Der Himmel über Naumburg

Unsere Schritte hallen auf dem matt glänzenden Kopfsteinpflaster  durch das nächtliche mittelalterliche Städtchen. Gelblicher Lichtschein strömt aus den Straßenlaternen … oder sind es Fackeln? Eine Gruppe Jugendlicher kommt uns entgegen:  „Guten Abend!“ sagt jeder freundlich zu uns … was war das denn – ja, jetzt hab ich mich aber auch gewundert … wir bleiben stehen und lächeln uns an, dann werde ich nachhause gebracht zu meiner Pension, wie sich das gehört. Gute Nacht Bludgy, schön war es heute, ich freue mich auf morgen!

Ich gehe die Steintreppen hoch zur Ferienwohnung im vierten Stock eines alten Stadthauses, in die ich am Vortag eingezogen bin, um in den nächsten Tagen der Einladung eines Bloggers zu folgen. Wir sind uns im Schreiben vertraut geworden und möchten jetzt die Personen kennenlernen, die wir „in Wirklichkeit“ sind. Das ist eine höchst riskante Angelegenheit, denn wie ein Mensch sich schreibend darstellt, muß nicht unbedingt zur Realität, die er ausstrahlt,  passen.

Ich befrage die Zimmerwirtin, wo der vereinbarte Treffpunkt genau ist.  Muddi, sag mal, hamm wir da nicht am Kramerplatz so´n Ding, was da rumsteht, Germanschia soll das heissen? Naaa … bekomme ich in der hiesigen Sprachfärbung hilfsbereit mitgeteilt, da steht was! Naaa!

Treffpunkt zwölf Uhr, High Noon, brütende Hitze, verschwitzt und aufgeregt renne ich also zur „Germania“ und da steht einer und sieht mir schon entgegen, freundliche Augen, hell wie weit geöffnete Fenster, Servus, freu mich, ja, ich mich auch! Warmer Händedruck, wir lachen uns an, ein guter Anfang, jetzt kanns losgehen!

Und wir gehen los! Da der arme Riffmaster samt Frau Gemahlin mit Motorschaden auf der Autobahn bei Bayreuth liegenblieb (nicht der erste, der dort gestrandet ist…), bekomme ich alleine das Stadt- und Landführungsprogramm und erlebe eine Fülle von Eindrücken und werde so reich beschenkt, daß ich, die immer hungrig ist, es am letzten Abend nicht mehr in die Kneipe schaffe zu einem Abschiedsbier, weil mein enormer Sättigungsgrad an Geschichten aller Couleur, tiefen Gesprächen, unglaublich viel Gelächter und das Bergaufgehen zu den „Burgen stolz und kühn“  mich nur noch mit letzter Kraft in den vierten Stock raufkriechen läßt, um am Abreisetag quer im Bett in Schuhen und dem Programm des wunderbaren Orgelkonzerts in der Hand wieder aufzuwachen …

Eigentlich ist es doch komisch, daß ich vor meiner Abreise daheim sage, ich fahre in den Osten, wo ich doch selber aus dem Osten komme! Was redest du denn, wir leben doch nicht im Osten, sagt Herr Graugans. Ja wo denn dann? Wir leben im Süden, das hier ist der Süden! Das hier ist der südöstlichste Punkt der Republik, sage ich. Nur Süden, sagt Herr Graugans, der Osten ist ganz woanders. Aha.

In der Domstadt frage ich Bludgeon Löcher in den Bauch, daraus hervor quellen Antworten, die mich verwirren, begeistern, beschämen, verwundern, erfreuen, meinen Wissensdurst befriedigen und gleichzeitig so viele Fragen aufwerfen … ich liebe es, gefüllt mit Antworten aber gleichzeitig mit mindestens sovielen neuen Fragen von einer Reise heimzukehren.

Viel viel sprechen wir darüber, ob es denn immer noch diesen Unterschied zwischen Ost und West im gemeinsamen Land gibt. Diese angebliche Kluft, gibt es die denn jetzt auch zwischen uns, Bludgy, wir sind uns doch sympathisch, oder, wir haben uns so viel zu sagen und wir lachen über die gleichen Sachen, es trennen uns doch nicht soviele Jahre oder soviele Kilometer, wo ist denn diese Kluft? Du bist in der damaligen DDR aufgewachsen und ich in der damaligen BRD, ist es das … ?

Aber, was bedeutet denn das, ein „Ossi“ oder ein „Wessi“ zu sein, gibt es denn das überhaupt … sag mal, bin ich also auch eine „Wessi“?  Hmmmmm …naja …

Ich stelle ziemlich viel blöde Fragen, er nimmt es gelassen hin und beantwortet alles, aber auch alles, klug und freundlich und ich lerne und lerne zu erkennen, wie wenig ich doch weiß.

Da breitet einer vor mir sein Leben aus, fährt mich an die Schauplätze seiner Geschichten, ich sehe einen kleinen Buben in der Nische der roten Felswand auf die alte Bäuerin warten, die ihn zum Kindergarten bringt, gehe an seiner Schule vorbei, da, schau mal, das ist das Haus, in dem der Henker lebte, ein Geächteter … ein sonderbares Schild deutet darauf hin …  erfahre, wie die Stadt aussah vor der Wende, wir suchen das fleischfarbene Kruzifix im Dom, ich spüre verschiedene Strömungen, ja, das Gebäude hatte mehrere Baumeister,  Frösteln beim genaueren Blick in das traurige Gesicht der Uta, die den Mantelkragen hochschlägt vor ihrem Mann … der Löwenkopf zwischen ihnen … merkwürdig … ein wildes Eichhörnchen, im Hamsterrad gefangen…warum weht vom Turm der Burg eine ukrainische Fahne? Die Jüdengasse … hier war das Ghetto … um 1500 mussten die Juden die Stadt verlassen … meine Güte … das holt mich herunter aus den Wolken, in  denen ich im vierten Stock meine zu leben … wir fahren durch einen Wald, die Bäume wachsen so hoch hinauf und bilden ganz oben eine Art Kuppel, ein grüner Dom … und dazu klingt Genesis … bitte lauter … noch lauter … Waaaaahnsinn, soooo schön ist´s jetzt! Und auf der Lichtung ertönt Priesnitz, Du weißt schon, die Musik im Film „Alois Nebel“, da braucht man nichts mehr sagen, nur zuhören und sich freuen. Später ein Besuch im Rosengarten mit Besichtigung eines riesigen Kopfes im Boot.

Am Abend dann Wandelkonzert, auf zwei Kirchen aufgeteilt, in der Pause marschiert das Publikum samt Organisten von der Wenzel- in die Marienkirche. Es ist immer noch so heiß und ich bin müde, aber natürlich lasse ich mir von der unwiderstehlichen Toccata und Fuge d-Moll, BWV 565 mein Herz öffnen und meinen Geist frei schweben!

Vieles, was wir noch erlebten, in diesen paar Tagen, hat Bludgeon so liebenswürdig beschrieben auf seinem Blog.

Ein paar Rätsel sind geblieben und harren der weiteren Ergründung: der Unterschied zwischen Thüringer (Kartoffel) Klößen und den bayrischen (Semmel) Knödeln scheint einem Mysterium gleichzukommen, auch die Tatsache, daß Rhabarbersaftschorle in manchen Regionen unseres Landes die Gläser blindmacht und woanders nicht, und keineswegs zureichend erklärt ist die Frage, wo denn die Meerkatzen zur damaligen Zeit herkamen, um Schach zu spielen im Dom?

 

Vielen Dank für diese wunderschönen Tage in einem bezaubernd freundlichen Städtchen, ich bin so reich beschenkt worden und muß auf dem Weg zur Autobahn soviel schmunzeln über alles, was wir so erlebt haben, daß ich plötzlich durch den Blütengrund fahre … anscheinend soll ich noch eine Abschiedsrunde drehen, um erst dann Richtung München den bayrischen Bergen entgegen zu fliegen.

Bis bald, lieber Bludgeon!

 

7 Gedanken zu „Der Himmel über Naumburg

  1. Oh ja, und wie … wie kommt eigentlich dieser freundliche junge Mann in die Lobby dieses schäbigen Hotels? Auf was wartet er, ruht er sich aus vom Leben oder wartet er auch auf ein Ereignis, das ihm zu einem ersten Satz auf dem weissen Papier verhilft, ich werd ihn fragen! Oder bin ich eine Geschichte zu spät und er ist schon wieder verschwunden …?
    Freu mich sehr, wennst mal wieder kommst, lieber Zeilengestreifter!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.