Das Feenspiel – 9. Rauhnacht

Da, wo ich lebe, ist es still.
Um mich zu finden, musst du den Erlenhain hinter dir lassen und den Binsengürtel durchqueren. Wenn über dir der Himmel frei und weit ist und der Wind ungehindert von Gebüsch seinen Tanz tanzen kann, das Pfeifengras im Takt der Windmusik sich wiegt und im Frühling das Sumpfblutauge lächelt, die Frösche blau leuchten im Liebesrausch und der Ziegenmelker nächtens seine Rasseln schwingt – dann bist du in meinem Reich.
Jetzt, im Winter, hörst du kaum einen Laut. Mit der Dämmerung legt sich eine Nebeldecke über alles, sanft schützend und verhüllend.
Kaum jemand hat mich je gesehen. Erklären kann man mich nicht.
Ich zeige mich nur, wenn ich es will. Ein kurzes Aufleuchten. Mal hier, mal dort, schaukle ich auf Schwingrasen, springe von Bulte zu Bulte, gleite über Schlenken hinweg.
Ich kann dir den Weg zeigen. Mal tu ich’s, mal tu ich’s nicht. Wer mein Reich liebt, den führ ich wohlbehalten hinaus. Wer es nicht achtet, den führe ich hinein, sehr sehr tief hinein… und lehre ihn Respekt. Und wer ungestüm sich wehrt, wird immer tiefer sinken…
Mein Geschenk für euch Feen in der Höhle hier ist ein sanftes Leuchten, das kein Feuer braucht, und eine Musik mit Instrumenten aus Schilf und Pfeifengrasgeflecht. Und ich zeig euch den Weg zu Stille und Weite, in der die Jahrtausende leise flüsternd denen erzählen, die verstehen können.
Ob ich eine Fee bin? Ich weiß es nicht. Es kümmert mich nicht. Ich bin, was ich bin.
Ein Irrlicht.

Gastbeitrag: Die 9. Fee

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