Der Cowboy

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Lieber Wolfi, viele Jahre hat mein Vater immer mal wieder gesagt: „Was wohl aus dem Cowboy geworden ist?“ Aber da warst Du ja schon längst erwachsen und wir hatten uns komplett aus den Augen verloren.

Als wir die Jugendwohngruppe 1988 gegründet haben, kam ein dünnes, blasses Bürschchen daher, blond und blauäugig mit einem Cowboyhut, der wohl ein Stetson sein sollte auf dem Kopf und Cowboystiefel an den Füssen. Wolfi, hast Du die denn jemals ausgezogen? Du bist mit ihnen die Berge hoch gerannt, barfuß in den Stiefeln, und alle paar Meter eine Kippe rauchend, in den Augen diese strahlende Lebenslust, und so eine große Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Du warst der Boss der Truppe, eindeutig, intellektuell, ein wenig verschlagen, immer fast ehrlich, aber nie so ganz, Du weißt schon, was ich meine, nicht wahr? Was innen sich so abspielte in Dir konnte ich nie ganz rauskriegen.

Wenn ich Dienst hatte, saßen wir halbe Nächte herum und hörten alte Country- und Westernsongs aus Deiner Sammlung, was wir gesprochen haben…ich hab es vergessen…aber wenn ich zurückdenke, sehe ich gewaltige Sonnenuntergänge im Kopf und meine, wir wären an einem Lagerfeuer in den Rocky Mountains gesessen, und hätten aus einer verbeulten Pfanne gebackene Bohnen gelöffelt.

Einmal, weißt Du noch, Wolfi, da saßen wir abends daheim, ich nähte Vorhänge und Du hast ferngesehen, es lief „Der Shut“ von Karl May, da kam der Anruf aus dem Jugendzentrum, in dem die übrige Truppe den Abend verbrachte:

„Bitte komm schnell, es fließt Blut, die lassen uns nicht weg hier!“

Weißt du noch Wolfi, Du hast es später tausendmal erzählt: ich mit schwarzem Trainingsanzug, in Hausschuhen und Du neben mir mit klackernden Stiefeln und Stetson am Kopf, stiegen wir vom Pferd und betraten das Haus…eine Gasse bildete sich…wie wir da hineingingen muß mächtig Eindruck hinterlassen haben, wir holten schweigend unsere Leute raus, stiegen auf die Pferde und ritten in die Nacht davon.

Noch vor ein paar Jahren, als wir uns das letzte Mal sahen, da hast Du mir gesagt, wie Du mich in jener Nacht bewundert hättest, ich hätte so eine Macht ausgestrahlt…ach Wolfi, und nicht mal da hab ich Dir sagen können, welch großen Schiß ich hatte damals vor diesen Schlägertypen und wie froh ich war, Deinen „Marshall-Blick“ neben mir zu wissen..

Vor mehreren Jahren, als wir uns trafen, weil einer von Euch sich in der Zelle eines Gefängnisses erhängt hatte und wir zusammenkamen, um an ihn zu denken, da warst Du schon weit über dreissig Jahre alt und hattest Dich endlich geoutet. Du warst damals, mit 17 schon stockschwul, Wolfi, aber erst zwanzig Jahre später, nach unzähligen sinnlosen Gesprächen und gebrochenen Mädchenherzen, hast Du Dich endlich dazu bekannt und es gelebt.

Damals hast Du was zu mir gesagt, was ich nicht mehr vergessen konnte, und jetzt, Wolfi, wo Du tot bist, noch viel weniger. Du hast gesagt: „Du warst meine richtige Mama!“ Ich hab das abgetan, konnte nichts damit anfangen, daß Du so um mich herumscharwenzelt bist, meine Güte, Wolfi, ich war so blöd, das Glitzern in Deinen Augen war nur zum Teil von den Drogen, die Du damals schon eingeworfen hast, da war noch was anderes…so ein Brennen und Sehnen, so ein Kinderblick voller Liebe und Traurigkeit…ich habs nicht erkannt, Wolfi, damals nicht, heute schon.

Ja, Du hattest es ernst gemeint, ich war Deine richtige Mama. Grad ich, die ich immer meine, alles sehen zu können, war so blind…wäre alles anders gekommen, wenn ich Dich in den Arm genommen hätte wie einen kleinen Buben?

Wahrscheinlich nicht. Aber ich werde es nie wissen.

Weißt Du noch, Wolfi, als Ihr Deinen Saloon gebaut habt im ehemaligen Geräteschuppen? Mit Schwingtür natürlich und diesem furchtbaren Kuhkopf mit Loch in der Stirn, der über dem Eingang hing und den alle so cool fanden. Und eine Theke gab es und Feste wurden gefeiert und „Money for Nothing“ lief viel zu laut und wir tanzten alle wie verrückt herum…war das eine schöne Zeit!

Du warst ein Rattenfänger, Wolfi, alle wollten zu Dir, aber Du konntest niemand halten.

Nach der Wohngruppenzeit bekam ich noch hin und wieder Post von Dir aus irgendwelchen Gefängnissen, wegen allen möglichen nicht ganz legalen Tätigkeiten, immer im Sinne der Menschlichkeit oder was Du drunter verstanden hast. Ich gebe zu, ich war froh, nicht alles zu wissen, was Du so getrieben hast. Irgendwie warst Du eine tragische Figur, oder? Rastlos umherirrend, auf der Suche nach was? Du hattest soviel Köpfchen, konntest alle Gespräche anführen, konntest alle beeindrucken mit Charme und Coolness und anscheinend wolltest Du immer ganz knapp an den Rand des Abgrunds…Du, ich mochte dieses gefährlich Verwegene in Dir, aber ich fürchte, ich habe Dich gar nicht gekannt, Wolfi, mein Cowboy.

Jetzt, vor ein paar Tagen haben sie Dich in der großen Stadt gefunden, als sie die Wohnung aufbrachen. Du hast schon tagelang tot dort gelegen. Mühsam flicken wir aus verstreuten Schnippseln Dein Lebensmosaik zusammen und finden rastloses Umherirren, irgendwelchen längst verlorenenTräumen hinterher, viele Drogen, immer knapp am Verhungern, viel rennen und viel betäuben und Suche nach Liebe und eine Einsamkeit, in die Du so eingesperrt warst, daß Du auch nach der Hand Deines einzigen Freundes nicht mehr greifen konntest.

Ich werde natürlich die anderen Eurer Truppe zusammenholen und wir werden viele „Weißtdunochs“ austauschen, alles ist schon so lange her und alle sind über vierzig Jahre alt und die Vergangenheit verblasst schön langsam und wir werden ein wenig traurig sein und an Dich denken.

Ich sitze da und habe dieses Klackern Deiner Stiefel im Ohr, sehe, wie Du in der Sonne sitzt, die Beine auf irgendeinem Tisch und lässig den Hut über das Gesicht ziehst wie in „High Noon“, ich höre Deine Stimme: „kommst Du auf mein Zimmer, ich hab wieder eine neue total geile Scheibe, die musst Du unbedingt hören“…und ich sehe dieses charmante, immer leicht süffisante Lächeln in Deinen Mundwinkeln.

Weißt Du, Wolfi, ich hatte viele Kinder, die habe ich alle ein wenig begleitet und sie dann wieder freigegeben, ins Leben hinaus… Was das wohl ist, dieses Leben?

Es bleibt was in meinem Herzen von Dir, mein Cowboy.

„Du warst meine richtige Mama“, hast Du gesagt,

ja, und Du warst mein richtiges Kind

und jetzt bist Du weggeflogen, für immer

und für immer wird mir ein Schmerz bleiben, wenn ich an Dich denke,

ein Schmerz ganz nah dem Glück, Dich gekannt zu haben..

es ist still geworden in diesem brütend heissen August,

gute Reise, mein Cowboy.

 

19 Gedanken zu „Der Cowboy

  1. wunderschön.
    Und wäre es nicht so intim und so ganz und gar eine Sache zwischen Wolfi und dir, hätte ich den Text furchtbar gern für den Mutterbilderblog gehabt. Aber ich bin sicher, du wirst mir einen schenken, irgendwann. Ich halt dir auf jeden Fall einen Platz frei.

    1. Du liebe Mützenfalterin, so schön, was Du hier geschrieben hast, ja, und in Deinem Mutterbildblog einen Platz zu bekommen ist mir eine enorm große Ehre…er arbeitet schon in mir, jetzt mehr denn je, dieser Text, leider bin ich eine langsame Schnecke, wie Du weißt…aber wenn die Zeit reif ist, dann schick ich ihn, liebend gerne werd ich ihn Dir schenken!

  2. Also, liebe Graugans … Dein blog ist ja nun wahrlich nicht arm an wertvoellen Beiträgen … aber dieser Beitrag – so trauig der Anlass auch ist – ist ganz sicher der ganz wertvollen Beiträge …

    Mit Deinen feinfühligen, innigen und intensiven Worten hast du uns einen Menschen vorgestellt, den ich z.B. nunüberhaupt nicht kenne, und dennoch entstand in mir ein inneres Bild … und das ist schon phänomenal.

    Du hast ihn quasi mit Worten gezeichnet … so dass wir ihn nun vor uns sehen können.

    War es ein verpfuschtes Leben ? Oder war es nur ein Leben auf der Überholspur, das halt nun seinen Preis eingefordert hat ? Ich glaube, beide Versionen haben was für sich, wobei ich eher zu ersten Variante neige … allein und ohne Beistand in der eigenen Wohnung zu verrecken (ich entschuldige mich mal vorsorglich für diesen Ausdruck, aber er scheint mir passend) … ist wohl ein trauriger Abgang.

    Und sehr schön auch … jene Version von „Sounds Of Silence“, wobei ich immer diese elektrische Version vonSimon & Garfunkel aus dem Jahr 1965 (mit dem grossartigen Mike Bloomfield an der Gitarre, aber das nur so nebenbei) bevorzuge und ich mir deshalb erlaube, sie hier auch mal zu präsentieren:

    https://www.youtube.com/watch?v=XgbBLKet14E

    Und dann ja … das Bild … so leid es mir tut … es ist großartig … erinnert mich aber an leidenschaftliche Lust … als an Trauer …

    1. Verehrter Meister und Glückshändler, Deine so liebevolle Anerkennung meiner Arbeit macht mich fast ein wenig verlegen, ich freu mich sehr und gleichzeitig bin ich so traurig, weil schon wieder so sinnlos ein Leben vergeudet dahingegangen ist in so einer abgrundtiefen Einsamkeit…aber, was wissen wir schon wirklich, nicht wahr? Ich habe jetzt beschlossen, es anzunehmen, daß es SEIN Leben war und er hat es so gelebt, wie er es halt leben konnte und auch, wenn es mich ratlos wütend und traurig macht, muß ich akzeptieren, daß es für ihn nur so gestimmt hat, auch bis hin zum bitteren Ende. Ja, und nach einem Bild hab ich lang gesucht und mich schließlich für dieses entschieden, genau aus dem Grund wie Du so schön schreibst, es erinnert mehr an leidenschaftliche Lust, denn an Trauer…genau…diese unglaubliche Lust am Leben, wild und verzehrend, ja, ich glaube, es würde ihm gefallen, meinem Cowboy!
      Und ich dank Dir für (eins meiner absoluten Lieblingslieder!) die Originalversion von Simon & Garfunkel…ich habe „Disturbed“ gewählt, weil der was hat, was Wolfi auch hatte…oder hat er es sich gewünscht? …so saucool sein…halt…ach was weiß ich schon. Ich grüß Dich, Meister, gut zu wissen, daß es Menschen gibt, die ihm Herzwarmes nachschicken hinauf zu den Sternen…dem Cowboy…

    1. Howdy! Ich dank Dir sehr, Bludgy, daß Du mir diese große Bitte erfüllt hast, dieses Lied wird seinen Weg zu den Sternen sicher nicht verfehlen und einer wird seinen Stetson ein wenig hochschieben und Dich anlächeln…so ´n bisschen süffisant…ein Waaaaahnsinnslied! Also dieser Gabriel, alle Achtung, Scheibe wird sofort besorgt! Ganz liebe Grüsse

  3. Wenn wir immer und sofort mitgeteilt bekämen wie uns andere sehen, wir würden im Boden versinken, vor Scham oder überschnappen und daran sterben. Sterben müssten wir so oder so.
    Dein Text über den Cowboy ist sehr einfühlsam. Das Bild dazu ist wunderschön. Auf diese Distanz ist es gut so, wie es ist.
    So traurig die Geschichte auch klingt, Du hast sie im Sack. Du hast Deinen Cowboy. Dass Du ihn in Ehren halten kannst – und wie Du das kannst – das wiederum ehrt Dich!

    Danke für den Text. Viele Grüße, mick

    1. Dein Kommentar berührt mich sehr, lieber Mick, nächste Woche werde ich den Cowboy zu Grabe tragen…unter einem Baum…seltsame Fügung, ich hatte ihn damals bei uns aufgenommen und jetzt bin ich die Einzige, die hinfahren kann…es schließt sich ein Kreis. Ich grüß Dich, Mick

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