T.7 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

Was wir Liebe nennen

 

Er sah sich nicht als Zauberer. Er machte den Leuten nur was vor, das war alles. (S.53)

Lambert wollte gar nicht nach Kanada. Wer sicher stellen will, dass er abfliegt, der trampt nicht zum Flughafen nach Osnabrück, man trampt zu keinem Flughafen. Sein Engagement als Zauberer, Magier oder auch als Illusionist war ihm herzlich egal. Er wollte sich treiben lassen. Weg von seinem Verhältnis? Weg von seinem Leben! Klare Luft atmen. Luft eben; welche, das war ihm im Grunde gleichgültig.

Was wir Liebe nennen, ist anfangs nur ein Durcheinander. (…) Irgendein Aufsatz, ein Pamphlet, er hatte es nicht mehr vor Augen. Im Ergebnis war es darum gegangen, dass all diese Gefühle in Wahrheit rudimentäre biochemische Prozesse seien, eine Art eingespieltes Chaos. (S.61)

Zuerst dachte ich, es sei eine Sammlung verpasster Gelegenheiten, die hier offenbart wird. Oder war es ein Abschied, eine Bestandsaufnahme des Gewesenen?

Als er sie kennenlernt, sagt Andrea, die Frau vor der er jetzt gerade flieht: Der einzige Trost besteht darin, dass es nachher wieder für hundert Jahre so bleiben kann. Und man versucht nicht daran zu denken, dass alles, was wir heute über das Restaurieren wissen, morgen schon überholt sein wird. Sie machen sich keine Vorstellung davon, mit welchen Kamikazemethoden sie früher rangegangen sind. Halbe Epochen wurden ausradiert.‘

Darauf hin entgegnet er: ‚Das tut mir leid.‘ Sie: ‚Tun Sie nicht so.‘ Er: ‚Nein wirklich. Ich ertrage Vergänglichkeit nicht gut.‘ Dann wieder sie: ‚Keine gute Voraussetzung für ein Leben in dieser Welt. Geht mir aber nicht anders.‘ Sie wechselt die Watte erneut. ‚Wahrscheinlich bin ich deshalb hier gelandet.‘ (S.108) Damit haben sie festgestellt, das sie zum Paar taugen.

Genauso wird es ihm einige Zeit später in Kanada gehen: Was wollte diese seltsame Frau von ihm? Welche Wünsche würde sie ihm erfüllen? (S.128) Irgendwann sagt die Frau, Fe, zu ihm, dass sie noch ein Geschenk für ihn hätte. Das freut ihn, obwohl er nicht weiß, worum es geht. Es interessiert ihn auch nicht. Zu sehr ist er fokussiert auf etwas naheliegendes. (S.159) Und damit fängt die eigentliche, etwas surreal anmutende, Geschichte erst an.

Lange habe ich gehadert, wo und – vor allem – wie ich diese wunderbaren Sätze unterbringe. Nun, dann tue ich es eben so und hier: Einige Jahresringe später drehte sie sich zu ihm und legte die Beine über seine Knie. Sie sahen sich an, aber keiner sagte ein Wort. Im Wasser vergingen die Jahre. Manchmal öffnete (sie) den Mund und schloss ihn dann wieder. Von Zeit zu Zeit nahm einer von ihnen einen Stein und warf ihn hinauf in die Luft. Sie sahen zu, wie er emporschoss in den klaren Himmel, wie er langsamer wurde, verharrte, wie er kehrtmachte, fiel und hinunterstürzte aufs Wasser, wo in unerhörter Geschwindigkeit die Zeit verging. (S.247f)

Was wir Liebe nennen, ist zu viel und zu wenig. Es ist Mangel und Fülle, Ungenügen und Überfluss, auch wenn die Sehnsucht beim besten Willen nicht weiß, woran hier Überfluß bestehen soll. Nur was uns fehlt, wissen wir immer.*

Zum Schluß wird noch vom Verlag geschrieben: Ein zauberhafter Roman über das Wesen der Liebe – und warum angesichts von Wildpferden, Busfahrern und Doppelgängern manchmal nur ein Trick die Rettung bringt.*

Jo Lendle: Was wir Liebe nennen. Roman, 2013. DVA. ISBN 978 3 421 04606 2

* beide Zitate: Umschlag, hinten

 

Vielen herzlichen Dank, lieber Mick!

 

2 Gedanken zu „T.7 der Mutmaßungen über die L.i.e.b.e.

  1. Ach wie schön, als ich dies gestern bei dir las, dachte ich noch, das würde aber gut hierher passen und schwupps ist es da- ich freue mich. Schon gestern dachte ich, dass dies ein Buch für meine Bücherliste ist!
    Herzlichen Dank und Gruss
    Ulli

  2. Lieber Mick, das, was mich an Deinen Buchbeschreibungen stets am meisten interessiert und berührt, sind Deine eigenen Worte in den Zwischenräumen…manchmal sind es flüchtig leichte Gedankenspuren, immer ist Liebe spürbar zum Leben und allem, was sich drin tummelt!

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