StadtLandFluß (N)

Die Reise des Hutmachers ins Niemandsland und Nemesis, eine Tochter der Nacht, Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Links und rechts neben dem Bahngleis sind schmale Streifen Niemandsland. Da wachsen üppig die Goldreben und allerlei wildes Pflanzenzeugs, sich selbst überlassen so vor sich hin und wiegen sich im Fahrtwind der durchsausenden Züge. Vor ein paar Wochen kam der junge Hutmacher zum Bahnhof, zog sich im Fahrgasthäusel aus, faltete seine Kleidung sorgfältig zusammen auf der Bank, ging ein paar Schritte an den Schienen entlang und legte sich dann auf das Gleis vor den einfahrenden Zug.

Es hat in der Zwischenzeit geregnet und alle sichtbaren Spuren sind weggewaschen. Die Goldreben wiegen sich im Fahrtwind und alles ist wie immer im Niemandsland und schaut aus, als sei nichts gewesen. Das Entsetzen und das Gerede darüber haben aufgehört, zumindest hört man nichts mehr. Ob die Stimmen innendrin auch schweigen, weiß man nicht, denn man kann ja in die Innenräume der Menschen nicht hineinhören.

Ein Niemand ist ein namenlos, herrenlos niemandem zugehörig seiendes Etwas – die Verneinung von Jemand, dazu gehören z.B. Findelkinder und Fahrende. Es ist mir dieser „Niemand “ ein Rätsel, ich benutze den Ausdruck sehr oft, ohne genau zu wissen, was er bedeutet, wir benutzen ihn für etwas nicht vorhandenes und doch ist es ja da und gegenwärtig, allein schon durch seinen Namen. Das wunderbarste Lied, „einen Walzer für niemand“ hat Sophie Hunger geschrieben, es entspricht meinem Gefühl als Niemand unterwegs im Niemandsland zu sein …

Auch hier im Netz bewegen wir uns ja in einem Niemandsland. Eine ehemalige Bloggerin, die „Stattkatze“ hat eine Art Abschiedsrede gehalten, als sie ihren Blog geschlossen hat. Sie erzählte von den Anfängen dieses Bloguniversums, damals ohne Kommentare oder Likes, aber mit diesem starken Gefühl der Anwesenheit anderer, deren Texte miteinander kommunizierten, da waren lautlose Stimmen aus dem Nirgendwo … ein ganz spezieller Zauber und eine vertraute Verbundenheit ohne persönlich miteinander zu sprechen. Eine ganz eigene Welt, eine eigene Wirklichkeit. Dann hat man wohl begonnen, Bloggertreffen zu organisieren und sofort war der Zauber verflogen und konnte nie mehr wieder hergestellt werden, die verschiedenen Formen der Wirklichkeit haben es schwer miteinander. Ich glaube nicht, daß die eine Wirklichkeit ehrlicher ist als die andere, aber wir haben in jeder Wirklichkeit eine andere Existenz, die sich mitunter sehr sehr fremd sind. Das Netz hat vollkommen andere Gesetzmäßigkeiten im Niemandsland seiner Daseinsberechtigung.

Die Nemesis kommt allerhöchstens mal im Kreuzworträtsel vor, womöglich auch da als Rachegöttin, zu der sie im Laufe der Jahrhunderte mutiert zu sein scheint. Im äußerst komplizierten Götterhimmel der griechischen Antike ist sie die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und der Zuteilung des Gebührenden.  Ihre Attribute sind ein Zweig vom Apfelbaum und an ihrer Seite als Begleitung ein Greif. Es gibt kaum Beweise für eine große kultische Bedeutung. Sie war eine Tochter der Nyx (Nacht), die mit Chronos die Moiren erschaffen hatte, das waren die drei mächtigen Schicksalsgöttinnen Lachesis, Klotho, Atropos., von denen die Etrusker sagten, daß diese drei weit über allen Göttern stünden.

Diese mächtige weibliche Dreiheit kommt aus uraltem  Menschengedenken und hat viele Namen. Hier im Alpenraum konnte das Christentum trotz aller Bemühungen den magischen Kult des Volkes um die drei alten Göttinnen nicht ausrotten und so werden bis heute Barbara, Margarete und Katharina immer noch zum Kreis der 14 Nothelfer gerechnet.

Ob noch was übriggeblieben ist von uralten naturmagischen Ritualen, wo es um das Ehren, die Achtung und die Dankbarkeit für Hilfe in der Not von diesen helfenden heiligen Geistwesen geht … ich wage es zu bezweifeln. Man kennt ihre Namen, aber welche Hilfe bräuchte man von ihnen in Zeiten der alles beherrschenden toten Rasenflächen und der Industriegraswiesen ohne Glockenblumen und Margeriten?

Und wer mag mit Nemesis was zu tun haben … wo um Himmelswillen sollte sie auf dieser Welt anfangen, ausgleichende Gerechtigkeit auszuüben und dort Gebührendes zuzuteilen, wo es von Nöten ist…?

Oder passiert Gerechtigkeit schon, aber ganz anders, als wir vermuten …

Ich gehe im Niemandsland der fallenden Äpfel herum und pflücke Dir ein Zweiglein, Nemesis, bevor ich Dich wieder vergesse und hinter dem Baum steht Niemand und sagt: komm, laß uns den Niemandswalzer tanzen, unbedingt auch linksherum, sage ich.

 

 

7 Gedanken zu „StadtLandFluß (N)

  1. Meine große Liebe für diesen Text. Danke.

    Ich schrieb mal ein Märchen von Lucie der kleinen Kaiserin, die wohnte in Niemandeslanden … aber das ist eine andere Geschichte.

    Und herzliche Grüße, Ulli

  2. Als ich von den zwei Begrifflichkeiten »Niemandsland« und »Nemesis« und der Scheinwelt hier im jetzt und die Scheinwelt im Virtuellen las musste ich unwillkürlich an Luigi Pirandello: Einer, keiner, hunderttausend denken, wo der Hauptprotagonist im Roman gegen die Zersplitterung seines Selbstbildes und die ständige Neubewertung durch die Allgemeinheit kämpft. Ein (für mich zumindest) schwierig zu verstehender Roman, der unsere fragmentierte Identität behandelt. Ich ahne, das die verschiedenen Wirklichkeitswelten, die heute zelbriert werden »Social Media« auf der einen Seite und die sog. »Wirklichkeit« auf der anderen Seite etwas mit diesem Thema zu tun haben. Was ist besser: Wenn erdachte Identitäten miteinander kommunizieren oder die wirklichen … bin mir nicht so ganz sicher, was spannender ist.

  3. Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe der Nemesis nicht die Rache oder die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, nach irdischem Verständnis. Womöglich geht es ihr mehr um Gleichgewicht, wonach alles strebt, auch und gerade nach Zeiten extremer Unruhe.

    Danke & Grüß, Reiner

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