Niemandsland

Fischezeit – Auflösung ins Chaos

„Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ – lese ich bei Nietzsche

Die Zeit meiner schillernden, Verwirrung stiftenden, chaotischen und hypersensiblen Aszendenten, der nach außen gerichtete Teil meiner Natur, zwei Fische, einer schaut nach vorne, einer nach hinten, beide in der Mitte von einem Band aneinander gehalten.

Auftauchen aus digitaler Fastenzeitpause ins Niemandsland.

Vor genau einer Woche, nach genau einem Tropfen Blut zur falschen Zeit an falschem Ort, setzt sich eine analoge Maschine in Bewegung und führt zu Untersuchungsprozeduren, kleinerer Narkose und kleineren Schnitten durch viele Stunden in Wartezimmern einem Anruf am Morgen und einem Befund, der die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: Positiv…das heißt: negativ für mich. Das Urteil also, ja das Urteil, das mit K beginnt…hat es sich schon auf meiner Stirn eingebrannt, sieht man es mir schon an…kann nichts erkennen im Rückspiegel, in den ich beim Heimfahren ständig starre…werden alle jetzt sagen: „Ach ja, Du siehst schon seit längerem so blaß aus…“?

Im vorläufigen Diagnosepapier wird darüber befunden, daß nach mikroskopischer Ansicht eines Blutstropfens von mir die vorläufige Beurteilung den Namen „G1“ zu tragen hat. Es wird mir gesagt, daß nach größerer Narkose und tieferen Schnitten, natürlich nur, wenn „nichts mehr hinzukommt“, und „alles entfernt“ ist, mit Heilung gerechnet werden könne. Wenn alles gutgeht, in einer Woche, OP – Termin am 10. März ist auch schon gemacht. Aha.

Und jetzt? Eine Woche warten auf die Schlachtbank, wo ich ausgeweidet werde? Ist das zynisch…sarkastisch? Wie damit umgehen? Verschweigen? Still sein und verschwinden, Absturz ins Bodenlose? Ja, selbstverständlich kriecht mir die Verzweiflung den Nacken hoch und ich schwanke unter diesem Schlag, der ja gar nicht wehtat, ein paar lächerliche Buchstaben auf einem Laborzettel…mit dem Hammer werde ich in meinem Leben in die dunkelste Ecke gestossen: mein Abscheu vor Krankheit und Tod und die große Angst, nicht mehr selbst bestimmen zu können und schlagartig wird mir bewusst, daß ich lernen werde, anzunehmen, was kommt und irgendwann mich hinzugeben, ja, auch dem Sterben. Ich weiß jetzt, daß ich sterblich bin.

Die Passion, sie hat was mit mir zu tun, das weiß ich schon lange, langsam verdichtet sich Nebulöses und ich glaube, auch diese Erkrankung wird dazu beitragen, als eine mögliche Spur zur Wahrheit zu führen, wenn ich sie lasse. Ich bin jedenfalls nicht bereit, auch nur grad eine einzige Zelle meines Seins als bösartig zu erachten, ich bin bereit, das, was nicht mehr bleiben soll, in Würde und Achtung gehen zu lassen und danach weiterzuleben, solange ich darf.

Ich lese „Die Antwort der Engel“ endlich, nach Jahrzehnten ganz zu Ende, dieses Buch ist eine eigene Geschichte, vielleicht werde ich auch darüber mal berichten, vorerst entnehme ich ihm die Anweisungen: „Streiche das Wort Warum! und: „Empfange das Leiden als einen Boten des Himmels, doch laß ihn weiterziehen, wenn er scheiden will! und: „Horchst du, so werden selbst die Steine sprechen!“ Ja.

Bei einem, dem ich sehr gewogen bin (@lz. „der versteckte Poet“) habe ich mir das Wort „Zäsur“ ausgeliehen und denke viel darüber nach.

Und – ich beende hiermit meine digitale Abstinenz, war sehr lehrreich, kann ich weiterempfehlen, wer wissen will, was passiert, soll einfach mal eine Zeitlang den Rechner ausmachen. Auch wenn alles verschwindet im schwarzen Bildschirm: Herznähe ist davon völlig unabhängig und dringt durch alle Fremdheit, Entfernung und digitalen Spielraum hindurch und ist analog spürbar. Das war und ist eine beglückende Erfahrung.

Ich hätte gern noch die Fastenzeit digitalabstinent zu Ende gebracht, aber jetzt ist eine neue Herausforderung angesagt und ich habe beschlossen, sie auch hier, zwischen Himmel und Erde anzunehmen und mich ihr offensiv zu stellen. Werde zwischendurch, je nach Stand der Behandlungen verschwinden und wieder auftauchen, denn ich liebe diesen Ort und ich freue mich so, wieder hier zu sein und mich mitteilen zu dürfen.

Kurz vorm Wegdämmern in die  Narkose am Montag ging mir durch den Kopf, was ich in meinem Leben unbedingt „noch“ machen möchte, und da war u.a. das Tangotanzen dabei und da fiel mir doch tatsächlich ein, ob wohl Frau Knobloch noch weiß, daß sie mich auf ihrer Tanzkarte eingetragen hat…und wenn ich sie mal im grandiosen Blumentempel besuchen täte…sie mit mir…tangotanzend…?

Beim Aufwachen lächelte die OP-Schwester…ich hätte wohl was von Knoblauchtango gemurmelt…ach, die Unwissende!

„Wer weiß, wer weiß“, diese Zauberworte leihe ich mir von der zauberhaften Cambra Skadé.

Seid gegrüßt Ihr Lieben alle in den nahen und fernen Galaxien, ich bin wieder da, ziemlich zerzaust, ein wenig verheult, nicht angstfrei, aber mit klarem blauen Blick, trotz Erdenschwere tanzbereit und dennoch – und trotzalledem durchaus bereit zum Fliegen!

Eure Graugans

33 Gedanken zu „Niemandsland

  1. Liebe Graugänsige, ich lese die wilde Frau, ich lese die mutige Frau und ich lese die Närrin, im Hintergrund heult Coyote sein zustimmendes Lied.

    Ich sende dir wieder eine Umarmung von Herz zu Herz und bin mit und bei dir, wie könnte ich nicht?!

    Ulli

    1. Ach Ulli, so von Herzen dank ich Dir für die wilde Frau und die Närrin, daß Du sie beide entdeckst, macht mich so mutig und heulen tu ich auch, und da ist sehr gut, daß zur Verstärkung Coyote da ist! Ja, laß mich gern umarmen von Dir und drück dich auch! Margarete

  2. Sie weiß es noch, doch diese Zäsur senkt sich eben bluterkaltend in sie. Tropft durch die Pupillen ins Herz und quillt salzern wieder hoch…
    Liebe Graugans, meine Türe steht offen wie mein Herz für Sie. Und ich betone gerne die heilenden Kräfte meines Berufungortes, jetzt aber sende ich zunächst die stärksten Gedanken, deren ich fähig bin.
    In Liebe, Käthe.

    1. Ja, bei mir salzt es sich auch heraus und herum, aber da kommt auch bisserl Freudengetropfe dazu und die Hoffnung, mit Ihnen eine Tasse Tee zu trinken inmitten des Blütenmeeres irgendwann, wenn dieser Wahnsinn sich soweit beruhigt hat, daß ich wieder die Flügel ausbreiten kann und losfliege…gedenke übrigends auch bei der nächsten Narkose mit Ihnen Tango zu tanzen! (Ach, vielleicht auch einen Fox?) Ich danke von Herzen für Ihre Gedanken, machen mich stark, für das was kommt! Alles Liebe für meine fremde Freundin, Margarete

      1. Meine liebe Fremdnahfreundin,

        ich dachte so viel an Sie heute, natürlich auch zwischendurch an mich und andere und dann tropfte mühsam ein Wortgewoge aus mir heraus, was ich eigentlich doch nur wegen Ihnen und für Sie schrieb. Bei mir wollte ich nicht widmen, doch dieser Eintrag ist für Sie. Nur damit Sie wissen…

        Alles Liebe, Ihre Wortverwandte, kleinlautig aber löwenherzig zugetan.

    1. Ach ja, von einem Moment auf den nächsten ist alles anders und bedrohlich, obwohl weder was zu sehen, noch zu spüren ist. Bin für jedes Körnchen Herzliches sehr sehr dankbar, liebe Christiane!

  3. „Fischezeit – Auflösung ins Chaos“ – nimmermehr!
    Ich freue mich, wieder von Ihnen zu lesen, liebe Frau Graugans, auch wenn mich das, worüber Sie schreiben so garnicht erfreut.
    Ich wünsche Ihnen beste Gedanken bei Ihren nächstkommenden Schritten.
    Die Aufzeichnungen von Gitta Mallasz mögen Ihnen dabei Stärke verleihen.
    Abendschöne Grüsse vom Schwarzen Berg, Ihr Herr Ärmel

    1. Lieber Herr Ärmel, für Ihre freundlichen Worte aus der Ferne danke ich Ihnen sehr.
      „Die Antwort der Engel“ begleitet mich schon Jahrzehnte, hat mich oft gestärkt, war mir aber auch so rätselhaft, daß ich es nie ganz lesen konnte, jetzt ging es plötzlich. Viele liebe Grüsse an Sie und das unendliche Meer, sicher bald frühlingshaft sonnenbeschienen, schickt Ihre Frau Graugans aus Rosenhausen

      1. Ach, liebe Frau Graugans, von wegen Sonne. So rein wettermässig hätte ich auch im Bembelland bleiben können, da besteht kein Unterschied.
        Ihnen einen guten Tag, gewünscht vom Schwarzen Berg
        Herr Ärmel

        1. Lieber wunderbarer Herr Ärmel, ich werde gleich Strahlen bündeln und auf die Reise weiterleiten ostwärts, hier in Rosenhausen so viel blauer Himmel und Sonne, Sonne, Sonne im Überfluß…schaun Sie nur fleissig zum Himmel, Transfer wird bald stattfinden…wird ja auch höchste Zeit, jubiläumsmäßig mein ich, da sollte denn doch ein wenig Warmbescheinung sein, junge Burschen möchten ja doch …Gartenparty und so…Mussigg im Freien und Gelächter unter der Sonne , nicht wahr? Liebe Grüsse von Ihrer Grauen

          1. Sie können zaubern, liebe Frau Graugans, vereinzelte Sonnenstrahlen schaffens durch die Wolkendecke. Schönen Dank dafür und für Sie ein wundervolles Wochenende.
            Freitagnachmittäglichschöne Grüsse vom zwischendurchsonnigen Schwarzen Berg
            Herr Ärmel

  4. Nein, ich klicke nicht auf „gefält mir“, liebe Graugans.
    Obwohl es mir riesig gefällt, dich wieder zu lesen.
    Das Anstehende kann ich allerbestens nachvollziehen und wünsche viel Kraft und liebe Menschen, die mit dir sind.
    Hier findest du sie gewiss ebenso. Dieses Glück hatte ich vor einigen Jahren auch, dass mir fremde Menschen im Blog zusprachen.

    Herzlich,
    Silbia

    1. Ich danke Dir, liebe Silbia, für Deine guten Wünsche, jeder einzelne ist wie ein Goldplättchen, das vom Himmel schwebt…und manches Fremde ist näher als man denkt, nicht wahr? Liebe Grüsse

  5. liebe graugans, hier kommt ein lichtblitzen und leuchtfunken durch die nacht zu dir aus der nachbargalaxie: so fliegen meine guten wünsche zu dir. als ich eben las, was du berichtest, hab ich auch viel kraft hinter den worten gespürt – deine gute, klare kraft. herzliche pegagrüße!

    1. Ach, Du liebes Nachterl, ist das schön, daß Dein Licht da hereinblitzt, hatte grad mit meinem Schicksal gehadert und bin froh um Deine aufmunternden Worte, wahrscheinlich ist´s eh das Gscheiteste, jetzt mal ins Bett zu gehen! Dank Dir und schick auch herzliche Grüße

  6. Boah. Selten war mir so unwohl beim „gefällt mir“ drücken – die Neuigkeit NATÜRLICH NICHT! – der Text jedoch durchaus…

    Passt wiedermal Renft: “ Manchmal fällt auf uns ein Frost und macht uns hart…“ aber youtube hat keine schöne Fassung von Renftens „Ermutigung“.

    Deshalb die hier statt dessen ( das is‘ jetzt’n Insider zwischen uns beiden, liebe Mitleser 🙂 :

    http://www.youtube.com/watch?v=ewrPiVH4qAY

    und

    http://www.youtube.com/watch?v=kJRFgZwckE4

    1. Du bist wirklich so lieb, ich glaube, nie mehr werd ich sagen „alter Meckerer“, also wahrscheinlich nie mehr! Manchmal, da passiert es, daß ein Stern vom Himmel fällt, mir direkt in die Hand, jetzt ist so ein Moment , es fühlt sich an wie Glück und ich dank Dir einfach von Herzen dafür! Grandios schöne Musik.
      Kenn leider Renft nicht, Text macht mich an!

    2. Endlich gibts den Alois Nebel beim bösen A. auch mit deutschen Untertiteln, warum wird so ein großartiger Film nicht öfters im Kino gespielt? „Priessnitz“ ist suuuuper, schad, daß ich niemand kenne zum Übersetzen der Texte! Sei gegrüßt!

  7. Seit geraumer Zeit folge ich als „stille Leserin“ Ihren Gedanken, die mich teilweise sehr ansprechen. Nun lese ich mit gelindem Schrecken Ihre letzten Zeilen. Ich weiss nicht, ob ich Ihnen ein Buch vorschlagen darf. Nach längerem Überlegen dachte ich, mehr als Ausschlagen können Sie es nicht. Also Mut: Frauenkörper – Frauenweisheit von Christiane Northrup ist m. E. n. ein Werk, aus dem jede Frau irgend etwas mitnehmen kann. Vielleicht kann Ihnen das die Wartezeit etwas verkürzen.
    Ich fühle mit Ihnen und würde Ihnen gerne den einen oder anderen schlechten Moment abnehmen.
    Herzliche Grüße Ursula

    1. Liebe Ursula, vielen Dank für Ihre lieben Worte und Ihre Anteilnahme! Das Buch, das Sie mir vorschlagen kenne ich schon seit vielen Jahren, es ist heute noch genauso gut wie früher.
      Schön für mich, zu erfahren, daß ich von einer stillen Leserin begleitet werde!
      Ich grüße Sie gerne und herzlich zurück!

  8. Ach … es gibt Beiträge in diesem bog, die mag ich eigentlich gar nicht lesen. Aber das ist natürlich naiv …

    Und eben ging mir durch den Kopf, dass die gewählte „Auszeit“ vielleicht ein Vorbote auf die momentane Phase war …

    Mir bleibt nur eins … und zwar aus der Ferne viel Kraft zu wünschen und ich bin mir sicher, diesen Wunsch teile ich mit vielen anderen.

    Und Wünsche können schon auch Flügel bekommen …

    In diesem Sinne: ich freue mich wieder von Dir hier was zu lesen ! Toi, toi, toi !

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