Von einer, die auszog…

Ein paar Tage bin ich nun wieder daheim. Auf dem Bauernhof, da, wo alles anfing. Ein „Gütel“ nennt man so ein Anwesen wie das unsrige, wenn es zum „Gut“ nicht reicht, wenn es zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel ist. Das Weideland konnte grade so zwei Kühe ernähren und von der wenigen Milch trotzte die Großmutter noch so oft es ging ein wenig Butter ab, die sie dann zwölf km mit dem Fahrrad in die Kreisstadt auf den Markt brachte, um ein paar Pfennige für den Haushalt zu bekommen. Sieben waren es, zwei Mädchen und fünf Buben, die sie hier geboren und großgezogen hat.

Der Älteste wollte den Hof nicht, er und die zwei Schwestern heirateten woanders ein.  Einer war krank und ging zugrunde und zwei blieben im Krieg, gefallen an irgendeiner Front. Der Jüngste, mein Vater, übernahm den Hof.

Der Zweitälteste, der ihn kriegen sollte, ließ eine Frau und einen kleinen Sohn zurück, als er den Heldentod starb, meinen Cousin, den ich endlich, nach so vielen Jahren am Rhein besuche.

Ich werde liebevoll willkommen geheissen, jeder Wunsch wird mir von den Augen abgelesen, ich bekomme ein ausgeklügeltes Besichtigungsprogramm serviert, ich stehe auf der Fähre über den großen Fluss, flaniere durch wunderschöne alte Städte, werde ins Elsaß kutschiert und stundenlang durch die Churpalz gefahren, durch hügeliges Weinbergland,  viel plaudernde Freundlichkeit ringsherum, ich werde als die Cousine aus Bayern herumgezeigt. Ich bekomme Einführungen über russische Raumgleiter im Museum und über Kernkraftwerke, zu denen man niemals Atomkraftwerk sagen darf.

Über mir im offenen Verdeck des Wagens ein Himmel, der mir höher und weiter erscheint als im  Voralpenland, P. freut sich und legt ihn mir zu Füssen.

Und in allen Besichtigungspausen, beim Essen und am Abend in der Wohnung reden wir über früher…eigentlich reden wir pausenlos über früher. Und als ich im Dom zu Speyer an eine romanische Säule gelehnt dastehe, denke ich, wie weit man doch manchmal herumfahren muß, um zu erkennen, daß die ganze Reise nach draußen nur das eine Ziel hat, innen anzukommen.

Merkwürdig, P. fährt mich mit großem Aufwand in seiner Heimat herum und zeigt mir alles, gleichzeitig reden wir aber über meine Heimat, die wohl auch mal seine war. Und, obwohl er ein glückliches Leben hatte, zieht sich durch alles Erinnern eine kleine Wehmut, ich spüre sie in allen Antworten, die er mir auf meine Fragen gibt, aber vor allem in den Antworten, nach denen ich gar nicht frage.

Er hätte den Hof geerbt, wenn sein Vater nicht verschwunden wäre. Diese Tatsache sitzt zwischen uns im Auto und ich ahne die Zeichen einer alten Verbindung zwischen uns, wir teilen den Schmerz von verlassenen Kindern. Ein Hauch von Glück , durch dunkle, traurige Geschichten unserer Abstammung zu gehen und uns im hier und jetzt über alle Ungereimtheiten hinweg die Hände zu reichen.

Wir sitzen im Auto und fahren durch unsere Erinnerungen.

Auf dem Michaelsberg erfahre ich von einer geheimnisvollen Geschichte über einen ehemals dort hausenden grausligen Drachen und ich freue mich so darüber, an diesem Ort gelandet zu sein, weil Drachen älter als die Welt sind und ich ihre Spur verfolge…P. versteht zwar nicht, was ich meine, aber plötzlich weiß ich, er würde mich beschützen vor allem Bösen. Und ich weiß, daß ich den großen Bruder, den ich mir so gewünscht hätte, ein Leben lang schon hatte, ohne es zu wissen. Ich sehe seine Hände an und sehe die Ähnlichkeit. Alle in unserer Familie haben diese eher großen Hände, warm und trocken. Arbeitshände, die zupacken können. Ich mag unsere Hände, auch meine, die ein wenig zu weich sind um ständig zuzupacken.

Und als wir zum Auto gehen auf dem Drachenpfad, da hätte sich beinahe die Hand der kleinen Schwester in die des großen Bruders geschoben.

Ich treffe dann auch noch den Stiefvater meines Cousins und irgendwann verabschieden wir uns, nicht ohne die feste Zusage, doch nochmal in die „alte Heimat“ zu fahren, ja, gerne , bei uns ist die Türe offen, wir sind auch in der Seele verwandt. Vollbepackt mit vielen Geschichten und noch mehr offenen Fragen, mit Umarmungen und guten Wünschen und ein paar Tränen im Augenwinkel mache ich mich auf den Weg.

Am Ende meiner Reise verfahre ich mich total im Gewirr unbekannter Straßen und stehe vor einer verschlossenen Pforte. Ein freundlicher Fremder bittet mich herein, führt mich in ein kleines verzaubertes Gärtchen und überläßt mich für ein paar Stunden  einem goldenen Nachmittag und meinen Gedanken, die durch mich hindurchziehen wie die weißen Wolken über mir am blauen Himmel.

Märchenhafte Geschichten von zwei Kindern und dem Verschwinden seines Vaters, ihrer Mutter…der gemeinsame Großvater, der die eine Mutter vertreibt und die andere anspuckt, der große Krieg, die weinende Großmutter…die Hand im Butterfass…und zwei , die alt geworden sind und sich liebhaben wie Brüderchen und Schwesterchen…

aus einem kurzen Schlummer erwacht sehe ich rings um mich herum wunderschöne Rosen, die sich duftend in einem Sommerlüftchen wiegen…

ja, es war eine schöne Reise, weit hinaus und doch hinein und wohin man auch fährt und was man auch sucht…ich glaube, letztendlich findet man immer nur sich selbst…

bedächtig nicken die Rosen ihre Zustimmung, ich danke dem freundlichen Fremden für das Glück in seinem Garten und dann fahre ich heim.

 

22 Gedanken zu „Von einer, die auszog…

    1. …Staunen triffts eher…und Sie, lieber Herr Ärmel, haben es natürlich sofort erraten: Selbstverständlich sind die nächsten Reisen schon in Planung!
      Montagsgruß für Sie, blauhimmeligst eingefärbt!

  1. Liebe Graugans, so ziehen gerade so einige rheinaufwärts und wieder abwärts, so verschieden die Routen und Anlässe auch sind, bei allen stellt sich die Weisheit ein, dass die Reisen immer nur zu sich selbst führen, aber niemals ohne Erinnerungsstückchen im Gepäck, seien es Worte und/oder Bilder. Ich bin sehr sehr gerne mit dir gereist und denke jetzt an meinen Cousin, der mir auch mal Bruder war, wir haben uns schon sehr lange weder gesehen, noch gesprochen, das gilt es vielleicht mal zu ändern?!
    herzliche Grüsse
    Ulli

    1. Liebe Ulli, auch nach dieser Reise komm ich wieder mit der Erkenntnis zurück, daß es immer, immer einen Versuch wert ist, einem Menschen zu begegnen! Also nix wie los zu einem, der mal Bruder war! Es ist im übrigen so schön, an den Flüssen entlang zu reisen…es hat mal jemand gesagt „man kann den Flüssen trauen“…da ist was dran, nicht wahr? Viele liebe Grüsse

  2. Liebe Graugans,

    das klingt nun aber mal nach einer gelungenen Reise. Sich selbst beim Reisen zu finden ist das Beste, was passieren kann. Und dann Menschen, die einem begleitend bleiben… noch bonfortionöseres ist kaum zu kriegen.

    Ganz liebe Grüße aus dem sonnendurchfluteten Floratelier, Ihre Käthe, allesimflussliebend.

    1. Schön sagen Sie das, liebe Käthe, das Wort „bonfortionös“ sorgt allein schon für Lichtdurchströmung, ich danke Ihnen! Sende tausende von Grüssen hinauf nach Lipperlandien!

  3. Auch von meiner Seite wieder mal einherzliches Dankeschön für diesen intensiven Reisebericht … und beim Lesen Deiner Zeilen ging mir wieder mal durch den Kopf:

    Man kann es drehen und wenden wie man will: Familie kann alles möglich bebedeuten: Familie kann einem das größte Glück bescheren, Familie kann aber auch derart desaströs sein, dass Menschen daran zerbrechen, kaputt gehen.

    Und deshalb hat mich früher auch immer das Familiengesäusel der Ursula von der Leyern so genervt: Erst wenn man beide Seiten von „Familie“ in einem Aemzug benennt, erst dann wird man diesem System gerecht. Alles andere ist Augenwischerei und mehr als fatal, weil es die Opfer von kaputten Familienstrukturen nicht mehr zur Kenntnis nimmt.

    1. Röschen wurde sie genannt. Damals. Als ihr Bruder die Toten Hosen zur Party bei der Familie Albrecht einlud in den 1990er Jahren…
      Von ihr geht die Rede, dass man ihren Namen mit drei Buchstaben am treffensten so abkürze: i-c-h.
      Ja, das Familienleben 😉

    2. Lieber Meister, ja, da hast Du so Recht, Familie kann alles bedeuten, auch was Schlechtes.
      Und wenn ich das schon hör´, diesen Schmarrn von der heilen Großfamilie da war auch nix heiler nur dadurch, daß viel mehr Leute gezwungen waren, unter einem Dach zu leben…und die, die in solchen Verbänden untergegangen sind, von denen wird nie gesprochen. Ich dank Dir sehr, daß Du was sagst dazu. Mich nervt das auch, dieses unreflektierte Familiengetue, als täten alle leben wie bei den „Waltons“ oder auf „unserer kleinen Farm“ bei Johnboy und Margret…

    1. Du bist mir immer höchst willkommen und bevor ich nächstes Mal wieder meinen Kusäng besuche, werd ich mal vorsichtig nachfragen, ob ich vielleicht als alte Graue bei der Wilden im Garten unterm Nußbaum ein wenig verschnaufen dürfte und vielleicht ein paar Schnäbelchen Wasser und paar Körnchen für den Weiterflug…und ein bisserl schnattern…wenn´s denn genehm wär´! Liebe Grüße

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