kam sie … aus Deutschland, aus Österreich, aus Böhmen? Ja, aus Böhmen. Ihre Gefühle sind mir ein Rätsel geblieben, sie wechselten mit dem Publikum, mit dem sie jonglierte je nach Lust und Laune, ihre Paraderolle war die junge Naive … “wir spielen alle, wer´s weiß ist klug” soll Arthur Schnitzler gesagt haben. Mein wahrheitsfanatischer Papa spielte nie. Er mochte das alles nicht, was da an “gschlamperter Scheinwelt” von Österreich/Böhmen herüberwehte.

Ach, was für Gedanken mir da so kommen, während ich auf meiner leeren Bühne herumgehe.

Heute, in der Stunde vor Mitternacht, ist Wintersonnwend, der Kreis schließt sich und alles beginnt von Neuem. Ich setze mich auf den gebohnerten Bühnenboden und schaue hinaus ins All, hier zwischen Himmel und Erde kann ich erkennen, wie sich der blaue Erdenball  unter mir dreht, ich habe Zeit, Zeit in Hülle und Fülle. Bald ist Weihnachten. Das Land rennt und rennt, um sich noch schnell, schnell intensiv zu besinnen.

Ich verschenke gerne meine Zeit, aber das ist nicht so einfach, denn es hat eigentlich niemand Zeit für die Zeit. Und so bleibe ich allein ein wenig hier in diesem virtuellen Zwischenraum sitzen, sehe den Sternen beim Glänzen zu und dem Mond beim Kugelrundwerden und finde dieses Lied. Es klingt zwischendurch ein wenig schräg, beide später sehr berühmt singen und spielen hier, so scheint es, erfrischend unprofessionell … es klingt, als wären sich zwei Menschen so vertraut , daß sie nicht mehr reden müssen, da beginnen sie zu singen, miteinander, füreinander … und zufällig lehnt da eine Gitarre …

Irgendwo tief innen in uns vergraben, liegt ein kleines Kind in der Krippe, und allein durch sein Lächeln zerplatzen die Dämonen der Angst und der Einsamkeit, ich weiß es genau, es ist nie zu spät, es zu suchen … Singen hilft … da bin ich sicher.

 

 

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 19 #Michael Helminger (Teil2)

Meine Mutmaßungen:

Klar ist, ich bin Deutscher. Meine Familie war und ist deutsch. Damit trage ich all die »deutschen Prägungen« in mir. Natürlich verschlüsselt. Verwoben mit meinen persönlichen Prägungen. Aber dennoch da.

Natürlich möchte ich mit großen Teilen der deutschen Geschichte nichts zu tun haben. Aber als Deutscher trage ich Urheberschaft ebendieser Geschichte in mir. Sicher nicht direkt. Aber indirekt. Ich trage nicht schwer, aber ich trage. Meine Existenz heute fußt auf den Urhebern damals. Und Urheberschaft ist nicht übertragbar, auch nicht ablegbar. Das gilt für den malenden Künstler ebenso. Er kann sein Werk vernichten, verschenken, verkaufen. Urheber bleibt er aber trotzdem. Nur die Personen, die das Werk an die Wand hängen, ändern sich.

Deutschsein. Was über all die Generationen hindurchwirkt, vermag ich nicht zweifelsfrei zu benennen oder auseinanderzudividieren. Ich weiß nur eines: Wäre ich in Italien zur Welt gekommen, mit italienischen Eltern und italienischen Großeltern, in einer mediterranen Landschaft. Ich wäre heute jemand anderes. Was aber anders wäre, kann ich wiederum nicht mit Exaktheit benennen.

Halbleer anstelle halbvoll. Zwei Grundgefühle. Eines ist für mich deutsch und eines nichtdeutsch. Minderwertigkeit, fehlende Authentizität, Unreife schwingt mit. Gibt den Ausschlag. Wahrscheinlich auch bei mir. Ebenso in der Biografie eines Adolf Hitler. »Leer« beinhaltet ironischerweise Potenzial. Zum »mehr« werden, zum »besser« werden. Zur bedingungslosen Höchstleistung. Dennoch ist Halbleer vorweggenommene Niederlage.

Die Angst vor dem Untergang. Vor Verlust. Zwei Pole, die, wenn sie zueinander finden, frei jeglicher Moral Grenzziehungen niederreißen. Ich weiß heute: meine (deutsche) Erziehung war eine Erziehung immer hin zum Halbleer-Sein, niemals zum Halbvoll-Sein. So bin ich wohl auch in dieser Hinsicht Deutscher.

Uneindeutigkeit. Gegenteil von Stringenz. Ein klarer, übergeordneter Zielfokus fehlt auch mir. Auf dem Weg Irgendwohin gibt es immer Umwege. In Teilstrecken bin ich als Deutscher zu ungeheurer Systematik fähig. Als Deutscher trage ich beide Seelen in mir. Die Seele des Disziplinierten. Die Seele des Leistungswilligen. Das sind die Aspekte mit denen wir Deutschen assoziiert werden. Auf der anderen Seite steht die Seele desjenigen, der vergessen hat, wo er eigentlich hinwill, weil Vorbilder nie wirklich da waren. Das ist das, was die Deutschen auf meisterliche Weise zu verbergen gelernt haben.

Des kleinen Jungen, losgelassen in die Welt der Großen. Vielleicht, weil fehlende Vorbilder das Karma der deutschen Geschichte darstellen? Mein eigener Vater eignete sich nicht wirklich als Vorbild. Die Figuren des 3. Reiches dürfen keine Vorbildfunktion haben. Aus früher Geschichte hat sich keine schillernde Figur erhalten. Das ist für mich die wichtigste Mutmaßung in meinem Deutschsein.

Deutsche Reflexion. Ja, ich glaube Uneindeutigkeit und die deutsche Variante von Minderwertigkeit haben etwas hervorgebracht. Widersprüchlichkeiten zum Ausgleich bringen zu wollen. Durch Für und Wider. Durch Madigmachen. Durch Provozieren. Durch Gegenrede. Durch Illoyalität. Durch Verweigerung. Selbst durch das gelebte Empfinden der Nicht-Zugehörigkeit. Durch sich selbst Zerfleischen. Eine Bedrohung für alle Rechten und wie ich heute gelesen habe »Rechtsintellktuellen«.  All das führt letztendlich zu einer dialektiktischen Betrachtungsweise – und, das ist mein fester Glaube: Zu einer lebenswerteren Gesellschaft, die nicht Widersprüche einebnet, sonder ausfechtet.

Und all das sind auch … deutsche Tugenden!

Text: Herr Graugans / Michael Helminger
Blog: Erkundungen in der Ungleichzeitigkeit

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 19 #Michael Helminger (Teil1)

Weiberschlucht das heißt Babyn Jar. In Kiew. In der Ukraine.
Ich stehe am Abgrund. Am 29. und am 30. September 1941 wurden 33.771 Juden hier an dieser Stelle erschossen. In großen Marschgruppen kamen die Juden. Aus der Stadt Kiew und aus der Umgebung. Freiwillig. In der Hoffnung auf Züge, die sie weiter in den Osten bringen sollten. Das hatten die Deutschen versprochen. Bereits in der Stadt an entscheidenden Kreuzungen Gestapo-Leute, die den Menschenstrom lenkten. Sie hielten sich im Hintergrund. Geordnet. Ein logistisches Großprojekt. Minutiös geplant. Präzise. Effizient. Ja, die Ukrainer haben geholfen. Bereitwillig. Mich interessiert aber die »Projektabwicklung«. Spezialisten. Gingen mit der Erschießung um, wie mit einem Großtransport, bestehend aus vielen Einzelteilen. Exakte Arbeitsteilung. Exakte Zeitplanung. Schichtdienst. Mechanisierung des Tötens. Großteils SS-Angehörige. Aber auch Wehrmacht.
Vorher »normale Deutsche«. Hinterher »normale Deutsche«. Die, die später nicht identifiziert und verurteilt wurden … also die Mehrheit … leben noch heute unter uns. Als geliebte Großväter. Viele, die irgendwann am Grab ihrer Großväter oder Väter standen, hatten keine Ahnung davon.
Ich stehe genau an dem Abgrund, an dem damals die Kiewer Juden heruntergestoßen wurden. Um unten in der Schlucht erschossen zu werden. Es ist November. Schneeregen. Lehmboden. Steile Schlucht. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich will nach unten  sehen. Verliere das Gleichgewicht. Komme ins Rutschen. Rutsche. Genauso wie die Juden damals. Hinunter zum Boden der Schlucht. Verdreckt stehe ich auf und gehe zurück zur Metro. Blonde Ukrainerinnen schauen mich skeptisch an. Im Zug geht man auf Abstand. Man will sich nicht schmutzig machen.

Meine Großmutter. Nimmt mit einem Blick der Ehrfurcht ein Buch in die Hand. Erzählt, dass sie dieses Buch all die Jahre retten konnte. »Solche Bücher gibt ja heute nicht mehr, sagt sie«. Auf dem Titel steht in Goldprägung »Unser Heldenkaiser«. Sie erzählt dann mit glänzenden Augen von ihrem Vater. Kaiserlicher Offizier. Später Bahnhofsvorsteher. Beamter. Ein stattlicher Mann. Sonntags immer Spaziergang mit Degen. Sie erzählt vom Kaiser. Dann von den Braunen. Scheußliche Uniformen. Schlechte Umgangsformen. Schlechter Stoff der Uniformen. Die schreckliche Ruhrbesetzung durch die Franzosen. Von ihrem Vater als Erniedrigung erlebt. Wollte zu den Freicorps. Aber zu alt. Hat die »Ruhrschmach« an sie weitergegeben. Sie zieht ein weiteres Buch aus dem Bücherschrank.  »Feind im Land«. Es steht noch ihr Mädchenname im Innentitel. Nein, sie war ganz sicher keine NationalsozialistIn. Sie stand für eine protestantisch-preußische Tradition. Sie glaubte an deutsche Tugenden. Für sie war »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen« keine Worthülle. Für sie war das eine Tatsache. Die Nazis haben alles vertan. Die Größe Deutschlands. Die Nazis waren in ihren Augen profan. Ohne Glanz. Ohne Würde. Das warf sie ihnen vor. Juden. Schreckliche Dinge. So war das eben… Dann schlägt sie die Frau im Bild auf, liest von irgendeiner hohen Heirat aus der hannoverischen Linie.

Ich denke nach. Deutschsein. Deutsche Tugenden. Deutsche Nation. Wann hat das begonnen? Viel später als gedacht. Norddeutscher Staatenbund ab 1866. Dann preußisches Kaiserhaus. Vorher zwar Römisches Reich deutscher Nation. Aber das war etwas Anderes. Bin kein wirklicher Geschichtskenner. Während in Frankreich und England schon kräftig an der Nationenwerdung gebastelt wurde, gab es in Deutschland Viel- bzw. Kleinstaaterei. Erst ab 1848 kann so allmählich von einer echten deutschen Nation gesprochen werden. Vielleicht sehen das Historiker anders. Kommt vielleicht daher so etwas wie ein immwährendes deutsches Minderwertigkeitsgefühl? Gute Geschichten wollen klar umrissene Helden, die zwischen Gut und Böse trennen. Die Tradition der starken Monarchen findet in Deutschland immer nur eine eher schwächliche Variante. Deutsches Kaiserhaus. Naja. Deutsche Kolonien. Naja. Wenn also Nationen so etwas wie Ideenwelten zur Ordnung der Welt sind, ist die in Deutschland verspätet und lange sehr schwach. Vor dem ersten Weltkrieg kommt mir Deutschland so vor, wie ein zu schnell gewachsener, altkluger Junge, der jetzt vehement und jähzornig auf sein Recht pocht. Flankiert von deutschem, völkischen Nationalismus: Wir mussten aufholen. Mangels glorreicher monarchischer Tradition kam das Argument der rassischen Stärke…

Mein Vater. Blond. Blauäugig. Erzählte mit Ehrfurcht von den deutschen Landsern. Er war noch zu jung für den Krieg. Zu jung für Volkssturm und all die anderen Dinge. War wohl gern gesehen bei den Nazigrößen der Heimatstadt. Eines Weihnachtens bekam er von meinem Großvater eine geschneiderte Kinder-Landser Uniform geschenkt. War stolz darauf. Es gibt Fotos davon. Hätte das tausendjährige Reich länger gedauert, wäre er sicher seinen Weg gegangen. Hat ins Bild gepasst. Germanisch. Deutsch. So hatte er Glück. Aber das sage ich und nicht er. Die Erlebnisse gaben dennoch Prägung. Für das ganze Leben. War immer konservativ. Nie ausgesprochen rechts. Immer unauffällig in der Mitte.

Meine Mutter. Aus Pommern. Pietistisches Elternhaus. Freie evangelische Gemeinde. Gibt des Kaisers was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist. Die Strenggläubigkeit bewahrte vor Nazi-Anhängerschaft. Eine Großtante, die in den frühen 30er Jahren als evangelische Diakonisse nach Amerika ging. Im Namen des Herren. Eine Tante die als Diakonisse nach dem Krieg in der DDR verblieb. Meine Mutter macht ihre Ausbildung in der noch jungen DDR. Kehrt nach einem Verwandtenbesuch aber nicht zurück. Zwei Jahre später werde ich geboren. In meiner Kindheit Pakete für meine Tante in die DDR. Ich musste immer einen Brief schreiben. Jedes Mal eine Tortur. Kannte sie ja gar nicht. Die Pakete hatten einen doppelten Boden. Da hinein kamen die guten Sachen. Die gute Schokolade. Als Kind hätte ich sie gern selber gegessen. Aber das durfte ich nicht laut sagen.

Protestantismus. Pietismus. Kant. Und ich. Pietismus kommt von Pflichtgefühl, Pflichtbewusstsein, Ehrfurcht, Frömmigkeit. In meiner Familie die vorherrschende Glaubensrichtung. Ich kann Frau Graugans nie erschöpfend erklären, was der Pietismus beinhaltet. Ich kann nur sagen, wenn ich einen Pietisten vor mir habe, erkenne ich ihn. Ich habe Antennen, ein »Gefühl« dafür. Pietismus mit seinem Pflichtgefühl gehört für mich nicht nur zu meiner Familie. Pietismus gehört zu Deutschland. Ein Stallgeruch.

In einem Quergedanken fällt mir Moritz Schreber ein, mit seiner Erziehung zur »Triebableitung«. Auch er hat etwas mit Pietismus und Deutschsein zu tun. Pietismus meint: Das körperliche, lustvolle verneinen. Immerwährende Verantwortlichkeit gegenüber »dem Herrn«, relative geistige Freiheit gegenüber »den Herren der Welt«. Verantwortung für das eigene Tun übernehmen, persönlich seinem Gott gegenübertreten.

Da begegnet sich der strenggläubige Pietist und der Aufklärer Kant. »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir« oder auch »Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu werden, sondern um unsere Pflicht zu erfüllen.« Ja, wenn ich darüber nachdenke, komme ich aus dieser Gemengelage, glaube ich, daß dies zum Deutschsein zumindest in einer Facette gehört. Ich kann tun, was ich will, der leichtfüßige Papillon werde ich wohl nie werden…

Ein Ostpaket. Zu meinem Geburtstag 2018 erhielt ich von lieben Freunden ein Ostpaket. Mit Produkten, die zumindest markentechnisch ihren Ursprung in der ehemaligen DDR haben. Ich fragte, wie es war, wenn sie damals »Westpakete« erhielten. Eigentlich wollte ich fragen, wie das Leben in der DDR überhaupt war. Eigentlich war mir aber auch klar, dass es hier keine erschöpfenden Antworten geben kann. Das ist wie zur Zeit der »Westpakete«, wenn ein Foto meiner Tante zurück kam. Für meine Mutter eine Freude und sofortiger Anknüpfungspunkt. Für mich nur die Unmöglichkeit mit diesem Foto etwas zu verbinden. Fremde Erinnerungen, nicht meine Erinnerungen. Auch erkenne ich einen Unterschied in deutscher Wahrnehmung. Abgehängtsein ist ein Wort. Da ist nicht persönliches Abgehängtsein gemeint. Dafür gäbe es keinen wirklichen Grund. Da ist kollektives Abgehängtsein gemeint. Nicht wirklich angekommen sein. Eine Empfindung, die ich nicht haben kann, denn ich bin ja schon immer da… habe dadurch bereits meinen »Erbplatz«; bin kein neu hinzu gezogener.

Mutmaßungen über das Deutschsein? Nein, Mutmaßungen über das Deutschsein kann ich nicht liefern, liebe Frau Graugans. Wenn, dann Mutmaßungen »im« Deutschsein. Wenn ich den Versuch machte wäre es das gleiche wie jener aus Sparta, der sagte, alle Spartaner wären Lügner, obwohl ja bekannt war, dass die Menschen aus Sparta lügen… Hat jener jetzt gelogen oder nicht? Eine Form der Selbstreferenzialität. Viele fühlen sich dazu berufen. Weil sie glauben, man könne von außen in sich hineindenken. Draufsichten des Glashauses, in dem man selber sitzt. Drin sitzen und Draufschauen geht aber nicht gleichzeitig.

Deshalb überlasse ich das Draufschauen lieber anderen, die meinen, dieser Spagat wäre schaffbar und liefere weitere Gedanken am morgigen Tag …

 

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 18 #Irm und die Graugans

Kürzlich sagt der Moderator in einer Talkshow, er fände es sehr bedauerlich, daß man sich nicht mal mehr als befreundete Menschen “mal eben so” anrufen könne, geschweige denn, besuchen … so ganz ohne Grund, und alle in der Runde nicken und bestätigen es. Ja, ein Ausdruck unserer Zeit, in der man jede Minute “effektiv” verplanen muß, um nicht in Gefahr zu geraten, Zeit zu verschwenden.

Wir haben das gestern getan, meine Freundin Irm und ich. Sie kommt, einfach so, mitten in mein vorweihnachtliches Chaos hereingeschneit und wir setzen uns hin mit einem Tannenzweig und einer Kanne Tee. Dann lassen wir uns einfach reden, was so daherkommt.

Aus unseren Gedanken züngeln die Flammen, wir vergessen darüber, eine wirkliche Kerze anzuzünden. Ein altes Thema, das uns beide schon seit vielen Jahren beschäftigt, wird neu belebt durch einen aktuellen Dokumentarfilm: “Fatima – Das letzte Geheimnis”. Auf unterschiedliche Weise sind wir vom Katholizismus geprägt, hatten im Laufe des Lebens beträchtliche Auseinandersetzungen damit, Zweifel und Verzweiflungen und können doch, zumindest die spirituelle Seite, die weit über alles hinausragt, nie ganz verlassen … ein Thema für die Rauhnächte bahnt sich an …

Wie das so ist, wenn Kanne um Kanne Tee geleert wird und wir schmunzeln, weil meine Weihnachtsplätzchen krachen beim Hineinbeissen, bewegen sich die Gedanken weiter und weiter in diesem Wunder einer völlig zeitlosen Begegnung … was wissen die Menschen in diesem Land eigentlich von Weihnachten … eine ehemalige Bischöfin schreibt ein Buch für Kinder, um ihnen die frohe Botschaft zu erklären … denn die Kirchen sind zwar überfüllt an Weihnachten, aber wer weiß es, daß das Heil, nach dem wir uns alle sehnen, von einem kleinen Kind in tiefster Armut ausgeht, dessen Eltern man verjagte, weil sie nirgends erwünscht waren … vor ein paar Tagen war eine Mutter mit schwerster Depression, barfuß, im vor Angst vollgenässten Nachthemd, in ein Flugzeug gesetzt worden, hier in Bayern, in Deutschland, und abgeschoben nach Albanien, wo sie die Blutrache befürchten muß … meine Güte.

Und Dein Projekt, die “24 T. – Mutmaßungen …”,  wie geht´s damit … oh ja, gut ist es gelaufen, obwohl ganz viele Angeschriebene sich einfach nicht gemeldet haben,  nicht jeder mag auf einer fremden Bühne als Gast gerade bei diesem Thema ihr/sein Gesicht offen zeigen, ist schon in Ordnung.

Irm sagt:

“Als ich diesen Titel gelesen habe war es mir, als würde ein schwerer Mantel mich umfangen. Er zieht mich in eine Schattenwelt, die sich in mir auszubreiten droht. Unangenehm düster und schuldbelastet erscheint die Geschichte dieses Landes, das mich beheimatet. Irgendwie ein kollektives, schlechtes Gewissen, das sich mir aufdrängt. Vergessen all das andere, das mich in einem unglaublich reichen Land leben und trotz aller Ecken und Kanten in Freuden sein und tun lässt.

Deutsch sein – eine zutiefst eingepflegte Unsicherheit:

dürfen wir uns an unseren Talenten und Tugenden und deren Auswirkungen erfreuen – oder müssen wir den Blick dahingehend schärfen, dass ebendiese uns in zwei Weltkriege befördert haben? Welche dieser deutschen Tugenden sind denn an dieser Stelle von so großer Bedeutung?

Geht es nicht vielmehr darum, den Fokus auf das eigene Gedankengut zu legen. Das könnte eine schmerzhafte Wunde sein und dennoch lohnt es vielleicht, dieses Weh genauer zu erspüren. Gibt es vielleicht eine andere Seite der Medaille? – und könnte diese Vielschichtigkeit aus diesem Labyrinth von Schuld, aufgebaut in Generationen, einen Weg in eine andere Freiheit kennzeichnen?

Verantwortung für das weitere Ausmaß von Deutschsein versus ängstliches Betrachten von Deutschsein. Im Gegensatz zu Stolzsein für etwas – fern des eigenen Wirkungsbereiches – das scheinbar auf Neid und Angst vor Verlust und so einiges mehr fußt.

Auch wenn ich es manchmal nicht mehr hören kann – so scheinen mir Haltung und ein wertschätzendes Menschenbild, die Formeln für Frieden und Freiheit, sowie daraus folgende Zufriedenheit und Wohlstand zu sein und nicht so sehr die Pflicht, Pünktlichkeit, Sauberkeit und dergleichen, die uns so gerne beim Deutschsein zugeordnet werden.

Wenn ich mir für Weihnachten was wünschen könnte, so würde ich mich an Mitmenschen in meiner Heimat erfreuen, die sich mit einem Lächeln begegnen und die unglaublich anstrengenden Regelwerke wie:  schön, sauber geputzt und dekoriert, ordentlich und gepflegt im Äußeren und superfleissig in der Arbeit – einfach mal ins Kammerl sperren und die Seele baumeln lassen!

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr in diesem wunderbaren Land mit dieser abwechslungsreichen Landschaft und mit Menschen, deren Herzen mich mit einer Großzügigkeit hineingelassen haben UND nicht zuletzt auf zauberhafte Märchen und Geschichten, welche ich auch immer mit Deutschsein verbinde!”

Es ist finster geworden, ich zünde die Kerze in der Laterne vorm Haus an und begleite Irm zum Auto … auf bald! Ja, auf bald , das ist alles noch nicht  zu Ende gedacht, nein, natürlich nicht, ich bleib dran! – ruft sie mir noch zu und fährt weg. Die Sterne funkeln auf einmal so stark wie noch nie in diesem Winter und der Schnee glitzert, wie die Augen meiner Freundin, wenn sie lächelt.

 

 

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 17 #Zeilentiger

Koordinaten

Nehmen wir „Deutsch-Sein“ als politische Kategorie, finden wir uns im Bereich des historischen Zufalls wieder. Die Geschichte ist so reich an Wendepunkten, dass das, was heute als „Deutschland“ bezeichnet wird, auch völlig anders aussehen könnte.

*

„Prima, dass wir uns so weit geeinigt haben. Dann können wir ja jetzt eine Liste aufsetzen, was wir alles dazu brauchen.“ Meine spanischen Freunde sehen mich verdutzt an. Eine Liste? Wozu denn das? Sie organisieren sich nicht in Listen.

Vielleicht waren es ja auch gar nicht Menschen aus Spanien – ich will mit diesen Zeilen schließlich nichts über irgendein Spanisch-Sein aussagen -, vielleicht waren sie auch aus Moldawien oder Tunesien, das ist einerlei. Die Liste aber, die ist mein.

Listen mochten ja auch die Nazis. Ich weiß nicht mehr, wer es sagte: Die Nationalsozialisten waren so blöd, dass sie selbst über ihre abscheulichsten Verbrechen penibel Listen führten.

*

Im Arabischen bezeichnet al-nimsa das Land Österreich. Das Wort wurde über das Osmanisch-Türkische aus slawischen Sprachen übernommen. Aus der slawischen Wurzel nem(e)c, das deutschsprachige (eigentlich: stumme) Menschen bezeichnete, entspringt der heutige Name für Deutschland in einigen slawischen Sprachen. Als die damals über weite Teile Südosteuropas herrschenden Osmanen das Wort übernahmen (und es von dort ins Arabische weitergetragen wurde), war Österreich der wichtigste deutsche Staat Europas. Im Türkischen wird das heutige Österreich nicht mehr als nimsa bezeichnet, im Arabischen hingegen gilt dem eigentlichen Wortsinne nach – wenn man es auf seine Wurzel zurückverfolgt – bis heute die Republik Österreich als „Deutschland“, die Bundesrepublik Deutschland (almania) hingegen nur als nachgeordneter, nach einem Einzelstamm bezeichneter deutscher Staat.

*

Der Schalter am Flughafen Manchester war nicht besetzt, die Schlange der Wartenden wuchs und niemand kam, um ihren Check-in durchzuführen. Die Unruhe nahm zu, hie und da ein Murren, zunehmende Schärfe in den Stimmen und den eruptiven Bewegungen der Fluggäste. Der Schalter aber blieb leer.

Als er doch endlich einmal besetzt wurde, teilte sich die bisherige Schicksalsgemeinschaft der Wartenden in zwei Lager. Das eine johlte und applaudierte höhnisch, rief Worte des Unmutes nach vorn. Sie alle sprachen deutsch. Das andere Lager blieb unbewegt, ja wurde desto unbewegter, je lauter das andere höhnte. Auch ich zog mich in die Stille zurück, nahm

aus meinem Gesicht jeden Ausdruck von Ungeduld, überhaupt Gefühl, und hoffte, so ganz im Lager der tadellos schweigenden Engländer zu verschwinden.

*

Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, wirkte er sehr niedergedrückt, beinahe depressiv. Gründe dafür hatte er genug. Nun aber hatte sich etwas bewegt und plötzlich sprüht er vor Energie. Er strahlt so viel Kraft aus wie noch nie, seit er – aus Syrien geflüchtet und nach monatelanger Bewegungslosigkeit in einem Krankenhausbett – vor einem Jahr in Deutschland angekommen war. Innerhalb von sechs Wochen hat er deutlich abgenommen und aus seinem Blick spricht ein Wille, den er seit Jahren erprobt haben muss, sonst wäre er gar nicht zu diesem Punkt gekommen, an dem er jetzt steht.

Heute hat er Prüfungstermine erhalten für die Qualifikation, sich an einer deutschen Universität einschreiben zu dürfen. Der Termin liegt zu früh für seinen derzeitigen Sprachkurs und er hat Angst, nochmals ein halbes Jahr zu verlieren. Wir sprechen die Möglichkeiten durch, er überlegt, den Vorbereitungskurs parallel zu seinem eigentlichen Deutschkurs zu machen und vorzeitig in die Prüfung zu gehen.

„Wenn es erlaubt ist, mach das“, empfehle ich. „Es wird halt anstrengend.“

Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Anstrengend ist egal. Das spielt keine Rolle.“

Er meint es, wie er es sagt, und ich frage mich mit einem mulmigen Gefühl, ob ich in meinem Leben auch nur einen Bruchteil der Willensleistung aufgebracht habe wie er.

„Gibt es etwas an der deutschen Grammatik, das dir gefällt?“, frage ich später.

„Der Genitiv“, kommt es wie aus der Pistole geschossen als Antwort. Ich mache mir keine Sorgen mehr um ihn.

*

Wir sind als Individuen ein Kontinuum an Identitäten. In meinen Jahren in Stuttgart war mir wichtig, mich als Bayern-Schwabe zu bezeichnen. Zurück im bayerischen Allgäu, will ich nicht als Schwabe und noch viel weniger als Bayer betrachtet werden, sondern eben als Allgäuer – als den mich wiederum viele ‚Bergler‘ nicht sehen. In diesem schillernden Spektrum aus Identitäten, vom Bewohner eines kleinen Ortes bis zum Erdenbürger, vom Süddeutschen zum Europäer und so fort, ist das „Deutsch-Sein“ eine Ebene. Rechtlich relevant und sprachlich entscheidend, aber doch nur eine Koordinate des Kontinuums.

Text: Zeilentiger
Blog: Zwischen zwei Flügelschlägen

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 16 #Arno von Rosen

»Deutschsein«

Bin ich deutsch, nur weil meine Familie dieses Land seit 800 Jahren nicht mehr verlassen hat?
Bin ich deutsch, wenn ich mir Fähnchen an mein Auto stecke?
Bin ich deutsch, solange ich Parolen brülle, lauter als jeder andere?
Bin ich deutsch, wegen meines deutschen Passes?
Bin ich deutsch, weil ich Schnitzel und Bier mag?
Bin ich deutsch, aus Liebe zu Hunden oder Katzen?
Bin ich deutsch, da meine Eltern deutsch sind?
Bin ich deutsch, mit Deutsch als Sprache?
Bin ich deutsch, da mein besonderes Fest vor der Türe steht?
Bin ich deutsch?
Ich BIN deutsch! Ich könnte aber genausogut aus jedem anderen Land der Erde kommen und ich wäre noch der, der ich bin. Ich mag Menschen und Tiere, gutes Essen und ein gutes Wort, Gerechtigkeit gegen Jedermann, Gleichheit aller Menschen und Mahner, wenn es Not tut. Ich bin nicht besser oder schlechter als Du, Du oder Du, also stellt sich mir diese Frage nie, denn Du bist mein Nächster und wo Du auch herkommst, jetzt sind wir beide hier und machen das Beste daraus, denn Grenzen sind nur in unseren Köpfen, aber in unseren Herzen existieren diese nicht, und so sollte es immer sein.
Text und Bild: Arno von Rosen

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 15 #Herr Ärmel

Mutmaßungen über das Deutschsein? Das heißt, den Mut aufbringen und Maß anlegen. An das Deutschsein. Ist ein deutscher Mensch in erster Linie Mensch oder Deutscher. Zu fragen ist, ob deutschsein ein kultureller oder ein politischer Habitus sei. Oder beziehen sich derlei Vermessungen auf nationale Bewertungen oder Übereinstimmungen?
In meinen frühen Jahren endeten solche Fragen eher in Anmaßungen, allenfalls vorerwachsene Überheblichkeiten. Früher oder später spürt man das selbst aufgeladene Kreuz dort, wo man sich mächtig vermessen, verhoben hat.

Deutschsein. Die Zugehörigkeit zum dem Volk der Dichter & Denker.
Und ebenso gehört dazu – das Volk der Richter & Henker. Und nicht bloß in vergangenen Zeiten.

Was Deutschsein meinen kann, und das heißt für mich das kollektiv kulturelle Gemeinsame, das habe ich im eigentlichen Sinn erst als Deutscher im Ausland erkennen gelernt. Nicht als Urlauber oder Reisender, sondern als Deutscher, der in anderen Ländern und überdies in anderen Kulturkreisen gelebt und gearbeitet hat.

Da haben sich mir Unterschiede gezeigt, die sich im kollektiven Verhalten und Benehmen auffällig erkennen ließen. Unabhängig davon, ob es sich um einzeln auftretende Menschen oder Gruppen gehandelt hatte. Aus der großen Zahl der selbst erlebten Beispiele nenne ich lediglich einige wenige beliebig aus.

Was den deutschen Urlauber von den Urlaubern anderer Nationen unterscheidet, ist die weit verbreitete Angst im Urlaubsland allüberall über den Tisch gezogen zu werden. Deshalb ist der deutsche Urlauber über die Preise im Urlaubsland bereits im Voraus bestens informiert. Man kennt die besten Schnäppchenquellen. Und feilscht und schachert selbst dann noch, wenn den einheimischen Anbietern und Verkäufern die blanke Armut ins Gesicht geschrieben steht. Überhaupt das liebe Geld.
Bisher sind mir in Hotelanlagen oder Orten mit besonderen Sehenswürdigkeiten lediglich Deutsche begegnet; bewaffnet mit kleinen Kameras, detektivisch gebückt auf der Suche nach herumliegendem Schmutz oder Unrat. Damit lässt sich beim Reiseveranstalter eine nachträgliche Preissenkung durchdrücken. Notfalls auch mit Nachdruck, der Drohung einer Veröffentlichung im Internet.

Fast noch wichtiger scheint dem deutschen Touristen, nicht für einen Touristen gehalten zu werden. Deshalb wird fast fieberhaft nach Orten gesucht, an denen sich keine Touristen aufhalten. Nur um dort auf andere Touristen zu treffen. Kommt man dabei versehentlich Einheimischen näher als man sich selbst das wünscht in Kontakt, zieht das anschließend in aller Regel entsprechende Kommentare und Wertungen nach sich.

Andererseits gelten deutsche Menschen als die spendenfreudigsten weltweit. Egal ob ein Tsunami an fremden Gestaden eine Küste wegbeißt oder in Ouagadougou eine Heuschreckenfamilie vom Baum gefallen ist – enorme Geldmengen fließen sogleich nach dem ersten Spendenaufruf auf den öffentlich-rechtlichen Fernsehkanälen.

Und ich selbst. In Südamerika, Nordafrika oder Südosteuropa. Nicht ich wurde bewundert, sondern die Tatsache, dass ich Deutscher bin und dadurch vermutlich das Deutschsein verkörpert habe. Die bloße Erwähnung, Deutscher zu sein, war der Auslöser zu manchmal fast schon unangenehmen Lobesbezeugungen. Autos, Bach & Beethoven, strategisches Denken, Ehrlichkeit, Fußball, Goethe (in Südamerika hingegen Alexander von Humboldt), handwerkliches Können, Ingenieurskunst, Kultur, Perfektion, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Zuverlässigkeit usw. usf. Ein Wunderland mit wunderbaren Menschen. So will es scheinen.

Seit drei Jahren lebe ich wieder in Deutschland. Und gedenke dies auch weiterhin so zu halten. Welche Gegensätze zu dem Bild, das viele Ausländer haben, erlebe ich hier im alltäglichen Leben. Das Genörgel über Kleinigkeiten, die Besserwisserei, die Unzufriedenheit und die konsumierende Völlerei bei gleichzeitiger Schnäppchenjägerei in vielen Bereichen.
 Die vorgenannten zahlreichen positiven Aspekte zum Deutschsein, die mir von Arbeitskollegen, Bekannten oder Freunden anderer Nationalitäten in vielen Kommentaren und Bemerkungen aufgezeigt worden sind, machen mir die hier im Land oft so aufdringlichen negativen Äußerungen klein.

Herr Ärmel für das 24 T. Projekt der Frau Graugans

Text: Herr Ärmel
Blog: Herr Ärmel: Immer horsche immer gugge

24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 14 #Bludgeon

Welcome to my nightmare

„Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga, dass schon damals meine Mutter sang“. Alexandra. Hit in Deutschland(West) in den 60ern. Erfolgreich re-recorded und zu Fernseh-Show-Ehren gebracht von Iwan Rebroff in den 70ern. Der war nicht mal Russe!
Wieso wird sowas Hit? In einem Land, das ansonsten das Russenfeindbild faktenunabhängig pflegt, wie nur was!
Die Zielgruppe des Schlagers war die „Generation Großdeutschland“. Musikalische Traumabewältigung. Heimgekehrt aus jenen Gegenden mehr oder weniger weit hinter dem Ural, zum Schweigen verdonnert, weil es eh keiner hören wollte, oder keiner mehr hören konnte. Weil man sich hätte klein machen müssen, wenn man wahrheitsgemäß erzählt hätte – und weil es ein großer bitterer Happen Biografie war, der da in einem nagt. Wenn Alexandra singt, siehst du dich wieder am Stacheldraht stehen, mit dieser Sehnsucht im Herzen, die man Heimweh nennt…
Und dann kamst du heim, aber so anders. „Du hast geschrien im Schlaf. In der Nacht bin ich aufgewacht, warum hast du geschrien?“ Den Kindern bist du ein Rätsel.
Den Eigenen, denen jegliche Erfahrung im Umgang mit diktatorischen Verhältnissen abgeht. Die via Auschwitzprozessen unvorbereitet auf die Schreckenskapitel jener Gröfaz-Zeiten stießen und nun naseweis, rechthaberisch den Familienfrieden kaputtdozierten, sich in eine Art neues Geißlertum hineinsteigerten, Buße einforderten und selber büßen wollten, ohne zu verzichten; mit ihrer Rechtschaffenheit hausierten; ihre frische Anfangserkenntnis ausbauten, bis sie in absoluter Selbstgerechtigkeit gerann.
Auch in Deutschland(Ost) war das Lied von der Taiga ein Hit und Alexandra ein Star, ganz ohne Airplay in DDRischen Medien. Hier, wo man Zugang zum Alexandrow-Ensemble hatte, wo jeder Pionier-Chor Russenlieder schmetterte, wo keine Fernseh-Show ohne „Kalinka“ denkbar war, fehlte die musikalische Variante des melancholischen Heimkehrersounds offiziell völlig.
Zunächst half der Klassenfeind im Äther: „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor“ schallte aus dem Westen herüber; Heidi Brühls „100 Mann und ein Befehl…“, Kuhlenkampfs zynische Anspielungen auf seinen „Freundschaftsbesuch in der Sowjetunion 1943“ und auf dämlichen Kadavergehorsam vor Ex-Generälen in „Einer wird gewinnen“ waren die Schenkelklopfer-Trostpflästerchen für die Davongekommenen (Ost), deren Erinnerungen auch hier nicht zum offiziell-gewollten Ton passten.
„Die Abenteuer des Werner Holt“ wurden 1960 zum Sensationsbuch, zur ostdeutschen „Blechtrommel“. Die Hitlerjungen von einst hatten nun eine Bibel. Sie wurde zur Pflichtliteratur und trotzdem gern gelesen bzw. als Film rezipiert, weil er sich angenehm abhob, von den MosFilm- und LenFilm-Produktionen der „Freunde“, die eher für das dortige Klientel bestimmt waren und den (verständlichen) Siegestaumel auskosteten. Der „Holt“ war ein äußerst glaubwürdiger Entwicklungsroman aus deutscher Mitläufersicht; also massenkompatibel. Pflichtfilm 10. Klasse.
Er stand mir also noch bevor, als ich anfang der 70er wiedermal mit auf Praxis in die Dörfer fuhr. Wir fuhren ins Wethautal hinunter und an der Kirche hatte irgendwer die Hecke drastisch gekürzt. Im Vorbeifahren kam ein Kriegerdenkmalkapitel zum Vorschein.
„Or, guckemal ein Nazi-Stahlhelm! Bei uns?!“, krähte ich, ca. 11jährig, Blitzerkenntnis bewegt los.
„Quatsch. Issn Denkmal fürn Erschdn Weltkrieg. Unse hatten die Helmform schon im erschdn Kriege. Außerdem war nicht jeder Nazi, der den im Zweeten offsetzen musste. Oder is dein Onkel Toni etwa’n Nazi?“
„Nee.“ murmelte ich kleinlaut, prompt die Silhouette des hutzlig kleinen Kettenrauchers vor Augen.
„Was hätter solln machen, wenner geholt wird zur Musterung? Wenn du 18 wirschd sein, holnse dich och zum Barras. Und dann? Marschierste mit. Oder willste über die Mauer klettern?“
Ich schwieg. Das Thema arbeitete weiter im Kopf. Ein 68er wurde nicht aus mir.

 

Text: Bludgeon
Blog: Toka-Ihto-Tales