7. Rauhnacht

Heute ist eine sogenannte Losnacht, „losen“ oder „lusen“ bedeutet in der bayrischen Sprache Horchen, Lauschen, also genau hinhören heute Nacht und wo hingehen oder wo sein, wo ich ungestört in die Stille des Raumes und seine hinteren Gründe hineinhorchen kann.

Und was fang ich an mit den wohlgemeinten Ratschlägen, sogar die Rauhnächte so gezielt und effektiv dazu zu benutzen, alle unerwünschten Anhaftungen, Ärger, Gedanken loszulassen, alte und neue Verbindungen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen und abzustreifen, was nicht passt, den Ballast und ungute Menschen. Und gleichzeitig  gar nichts zu tun und den Dingen ihren Lauf zu lassen, zu tandeln, verweilen, dasitzen und Löcher in die Luft starren oder „ins Narrenkastl schaun“, wie man früher bei uns sagte.

Ich gehe hinaus in den Wald zum Platz der wilden Frauen, den nur ich kenne und dort bin ich alleine, ganz alleine. Es ist Nacht und  eine Nebelzunge leckt über mein Gesicht. Der 13. Mond, dem ein gewaltiges Stück an seiner rechten Seite fehlt, verschwimmt tatenlos hinter Milchglas. Und nun, was soll ich erhorchen und was soll ich wissen, welche Träume darf ich nicht träumen, weil sie sich nicht schicken für ein altes Weib, welche Illusionen zerplatzen wie Seifenblasen, wenn ich sie berühre, welche Begegnungen drohen mit schlechten Anhaftungen, was ist denn gut für mich…ach, mir wird schwindlig bei diesen ganzen Nachforschungen darüber, wo überall die Gefahren drohen und was ich alles loslassen soll und vor was ich auf der Hut sein soll, und ich höre die Vaterstimme: “ Du fällst schon wieder aus der Rolle, du bist so extrem, übertreib doch nicht so, erzähl doch nicht immer allen alles, die Menschen sind nicht so wohlmeinend wie Du denkst, Du bist eine solche Träumerin,  jetzt reiss dich doch endlich zusammen und laß dir was sagen!“…nein Papa, ich laß mir nichts sagen, und zusammenreissen mag ich mich schon gar nimmer, ja, ich bin eine Träumerin, aber es ist mir alles scheißegal, ich will Musik und Tanz und Poesie, Freude und Gelächter, und ich will meine Zeit verschleudern und meine Liebe verschwenden im Übermaß, ja, auch an die Falschen, ach, welche sind denn bitte die Richtigen? Ich möchte Menschen an der Hand halten und das Verkehrte sagen und Blödsinn quatschen und mein Leben vertun mit Gaukelei und die Tage mit den Nächten vertauschen, womöglich verwahrlosen und springen und hinfallen und humpelnd weitertanzen  und küssen und weinen und mich aufregen an nicht adäquater Stelle und wenn ich  sterben muß, dann sollen alle sagen, sie hätten mich gewarnt vor diesem zügellosen Leben, aber ich möcht lieber an Aufregung im Herzen früher vergehen müssen, und weil alles zuviel war, als an grenzenloser ausdorrender Vernunft und einem zufriedenen und anständigen Leben.

Hinten aus dem Dickicht greift ein fahler Arm nach mir, und eine Stimme sagt, “ schau Greterl, da, an diesem Ast hab ich mich erhängt“, ach Mama, da ist  gar nichts passiert, das Schürzenband ist doch abgerissen, weißt Du denn das nicht mehr und jetzt verschwinde, auch für dich stehe ich nicht mehr zur Verfügung. „Warum finde ich denn den Papa nicht? “ Meine Güte, laßt mich doch endlich in Ruhe, pfeift den „River Kwai-Marsch“ aus Euren glücklichen Zeiten, und wenn Ihr Euch trotzdem nicht findet, dann ist mir das auch egal jetzt. Ja, und ich,  ich werde weiter übertreiben und meine Gefühle auslassen und herumspinnen, was das Zeug hält und Visionen in die Welt setzen, die nichts standhalten und die niemand braucht und ich werde weiterhin die Träume träumen, die sich nie erfüllen, wozu auch? Und ich werde weiterhin zu spät kommen und so verschwurbeltes Zeugs von mir geben, was kein Mensch versteht…

Und ich tanze frierend und mit Nebelhaar auf der Lichtung herum und noch bevor ich richtig sehen kann, was da hinten herumsteht, packt mich eine große, alte, mächtige Gestalt in einem bunten Fetzengewand…ich hatte sie gar nicht herankommen gehört…mit krächzender Stimme sagt sie:“ So, jetzt ist aber genug gequasselt für heut, Du gehst jetzt auch in meinen Kessel und bist still, damit ich in Ruhe umrühren kann, geh nur rein, da sind schon etliche, die Du kennen wirst, und dann schaumamoi, was wir  da für ein Supperl für Euch zusammenrühren können!“ Sprichts, blitzt mich mit schwarzen Rabenaugen an und schmeißt mich in den Kessel. Durch grüntürkises Wasser sinke ich langsam auf den Meeresboden und lasse geschehen was geschieht.

Irgendwann komme ich heim. In der Stube läuft der stumme Fernseher, aus dem Hörbuch spricht  „Der Mann ohne Eigenschaften“, Herr Graugans samt Kater Herbert schnarchen auf dem Sofa und öffnen jeweils ein Auge. „Ganz unrecht hatte Dein Vater nicht mit der Aussage, daß es wohl niemanden auf der Welt gibt, der so spurlos verschwinden kann wie seine Tochter“… schaut auf meine durchnässten Schuhe und schläft weiter.

Ich hole mir ein wunderbar dunkles Bier, gehe vors Haus und proste allen zu, den Sternschnuppen und den Rauhnachtsgeistern und denen, die auf dem Meeresboden noch auf die Blauen Wunder warten…

Sie werden passieren, glaubt mir!

 

18 Gedanken zu „7. Rauhnacht

  1. Prost, Graugans, so eine bin ich nämlich auch, eine die auf dem Meeresboden auf ihr Blaues Wunder wartet. Ich bin ein bisschen weinerlich in diesen Tagen und habe in Deinen Zeilen einmal mehr ganz viel Trost gefunden. Hab Dank dafür!

  2. danke! danke dafür! (sitze hier im ferienhaus bei irischer musik, während die freundInnen noch zum strand laufen. mir ist es grad lieb, allein zu sein und hierhin und dorthin zu denken und i knacke erdnüsse, spüre mit leiser wehmut, wie das große weltenrad sich dreht und nichts bleibt unverrückbar stehen und die sanfte bewegung der zeit nimmt mich mit, ob ich will oder nicht – lichtzeichengrüße zu euch in den äther!)

  3. Ich setze mich neben dich auf die Hausbank.Vom dunklen Bier werde ich zwar etwas berauscht sein,aber die Sterne funkeln,die Mondin erhellt unsere Gesichter- und wer weiß,was so alles geweht und geflogen kommt.

    1. Das ist ja schön, Dich hier zu treffen, liebe Brigitte, vermisse dich reichlichst, wir müssen uns ganz bald wieder sehen im Neuen Jahr. Aber gscheiter wärs, wir täten dann ins Haus hineingehen, auf der Hausbank ist es schon recht kühl, meine Liebe! Pfiati, bis demnächst!

  4. Ja, so sind wir, liebe Graugans, wir verschleudern und verschenken uns und sinken in die Arme, die sich uns entgegenstrecken und nein, das kann nicht verkehrt sein, wir riechen ja schon, wenn es nicht stimmt, so alt sind wir dann doch schon geworden, oder weise … ;o)
    Dass manchmal noch immer der Vater oder die Mutter … das ist wohl so, sie muss man dann eben doch wieder in ihre Welt zurückschicken, die geliebten Hartnäcker-

    Das Narrenkasterl … das fand ich schon bei Cambra und bei Luisa , das scheint etwas urbayrisches zu sein, ich hab so meine eigene Ideen dazu und will eins bauen, fürs nächste Jahr …
    Hier sind die Perchten leise, ob sie den ewigen Sonnenschein nicht so mögen? Nun regnet es ja (endlich), da schaue ich, wie es noch wird mit ihnen.
    Ich folge den Linien und wie ich ihnen folge, lasse ich los und wünsche und ziehe eine Karte, es brennen Kerzen, Salbeirauch schwebt durch die Kemenate, die Trommel will gerade nur gaaanz leise, aber mein Gesang, der tönt über die Wiesen, ihm ist es egal, dass dort andere entgegen kommen-
    Und heute Nacht da proste ich dir zu und singe mein Lied leise
    allerherzlichste Grüsse von Berg zu Berg, von Herz zu Herz
    Ulli

    1. Liebe Ulli, hab vielen Dank für all Deine Freundlichkeit im vergehenden Jahr…es ist ja schon ziemlich geschrumpft und hat sich vorm alten Haus ins Rosendickicht verzogen, dort kann es geheim und auf seine Weise vergehen…ich dank Dir auch sehr, sehr für das, worauf mich Pina so wunderbar anlächelte…balde wird es weitere Luftbewegungen geben, die Eulen haben Hochkonjunktur…ich werde mir jetzt auch eine Karte ziehen aus den Karten der Kraft, ein wenig tierische Begleitung kann ja nicht schaden, ja räuchern…und ja, die Percht zeigt wieder mal nicht das, was wir von ihr erwarten, so soll es sein, gell! Irgendwann setz ich mich heut hin und schau bloß noch so vor mich hin ins Narrenkastl und versuche zumindest, alles, was kommen mag, geschehen zu lassen…jetzt kommt dann der Schnee zu Euch, zu uns, aber wenn er wieder von der Sonne weggschleckt worden ist, dann setzt sich eine von uns ins Auto, gell? Viele liebe Grüsse aus Rosenhausen

      1. Ich lächel dir zu, du Gute … und das Narrenkasterl hat mich heute gar nicht mehr losgelassen, da schaut und schaute ich herein- tut das guuut
        Skole und Prosit, liebe Graugans
        die blaue Eule ruft durch die Nacht

  5. Das ist der Winter der Graugänse. Flügelsingend ziehen sie über unseren Köpfen dahin. Wer ihrem Flug folgen will, muss viel an Ballast von sich schmeißen, denn sonst ziehen ihn die schweren Gedanken, die erdigen Füße, die im Vernunftbrei stecken, immer wieder zurück. Ach, es ist ja nicht einmal die Erde, die uns zurück hält, wir krallen uns doch irgendwo fest. Manchmal muss man halt einfach loslassen!
    Zum Jahreswechsel einen mentalen Sternenflug, das wünsch ich dir mit vielen Freudensternen, die dir weiterhin leuchten sollen!
    Deine Margit

    1. Du Liebe, laß uns uns viel umarmen in diesem Jahr und vor allem tanzen, tanzen, tanzen, sonst sind wir verloren, sagte die Pina und singen, was das Zeug hält und endlich wieder mal mit dem Funkenflug ums Feuer springen, solang wir noch können und uns aufführen wia de wuidn oidn Weiber, möge uns die Frau Percht im Großen Geheimnis durchs Leben führen und ihre schützende Hand über uns halten, bis wir dereinst in ihrem Rucksack verschwinden und in ihr Apfelgärtlein den Ewigkeiten entgegenlachen…Ich küss Dich !Pfiati bis boid!

  6. Ich feindanke Ihnen, liebe Frau Graugans, für die offenherzig gewährten Einblicke in Ihre unnachahmlichen Zauberwelten.
    Ich wünsche Ihnen ein wundervolles 2016er Jahr und dass sich verwirklichen möge, was Sie sich wünschen.
    Jahresendliche Grüsse aus dem frohklingenden Bembelland, Ihr Herr Ärmel

    1. Ach, Sie wunderbarer Herr Ärmel, all dies und noch viel mehr wünsch ich Ihnen auch und daß Sie unbedingt so bleiben , wie Sie sind! Möge das Große Geheimnis seine segnende Hand über Sie halten. Jubilierende Grüsse aus Rosenhausen ins schöne Bembelland, Ihre alte Frau Graugans

  7. Oh, erstmal vielen Dank für Auffrischung der alten Rauhnacht Tradition. Und gerade dieser Text ist ja so richtig schaurig-schön und natürlich gibt es für mich da noch eine weitere, tiefere Ebene … die Begegnung mit all jenen Dämonen, die – meist ausgelöst durch eigene biographische Erlebnisse und Erfahrungen – in uns weiterhin herumgeistern.

    Das kann man ja wieder mal wieder wenden und drehen wie man will, sie sind halt immer noch da … mir rauben sie gelegentlich den Schlaf, denn sie verstehen es nur zu gut, sich in meine Träume zu schleichen.

    Nun ja … that´s the price I have to pay …

    Aber unabhängig wurde ich durch Deinen blog wieder mal anspitzt, mich mit der Tradtion der Rauhnächte zu beschäftigen. Spontan ist mir erstmal das Kluftinger Krimi eingefallen … aber das ist ja nur die Oberfläche.

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