Nekropole

Sie vermauert den Eingang, wenn sie den Winter über im Haus lebt. Das Haus, das ist sie und sie ist das Haus und wenn sie ihren extrem sensorisch begabten Fußkörper zurückzieht –  mit dem sie sich ansonsten vorwärts bewegt, atmet, ernährt  – dann gleitet sie in der Spirale des Hauses in sich selbst zurück. Ihr Leib legt sich um sich selbst herum, schmiegt sich an die glatten Wände des eigens für ihn und durch ihn entstandenen Hauses. Sie ruht in ihrer eigenen, schleimigen Feuchtigkeit und kommt erst wieder heraus, wenn die Bedingungen für sie erträglich sind. Dann hinterläßt sie eine Spur, die im Mondlicht silbern glänzt.

In der Liebe mag sie gerne intensive Berührung und langandauerndes Aneinanderkleben zu zweit oder zu mehreren, sie wechselt ihr Geschlecht je nach Wunsch und sie schießt „Liebespfeile“ ab, zur allgemeinen lustvollen Stimulation.

Wenn sie sich nach dem Winter aus  dem Haus herausstrecken will, verspeist sie vorher ihre Eingangstür, damit sie genug Kalkvorrat hat, um das Haus zu reparieren oder zu vergrößern. Irgendwann stirbt sie.  Dann liegt dieses Haus eingegraben in der Erde und offenbart sein Geheimnis, das niemand versteht, nur sie kennt des Rätsels Lösung, aber sie hat sich im Nichts aufgelöst.

Was  bleibt, sind Bauwerke von  meisterhaft inszenierter Unendlichkeit, architektonische Antwort auf das Große Mysterium.  Jetzt im Frühjahr sind sie für geschulte Augen sichtbar,  im Wald, oder wie bei uns unterm Kastanienbaum hinter dem alten Haus, sie liegen in eigenartigen Anordnungen, als wären sie alle hier zusammen gekommen, um zu sterben, jede für sich allein in ihrem Haus, aber in Nachbarschaft mit anderen.

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12 Gedanken zu „Nekropole

  1. Schnuckliger Schneckentext!
    Wir hatten einige Jahre welche mit Filzstiftzahlen auf dem Haus im Garten. Meine Tochter hatte mir einer Freundin Schneckenrennen veranstaltet und sie dafür gekennzeichnet. Also traf ich zwei Jahre später beispielsweise die Nr. 17 irgendwo im Gepflanzblattgewühle.
    Gruß von der aus Rheinhessen

  2. und mir fällt zu diesem beschau-lichen Text das köstliche Sachbuch von Puntigam Gruber Oberhummer ein „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ was wir von Tieren über Physik lernen können.
    Da mein Dachgarten im vierten Stock eines Hauses befindet, sollten eigentlich keine Schnecken hier anzutreffen sein, aber dem ist nicht so……es sind tausende von schwarzen Winzlingen, die bei Regen dann auf die Platten flüchten; ich habe es bisher nicht übers Herz gebracht, Schneckenkorn zu streuen, ich fege sie ab und an zusammen und entsorge sie in die Natur.
    Die Wunderwelt unserer Schöpfung, ich werde nie müde, diesem Großen Mysterium, wie Sie es so schön bezeichnen, Respekt zu zollen.

    mit windberuhigten Grüßen vom Dach

    1. Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Kommentare! Ich bin so froh über jede, die kein Schneckenkorn streut! Ich bringe es auch nicht über´s Herz, auch wenn so ziemlich alle Versuche, eine gewisse Vielfalt an Blumen und Gemüse von diesen gefräsigen spanischen Nacktschnecken einfach weggefressen werden. Aber da lerne ich ständig dazu und lasse dieses Kämpfen gegen weg – zu Gunsten des Arrangieren mit… Das kleine große Buch „Geräusche einer Schnecke…“ gehört zu meinen absoluten Lebens- Lieblingsbüchern! Hier habe ich elementare Einsichten gewonnen, es steht da u.a., daß die Nacktschnecke eine Weiterentwicklung der Häuslschnecke ist, sie ist soweit fortgeschritten, daß sie auf das Haus verzichten kann! Wer hätte das gedacht? Ich meinte genau das Gegenteil, so kann man sich täuschen! Was mir in diesem Buch auch noch sehr gefällt, ist der so selbstverständliche Umgang mit einer schweren Erkrankung, die einfach dazugehören darf zum Leben, akzeptierend, achtend, annehmend. Das andere Buch werd ich lesen, habe Puntigam schon paarmal im Fernsehen sehr genossen! Ich freue mich, daß Sie sich von „des Rätsels Lösung auf dem Rücken der Schnecke“ auch berühren lassen, es gibt nicht viele, die dort hinschauen, wo andere achtlos drauftreten! Liebe Grüsse aus einem sturmgepeitschten alten Haus. Margarete

  3. sorry, habe noch ein Buch vergessen: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen von Elisabeth Tova Bailey:
    Durch eine Krankheit ist die Journalistin Elisabeth Bailey ans Bett gefesselt. Als sie von einer Freundin eine Topfpflanze geschenkt bekommt, unter deren Blättern eine Schnecke sitzt, beginnt sie diese zu beobachten. Nachts wird ihr neues Haustier aktiv, fährt seine Fühler aus, geht auf die Jagd und vollführt seltsame Rituale. Fasziniert beschäftigt sich Bailey mit Biologie und Kulturgeschichte der Schnecke und erfährt Verblüffendes über ein unterschätztes Lebewesen.

  4. Schneckenkorn, aber nein. Seit wir diese Tigerschnegel im Garten haben – wobei ich nicht weiß, wie sie dorthin gelangen konnten- gibt es keine Triebe fressenden Nacktschnecken mehr!

  5. auch bei uns kein schneckenkorn
    statt dessen foto sessionen und freundliche begrüßungen
    zum glück haben wir keinen nutzgarten mehr den die mitbewohner mit bierfallen beschützen ( die ich heimlich ausschüttete 😉 )
    und das buch liegt auch bei mir bereit zum lesen

    1. Herzlich willkommen, Birgit, ich freu mich sehr über Deinen Besuch! Ich versuche redlich, zwei Hochbeete zumindest mit bisserl Gemüse durchzubringen. Die Abmachung: „Zwei Drittel wir, ein Drittel Ihr“ klappt so einigermaßen, wobei beide Seiten versuchen, sich gegenseitig ständig zu bescheissen! Liebe Grüsse!

  6. auch in meinem kleinen garten gibts kein schneckenkorn, dafür viele häuschen hell und dunkel, groß und klein, kräftig oder schwach geringelt … ich sammle sie immer wieder gern und manchmal vergolde ich welche zu weihnachten, zum verschenken. im garten wächst genug, trotz der schnecken, das haut schon hin und balanciert sich irgendwie aus … frühlingsgrüne pegagrüße!

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