Es ist Herbst

„Ja, der Wolf gefährdet die Freilandhaltung in der Landwirtschaft, diesen Rückschritt sollten wir nicht riskieren!“ Das bayrische Fernsehen läßt einen oberbayrischen Bauern dieses Statement unhinterfragt und widerspruchslos mit ernster Miene aus dem Bildschirm erbringen. Im Rahmen der Berichterstattung zur Demonstration des lebendigen Brauchtums bezüglich Erntedank marschieren ganze Hundertschaften, herausgeputzt im garantiert ursprünglich echten Festtagstrachtengewand in Begleitung von Blasmusik und geistlichen Herren auf die Kirche zu, um zu segnen, dem lieben Gott und  seinem Personal von Lagerhaus und Aldi zu danken für die aufgetürmten, von fleissigen Frauenhänden kunstvoll arrangierten  Gaben, denn ich wüsste nicht, welche Bäuerin noch einen Kartoffelacker oder Krautgarten bewirtschaftet oder gar eine selbstgemachte Butter hätte … die wunderschön arrangierten Kornähren wurden noch vor dem Mähdrescher abgeschnitten, das was keinen guten Preis macht auf dem Feld, wandert in die Biogasanlage, dort wird … UnsertäglichesBrotgibunsallen … gewinnbringender vermarktet, weil verbrannt.

Und mittenhinein in die Dankesfeierlichkeiten kommt die Nachricht, es wären fünf Wölfe abgängig, einer sei schon vom Zug überfahren worden, ein weiterer abgeschossen und selbstverständlich sind die weiteren zum Abschuß freigegeben, außer, sie würden sich bereitwillig fangen lassen. Ja, und diese drei Graubärte sorgen jetzt für große Aufregung. Wenn ich mir überlege, wo im Umkreis von fünfzig km noch Bauernhöfe sind, auf denen tatsächlich Tiere frei herumlaufen, kommt das einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen nahe, aber egal, der Wolf muß weg, denn die Rehe mag der Jäger selber schießen. In welch einem Land leb ich eigentlich, sind das wirklich meine sogenannten „Landsleute“? Gehör ich da dazu? Das frag ich mich oft. Manchmal sage ich: ich bin keine von euch, auch wenn wir die Sprache teilen. Manchmal ist das Daheim fremder als die Fremde.

Der Sommer ist heiß und macht Versprechen, die er nicht halten kann, er altert plötzlich über Nacht und geht in die Knie. Kübelweise läuft durch die Birken gelbe Farbe, tropft von den Blättern, rinnt am Stamm hinunter und versickert im Boden.

Ich möchte schnell die Stiege hinauf und schlage mir die rechte große Zehe so an der Stufe an, daß der Nagel abreißt. Das Gehen wird mühsam, ich muß mich umgewöhnen und den ersten Schritt immer mit links machen … der Schwerpunkt muß links sein … ein kleines Gegengewicht zum Rechtsruck in diesem Land … mein Vater war  ein überzeugter „Sozi“, genauso sein Freund, unser Hausmaurer, der immer sagte: „Ich bin ein Arbeiter und Arbeiter wählen die Sozis und da gehört auch dazu, daß man sie wählt, wenn es ihnen nicht gut geht, dann erst recht! Da ist was dran.

Alte Dokumente kommen zum Vorschein, eine Urkunde auf den Namen meines Ururgroßvaters zum Kauf des Hofes, Schuldscheine, der höchste beträgt 1000.-Reichsmark, eine Unsumme damals, es war unmöglich, soviel Geld jemals zurückzubezahlen … sehr arm waren sie, meine Vorväter, die Gütler … der Hof, ein „Sacherl“ … oder in Schriftdeutsch: „Gütel“.

Ich finde ein Schriftstück zu einer Kriegs – Denkmünze von „erbeuteter Kanonen – Bronze für Kombattanten  in Anerkennung von pflichtgetreuer Theilnahme am siegreichen Feldzuge 1870-1871 im Regiment von Prinz Luitpold “ … Auf Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs … ein „Unterkanonier“ war er wohl der Urgroßvater, zu mehr werden es so arme kleine Bauern auch kaum gebracht haben … Ich scheue immer ein wenig davor zurück, all die Papiere anzusehen, zu groß wird mir die vererbte Verantwortung. Eine abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit , auch durch lebenslange Schufterei und Plagen niemals aus der Armut herauszukommen, steigt aus den ganzen brüchigen Papieren auf und greift mit kalten Fingern nach mir.

Es regnet. Es ist kühl. Es ist Herbst.

Die Äpfel, in großer Mühe und mit Kreuzweh aufgesammelt, gären vor sich hin und werden zu köstlichem Most, um ihn zu trinken und zu plaudern und zu scherzen, werden wir liebe Gäste einladen und mit ihnen um den Stubentisch herumsitzen. Eines Tages im Herbst stelle ich mir immer die gleiche Frage:  … wen würde ich anrufen, wenn ich mitten in der Nacht  irgendwo in große Not geriete? Wer würde kommen, auf wen kann ich zählen, wer würde wohl sagen: “ Ach, das tut mir  jetzt so leid, sonst immer gern, aber weißt Du, ausgerechnet heute … “ Diese Frage ist nicht ganz ungefährlich, zeigt sie doch manchmal ganz unerwartete Möglichkeiten und den „Stand der Dinge“ in Beziehungen. Selbstverständlich würde ich eh niemanden anrufen, aber bei wem würde ich mich trauen, mich zuzumuten in großer Angst und Schwäche … ? Es sind nicht viele, die dieser Frage standhalten und immer wieder bin ich überrascht, wer es ist.

Es ist Herbst, manches ist nicht mehr möglich, aber immer noch dreht sich das Karussell und ein paar Runden sind schon noch drin.

Das Glück ist eine Entscheidung.

13 Gedanken zu „Es ist Herbst

  1. Da haben deine Vorfahren tapfer ihre Arbeit oder ihren Dienst versehen, dabei wohl auch miterlebt wie der letzte Wolf mit einer Gewehrkugel unser Land verließ und nun höre ich dauernd wie die Mär vom bösen Wolf, welcher Menschen begegnet, diese sogar angreifen könnte und alleine deshalb schon beseitigt gehört. Natürlich kann irgendwo in Deutschland ein Jäger einem Wolf begegnen oder mal ein einsamer Wanderer. Handys haben natürlich fast alle dabei, um das Corpus delicti sofort abzulichten. Alleine diese Tatsache zeigt wie harmlos dieses Tier ist, denn bei anderen Raubtieren hätte man nie die Gelegenheit für einen Schnappschuss oder gar ein Video. Der Wolf ist vielleicht nicht mehr so ängstlich wie vor 170 Jahren, da die neuen Wölfe noch keine schlechten Erfahrungen mit Menschen sammeln konnten, aber das wird schon und dann hält er sich fern. Nun sind diese Tiere von denen du schreibst aus einem Wildpark ausgebrochen und kennen Menschen, aber weder Straßen noch andere Tücken des Alltags. Wer jetzt fordert Wölfe wieder zum Abschuss freizugeben hat weder Ahnung von der Natur noch tatsächlich ein Gehirn zum denken und da ist sie wieder, die geballte Medieninkompetenz. Die, welche so gerne auf ihren Ethos hinweisen und wieder einmal so grandios an Quote und Sensationslust scheitern. Genau denen sollte der Wolf in den Arsch beißen, aber der wird es nicht tun, weil er neugierig, aber auch scheu ist und eben nicht auf Menschen steht, sondern eher auf anderes Getier wie Hasen, Rehwild oder mal ein unbewachtes Schaf, welches, von einem Hütehund bewacht, niemals zum Opfer werden würde, aber warum sollten sich die paar Herdenbesitzer die es betrifft einen Hund anschaffen, wenn auch Gewehrkugeln helfen das Problem zu lösen und dem Jäger damit einen ausgestopften legalen Wolf in seinem unstillen Kämmerlein bescheren könnte. Vielleicht ist aber der Wolf gar nicht das Problem, sondern wir mit unserer Einstellung. Danke für deinen wunderbaren Beitrag!

    1. Vergiss die Lobbys bei der Medienschelte nicht, Arno. Welche Zeitung schreibt schon pro Wolf/gegen den „Zeitgeist“ oder den, was dafür gehalten wird, wenn daraufhin die Inserenten wegbleiben und sie die Zeitung dichtmachen können? Wir sind das Problem, wir. Ach, es ist …
      Liebe Grüße
      Christiane

    2. … und ich danke Dir für Deinen wunderbaren Kommentar, lieber Arno !!!
      Dazu bleibt mir nur noch zu sagen: Ja ja ja, wir sind das Problem, wir, die einzig wirklich und wahrhaftig überflüssige und unbrauchbare Spezies in einer grandiosen Schöpfung, die ohne uns bestens zurechtkäme und der wir wohl als Nebenprodukt passiert sind, ausgestattet mit der Fähigkeit, zu zerstören, was wir lieben. Ich grüß Dich herzlich!

  2. Schein und Sein. „Selbstverständlich würde ich eh niemanden anrufen.“ Das haut mir die Beine weg.
    Alles Liebe dir
    Christiane aus dem Norden, wo es anders, aber auch nicht unbedingt besser ist

    1. Liebe Christiane, ja, ich müsste schon ganz arg in einen existenziellen Abgrund rutschen, um mich in aller menschlichen Nacktheit und Angst an jemanden zu wenden und um Hilfe zu bitten … aber wenn es hart auf hart kommt, gibt es Menschen, denen ich vertraue, gottlob.
      Liebe Grüße

  3. „Das Glück ist eine Entscheidung.“ Wie sehr danke ich Ihnen für diesen einfachen, doch umwerfenden Satz, liebe Graugans. Und so entscheiden wir Tag für Tag, was uns glücklich macht und was daran hinderlich ist, gehört unangedacht vergessen. Die Übungen dazu stehen in keinem Ratgeber, kein Guru kann sie verkünden, nur wir selbst können uns dafür entscheiden. Was manchmal furchtbar weh tun kann…

    Ihnen ganz liebe Grüße und natürlich schnelle Heilung für den maladen Zeh,
    Ihre Käthe Knobloch.

  4. Sommerabschied – Herbstanfang. Erntezeit. Apfelverarbeitungen sind grossartige Beschäftigungen. Und das Finden historischer Quellen überdies! Dazu die Besinnung auf Familiengeschichten. Eine lebensförderliche Dreifaltigkeit.
    Ich danke Ihnen für den anregenden Beitrag und wünsche Ihnen, Frau Graugans, umgehende und vollständige Zehengenesung.

  5. Liebe Frau Graugans, wie gerne ich deine Worte lesen, nicht ohne Stirnrunzeln oder nicken oder seufzen. Fremd im eigenen Land, ja, so fühle ich mich schon auch immer mal wieder, nun denke ich weiter und frage mich, ob es nicht einfach fremd unter den meisten Menschen heißen müsste, denn so unterschiedlich sind sie ja nicht, wenn es um die Wildnis geht, nicht wahr? Wildnis ist Feindbild per se, nur wenige wissen sie zu schätzen und zu hüten, zu beschützen, was mich immer wieder traurig macht.
    Deine letzte Frage, wen du anrufen würdest, stimmt mich auch sehr nachdenklich, ich habe auch meine Mühe mit solch einem Hilferuf, würde immer erst einmal schauen, ob ich es nicht doch alleine hinkriegen würde und wenn nicht … tja … gerne würde ich jetzt sagen, dann rufe mich bitte an, aber ich weiß auch um die vielen Kilometer und Stunden, die uns trennen. Nicht einfach!
    Nun aber wünsche ich dir einen feinen Most, gute Heilung für den Zeh und wir machen einfach weiter, soll die Welt doch die Welt sein, nur schweigen sollten wir auch nicht!
    Herzensgrüße sende ich dir
    Ulli

  6. Liebe Graugans,
    ja im Herbst schallen die Rufe der Gänse hier im Norden. Die Frage, wen würde ich anrufen, finde ich spannend und habe sie für mich beantwortet. Es gibt eine Fortsetzung in der Fragestellung, was bin ich bereit zu tun, wenn mich jemand um Hilfe bittet. Ich habe zwei sehr beglückende Tage hinter mir. Es gibt einen älteren Herrn in meinem Umfeld, der mich um Hilfe gebeten hat. Mein Angebot für Hilfe bestand seit 2 Jahren. Er hat es jetzt angenommen und ich fühle mich beschenkt durch sein Vertrauen.
    Die Blätter färben sich langsam.
    Ein schönes Wochenende! Uta

  7. Bitte, Gretl, mach ein Buch daraus! Ja, mach endlich ein Buch! Eine Lösung habe ich zwar auch nicht auf der Hand, aber wenn es was bringt, dann schubs ich dich an und vielleicht schubst ja auch jemand mich an und dann wird das schon.

    (Neues Jahr, neue Reisen: I kennt ja au moal numkomma zu eich und dann besprechen wir das mit deinem Buch, ganz konkret – ohne Zögern, ohne Ängste, nur das Tun.)

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.