Lufuzi
Mein Vater hatte ein paar Prinzipien, denen er unter allen, aber wirklich auch allen Umständen treu geblieben ist. Er weigerte sich standhaft, zu einem Schnitzel Pommes frites zu essen. Für ihn waren diese trockenen Kartoffelstäbe niveaulos und ein Beweis für den Niedergang der Eßkultur, niemals hätte er auch nur einen davon gegessen.
Ein weiteres Prinzip war, man putzt sich sorgfältig die Schuhe ab, wenn man eine fremde Häuslichkeit betritt, aber man zieht auf keinen Fall die Schuhe aus. Sollte das eine Dame des Hauses von ihm verlangt haben, konnte sie noch so charmant lächeln und auch noch klug sein, das war dann egal, er bezeichnete sie später als Putzteufel und niemals mehr betrat er diese Wohnung. Er empfand es als Demütigung eines Gastes, der dadurch praktisch halbnackt und hilflos in Socken, seiner Würde beraubt als hilflose Witzfigur auf irgendeinem Sofa oder an einem Tisch sitzen sollte … in manch einer Begegnung wurde dadurch unwiderruflich der Keim zur Freundschaft erstickt.
Aber das Allerschlimmste, was passieren konnte war es, einen schlechten Kaffee zu bekommen. Das Prinzip meines Vaters war: ein Kaffee muß heiß wie die Liebe und schwarz wie die Nacht sein. Früher, als meine Eltern kein Geld hatten, gab es trotzdem Bohnenkaffee. Meine Mutter nahm die Mühle zwischen die Knie und setzte sich aufs Sofa und mahlte die Bohnen. Ich kann dieses Geräusch heute noch hören und habe diesen wunderbaren Duft in der Nase, der sich langsam um sie herum ausbreitete. Sie zog dann die kleine Schublade aus der Mühle und kochte einen Haferlkaffee, den man durch ein silbern glänzendes Sieb in die Tasse goß. Dazu gab es immer ein Glas Wasser. Für meinen Vater war dünner Kaffee ein Gräuel, und auch als er schon längst eine Kaffeemaschine mit Filter hatte, schmeckte der Kaffee immer noch ein wenig nach Haferl, er war stark und schwarz und kräftig. Es gab nicht viel, was ihn mehr verärgerte, als wenn er dünnen Kaffee vorgesetzt bekam. Er nannte ihn dann abgestuft entweder Blümchenkaffee, oder Muckefuck oder, wenn es ganz schlimm war und man das jeweilige Gebräu kaum trinken konnte, sagte er „Lufuzibrühe“ dazu, das kam dann schon einer Beleidigung gleich und auch da vermied er in Zukunft Besuche. Merkwürdig ist, daß dieses Wort Lufuzibrühe in unserer regionalen Mundart nicht vorkommt. Ich habe es noch nie von einem anderen Menschen gehört. Womöglich hatte es meine österreichisch/böhmische Mutter mitgebracht … finden konnte ich es nirgends. Seltsam ist, daß es im Netz ein paar Photographien von 1932/33 gibt, auf denen vollbesetzte Fähren über einen Fluß in Sambia/Afrika zu sehen sind und dieser Fluß ist auf ca 1000 Meter ü.M. und heißt Lufuzi. Wie gelangt nun die Brühe vom Fluß Lufuzi in Afrika in so manch eine hiesige Kaffeetasse? Sprache geht seltsame Wege und die Lufuzibrühe auch, wie letzthin wieder einmal feststellbar beim Italiener als grottenschlechter Espresso.
Lughnasadh oder Lammas, wie die alten Kelten dieses erste Erntefest im Jahr genannt haben sollen ist schon vorbei. Aber die Zeit der Schnitterin ist jetzt gekommen, sie geht übers Land mit ihrer Sichel und schneidet das ab, was zuviel ist. Auch wir mußten das Wilde beschneiden und kürzen, weil aus den vielen beim Spazierengehen eingesammelten Zweiglein riesige wilde Rosenbüsche geworden sind und durch das Werkstattfenster und etliche andere fast kein Licht mehr kam, und weil wir langsam aber sicher komplett umschlungen werden. Das ist immer ein wenig wehmütig, auch der Illex mußte dran glauben. Und da mußte ich an das Haus des Dichters denken.
In dem ganz wunderbaren Blog Lyrikzeitung habe ich mich sofort in ein Gedicht verliebt, das Róza Domašcyna für den Dichter Kito Lorenz geschrieben hat, wie muß er sich gefreut haben darüber! Beim Schneiden der wilden Pflanzen habe ich es vor mich hingesagt:
Dieses haus
für Kito Lorenz
ist das haus eines dichters
man erkennt es daran
dass der rosenbusch über das
hausdach guckt
und daran
dass die tomatenpflanzen in den
giebeltöpfen
so hoch wachsen dass der dichter
nur die hand
aus dem fenster zu strecken
braucht
um die paradeisäpfel zu ernten
an der sonnenseite unter dem
unsagbar
blühenden eingriffeligen
weißdorn
steht ein tisch mit bank und
stühlen
darunter hat der hund seinen
platz
auf der schattenseite am
türpfosten
triumphiert die brennessel
über den gast
der sich zu bücken hat wenn er
ins haus will
ich pflanze sagt der dichter
wie beiläufig
und sieht kurz vom
schreibtisch auf
weiter müssen die setzlinge
sich selber kümmern
Rōza Domašcyna
aus: Stimmen aus der Unterbühne. Gedichte 2020
Leipzig, Poetenladen
Vielen herzlichen Dank an den Poetenladen für die Erlaubnis, das Gedicht hier zu veröffentlichen!
Es ist Löwezeit, aber der „Mond der reifenden Beeren“, mein Mond, nimmt schon wieder ab, die Beeren sind längst geerntet und stehen in rot schimmernden Gläsern im Hauskasten. Alles geht seinen Gang, nimmt ab, nimmt zu und vergeht, kommt wieder in welcher Form auch immer. Die Schnitterin geht übers Land. Der Löwe in mir streckt sich im Schatten und gähnt laut mit offenem Maul und dann räkelt er sich und prüft die Schärfe seiner Krallen und dann pflegt er sein Fell und er liebt diesen Geruch, nach warmem Pelz und Erde und dem Harz der Bäume und dem lauen kleinen Wind und da nimmt er die Witterung auf zum Unsagbaren, das blau vom Himmel tropft und sich in seinen Augen spiegelt …

Sehr schön, auch das Gedicht und die Beschreibung des Löb
Freut mich!
mich auch
Danke für den Tipp. wieder einmal…
Die Lyrikzeitung verdient wirklich jede Aufmerksamkeit!
Ich habe schon hineingeschaut. Macht einen tollen Eindruck,
wie immer ein Erlebnis von dir lesen zu dürfen…
Liebe Grüße Wolfgang
Lieber Wolfgang, wenn mir das gelingt, Dir hin und wieder ein Erlebnis zu schenken, dann ist mir das eine ganz große Freude!
„Fuzi“ ist ein kleine Fitzelchen. Vielleicht erhellt das den Ausdruck deines Vaters? Wobei es ja in vielen Familien derlei Wortschöpfungen gibt, deren Herkunft oft nicht mehr rekostruierbar ist.
Wieder einmal habe ich sehr, sehr gern in deiner – weil wir grad beim Kaffee waren: Melange aus Erinnerungen, Berichten, Beobachtungen und lyrischer Entdeckung gelesen!
(Das Büsche-Schneiden spielt auch bei uns heuer eine große Rolle. :))
Liebe Grüße, Andrea
Gell, heuer hat alles plötzlich riesige Formen angenommen, vielleicht durch den vielen Regen … Nüsse fallen auch schon runter und Äpfel… und wenn die Winter so warm bleiben, womöglich könnt sich da ein Marillenbaum ausgehn, ich hätt sooo gern einen, aber diesbezügliche frühere Versuche sind im Winter erfroren.
Liebe Grüße über die Grenz zu Dir!
Ein sehr schönes Idylle Gedicht, das mir so gefällt, weil der Schreibende darin so geduldig wirkt. Er weiß, die Natur wird es schon machen und lässt sie. Da müssen Gäste schon etwas in Kauf nehmen, aber die nützlichen Brenneseln dürfen da sein. Ach ja, ein kleines Haus als Schreibstube mit Pflanzen zum ernten – da schlägt mein Herz schon dafür.
Liebe Grüße,
SyntaxiaSophie