24T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 19: Silvia Springer

Mutmaßungen über meine Mutter? Eher ein … Hm?

Die Graugans hat gerufen, und was für ein Ruf das war!
Als sie zusagte, wusste sie, … dass es nicht leicht würde? Dass es praktisch unmöglich war, über die Mutter zu schreiben, daran dachte sie nicht.
Das war eine große Liebe, eine Symbiose, eine Abhängigkeit, ein Durchgang davon in ein neues Leben, in dem sie sich selbst gebären musste. Es kam der Moment, in dem sie keine Eltern hatte, nicht weil sie wütend, sondern … so erwachsen wie nie zuvor war. Zumindest in Momenten. In anderen tauchten wieder Muster auf. Die Stimme der Mutter, die keineswegs nur freundlich und liebevoll, sondern selbst bedürftig und stets erschöpft ihre schreibende Tochter eindringlich mahnte: „Das Schreiben wird dich unglücklich machen!“ Das hörte sie jetzt fast ununterbrochen. War der Mutter je bewusst gewesen, dass Schreiben für sie in Quell großer Freude war und sie nie daran gedacht hatte, nicht einmal annähernd, irgendwelche fürchterlichen Geheimnisse zu enthüllen? Durfte sie jetzt diesen Bann brechen?
Sie durfte nicht nur, sie tat es. Geheimnis hin oder her.
Das Schreiben war ihr Stab. Den holte sie sich jetzt zurück. Nicht zornig rachevoll, sondern: einfach liebend. Sie war ja selbst nicht mehr jung, und kannte mehr. Sie wusste, es gab nichts, egal wie schmerzhaft, das nicht … einfach nur vergangen, vergeben und sogar vergessen sein konnte. Ihre Mutter hatte sich die letzten sieben Jahre ihres Lebens durch ihre Demenz in die Vergesslichkeit einerseits und ins erbarmungslose Erinnern andererseits begeben müssen. Zuviel hatte sie unter den Teppich gekehrt in ihrer Not, denn nie war die Zeit für Reflexion gegeben. Es waren andere Zeiten, Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegsjahre mit Verletzungen, die so tiefe Wunden schlugen, die niemals auch nur annähernd heilten.
Was sollte sie sich aufregen, dass sie nicht so geliebt worden war von der Mutter, wie … ja wie denn? Mittlerweile glaubte sie nicht mehr an viele Mythen, welche Mutterschaft umrankten, dazu wusste sie zu sehr, wie viele Kinder einfach erzeugt und in die Welt geschickt wurden, ohne je auch nur einen Tag Liebe, Zuneigung oder Zärtlichkeit zu empfangen.
Das Ringen um die Unabhängigkeit der Seele bei so hingebungsvoller, fast blinder Liebe von Tochter zur Mutter, das war ihr Thema, und sie, die Tochter, wohl eine Melodie in der Sinfonie ihrer Mutter. Loyalität, Hingabe, ja, Gehorsam. Die Stimme der Mutter begleitete sie tatsächlich auch bei jedem geleisteten Widerstand, mochte der nun sinnvoll sein oder auch nicht. Freiheitsliebend, selbstständig und dennoch immer der Mutter kleines, großes Mädchen.
Die Mutter liebte nicht nur, aber sie liebte doch. Und die Tochter liebte die Mutter zurück. Trotz Zorn, Wut, Trauer, Verständnislosigkeit über Verrat und Verlassenheit, beides so real und die größten Lehrmeister: liebst du? Trotzdem?
Ja. (Auf beiden Seiten ein Ja.)
Vor Jahren, Jahrzehnten mittlerweile hatte sie einen Traum, der enthüllte ihr den Wesenskern ihrer Liebe. Ihrer Liebesgeschichte, wenn man so sagen will. Das ist der Traum:
***

Eine Seele suchte eine menschliche Mutter, um zur Welt zu kommen. Sie, die Seele, hatte die Form eines Minotaurus in der Größe eines Daumens. Ein Däumling-Minotaurus also.

Sein menschlicher Körper sah nicht übel aus. Er hatte hübsche, kräftige Waden und Schenkeln auf weder zu großen noch zu kleinen wohlgeformten Füßen. Sein Oberkörper war ebenso muskulös wie seine Arme, mit schönen, ja, fast zarten Händen. Er war biegsam wie eine Weide und dennoch kraftvoll. Sein Körper wirkte wie der eines Mannes, welcher sich viel und gerne in der freien Natur bewegte, ein Waldläufer etwa.

Von den Schultern aufwärts allerdings war er ein Stier, mit einem Fell so schwarz und glänzend wie poliertes Ebenholz, großen, feucht schimmernden Augen, leuchtend wie Bernstein in der Sonne, langen Wimpern und blähenden Nüstern, seidig weich und weiß. Seine anmutig geschwungenen Hörner ließen eher an Europas Stier denken als an das Ungeheuer aus dem Labyrinth des Minos, welches angeblich Dutzende von Jungfrauen und Knaben verschlungen hatte. Dieser Däumling-Minotaurus war auf der Suche nach einer menschlichen Mutter, um erneut in der Welt der Menschen zu leben. Er huschte durch die Räume des Universums und gelangte in ein Haus mit vielen Zimmern, verbunden durch Türen und Fenster, die teilweise offenstanden. Die Räume standen leer, lediglich weiße Vorhänge blähten sich in der Zugluft. Schatten, hervorgerufen von diffusen flackernden Lichtern im Hintergrund, huschten über die nackten Wände und Säulen.

Der Minotaurus wusste, er bräuchte eine Mutter, die zu besonderer Liebe fähig wäre, denn es war ihm klar, was er war: wenn auch nur daumengroß, so doch ein Monstrum.

Er sah aus wie ein Ungeheuer, das ließ auf einen verkommenen Charakter schließen, wenn er den Erzählungen Glauben schenkte, die über ihn, den Minotaurus, kursierten. Anfangs, bevor er diese haarsträubenden Gerüchte gehört hatte, bewegte er sich völlig ahnungslos in Bezug auf sein Äußeres vor anderen Reisenden. Deren Reaktionen auf seine Erscheinung ließen ihn zum Schluss kommen, dass er wahrlich verabscheuungswürdig sein musste. Er konnte Angst und Ekel auf den Gesichtern derer erkennen, die ihm begegneten. Das erschreckte ihn und stürzte ihn in tiefe Verzweiflung. Er vermied seitdem sein eigenes Spiegelbild. All die schmerzhaften Erfahrungen mit anderen hatten ihn scheu gemacht, und er vermied Begegnungen so gut er konnte. Er war sehr einsam.

Er erinnerte sich allerdings an keine einzige der Gräueltaten, die über ihn berichtet wurden und ihm zu Ohren kamen. Er ernährte sich keineswegs von Menschenfleisch, sondern aß Gras, liebte saftige Blätter und mochte auch Wurzeln und Beeren.

So huschte er verstohlen und scheu durch die Räume auf der Suche nach der richtigen Menschenfrau. Ein Lichtstrahl fiel durch eine Tür, die nur einen Spalt offenstand. Der Däumling-Minotaurus hörte eine Frauenstimme, die ihn zusammenzucken ließ, so schön und ergreifend klang sie: seltsam tief und dennoch sanft, wie das zärtliche Brummen einer Bärenmutter. Sie summte eine Melodie vor sich hin. Die Töne lockten ihn an. Er lugte neugierig durch den Spalt in das dahinterliegende Zimmer. Er sah einen Tisch und einen Stuhl, eine Frau saß da und nähte im Lichtkegel einer Lampe. Ansonsten war es dunkel.

Der winzige Minotaurus vergaß vor Freude und Aufregung zu atmen: er hatte sie gefunden, die Frau, von der er wollte, dass sie seine Mutter wurde! Sie war so schön mit ihrem vollen, dunklen Haar, das sie aufgesteckt trug. Sie hielt ihre sanften braunen Augen konzentriert auf das Kleidungsstück gerichtet, an dem sie nähte. Ein Ausdruck heiterer Gelassenheit lag auf ihrem Gesicht, welches ebenmäßige Züge aufwies. Sie hatte eine angenehme Stimme, die Melodie klang heiter und leicht. Der Frau ging es offenbar gut in diesem Moment, sie schien glücklich und mit der Welt im Reinen. Sie nähte, zupfte an dem Stoff herum, hielt es ein wenig weg von sich, um ihr Werk zu betrachten, zupfte wieder daran herum und nähte weiter. Sie sang.

Der kleine Minotaurus schmolz dahin. Er lehnte völlig selbstvergessen an der Türe und empfand eine unendliche Sehnsucht nach dieser Existenz: glücklich, zufrieden, schön und liebevoll. Denn das alles schien auf die Frau zuzutreffen. Nach Jahrhunderten der Einsamkeit als Seele in einem hässlichen Körper, der Furcht einflößen konnte, sehnte er sich nach diesen Attributen. Ein Mensch von solcher Schönheit und Anmut musste geliebt werden, denn das war es, wonach der Däumling-Minotaurus sich am allermeisten sehnte: er wollte endlich auch einmal geliebt werden. Er spürte tief in seinem Herzen, das sowohl menschlich als auch tierisch war, dass ihn die Liebe erlösen würde, wovon auch immer, denn er wusste eigentlich nicht genau, was dies sein sollte.

Er seufzte tief und zuckte zusammen: er durfte die Frau nicht erschrecken, unter keinen Umständen durfte sie erfahren, wer er war. Er musste unerkannt in ihren Bauch schlüpfen, denn sähe sie ihn vor der Empfängnis, sie würde zu Tode erschrecken. Sie würde ihn ablehnen. Ganz sicher.

Er hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, als er sich an sie heranschlich. Allerdings wusste er, wenn sie ihn einmal empfangen hätte, würde sie ihn lieben. Und während der Zeit in ihrem Bauch würde er eine Verwandlung durchmachen, er käme in menschlicher Gestalt zur Welt, denn die Liebe hätte ihn geheilt, und alles wäre gut, er wäre ebenso schön und sanft wie seine Mutter, denn schließlich: Liebe gebar Liebe, nicht wahr?

Die Frau war tatsächlich bereit zu empfangen und so war es für den Däumling-Minotaurus ein Leichtes, seine Seele unbemerkt in ihren Uterus einzuschmelzen. Dort würde er auf den richtigen Zeitpunkt der Verkörperung warten, was in einer der kommenden Nächten tatsächlich der Fall war.

Wer der Vater sein würde, daran hatte er in seiner Aufregung und Freude über die Entdeckung seiner Mutter allerdings nicht gedacht. Die Unaufmerksamkeit oder vielmehr die Vergesslichkeit des kleinen Minotaurus bezüglich dieses wichtigen Details  gab dem weiteren
Geschehen eine Wende, mit der er nicht gerechnet hatte. Aber das ist eine neue Geschichte. Die steht auf einem ganz anderen Blatt.

***
Die Frau im Traum war tatsächlich meine Mutter. Mit den Wesenszügen, die ich besonders an ihr liebte. Sie war auch ungeduldig, überkritisch, hatte nie Zeit, musste immer arbeiten, selbst wenn alles bereits getan war. Hatte viel erduldet, das macht nicht nur zart.
So ist das. So sind wir. Alle sind wir geboren worden und ich glaube, rückwirkend, bei allem, was auch schmerzhaft war, habe ich dank der Tatsache, eine von meiner Mutter Geborene zu sein, gelernt, dass die Liebe die Kraft im Universum ist, die heilt. Alles.
Denn ihr gehört die Ewigkeit.
Danke fürs Dabeisein. In diesem Leben und in diesem speziellen Projekt. Ach. Graugans! Herzlich. Nein, Allerherzlichst. (Aber eine Mutmaßung ist’s wohl eher nicht …)

Text: Silvia Springer

13 Gedanken zu „24T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 19: Silvia Springer

  1. Liebe Silvia, Mütter sind eben auch „nur“ Menschen, das ist vielleicht die Lektion, die so schmerzhaft ist, die es gilt zu verstehen und dann milde zu werden, wenn man selbst „groß“ geworden ist.
    So lese ich deine Mutmaßung, die Vieles in mir anklingen lässt.
    Danke dir und herzliche Grüße
    Ulli

      1. Oje, liebe Silvia, da ist tatsaächlich was schiefgegangen, meine Güte, tut mir furchtbar leid, aber jetzt ist der Text wieder vollständig hoffentlich!
        Weihnachtszauberzeit … die Dinge geraten durcheinander…
        bitte nicht bössesein!

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