#33 Wer suchet…

Die extrem scharfsichtige Sonne scheint durch die offene Balkontüre, leuchtet jeden Winkel aus und zeigt ihn, der auf allen Flächen, in allen Ecken, auf allen Büchern des alten Hauses faul herumliegt. Überdeutlich zeigt er sich bei jedem Schritt, aufgewirbelt und tanzend in den Strahlen der Sonne. Servus, staubiger Bruder, sage ich, ich denk gar nicht dran, dich wegzuwischen, du gehörst dazu, wie die alten Balken und die Löcher im Dach. Der staubige Bruder ist normalerweise ein Schimpfwort, aber ich bin mir sicher, daß es die Bezeichnung auch im Rotwelschen gibt, dieser alten Geheimsprache der Vagabunden, der Fahrenden und der Gauner. Ich forsche seit Jahren um sie herum, vor allem in ihrer Verbindung mit der hiesigen Landessprache, dem bairischen Deutsch. Beide Sprachen sind miteinander verwachsen und bisher hat mir noch niemand glaubwürdig erklären können, welche zuerst da war.

Den staubigen Bruder, sowie jegliche Putz- und Räumarbeit hinter mir lassend, fahre ich heute am Nachmittag einem Hinweis nach, der im Jahresbuch des Heimatvereins steht und mich zu einem riesigen Findling führen soll, der vor einiger Zeit in einer Wiese entdeckt wurde. Über sieben Meter lang soll er sein, es gibt Fotos davon und eine Wegbeschreibung. Der Bauer, auf dessen Wiese er im Boden versunken daliegt, hat ihn ca. einen Meter tief ausgegraben, niemand weiß, wie groß er wirklich ist. Nach der pflichtgemäßen Meldung wurde ihm von der maßgeblich zuständigen Behörde mitgeteilt, daß für Ausgrabung und Erforschung des Steinbrockens kein Geld zur Verfügung stünde und man könne ihn gern wieder zuschütten. Kein Interesse also an diesem riesigen Stein, der von irgendwoher an diesen Ort gerollt war. Ich bin losgefahren und das schon zum zweiten Mal, und habe ihn trotz genauester Herumsucherei nicht gefunden. Das ist nichts Neues, manche Orte, und vor allem Steine verbergen sich und ziehen sich vor allzu intensiver Suche in sich zurück und werden nahezu unsichtbar. Manchen Ort habe ich dann durch Zufall entdeckt, als ich längst aufgegeben hatte. Und dann stellte sich heraus, daß der Ort ganz in der Nähe war und ich nur die Blickrichtung ändern hätte müssen. Das heißt, es hätte genügt, nur zu schauen, ohne den Vorsatz, etwas finden zu müssen. Ich werde es also ihm überlassen, ob er sich finden lassen will, der Findling.

Das alte Jahr haben wir denkbar schön beendet, mit zwei wunderbaren Filmen: „Fata Morgana“  von Werner Herzog und „Dialog mit meinem Gärtner“.

Grad um Mitternacht hörte der Regen auf und wir konnten ein wenig Richtung Salzburg spazieren und zum Himmel schauen. Ich liebe Feuerwerk und kann das große Geschimpfe darüber gar nicht verstehen. Ja, freilich wird viel Geld in die Luft geschossen, ja und? Es wird auch viel Geld versoffen und verraucht oder für sonstwas ausgegeben. Ja, es passiert auch immer was, wenn Menschen mit Raketen herumspielen. Ja, es gibt viel Unglück auf der Welt und es ist schlichtweg einfach nur unvernünftig, für ein paar Minuten ein Vermögen in die Luft zu schießen.  Aber ich liebe es, was Unvernünftiges zu tun und es ist einfach so wunderbar, diesen bunten Sternen zuzusehen, die es vom Himmel regnet. Ein Feuerwerk ist für einen Augenblick pure glitzernde Seligkeit. Es ist so schnell vorbei wie das Leben, nichts bleibt übrig, aber für einen Moment zeigte sich das Glück.

Jetzt haben wir nach dem chinesischen Horoskop das Jahr des Drachen. Der Drachen ist auch mein Zeichen und ich freue mich auf dieses Jahr. Was immer es auch bringen mag, ich möchte es mit Freude durchschreiten und nach Lust und Laune leben. Und ich höre sofort meinen Vater sagen: was wäre, wenn das jeder täte …ja, was wäre dann?

Ich werde das Löwenfeuer in mir schüren und mich vom Drachen begleiten lassen, neue Wege suchen, alte pflegen, Menschen die Hand reichen, über Blödsinn lachen, mir weiterhin nichts sagen lassen, meine eigenen Wege gehen und meine eigenen Gedanken denken … ich bin zuversichtlich – mit dem Drachen an meiner Seite werden wir uns schon irgendwie durchschlagen.

Ihr Lieben da draußen: Bleibt mir hier gewogen, laßt uns weiterhin die Freundlichkeit pflegen miteinander, umeinander und uns weiterhin Geschichten erzählen. Ich wünsche Euch allen ein gutes Jahr, gute Begegnungen, schöne Musik, Arme, in die Ihr Euch hin und wieder fallen lassen könnt und trotz des ganzen Wahnsinns , der uns umgibt, am Morgen aufzustehn und festzustellen, daß uns die Erde immer noch trägt. Alles Liebe für Euch!

 

Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt.
Jesaja 7,4

Die liebe Kraulquappe hat auch sicher schon vor Stunden was geschrieben!

#32 Der Himmel brennt.

Wir fahren ein wenig in die Berge hinein, aber hinter Reichenhall beginnt in Richtung Lofer der Stau, halb Deutschland ist unterwegs im SUV, mit dem Skisarg auf dem Dach, um irgendwo hoffentlich eine mit Kunstschnee bearbeitete Piste zu finden, auf der man hinunter kommt, oder man ist auf der Suche nach den letzten Gletscherflächen, die langsam aber stetig wegtröpfeln. Das Land ist im Wintersportferienfieber und die Touristenströme lassen sich nicht aufhalten, von nichts und niemand. Manchmal habe ich das Gefühl, man würde auch die Hügel runterrutschen, die vom alles aufweichenden Dauerregen nur noch aus Schlammlawinen bestehen. Aber solang noch irgendwo ein paar Bröserl Schnee herumliegen, fährt die eine Hälfte dort hin. Die andere Hälfte steigt schon seit Wochen vor Weihnachten in Fliegern auf und fliegt in die Wüstenländer, um dort mit den anderen an den Pools zu liegen, die mit Wasser befüllt werden, das diese Länder eigentlich gar nicht mehr haben. In den Nächten um Weihnachten sind über dem Salzburger Flughafen die Flieger aufgestiegen wie die Leuchtraketen, einer nach dem anderen nach dem anderen nach dem anderen. Nach wie vor ist das den unzähligen Touristen völlig wurscht, das war immer schon so und wird sich nicht ändern. Alles, wofür man bezahlt hat, darf man konsumieren, die anderen machen es schließlich genau so. Wer da was dagegen sagt, wird nicht mehr gewählt, so einfach ist das. Wo wir auch hinkommen auf unserer Spazierfahrt, quellen die Mülltonnen über. Auf den Wiesen steht das Wasser, das Land ist aufgeweicht vom Dauerregen, davor hat der übermäßige schwere Schnee den Bäumen die Äste abgetrennt oder sie gleich in der Mitte auseinandergerissen, notdürftig sind Zufahrtsstraßen geräumt, aber überall ist das Ausmaß des Unwetters zu sehen. Mit dem Regen kamen heftige Stürme, dann wurde es schlagartig warm … viel zu warm für diese Jahreszeit, sagt der Wetterbericht. Auch unsere Streuobstwiese hat furchtbar gelitten, viel Arbeit wartet. Die alten Bäume haben so viele Jahre Wind und Wetter getrotzt, diesmal haben Schneedruck und Sturm die Kronen abgebrochen und ihre Äste liegen herum oder hängen halb abgerissen herunter. Der alte Zwetschgenbaum ist in der Mitte gespalten. Was für ein Bild des Jammers, die Bäume hört man nicht, sie klagen leise.

Ich fahre gern um diese Zeit übers Land, denn so ohne Schnee sieht man extrem ehrlich das ganze Spektrum an Häßlichkeiten, das man ihm zugefügt hat. Schmerzhaft deutlich steht die Scheußlichkeit der begangenen und gerade neu entstehenden Bausünden in der Gegend herum.

Wir sind dem Touristenstau entkommen, fahren zurück und landen schließlich in einer wunderbaren freundlichen Buchhandlung im Salzburger Bahnhof, dort im Untergeschoß ist die ganze Welt zugange, viele Sprachen sind zu hören, alle kommen an oder reisen weg. Ich mag diese nicht statische Atmosphäre von nicht ganz weg- aber auch noch nicht ganz dasein, alles ist in der Schwebe und nicht festgelegt.  Und welches Glück, es gibt meine österreichische Lieblingszeitung, den „Falter“.

Heimzu fahren wir an den Bergen entlang nach Westen, der untergehenden Sonne entgegen, plötzlich steht der ganze Himmel in Flammen hinter dunkelblauem Gebirge. Dieser Anblick ist von so einer überwältigenden Schönheit, daß mir die Tränen runterlaufen vor Glück, daß ich dies hier Heimat nennen darf.

Auf der Straße liegt ein Stück graubraunes Fell, plattgefahren. Lange Löffelohren stehen kerzengerade in die Höhe. Mehr ist nicht übriggeblieben vom kleinen Feldhasen.

Die Rauhnächte winden sich um meine Füsse wie kleine Schlangen, vor mir liegt die Weihnachtsbotschaft … noch kann ich sie nicht lesen.

Liebe Grüße an die Frau Kraulquappe!

Zur Rauhnacht

Passend zur Rauhnacht fliegt mir ein Gedicht zu und freundlicherweise erlaubt mir der Herausgeber, Wolfgang Schiffer, es hier zu veröffentlichen.

 

Die andere Frau

Du bist nicht allein
wie im Spiegel
außerhalb des Blickfelds
hinter der Tür oder
beim Aufwachen
zeigt sich plötzlich
die andere Frau

die du bist

deren Leben von dir abhängt
und von deinen Träumen

 

Ingibjork Haraldsdōttir
aus: Am Meer und Anderswo
Hrsg. Wolfgang Schiffer

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 24: Finis

Zu guter Letzt schickt mir die hier mitlesende Freundin per WhatsApp noch ihr Fazit: „Scheitern als Möglichkeit kann ich nur begrüßen. Es ist eine Form des Wachsens, der Emanzipation, einem System zu entkommen.“

Ein Projekt ist zu Ende.  Und wie jedes Mal stehe ich als Intendantin auf meiner Bühne und bedanke mich bei der illustren Gästeschar, die in den letzten Wochen hier das Programm gestaltet hat. Wie immer ist das laut und lange applaudierende Publikum nicht zu hören, wie sollte es anders sein hier an diesem luftigen Ort zwischen Himmel und Erde, und so kann ich nur ganz alleine im Namen der Mitlesenden meinen Dank aussprechen für die großartigen Texte, die hier zum Vortrag kamen. Es ist ein unbeschreiblich bezauberndes Weihnachtsgeschenk für mich: Ich lade ein und Menschen setzen sich hin und schreiben ihre Gedanken auf, um sie mir zu schicken, jede r in ihrer/seiner ganz eigenen Art. Mehr geht nicht. Ich fühle mich sehr reich beschenkt! Habt Dank alle, für den Mut, um Worte zu ringen, sie aus inneren Urgründen hervorzulocken, sie loszulassen und mir anzuvertrauen, damit ich sie in die Welt hinausschicken kann. Starke Texte sind es geworden, ich lese sie mehrmals, denn manches ist versteckt zwischen den Worten und traut sich erst beim öfteren Lesen heraus in seiner strahlenden Erscheinung.

Wie immer nach so einem Projekt würde ich gerne mit Euch allen noch ein wenig beisammen sein und langsam alles ausklingen lassen. Und wie immer auf dieser luftigen Bühne fällt mir dazu das Cafe Weltenall ein, das sich ganz in der schwebenden Nähe auf dem Gütel des Orion befindet … dort tät ich gerne mit Euch ein frisch gezapftes Asteroidbier trinken und anstoßen auf diese wundervolle gemeinsame Arbeit und ein wenig tanzen und mitsingen zur Sphärenmusik von Ullis Hausband…

Aber heute ist Weihnachten und alle wollen nachhause, Kerzen anzünden, was Gutes essen und ein wenig zur Ruhe kommen und so sende ich aus dem sturmgepeitschten Bergland Grüße hinaus, an alle, die mitgemacht haben und ganz bestimmt nicht zuletzt auch an das hochverehrte Publikum, das hier mitgelesen hat, was wären wir denn ohne Euch!

Laßt es Euch gutgehen, was und wie und ob überhaupt Ihr feiert … ein Kerzenlicht in der Nacht ist nie verkehrt. Ich zünd eine Kerze an und stelle sie ins Fenster.

Denen, die alleine sind und nicht wissen wohin mit sich, schicke ich eine Umarmung.

Es ist Weihnachten.

 

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 23: Silvia Springer

Der Ruf der Graugans ereilte sie in El Paso, an einer Grenze, mitten in der Wüste, diese ein Ort, der wunderschön, aber gnadenlos wie die Natur selbst ist, da sie sich gemäß ihrem Gesetz entfaltet. Beim Schreiben dieser Zeilen kommt der Schreiberin in den Sinn, dass als Teil der Natur der Mensch ebenso gnadenlos sein konnte, nein, naturgemäß sein MUSSTE. Wen die Gnade ereilt, wer selbst Gnade walten lässt, übersteigt die eigene Natur. Ist das der Quantensprung oder der Dimensionswechsel, von dem alle sprechen? Beim Betrachten der Welt schien es ihr, als wäre die Menschheit an sich gescheitert, an dem Mangel ihrer „Gnadenfähigkeit“ – andererseits erlebte sie in derselben Welt Momente der Glückseligkeit, also die Gnade eines Moments der Freude, einer Sinnhaftigkeit, eines Grundes, leben zu WOLLEN.  Es galt also, diese Fähigkeit zu entwickeln, zu fördern, bei sich zu beginnen und vor allem als lebendes Beispiel zu wirken, Veränderung nicht zu fordern, sondern anzunehmen, aufzunehmen, sich selbst dem Transformationsprozess anheimzugeben.

Die Schwingungen, die sie an jenen Orten zwischen Tucson und El Paso spürte, verführten sie zur Zusage an diesem Projekt. Die Kraft des Bodens dort steigt sehr leicht zu Kopf, verleitet zu Selbstüberschätzung.

Ist Selbstüberschätzung womöglich notwendig, um über sich selbst hinauszuwachsen? Wäre die Anfrage in Wien gekommen, hätte sie vermutlich abgelehnt. Als sie wieder nach Wien zurückkehrte, war es dazu zu spät.

Danke, liebe Gretel Graugans, dass ich dabei sein darf bei deinem Projekt. Es hilft nix, besser wird’s nicht mehr, aber das is‘ ja wurscht, gell? Hauptsache, mitmachen, auseinandersetzen, ringen mit Sprache und Anspruch … und erkennen, wie sehr alle(s) miteinander verbunden sind/ist …

***

Sie hatte geschrieben. Und die bewegenden Texte der anderen gelesen. Festgestellt, dass ihr Text da nicht hineinpasste. Wieder einmal. Gescheitert.

Sie passte da nicht hinein, mit ihren Erfahrungen oder dem, was sie nicht erfahren hatte. Oder mit der Art und Weise, wie sie mit ihren Erfahrungen umging, diese verdrängte, beschönigte, benutzte.

Sie musste sich eingestehen: sie befand sich in einer ernsthaften Krise. Sie, die mit sieben Jahren gewusst hatte, dass sie Schriftstellerin sei, hatte nicht ein Buch geschrieben. Nicht eines. (Aber sie hatte nie aufgehört zu schreiben.)

Sie hatte keine eigene Familie gegründet. War in all ihren Beziehungen gescheitert, sogar Freundschaften waren in die Brüche gegangen. Oder vielmehr: sie erkannte, worauf alle ihre Beziehungen jeglicher Art beruhten. Sie waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, da sie auf falschen Prämissen beruhten. (Und doch gab es Menschen, die sie ebenso liebten wie sie diese liebte.)

Alt wie sie war, hatte sie bis zuletzt Liebe und Freundschaft dort gesucht, wo sie nicht zu finden waren und dort abgewehrt, wo man sie ihr entgegengebrachte. (! Siehe oben…)

Eine berufliche Karriere strebte sie zu keiner Zeit an. Wollte nie „leiten“, „anführen“ oder dergleichen. Sie hatte sich nicht „zu Höherem“ berufen gefühlt. (Dabei liebte sie immer den weiten Horizont, die Linie zwischen Himmel und Erde …)

Und nun konnte sie – die vollkommen Gescheiterte – keinen Text über die Freiheit des Scheiterns verfassen, zweifelte grundsätzlich daran, ob sie jemals wieder schreiben würde oder sollte, weil ihr das ewig selbe Muster ihres Lebens banal erschien und sie etwas Neues tun wollte, nicht, weil sie sich abzuheben suchte, sondern … daran glaubte, dass es tatsächlich neue Wege gab.

Was hatte sie zusagen lassen, als die Graugans sie einlud an deren Projekt teilzunehmen? Sie freute sich immer, von ihr zu hören, sie liebte ihre Texte, die Projekte. Einfach so. Sie wusste jedes Mal, wie herausfordernd sie waren. Sie dachte dieses Jahr, nachdem sie grade wieder mal auf dem Boden der Tatsachen zerbrochen war, handelte es sich um eine leichte Übung.

Es war so schwer wie nie, weil sie genau mittendrin steckte. Es gab keinen Abstand, der sie das größere Ganze sehen ließ. Sie klebte an der Leinwand ihres Lebens wie eine zermatschte Mücke auf der Frontscheibe eines schnittigen Cabriolets. Peng!

Dabei war alles nur Emotion.

Also setzte sie sich hin. Atmete. Schloss die Augen. Atmete. Atmete.

Der Schnee fiel (als sie diesen Text begann). Deckte Wien zu (War mittlerweile geschmolzen). Alles wurde still.

Still.

Noch stiller.

Und immer stiller.

Sie hörte das Pochen ihres Herzens, spürte, wie es das Blut durch ihre Adern trieb, ihren Körper in sanfte Schwingung versetzte.

Der springende Punkt. Punkt. Der Punkt, der springt, die Springerin schwingt und springt.

Sie folgte ihm, diesem Rhythmus ihres Herzens, beobachtete wie Ströme in ihr und um sie flossen, sah die Energie mit dem inneren Auge, wie sie pulsierend kreiste und sich verteilte, hinausschoss ins Universum, immer in Bewegung war, ohne Hektik und doch schneller als das Licht, zielsicher, entschlossen (was entschloss sich? wozu? Egal!), ruhig einfach in unendlicher Kreativität sich ergoss. Keine Sekunde Stillstand, gar keine Eile, wie der Komet am Nachthimmel, der sich in Geschwindigkeit verseng(k)te, jedoch für das Menschenauge praktisch unbeweglich wie alle anderen Sterne nur funkelte, sonst nichts.

Dachte ein sterbender Stern ans Scheitern?

War nicht alles im Grunde vergebens?

Mussten nicht alle Menschen geboren werden, um wieder zu sterben, waren sie nicht alle aus demselben Stoff gemacht, nackte Kaiser und Kaiserinnen, dazu verdammt, zu essen, zu trinken, zu verdauen, auszuscheiden, bis sie selbst aufgegessen, aufgesaugt, verdaut, ausgeschieden wurden?

Eine Frage des Standpunkts, nicht wahr? Aber der springende Punkt steht nicht, er landet nur kurz wie auf einem Sprungbrett, um noch höher zu springen …

Sie begann nicht zu lachen, sie lächelte. Alles war in Ordnung, so wie es war. Gescheitert oder nicht, das war völlig bedeutungslos bei so viel Schönheit, die sie bereits erlebt hatte. Einfach nur Teil des Ganzen. Ein atemberaubendes Werk eines Schöpfers, den sie nicht kannte und dessen Geschlecht ihr ziemlich egal war. Wirklich.

Gedanken wie Muster in einem Gewebe reihten sich ein, einfach nur Schall und Rauch, vergangen, noch ehe sie zu Ende gedacht wurden. Körper lösten sich auf. Alles ein ständiges Scheitern, eigentlich, und das tatsächlich und wirklich in einer Freiheit, die kein Mensch je zu denken in der Lage war oder jemals sein würde, nicht, solange er oder sie einfach nur Mensch war, was schon bedeutsam genug war.

Alles und Nichts zugleich, nicht mehr und nicht weniger. Und sie irgendwo mittendrin, weil überall Mittelpunkt und Grenze war. Liebe. Ist alles.

Text: Silvia Springer oder auch die Springerin genannt

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 22: Andreas Glumm

Cartoonmoment

 

„Nicht zu fassen“, sag ich, als ich nach Hause komme, und reibe meinen Ellbogen. „Ich hab mich wieder voll hingelegt.“

„Wie? Was meinst du?“

„Na, hingelegt. Aufs Maul. Einfach so.“

„Einfach so? Keiner legt sich einfach so aufs Maul. Wo denn?“

„Na, hier. Den Kannenhof runter.“

„Ja aber… Ist das nicht schon mal passiert?“ Da kommt sogar die Gräfin ins Grübeln.

„Ja, schon wieder“, sag ich verärgert. „Richtig langgelegt hab ich mich. Da, wo der kleine Park ist, den Bürgersteig runter.“

Ich hatte richtig Speed drauf, ich ging viel zu schnell, trotz Schneefalls. Ich war in Gedanken. Diese Massen an Schnee, wenn man die Straße runterblickte, überall Schneehaufen und eingeschneite Wagen, wie Möbelstücke. Als betrete man ein riesiges Schneezimmer. Der steile Kannenhof scheint zunehmend eine Art Sonderzone darzustellen: wie wirtschafte ich meinen endgültigen Fall. Nichts macht der Öffentlichkeit dein Scheitern deutlicher als ein Sturz auf offener Straße.

Hinfallen.

Hat aber keiner gesehen, glaub ich.

Scheitern hat viele Facetten. Die Gräfin erzählte von einem Onkel, dessen großes Problem war: in der Öffentlichkeit machte er sich klein, es fehlte ihm an Selbstvertrauen. Wenn er aber die gleichen Leute, mit denen er im Biergarten schüchtern am Glas nippte, zu sich nach Hause einlud, wurde er groß wie ein Basketballstar. Zu verstehen war das Ganze nicht. Er war ja kein Angeber.

Ich hatte einen schnellen Schritt vorgelegt, den ich nicht mehr zurückschrauben konnte. Einmal zu schnell den Berg runter, schon halb im beginnenden Sturz, blieb nur noch der Versuch, den Fall abzufedern.

Dabei gehe ich so gern. Ein Leben ohne Gehen ist für mich nicht vorstellbar. Wie gut es tut, Dinge zu Fuß zu erledigen. Ich glaube fest daran, dass zu Fuß gehen weltweit wiederkommt, auf großer Linie! Auf großem Fuß! Und dann komm ich daher und lege mich auf die Fresse. Gleich mehrmals scheitere ich an der eigenen Schrittfolge.

*

Seit Wochen lag Schnee, der Frost wollte nicht weichen. 2010 war das Weihnachtsfest, als Mutter starb. Wenn andere Leute bei Stress zu schnell Autofahren, bin ich zu schnell auf den Füßen. Ich eilte also den Kannenhof runter, vergaß aber das Blitzeis, das sich über Nacht gebildet hatte und unter dem Schnee lauerte. Der rechte Fuß sauste weg, als wäre ich auf eine verborgene Bananenschale getreten. Für einen winzigen Cartoon-Moment lag ich waagerecht in der Luft, bevor ich lang aufschlug. Mit dem Rücken. Der Hinterkopf titschte zwei Mal auf, Ding-Dong, wie ein Flummi. Zum Glück trug ich eine Wollmütze, die den Aufprall abfederte, zusätzlich zum frisch gefallenen Schnee.

Ich bin ein leidenschaftlicher Fußgänger. Selbst den Bus nehme ich nur, wenn es mich ausnahmsweise in einen anderen Stadtteil verschlägt. Und natürlich bin ich mit dem Hund täglich zwei oder drei Stunden in der Pampa unterwegs. Da steigt schon rein statistisch die Sturzgefahr. Die Hinfall-Wirtschaft. Guck mal der Mann da, Mama. Der ist hingefallen. Macht der das extra?

*

An einem Donnerstag war es wieder so weit. Diesmal nirgends Schnee, Blitzeis auch nicht. Ich stolperte bei Sonnenschein über die eigenen Beine. Nun zähle ich von Natur zu denjenigen, die vorwärts fallen beim Gehen. Als würde ich mit jedem Schritt ein Loch nach vorn in den Tunnel hauen. Man hört praktisch das Brechen von Mauerwerk, ich säble alles nieder, was sich mir in den Weg stellt. Führend ist dabei das linke Bein, mit dem ich meine Energie vorausschicke. Die linke Klebe. Die Machete. Das Gefühlsbein. Der freie, radikale Fuß singt:

Ich geh, fühl und komm um.

Doch den Sturz löst dann der rechte Fuß aus. Donnerstagvormittag, den Kopf voller Gedanken, mal wieder, wie immer, ich kenne es nicht anders, marschiere ich die steile Straße runter. Auf dem Bürgersteig. Bis ich plötzlich aus dem Takt gerate. Wie aus dem Nichts schlägt die Spitze meines linken Schuhs gegen die Hacke des vorauseilenden rechten Schuhs, und ich verliere das Gleichgewicht. Mein Oberkörper verlagert den Schwerpunkt nach vorne, das vorwärts Fallen beschleunigt sich – und das alles in dem vollen Bewusstsein, mich nicht länger auf den Beinen halten zu können. Zwei Meter schaffe ich noch geradeaus – ich gerate auf die unbefahrene Straße, und stürze – mit den Händen voraus. Rollsplitt bohrt sich beim Aufprall in die Handflächen, ich lande auf der rechten Körperseite, ich liege blöd in der Geschichte rum.

Ein Schulmädchen, das zuvor auf der Wupperstrasse gemeinsam mit mir aus dem Bus gestiegen war und gut zwanzig Meter voraus ist, bleibt abrupt stehen und dreht sich um.

„Alles klar?“

Ich warte einen Moment.

„Na ja klar.“

Was soll man sagen.

*

Das Schöne am bergauf gehen ist oben ankommen. Das Schöne am bergab gehen ist das oben gewesen sein.

Alles in allem ist oben am besten.

Text: Andreas Glumm

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 21: Marina Maggio

die träume der anderen

einen apfel schälen und nicht
geschält werden.
die narben tragen wie eine
perlenkette.
ein herz aufschlagen und darin
lesen können.

den mund voller beeren
nehmen die lippen
süß vom saft. satt sein nicht
nur heute. eine
wüstenrose sein und
niemals durstig.

paradiesvögel die in den
haaren nisten. einen
erdbuckel streicheln. einen
morgenstern der
den weg weist.

schallend lachen aus einem
greisenhaften
gesicht. ein paar tanzschuhe in
rot. den
eigenen schatten besiegen.

eine umarmung zum abschied
und dann
LEBEN…LEBEN…LEBEN.

Marina Maggio 2023

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 20: Sammelmappe

Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns – glorreich scheitern

Bin ich schon einmal gescheitert? Habe ich mir schon einmal die Freiheit genommen zu scheitern?

Ich neige eher zum Verzweifeln als zum Scheitern.

Vielleicht kann ich nicht scheitern, weil ich ein Ende nicht als Scheitern erlebe. Das Scheitern ist ein Zwischenstand. Ein Transformationsstatus. Wenn du es Scheitern nennst, sage ich: das ist noch nicht das Ende. Es geht weiter. Es geht tiefer.

Wir sammeln die Scherben ein und kleben sie wieder zusammen. Geduldig. Nachdrücklich.

Die Freiheit des Scheiterns konnte ich mir nie nehmen. Es bleibt weder die Zeit noch die Kraft zum Scheitern, wenn du banal um deine Lebensberechtigung kämpfst.

Ich mutmaße, dass die Freiheit des Scheiterns ein seltenes Privileg ist.

Irgendwie bin ich auf dem falschen Dampfer. Bitte wenden! Noch mal zurück.

Da! Hier liegt es doch auf der Hand. Die Freiheit besteht darin, das Scheitern nach Herzenslust zu zelebrieren. Nie das Ende darin sehen zu müssen. Den eigenen Blickwinkel einstellen zu dürfen.

Vita Sackville-West sagte einmal, sie wolle „lieber glorreich scheitern als schäbig siegen“. Nachdrücklicher lässt sich die Freiheit des Scheiterns kaum verkünden.

Text: Sammelmappe

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 19: Pega Mund

achtmal fallen, neunmal aufsteh’n?

1_ So kurz vor Mitte November eine freundliche Einladung von Frau Graugans, beim diesjährigen Adventsprojekt mitzumachen: Mutmaßungen zur Freiheit des Scheiterns – oho, spannend! – und

2_ ich sage postwendend zu, wiewohl im Kalender (meinem!) die Wochen bis Weihnachten gefährlich rotgelbgrünschwarzgescheckt mit ihren Terminen prunken (also: kaum eine Schreiblücke irgendwo und die Gefahr eines Scheiterns am Projekt absolut im Bereich des Möglichen!), übergebe sodann, auf gnädige Eingebung(en) hoffend, die Schreibaufgabe meiner inneren Weisheit und arbeite mich ansonsten unverzagt durch den alltäglichen Umtriebsdschungel. In der Woche nach dem ersten Advent

3_ treten, vermutlich aus dem etymologischen Wurzelwerk des Wortes Scheitern aufsteigend, Bilder von Scheiterhaufen vor mein inneres Auge – Scheiterhaufen für all Jene, welche gesellschaftliche Normen oder religiöse Gebote missachten (oder zu missachten scheinen), Scheiterhaufen für die gescheiterten Existenzen, die abgespalten werden müssen vom guten, gesunden Holz, die brennen müssen: zur Ehre des Herrn und der Herren, zur Ehre der Macht … aber … wo bleibt da die Freiheit!? und überhaupt

4_ steh ich jetzt, hier, heute auf Kriegsfuß mit so umfassenden Zuschreibungen wie gescheiterte Existenz oder ein gescheitertes Leben. Wer hat die Deutungshoheit, ein ganzes Leben als gescheitert zu bezeichnen, wer darf sich das anmaßen, solch Urteil zu fällen? Und kann nicht etwas, das zunächst wie Scheitern aussieht, zu späterer Zeit, in der Rückschau, sogar als ein positiver biografischer Impuls begriffen werden? Wie auch immer – ein neues Bild taucht auf, begleitet mich durch die zweite Adventswoche: Ich sehe

5_ ein Kind, das laufen lernt, vielleicht elf, zwölf Monate alt. Es richtet sich aus dem Bärenstand auf, steht frei, wackelig, hält sich einige Sekunden, plumpst auf den Hintern. Wieder und wieder geschieht das, ein ständiges Scheitern, zugleich aber: ein unermüdliches Lernen. Die Intervalle des freien Stehens werden länger, die Balance wird stabiler, das Aufrichten gelingt immer besser. Parallel hat das Kind begonnen, von den Eltern gehalten oder sich an Möbeln entlanghangelnd, seine Schrittmuster zu trainieren … Scheitern hilft hier beim Lernen, aus Fehlern wird man klug, doch, ja, das gibt es. Ist da vielleicht auch ein bisschen Freiheit drin versteckt? Kann sein, jedenfalls scheint es

6_ eine Art von hilfreichem, ja notwendigem Scheitern zu geben, das letztlich zu neuen Freiheiten, neuen Möglichkeiten führt. Das gilt für das Individuum ebenso wie für das Kollektiv. Wir, die Menschen, Menschheit, wir haben uns aufgerichtet, haben gehen gelernt, Zusammenhänge entdeckt, Wissen erworben und Erfindungen gemacht, die zumindest einem Teil der heutigen Weltbevölkerung Möglichkeiten, Freiheiten, Sicherheiten, Bequemlichkeiten bescheren, die vor 100 Jahren noch unvorstellbar waren. Allerdings

7_ ist es uns, der Menschheit, bislang nicht gelungen, den Fortschritt so zu gestalten, dass alle Menschen daran teilhaben können, und die Erde, deren Ressourcen uns tragen und nähren, intakt bleibt. Im Gegenteil! Die globalen Herausforderungen, vor denen wir als Kollektiv Menschheit stehen, sind

8_ gewaltig und höchst komplex. Kann gut sein, dass wir scheitern. Kann sein, dass dann viel viel viel Zeit vergeht und irgendwann was

9_ Neues, ganz Anderes, Bess’res entsteht …

Text: Pega Mund

24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 18: Myriade

Selbstoptimierung – ein Wort, das mir so richtig zuwider ist. Also, natürlich ist mir nicht das Wort zuwider sondern das Konzept. Es soll somit eine optimale Form des Menschseins geben. Hat man diese noch nicht erreicht, so muss man heftig daran arbeiten. Wer diesen optimalen Zustand definiert hat und wie er genau aussieht, ist unbekannt, scheint auch kaum jemanden zu interessieren. Schließlich braucht die Optimiererei so viel Zeit und Einsatz, dass man sich nicht auch noch mit unnötiger Theorie beschäftigen kann.

Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, es kann aber leicht sein, dass ich wegen mangelnden Engagements ohnehin alles falsch verstanden habe, wenn ich also alles richtig verstanden haben sollte, betrifft die Selbstoptimierung hauptsächlich wenn nicht gar ausschließlich den Körper. Jung, schlank, fit, schön, das ist das allermindeste, was man sich selbst und den Mitmenschen schuldig ist.

Keine Zeit dafür? Na, na, na, eine ganz dumme Ausrede, Prioritäten müssen gesetzt werden. Frühmorgendliches Joggen statt schlafen, vorhandenes Geld legt man am besten in Schönheitsoperationen an, nichtvorhandenes muss eben irgendwie beschafft werden. Sieht man nach einer Schönheits-OP zwanzig Jahre älter und vergrämt aus, ist das Lifting misslungen, erinnert man an einen traurigen Clown ohne Mimik, ist man ganz sicher selbst schuld. Den mentalen Faktor darf man nicht außer Acht lassen, die Lebenseinstellung ist natürlich wichtig. Positiv denken , ins Handeln kommen ! Man ist so alt wie man sich fühlt, oder etwa nicht? Jede und jeder kann die beste Version von sich selbst werden. Wie die aussieht? Wer das nicht weiß, gehört definitiv zu den Losern.

Was an mir alles nicht optimal ist, füllt eine lange Liste. Die Art Liste auf einem Papyrus, der in eingerolltem Zustand an eine barocke Marmorsäule erinnert. Nun habe ich die Freiheit der Wahl: lebenslanges Schinden in den Klauen der Selbstoptimierung oder aber …

Ich habe mich entschlossen: Erfolg hat sich nicht eingestellt, ich bin immer noch nicht jung, schlank, fit und schön und so nehme ich mein Scheitern zur Kenntnis. Es winkt mir die Freiheit mit der Schufterei fertig zu sein, kein Fitnesscenter mehr, keine Hanteln, kein Hungern, keine Schönheitsfarm und kein ultimatives Anti-Aging. Als  hoffungsloser Fall kann ich meine Freizeit  verbringen, wie immer ich will und in Gesellschaft anderer glücklich Gescheiterter.

Ein hoffnungsloser Fall zu sein, eine die die unbedingt zu erreichenden Ziele nicht annähernd schafft, bringt nach dem ersten Schock ein wunderbares Gefühl der Freiheit. Schwebend im Raum unendlicher Möglichkeiten jenseits des dornigen Pfads der Selbstoptimierung steht einem die Welt offen.

Ich gehe außen am Zaun entlang und lasse meine Finger über die Metallstäbe laufen, die die Übungswiese begrenzen. Drinnen wird marschiert und exerziert, im Gleichschritt einem unmöglichen Ideal hinterher, das sich mit fortschreitendem Alter der Marschierenden als immer unerreichbarer erweist. Erfolg ist nicht möglich. Allein das Scheitern bietet einen  möglichen Ausstieg aus den oft verzweifelten Bemühungen zur Erreichung eines unerreichbaren Ziels. Das Scheitern in die Freiheit …

Text: Myriade