Stella cadente …

Eine paradoxe Zeit zwischen Wintersonnwende und Frühlings-Tag- und Nachtgleiche. Alles endet, alles beginnt gleichzeitig. Steinbock hat gründlich aussortiert. Nur das Wesentliche hat Bestand, spricht Saturn, der gestrenge Herr der Zeit, das Leben ist zu kurz für Illusionen. Ich aber habe große Taschen in meinem weiten roten Rock …

Die alte Göttin Brigid hockt an ihrem Lieblingsort, der Schwelle, dort mißt sie das Licht und lenkt den Strahl zum Schmieden von Eisen und Poesie. Ein magischer Ort, die Schwelle, nicht drinnen, nicht draußen. Die Toten wurden hinausgetragen, mit den Füssen voraus, und auf der hölzernen Schwelle des alten Hauses wurde der Sarg dreimal abgesenkt. Katzen kennen sich aus auf der Schwelle, keine würde einfach so hinausgehen, ohne dort  innezuhalten, um dann mit dem Kopf draussen und dem Hinterteil drinnen nach gebührlicher Sammlung eine Entscheidung zu treffen …

Wir sitzen vor ihrem Bauernhaus, direkt an der Mauer vom Gottesacker. Einer der uralten Höfe behäbig neben Kirche und Wirtshaus. Wir trinken Espresso und ich sehe nach oben am schlanken Kirchturm entlang bis zur Spitze. Die Farbe da oben kitschig blau, wie die zerbrochenen Fliesen damals in meiner Wohnung in der großen Stadt … ein Kollege wollte sie austauschen, aber dazu kam es nicht, wir saßen am Boden und redeten und tranken Bier … ich mußte immer auf diesen weichen Mund schauen und fragte mich, ob er wohl küssen konnte … oh ja, konnte er, und wie, das stellte sich kurze Zeit später heraus, abends in der Blueskneipe … aber das ist eine andere Geschichte … merkwürdig, was mir einfällt, während ich ihr gegenübersitze, sie, mit der ich mir die Großeltern teile. Ihr Vater war der älteste und meiner der jüngste von sieben auf unserem Hof, der soviel bescheidener, ärmlicher ist als dieser hier, auf dessen Südseite wir sitzen.

Die zweitälteste Tochter des  gefürchteten Onkels, für mich unnahbar, fremd und so unglaublich schön,  wie von den Sternen herabgestiegen und ihr Lachen leuchtend wie das von einer Göttin. Ich habe sie, die ältere, meine ganze Kinderzeit aus der Ferne bewundert. Jetzt sind wir beide alte Frauen geworden und sitzen uns gegenüber. Unsere Augen spiegeln nicht den Versuch, über Schnee und alte Dächer, Kinder und Enkel zu sprechen, sondern wie immer die drohende Qual, den Leichen im Keller unserer Familie zu begegnen. Nur wir beide scheinen übriggeblieben zu sein mit diesem ahnenden Wissen. Ich bin die letzte am Stammhof der Familie, ihre älteste Schwester will nichts von all dem wissen und die beiden jüngeren sind gestorben, alle unsere Eltern sowieso und die nächste Generation hat kein Interesse an Familiengeheimnissen. Und wir beide, was machen wir mit dem Ganzen? Ich erfahre, was die letzte Familienaufstellung über ein verlorenes Kind im letzten Kriegsjahr, versteckt in einem Keller, zutagebefördert hat … die verzweifelte lebenslange Suche nach Liebesbeweisen, die auch nach dem Tod der Eltern nicht aufhören … unser Großvater hat meine Mutter angespuckt, so sehr hat er sie gehasst, kennst Du dieses Gefühl des Anderssein … Fremdsein, da wo man ist, ja, kenn ich … und kennst Du dieses Verlorensein, wie eine Nußschale auf dem Meer, ja. Und selbstverständlich kenne ich Melancholie und Einsamkeitund ich weiß, daß wir geprägt wurden von all dem Verdruß unserer Eltern, den sie an uns ausgelassen haben.

Komm, Du, wir machen die Kellertüre zu … sollen doch die Toten die Toten begraben … woher kenne ich diesen rettenden Spruch? Im Zweifelsfall aus den Apokryphen. Sollen die Toten mit ihren eigenen Gespenstern tanzen und mit ihren Geheimnissen in Frieden ruhen. Ich will mit den Lebenden tanzen, die Zeit ist zu kurz für das Wiederholen längst auserzählter Geschichten, sie verstopfen nur die Kanäle für all die Freude, die darauf wartet, gelebt zu werden, alles passiert jetzt, gestern und heute sind nicht existent und auch das Jetzt ist schon gegangen, sobald ich es ausspreche.

Schau, wir haben die großen breiten Hände unserer Väter und ums Haus herum erkennt man auch die Verwandtschaft, bei Dir steht ja noch mehr angeschlepptes Zeugs herum, als bei uns, man sollte reduzieren in Anbetracht des Alters …und dann lacht sie und die Sterne tanzen um uns herum … magst Du die Madonna haben … ja gerne … nimm doch die Truhe und den Schrank … nein bei uns ist auch alles so voll und ich möchte im Sommer wieder ein Fest feiern … aber die Madonna … ja, die Madonna mag ich gerne, ich fühle mich ihr nahe, dieser Himmelsfrau, wir könnten ihr den Hergottswinkel im alten Haus als irdische Wirkstätte anbieten …

11 Gedanken zu „Stella cadente …

  1. „Lass die Toten die Toten begraben“ ist nicht aus den Apokryhen, sondern bei Matthäus 8.22 zu lesen. Ein Jünger wollte erst seinen Vater begraben, bevor er mit Jesus ging. Darauf antwortete ihm Jesus mit dem obigen Satz.

  2. Die nächste Generation hat das alles, was ihr mit euch rumschleppt, auch geerbt. Vielleicht solltest du die Fäden entwirren und es aufschreiben. Für später. Wenn irgendwer fragen wird.
    Alles Liebe dir vor und hinter der Schwelle. Ich denke oft an dich.
    Liebe Grüße
    Christiane vom flachen Land

  3. Dass die nächste Generation kein Interesse an alten Familiensachen hat, kann ich bestätigen. Aber dass unter Umständen ihr Leben davon mitbestimmt wird, würde ich schon sagen. Doch das alles scheint zugewischt zu werden mittels dieser Apparaturen, und wohin letzten Endes alles gewischt wird, vermag noch niemand zu sagen…
    Gruß von Sonja

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