…da waren´s zwölfe…

Die zugelaufene Katze hatte mehrmals Junge, die aber anscheinend von irgendwem oder irgendwas “entsorgt” wurden, denn wir bekamen sie nicht zu sehen. Vor einem Jahr brachte sie drei mit, die ließen sich nicht fangen, so konnten wir sie nicht sterilisieren lassen, die Kater heulten schon im Winter um´s Haus und so wurde eine nach der anderen schwanger, auch die Mutter, die wir auch nicht rechtzeitig erwischt hatten. Alles nahm seinen mehr oder weniger naturgemäßen Lauf. Die Alte verschwand hochschwanger und tauchte kurze Zeit später blutüberströmt, voller Wunden und mit herausgebissenen Reißzähnen wieder auf, kinderlos und da sie den Bauch voller Milch hatte, ließ sie ihre große schwarze, längst verstossene Tochter wieder bei sich trinken. Die beiden lagen ständig beieinander, zwischendurch wurde ein kleines schwarzes Kind angeschleppt, das säugten sie abwechselnd und vergaßen es schließlich, eines Tages lag es wieder da, wurde von beiden abgeleckt, war aber schon verhungert. Als die Mutter wieder schwanger war, hat sie die große Tochter wieder verstossen. Dann tauchten zwei getigerte Junge auf, da waren es insgesamt, mit unseren zwei Stammkatzen immerhin schon acht.

Vor etlichen Wochen hat die schwarze Katze ganz oben im Haus, in der hintersten Ecke unter dem Dach vier Kinder hingelegt, alle dunkelgrau bis schwarz, so eine Art Halbangora. Jetzt haben wir also zwölf, bis jetzt.

Wir leben in einer örtlichen Befindlichkeit, die aus der Stadt sagen “am Land” dazu. Hier wird das, was zuviel ist , gewinnbringend verkauft, das, was nichts wert ist, manchmal verschenkt, und das, was niemand braucht, meistens erschlagen. Dazu gehören Katzen.

Schwierig, das mit den Katzen.

Schwierig deshalb, weil alle Entscheidungen, die man trifft, irgendwie falsch sind, man macht sich schuldig, was immer man tut, um in diese wilden Naturverläufe einzugreifen, finde ich.

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Wer schon einmal gesehen hat, wie eine Katze ihre Jungen großzieht, mit welch bis ins kleinste Detail perfekt ausgeklügeltem pädagogischen System sie ihnen Schritt für Schritt, immer an die jeweilige Entwicklungsstufe angepasst, Kämpfen, Jagen, Selbstverteidigung, Anschleichen beibringt. Wie sie ihnen im Spiel lehrt, mit welchen präzise gesetzten Bissen die Beute erlegt wird, wie sie sie ausbildet zu perfekten Jägerinnen. Ja, Katzen sind wilde Tiere und das bleiben sie auch.

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Wenn wir ihnen das Geschlecht nehmen, sind sie nur noch Killermaschinen, ihr ganzes Urwissen über die Aufzucht und das Weitergeben von uralten Verhaltensweisen wird damit aus ihnen herausgeschnitten. Wir entscheiden über Leben und Tod. Domestizieren geht nicht bei diesen wilden Tieren, sie widersetzen sich jeglichen Versuchen. Aber sie nehmen halt unser Nahrungsangebot entgegen und das ist letztlich auch das Problem: Wenn wir sie füttern, müssen wir die Population irgendwie in den Griff kriegen.

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Natürlich weiß ich, wie es geht: Ich nehme die kleine Katze und werfe sie solange auf den Boden, bis sie tot ist. Der Natur ist das egal, der Mutterkatze auch, die hat für Begriffe wie Mutterliebe oder Sehnsucht nach den Kindern oder Traurigkeit kein Sensorium. Gesäugt wird, solang Milch da ist, wenn keine Milch mehr kommt, werden die Kinder verstossen.

Wenn wir nicht sterilisieren wollen, müssen wir töten oder wir füttern nicht mehr. Die Nacharin bietet uns die Hilfe ihres Mannes an, der würde die Katzen gleich “derschmeissen”, ja, ich weiß, der steckt die großen Katzen, die nicht mehr gebraucht werden in einen Sack und drischt mit dem Hammer auf die Köpfe ein, was nicht immer gleich gelingt. Nein, das ist kein böser Mensch, das ist ein sehr frommer Christenmensch, so wie viele ringsherum.

Also, wir wollen das nicht. Ich möchte es nicht tun, auch wenn es tausendmal das Beste wäre, dieses Töten würde an mir kleben, ich möchte nicht so werden, daß es mir nichts mehr ausmacht. Nein!

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So klein sie auch sind, sie haben, im Verhältnis zur Pfotengröße, mächtige Krallen.

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Es geht ganz schön zur Sache bei der Nahrungsaufnahme, es wird auch schon gebissen, getreten und gewürgt. Jedes Junge ist anders, es gibt ausgesprochene Schreihälse und ganz leise Kinder. Das Entwicklungstempo ist ganz unterschiedlich. Während die anderen noch blind herumliegen, hat eines schon die Augen offen und saust auf wackligen Beinen durch die Gegend.

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Im Moment verbringe ich mein Leben mit dem Schwerpunkt: Zuschauen, wie sie wachsen und zuhören, wie sie schon alle schnurren, wie sie sich balgen und kreuz und quer auf der Mutter herumpurzeln und sich anknurren oder wie am Spieß schreien, wenn es zu eng wird am Mutterbauch, und wie sich die Mutter, um alle peinlichst sauber zu halten einfach eins nach dem anderen unter die Pfote klemmt, um es mit nassem Spuckewaschlappen zu bearbeiten.

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Und sie lernen schnell, die Kinder, sie versuchen zu sitzen und sich zu waschen, so wie es sich gehört, mit der Pfote über das Fellgesicht. Ich mag es nicht immer nur als Problem sehen, die vielen Katzen. Ja, wir werden eingreifen und alle, die wir erwischen, sterilisieren müssen. Und von den kleinen Schwarzen werden wir welche verschenken, obwohl, wer mag schon Katzen haben, diese eigensinnigen Freigängerinnen?

Aber:  Trotz alledem! Nichtsdestoweniger! Dennoch! –  ist es so eine große Freude, diese Fellbande!  Ein großes Geschenk, dabei sein zu dürfen, wie sich auf der Weltenbühne das Leben aus sich selbst heraus lebt und gestaltet und zu sehen, wie sich vier so perfekte Wesen nebeneinander an Mutters Tankstelle  die Bäuche füllen…

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11 Gedanken zu „…da waren´s zwölfe…

  1. Das sehe ich anders. Eine wilde Katze, die sterilisiert ist, ist immer noch ein Lebewesen, das sein Leben lebt – ohne Jungenaufzucht.
    In Anbetracht dessen, daß insgesamt die Katzenpopulation in ganz Europa VIEL zu hoch ist, ist mE das sterilisieren die einzige Möglichkeit, dafür Verantwortung zu übernehmen, daß es den einzelnen nunmal schon lebenden Katzentieren einigermaßen gut gehen kann. Denn wildlebenden Katzen hierzulande geht es oft überhaupt nicht gut, eben weil sie zu viele sind und sich deshalb Parasiten und Krankheiten schnell verbreiten.

    1. Ja, natürlich, wenn wir sie füttern, müssen wir sie sterilisieren, das ist schon klar, und doch bleibt dies ein ganz gewaltiger Eingriff ins System, auch wenn die Katze selbstverständlich weiter ihr Leben lebt. Ganz davon abgesehen, daß es oft einfach nicht möglich ist, sie zu fangen.

      1. Das mit dem fangen ist tatsächlich ein Punkt; aber mit etwas Geduld und Mühe geht es, wenn man die Katzen anfüttert in Lebendfallen. So machen es auch Schutzorganisationen (und eine Kollegin, der das Katzenelend auf “ihrem” Reiterhof so gegen den Strich gegangen war, daß sie sämtliche (über 20) Kater und Katzen dort nach und nach zum Tierarzt bringen konnte. Und der fand die Aktion so gut, daß er sich nur die Medikamente, nicht aber die Arbeitszeit hat bezahlen lassen – super!)
        Und: ja. Es bleibt ein Eingriff.

        1. Herzlichen Dank für Deine guten Ratschläge, liebe Fionka! Unzählige Katzengenerationen haben unseren Hof schon durchwandert, haben sich füttern und, bei Bedarf! auch streicheln lassen und haben ansonsten ihr Leben als Freigängerinnen geführt. Was wir tatsächlich noch nie hatten, sind insgesamt vier nicht fangbare Katzen und da werden wir mal versuchen, diese Lebendfallen auszuprobieren, der Tierarzt hält sie schon bereit. Und da die drohende Verelendung tatsächlich ihre ersten Spuren in unserem Geldbeutel sich zeigt, weil ja nicht nur unsere zwölfe, sondern viele Kostgänger aus der nahen und fernen Nachbarschaft (es sprach sich rum!) gerne immer bei uns vorbeischaun, weil es da immer was zum Fressen gibt, diverse Igel mit eingeschlossen, geht alles natürlich sehr ans Geld, und da gibt es schon Mengenrabatt beim Tierarzt bei den anstehenden Sterilisationen. Wir hatten vor Jahren schon mal zwölf und bekamen auch Rabatt und dann waren bald darauf zwei Drittel der Katzen verschwunden…Liebe Grüsse

  2. Anschauen kann ich mir das hier schon, doch das Lesen vom Töten, oh, es hat mich sowas von gegruselt – zumal ich als Kind einen schrecklichen Mann kannte, der das mit dem Hinknallen oder Ersäufen – wäääää- getan hat, insgesamt ein brutaler, übler Mensch. Doch auf den Bauernhöfen wussten sie sich wohl nicht anders zu helfen!?
    Gruß von Sonja

    1. Ach ja, das wollen wir alle nicht so gern wissen, wie das so ist mit dem Töten. Aber es werden landauf landab so wahnsinnig viele Tiere ständig getötet und ganz sicher sind nicht alle Metzger brutale und böse Menschen. Kätzchen wurden immer schon getötet und auch nicht nur von Bauern. Heute lassen immer mehr Menschen ihre Tiere sterilisieren, gottlob, aber es gibt halt auch welche, die mögen kein Geld ausgeben. Ich selber finde es nicht schlimmer, wenn ein Kätzchen getötet wird als ein Schwein, ein Lamm usw. Aber ich will nicht töten und ich würde absolute Vegetarierin, wenn ich mir die Tiere, die ich (leider immer noch!)esse, selber umbringen müsste. Sei gegrüßt!

  3. mir geht dein Artikel unter die Haut, deine Worte, wie deine Bilder.
    Beide erzählen von unterschiedlichen Leben und Bedürfnissen, die in einem Haus aufeinander prallen, hier das freie Leben der Katzen, da wir und unsere Häuser … oder sage ich lieber: hier die Wildnis mit ihren ganz eigenen Regeln, da der Mensch, der ständig selektiert und domestiziert … wir sind schon eine seltsame Spezies-

    ich könnte so ein Kätzchen auch nicht töten, ich würde versuchen es zu verschenken … ausserdem regelt es sich mit der Überpopulation bei den Katzen oft von selbst, wie ich selbst schon erleben durfte- es braucht nur etwas Zeit.

    ich grüsse dich herzlich

    1. Danke, liebe Ulli, für Deine freundlichen Worte! Ja, Du hast recht, es regelt sich eigentlich eh alles von selber, es ist nur die Frage, ob wir es aushalten! Unzählige Katzengenerationen haben hier auf dem Hof in und ums alte Bauernhaus gelebt. Und seit vielen Jahren schon lassen wir selbstverständlich alles, was kreucht und fleucht, sterilisieren, immer schon waren wir ein Ort, wohin alles, was sonst keine Bleibe, kein Futter oder beträchtliche gesundheitliche Probleme hat, läuft oder kriecht. Und natürlich wollte ich so gerne mal kleine Kätzchen, aber die Vernunft sprach immer daggen. Und auf einmal, nach dem Unfalltod einer unserer damals drei sehr geliebten Katzen kam sofort, als hätte sie schon darauf gewartet, die schwangere Katze zugelaufen, sozusagen direkt nach der Beerdigung. Und wir wurden ausgetrickst und bekamen ein Zeichen, um darüber nachzudenken, was Wildsein eigentlich bedeutet und wie man Zusammenhänge ganz neu erkennen und viele für uns Menschen praktische Verhaltensweisen mal überdenken kann und sich ganz neu wieder mal zu fragen, was wir eigentlich mit den Tieren so alles anstellen. Das ist alles sehr interessant und ich sehe es auch als Geschenk, daß soviele Tiere zu mir kommen, um hier zu sterben und ich schleppe sie nicht mehr wie jahrelang unter größter Aufregung in die Tierklinik, sondern versuche, wenn irgendmöglich, ihnen ihren eigenen Tod sterben zu lassen – und ich freue mich so, daß jetzt auch mal Katzenkinder hier abgelegt wurden, da müssen wir natürlich jetzt Grenzen ziehen und die weitere Vermehrung stoppen, denn die drohende Verelendung zeigt sich sehr deutlich in unserem Geldbeutel…

  4. Liebe hochgeschätzte Graugans,
    ich raufe mir die Haare ob meiner Nachlässigkeit! Da bei Ihren Kommentaren bei mir nur eine Mailadresse sichtbar ward, dachte ich, Sie seien eine weitere Gernleserin und Bonfortionöskommentatorin, aber nun…
    Ich habe erst einige wenige Einträge überflogen, bei diesem mußte ich kopfnickend einsteigen. Bauerngöre, die ich bin, mit allen Erfahrungen die auch das Töten von Tieren nunmal nicht ausschließen.
    Ich fand über die Lieblinksliste von mick hierher, es ziepte beim Pupillendrübergehusche… Ach, wie freut es mich, Sie gefunden zu haben!
    Herzliche Grüße in den Abend, Ihre Frau Knobloch, frohaufgeregt.

    1. Ach, Sie allerliebste Käthe, wie freu ich mich so sehr, daß endlich auch hier in meiner bescheidenen Stube “bonfortinöös” gesprochen wird, freu mich riesig auf weiteres Pupillenhuschen Ihrerseits und bitte nicht Raufen, das werte Haupthaar! Seien Sie ganz lieb gegrüsst!

      1. Hach, nachdem ich nun von der langen Leitung endlich runtergehopst bin und Ihre Fährte aufgenommen habe, möchte ich Sie auch bittesehr in meine Lieblinkslist einklöppeln, liebe Graugans. Das ziept jetzt ein ganz klein wenig in den Daunen…
        Schönstdonnerstagsgrüße, Ihre Käthe, manchmal haareraufig.

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