Die Stürme wehen ums Hauseck und bringen die erste flauschige Schneeschicht, die wie ein weißes Papier vor der Tennentür liegt. Ich drehe den Besen um und male Achter hinein, große, kleine, stehend und liegend. So unendlich wie die Zahl ist alles. Ein ewiges Kreisen um eine Mitte, die wir nicht kennen und was bleibt von unserem „Stirb und Werde“ – Flug durchs All, auf dem wir verglühen? Eine Handvoll Sternenstaub, aus dem alles hervorgeht , und dahin zurückkehrt. Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders.
Die Jahre kommen und gehen und das neue schiebt das alte bis zum Horizont. Dort am westlichen Ufer, fällt es dann wie die Sonne am Abend hinunter in den Chiemsee. Soll der doch damit machen was er will, mit diesem Schrottplatz der ausgedienten Jahre.
Alles wird weitergehen wie bisher, die Jungen werden alt und die Alten sterben. Die einen werden weiterhin vergeblich auf den Weltfrieden hoffen, andere werden weiterhin anonym in den Netzwerken jammern, wehklagen und dauerstänkern über die Fehler und die Schlechtigkeit der anderen, es wird weiterhin ganz Reiche und ganz Arme geben und im Sudan werden weiterhin Hunderttausende verhungern, während wir unsere vollen Feiertagsbäuche spazieren schleppen. Es wird weiterhin alles geben, Menschen werden lachen und weinen, sich streicheln und erschlagen.
Ich werde dem Dasein hier auf dieser Erde weiterhin trotzig mit Zuversicht begegnen und aus dem, was mir entgegenkommt, das Beste machen, was mir möglich ist … und es ist erfahrungsgemäß immer viel mehr möglich, als man denkt und Lachen ist hilfreich auf dem Weg. Und ich werde unverbesserlich daran glauben, daß das Glück immer da ist, wir müssen halt die Augen aufhalten, um es zu sehen. Und die Freude ist auch immer da, wir müssen gar nichts dafür leisten, wir bekommen sie in Hülle und Fülle vom Universum geschenkt.
Frau Percht mit ihrem Gefolge scheint sich in diesen Rauhnächten einen Jux mit uns zu machen. An einem Tag klirrende Kälte, am nächsten lauwarme Föhnwinde, jetzt beginnt in ein paar Stunden die 11. Rauhnacht und alles ist schneebedeckt und wird von einem zauberhaften Vollmond bestrahlt. In den Schüsseln voll mit Katzenfutter für all die, die sonst nirgends was bekommen, liegen am Morgen nicht mal ein paar Krümel, es scheinen viele Hungernde unterwegs zu sein. Daß die Tiere in den Rauhnächten sprechen, habe ich bisher nicht festgestellt, aber bei den alten Puppen, die mir eine sehr verwandte Seele geschenkt hat, da wispert es manchmal um Mitternacht, aber ich tue so, als würde ich nichts bemerken, ich will sie nicht stören, die alten Mädchen. Manchmal leuchten ihre Augen im Kerzenschein auf. Sie bringen ihre Geschichten mit und ich werde sie bald zu meinen Puppen setzen …
Die Zeit ist merkwürdig und wankelmütig, alles scheint zugleich richtig und falsch zu sein, auch das Gegenteil.
Ich sitz auf der Hausbank und schau zu den Sternen hinauf. Neben mir sitzt das Nichts.
Der alte Freund vom Papa, der Wast, hat zum Längerwerden der Tage immer gesagt:
An Stephani um einen Mückenschritt,
an Neujahr um einen Hahnentritt
an Dreikönig um einen Hirschensprung
und an Lichtmeß um eine ganze Stund.
Den Hirschensprung merkt man schon.
Und der große Engel am Kommunalfriedhof in Salzburg schaut aus, als wär ihm ein Löwenkopf gewachsen … sage ich zum Nichts.
Das Nichts sagt nichts.

Deine Texte sind so bezaubernd mit dieser Leichtigkeit in der Schwere !
Freut mich irrsinnig, daß Du „bezaubernd“ sagst, ich schick Dir starke Grüße aus dem Bergland, wo die Sonne aus klitzeblauem Himmel auf den Schnee leuchtet und seine versteckten Diamanten funkeln läßt!
💕
Wie recht du mit allem hast und Myriade auch.
Sei herzlich gegrüßt!
Danke🤗
Ein wunderbares Blogbeitrag.
Und dieses Gedicht, dass Du da zitiert hast, kommt bei mir pünktlich zu Lichtmess auch wieder.
Es gibt übrigens eine erste, vierte Zeile. Denn es beginnt schon zu Weihnachten mit einem Muggen- oder Muckentritt:
Weihnachten um an‘ Muggenschritt,
Neujahr um an‘ Hahnentritt,
Dreikönig um an‘ Hirschensprung,
Lichtmess um a ganze Stund.
Dem wiederkehrenden Licht fiebere ich entgegen.
Vielen Dank lieber Lutz, freu mich sehr über den kostbaren Muckenschritt, der anscheinend in der Erinnerung verlorenging, ab jetzt wird er selbstverständlich wieder mitgesagt! Und die Betonung beim Aufsagen des Versleins liegt übrigends am Schluß auf „ganze“… eine relativ unerklärbare Feinheit der Sprache des Alpenvorlandes … wie ich diese Sprache liebe! Servus und viele Grüße
Das Bild des Engels sagt alles und gefällt mir sehr gut!
(Kann man das irgendwo erwerben?)
Herzlichst, Reiner
Klar kann man das erwerben – entweder auf meine Website gehen https://michael-helminger.de/edition. Dort gibt es einen Link zum etsy-shop – oder mir eine Mail schreiben: kontakt@michael-helminger.de. Der Druck kostet 80 € und wurde in einer Auflage von 50 Stück aufgelegt ca. 15 Stück sind noch vorhanden. Jeder Druck ist auf der Rückseite nummeriert und signiert. Würde mich freuen!
Lieber Reiner,freut mich, daß es Du es hörst, was er sagt, der Engel, mir gehts auch so und Herr Graugans läßt grüßen und antwortet selber!
Ja, denke ich lesend, das sehe ich auch so. Da ändert es sich nicht durch einen Jahreswechsel. Menschen sind Menschen und eine veränderung braucht offensichtlich länger als wir überschauen können.
Nochmals „ja“ zur Rückkehr des Lichts in kleinen Schritten. Jedes Jahr freue ich mich drüber und beobachte es so gern. 🙂
Liebe Grüße,
SyntaxiaSophie
Wie schön Du das sagst, liebe Sophie, „die Rückkehr des Lichts in kleinen Schritten“ … ja, ich beobachte das auch mit großer Freude, wir schaun sozusagen gemeinsam zum Himmel! Ganz liebe Grüße an Dich
Dem neuen Jahr MIT ZUVERSICHT trotzen. Ist wahrscheinlich die schwierigere Variante. Aber i schaffs nimmer.
Weißt Du was, die Zuversicht ist selbstverständlich harter Tobak und ich bin auch oft von ihr überfordert, vor allem dann, wenn ich „nach Durchsicht meiner Bücher“ wieder mal feststelle, daß mein Leben eigentlich nur aus einer Aneinanderreihung von Schlamasseln zu bestehen scheint … und weil ich mich auf Dauer als alten Jammerlappen nicht leiden kann, hol ich meine Lieblingswörter hervor, schau dem roten Willie in die grünen Katzenaugen, sag TROTZALLEDEM und REALLY und dann freu ich mich einfach nur.
Und ich freu mich, daß Du hier gelesen und was gsagt hast und schick Dir frosterprobte stabile Grüße aus dem Zwischenreich, und Du weißt, sollte mir mal wieder ein gemeinsames Projekt einfallen…
Servus, Andi.
Ja, die Zuversicht ist harter Tobak – und doch, und dennoch und trotz alledem: Glück auf im Neuen Jahr❣️
Ja, liebes Nachterl, TROTZALLEDEM, immer und immer wieder, REALLY! Ganz viele Grüße am Nordrand der Alpen entlang von Ost nach westlich zu Dir ins Allgäu eini!
Welch ein feinsinniger Prosatext!
Er klingt sicher lange nach in mir!
Liebe Grüße
Gabriele