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“Paradiesghetto”

Vor mehreren Wochen, um mich nicht ganz in den düsteren Welten von Ole Knausgard zu verlieren (“Es hat alles seine Zeit”), wollte ich zwischendurch was anderes lesen und griff zu dem Buch: “Das Paradiesghetto” von Eberhard Rathgeb. Kein dickes Buch, 235 Seiten. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf, es geht mir nach, verfolgt mich, nein, nicht bedrohlich, leise und unauffällig ist es in meinem Leben aufgegangen und ich sehe es in meinen Augen, wenn ich in den Spiegel schaue. Es ist die völlig unspektakuläre Geschichte einer alten Frau, Mutter von vier erwachsenen Töchtern und Witwe, die alleine in ihrem Haus lebt, ihren täglichen Verrichtungen nachgeht und über ein Leben, ihr Leben, nachdenkt. Und sie sinnt nach über Fragen, auf die sie keine Antworten bekommt…oder sollte ich sagen, daß sie über Antworten nachsinnt, zu denen sie nie die richtigen Fragen gestellt hatte? Ich ahne Geheimnisse und ich ahne, daß sie sie auch ahnt, warum wurden denn soviele Dinge nicht angesprochen, frage ich mich. Eine müßige Frage und nicht zu beantworten.
Ein Buch voller Melancholie, Lebensüberdruss, Einsamkeit, einem alten, lästigen Körper, Schrulligkeiten, fixen Ideen, einer ungeklärten Schuld…nein, nicht zu viele Worte machen…es ist die einfache Geschichte einer alten Frau, deren Leben zu Ende geht, erzählt von einem, dem ich sie glaube.

“Sie hatte das Glück nicht gemocht und war mit ihrem Unglück alt und einsam geworden. Sie wusste, dass sie nicht in Frieden sterben würde. Die Unruhe blieb, der Zweifel, das Mißtrauen, die Empörung und eine ungewisse Sehnsucht. Das Leben zog sich aus ihr zurück, müde und schwermütig, wie nach einer Niederlage, ganz so, als sei ihr nicht zu helfen gewesen.

Sie saß im Sessel, die Beine ausgestreckt auf dem niedrigen Tisch vor sich, und schaute in die Leere zwischen den Dingen, die sie überleben würden.”

Das Paradiesghetto
Eberhard Rathgeb
Carl Hanser Verlag
2O14

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