Kategorie-Archiv: Heimat

Zwischenstand

Die erste Hälfte des Jahres ist um, Mitsommer vorbei, ich befinde mich in der Einflugkurve zu meinem 64. Geburtstag in ein paar Wochen, ich sitze auf der Hausbank und  sehe, daß die Kakteen unzählige Knospen haben. Merkwürdig ist das schon mit diesen Stachelgeschöpfen. Früher habe ich mich wirklich um sie gekümmert, habe sie umgetopft, von Läusen befreit, Erde ausgewechselt, alles getan, damit es ihnen gutgeht und das alles immer mit blutenden Händen, von abgeschossenen Stacheln verletzt. Geblüht haben sie nie.

Seit ich sie in die pralle Südsonne gestellt habe, ihnen hin und wieder ein paar Tropfen Wasser gebe und sie ansonsten nicht beachte, wachsen und gedeihen sie prächtig.

Aus einem wächst eine große, hellgrüne Kugel heraus.

Seit ich einen Hinweis auf die eigene Sterblichkeit bekam, ist mir so klar wie nie zuvor, daß ich mir die Wünsche, die ich habe selber erfüllen muß, von alleine geht da nämlich gar nichts. Und so werde ich mein eigenes diesjähriges Lebensprojekt weiter vorantreiben: Im Land herumreisen, Menschen treffen und Stätten mittelalterlicher Kunst aufsuchen.

Eine aufregende Reise und der Besuch bei einer Bloggerin liegt hinter mir, und ich denke mit einem Lächeln an ein paar vergnügliche Tage im Café Weltenall, herzlichen Dank an dieser Stelle nochmals an Ulli für die liebenswürdige Gastfreundschaft! Wir hatten lange, intensive Gespräche miteinander bei bester kulinarischer Versorgung, und es wird sicher nicht bei diesem Treffen bleiben.

In ein paar Wochen werde ich wieder verreisen und meinen Cousin P. in der Nähe von Speyer besuchen, hab schon etwas weiche Knie vor so langen Autobahnfahrten, und finde mich mutig und sehr cool, daß ich es trotzdem mache…werd schon überall hinfinden, schließlich ist ja auch ein Navi mit an Bord!

Freu mich so sehr auf alle neuen Eindrücke, die mich erwarten, vor allem auf den Dom zu Speyer und all das, was für P. Heimat bedeutet, die er mir endlich, endlich zeigen möchte. Unsere Familie ist ja mit diesen Kriegstragödien so verwoben, wenn der Vater von P. , der Bruder meines Vaters also, nicht im Krieg gefallen wäre, dann hätte er unseren Hof übernommen, meine Mutter wäre nicht aufgetaucht und ich wäre nicht auf der Welt, mein Vater wäre sonst wo gelandet. Merkwürdige Zusammenhänge sind das im Leben.

Ja, eine Kriegsgeschichte, mein Cousin ist mit Mutter und einem neuen sehr lieben Vater in der Nähe von Speyer gelandet und hat dort sein Leben verbracht und endlich, endlich komme ich zu Besuch und werde sehnsüchtig erwartet!

Das ist ein sehr schönes Gefühl, jemandem so willkommen zu sein. Ich frag mich ja, warum ich erst jetzt…egal, bald fahr ich los, das allein zählt.

Später im Jahr wird es eine Reise nach Leipzig geben mit einer kleinen Reisegruppe, ob wir da  sakrale Bauwerke auf der “Romanischen Straße” besuchen werden oder ob wir nur in Leipzig unterwegs sind, das wird sich zeigen, freue mich sehr, endlich mal in den sogenannten Osten zu reisen und hoffe auf viele interessante Begegnungen.

Ja, fühlt sich gut an, so als ängstliches altes Mädchen mutig loszufahren (so weit das Geld halt reicht) hungrig nach Wissen, Eindrücken, Erlebnissen, Menschen und dann neu zu überprüfen, was “heimkommen” wirklich heißt, denn wenn man nie weg ist…

Und von den Menschen, werden welche dabei sein, mit denen was bleibt? Wer weiß das schon. Aber einen Versuch ist es doch immer wert, nicht wahr?

Immer.

Die Dunkelheit schleicht sich immer näher an die Hausbank und streicht mir um die Beine.

Die glänzende grüne Kugel am Kaktus verändert sich, um 23.45 Uhr platzt sie auf und vor mir steht die strahlende Königin der Nacht!

_8464-Kaktus-1

 

 

 

 

 

“Es ist einmal im Leben so…”

Am 9. April wäre meine Mama 94 Jahre alt. Unvorstellbar.

Am 09. 04. 1922 ist sie geboren, und wurde in der Wallfahrtskirche  der schmerzhaften Madonna in Mariaschein / Bohosudov, in Nordböhmen getauft. Bohosudov ist heute ein zentraler Ortsteil der Stadt Krupka in Tschechien, ca. sieben km nordöstlich von Teplitz – Schönau / Teplice.

Ihr Großvater mütterlicherseits, mein Urgroßvater, war Bäcker und Grundbesitzer. Ob das wirklich sich so zugetragen hat, daß der hundertste Erntewagen gefeiert wurde oder ob das eine der absolut glaubhaft vorgetragenen Geschichten meiner Mutter, der Märchenerzählerin, war, es ist mir völlig egal…mein Vater, der Moralist und Wahrheitsfanatiker, hat es ihr geglaubt…ach mein Vater, was wusste er schon von seiner fremden Frau?

Meine Großmutter ist mit 28 Jahren an der Schwindsucht gestorben. Vorher hatte sie zwei Mädchen geboren, meine Mama und ihre Schwester. Mein Großvater bekannte sich zur Vaterschaft, kam aber als Schwiegersohn zwecks Herkunft aus Schauspielerfamilie und deshalb mangelnder Seriosität nicht in Frage und durfte die Mutter seiner Kinder nicht heiraten.

Nach dem Tod der Mutter blieb das eine Mädchen bei den Großeltern und meine Mama wurde vom Vater mitgenommen in ein unstetes Gauklerdasein. Von Ort zu Ort, leben von der Hand in den Mund, große Saufgelage bei guter Kasse, wunderbares, aufregendes Leben, immer unterwegs, immer Applaus, immer bei ihrem geliebten Vater, dem Chef der Truppe, davon erzählte sie mir…von den Zeiten, in denen die Kasse leer war, sagte sie nichts.

Ihre Geschichten, dieser Schatz, den sie mir hinterließ, handeln immer von einem Gauklerleben mit einer Art Wanderbühne. Und ziemlich sicher ist, daß sie nie die Ophelia spielte, sondern irgendwelche Rollen in kitschigen Operetten und Boulevardkomödien, viel mit ihrem Cousin Richard, den sie liebte…es blieben nur Geschichten, in denen ich auf mich wirken lasse, was zwischen den Worten steht und davon handelt, wer sie war…

Theater-klein

Was macht die kleine Truppe eines Schmierentheaters irgendwo am Abend nach der Vorstellung…ja, ziemlich viel Blödsinn…in Sektflaschen pinkeln, die das Kind trinkt, weil es denkt, es sei Limonade…baden gehn im Attersee bei Vollmond und mein Großvater wischt sich ein paar Seegräser vom Kinn und hält den Kopf einer Ertrunkenen in der Hand…ach und all die Klamotten vom Leben auf der Bühne…

Heute werden diese Theatergeschichten nicht mehr erzählt, es hat sich alles gewandelt. Einer der letzten großen Komödianten, Maxi Böhm, der alle seine Geschichten immer damit begann: “Sie, ich kenn da einen in Reichenberg…” hat Ähnliches erzählt wie meine Mutter, es handelt meist vom wilden Improvisieren, wenn wichtige Requisiten fehlten oder der Text oder irgendwas nicht funktionierte, dann wurde aus dem Stehgreif heraus was erfunden, was zu komischen Einlagen führte und das Publikum bestens bei Laune hielt.

Das konnte meine Mama, aus nichts ein wunderbares, wenn auch manchmal etwas seltsames Essen kochen und aus langweiligen Gästen ein fröhlich lachendes und ihr zujubelndes Publikum, das amüsiert um den Stubentisch saß und nicht mehr heimgehen wollte.

Mit 24 Jahren wurde sie aus Karlsbad verjagt und mit Viehwaggons in bayrische Sammellager transportiert und von dort in irgendeiner Gegend irgendeinem Haushalt zugeteilt. Damals war sie verheiratet mit einem, der irgendwo im Krieg verschollen ging.

Mein Vater konnte sie erst heiraten, als der erste Mann für tot erklärt war. Von ihm hat sie mir nie erzählt, kein Wort, da gab es keine Geschichte. Auch nicht von dem toten Kind, das sie angeblich geboren hatte, von dem ich aber erst viele Jahre nach ihrem Tod erfahren habe.

Als sie kam, hatte sie nichts dabei außer einem Fotoalbum mit ein paar wenigen Bildern von ihrem Vater und seiner neuen Frau und ihren Kindern, einem Bild von sich auf irgendeiner Bühne und ein paar Bildern, von denen sie mir nie sagte, wer die Menschen waren, die mich anschauen.

Es passt nichts, gar nichts zusammen, ich habe keinen roten Faden durch ihre Biographie, die Zeitangaben stimmen nicht überein.

Zwischen den Zeilen der lustigen Geschichten der Boheme eines Wandertheaters scheint das traurige Schicksal eines Kindes durch, um das sich niemand richtig kümmerte und das keine Heimat hatte.

Und hier bei uns war sie auch wieder eine Fremde und das blieb sie bis zu dem Zeitpunkt, als sie für immer davonflog.

Sie konnte so wunderbar blödeln, es war ihr nichts heilig, sie hatte diesen Humor aus dem Osten, der Menschen grade dann zum Lachen bringt, wenn eigentlich alles zum Weinen ist…”Humor ist, wenn man trotzdem lacht”, ja, das passte auf sie! Irgendwann schien das Weglachen nicht mehr zu genügen, da setzte sie sich auf ihr Fahrrad und verschwand…mein Vater suchte sie wochenlang, bis er sie fand, irgendwo in den Bergen auf einem verwahrlosten Bauernhof, da nahm er sie wieder mit nachhause. Dann versuchte sie, sich wegzusaufen. Eines Vormittags lag sie tot auf dem Sofa, kurz nach ihrem 46. Geburtstag.

Sie hat mir nichts zurückgelassen außer einem großen Knäuel Traumgarn, an dem Geschichten hängen und das sich, je mehr es abgewickelt wird, neu nachspinnt.

Und zwei Einträge in Poesiealben, einen für mich

Poesie1

 

und einen für das Fräulein Poldi, einer gleichfalls Verjagten, die mit ihrem Bruder in unserem Stüberl hauste – geschrieben mit dem Pelikano Füllfederhalter, den ihr mein Vater geschenkt hatte.

Poesie2

“Es ist einmal im Leben so…” ist ein Lied aus der Operette “Zum Weissen Rössel” und sie liebte dieses Lied, ich glaube, daß ich heute, fast fünfzig Jahre nach ihrem Tod endlich verstehe, warum.

Nicht nur in meinem Herzen wird am 9. April eine Kerze brennen für meine wilde, einsame Mama und dieses Lied schicke ich auch noch nach, hinauf zu den Sternen!

Auf der Hausbank

Ich sitze auf der Hausbank vor dem alten Haus in der Sonne und der Himmel über mir ist so blau und weit und hoch und ein Hauch von Ewigkeit durchströmt mich, ein zartes leises Glück inmitten aller Flüchtigkeit läßt mich demütig werden und mich bedanken dort hinauf.

Es ist, wie es ist. Gestern ist vorbei, morgen weiß niemand, was kommt und heute kann gelebt werden.

Dieser Meinung bin ich auch, sagt die Graugans, die soeben gelandet ist  und ihr Gefieder putzt.

Ja, meine liebe Graue, wo warst Du denn so lang?

Polarwinde. Richtung verloren. Expedition abgebrochen. Sturzflug. Notlandung . Treiben im Eismeer. Bekomme mächtig eins vor´n Bug. Angeschossen. Rettung Eskimos. Zusammengeflickt. Nicht gebraten und gefressen. Glück gehabt! Dankeschön. Leidlich flugtauglich. Richtung wieder aufgenommen. Wind Richtung Süden abgepasst. Heimgeflogen. Pause. Wenn Löcher im Gefieder verheilt – Plan für neue Expedition liegt vor.

No risk no fun, nicht wahr?

Sagts, zieht das eine Bein hoch , steckt den zerzausten Kopf unter den Flügel und hält den Schnabel.

Ich liebe Dich, weißt Du das denn?

Ja ja, ich Dich auch, aber jetzt keine Sentimentalitäten, möchte mich sammeln.

Aber…

Auch keine Fragen, muß schlafen.

Aha, na dann ist ja alles…irgendwie…gut…oder?

 

Ich strecke die Hände weit hinauf, dem Himmel entgegen und der fließt an meinen Armen herunter und fließt und fließt und ich werde zur Frau in Blau…

wie schön.

Damals im Altvatergebirge

Mindestens ein Jahr lang war ich auf der Suche nach dem Film:  “Alois Nebel”, einer Graphic Novel. Der Tailer allein hatte mich sofort in diese Geschichte eingesaugt, es gab kein Entkommen mehr.

Das einzige Kino in München, das ihn zeigte, nahm ihn sofort wieder aus dem Programm, nachdem nur ein einziger Mensch ihn sich ansah.

Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da veranstaltete das Literaturhaus Salzburg ein deutsch-tschechisches Kulturfestival und endlich wurde der Film gezeigt und hinterließ nachhaltige Spuren und bis heute habe ich Bilder und Musik im Kopf.

Ich halte diesen Film für herausragend in jeder Beziehung, möchte aber kein Wort mehr darüber verlieren, denn Bludgeon, dem “Alois Nebel” auch unter die Haut ging, hat dazu was erarbeitet.

Einen Text, der so dicht ist und schmerzend wahrhaftig – ach einfach so gut geschrieben, mit großem Wissen und aus dem Herzen, kann ihn nur empfehlen:

Bludgeon – Alois Nebel

Ja, in diesem Film geistert auch meine Mutter irgendwo durch den dunklen Wald. Bis heute weiß ich nicht, von welchem Ort genau sie “vertrieben” wurde…war sie gerade in Karlsbad, oder wo wurde sie gepackt und in einen Viehwaggon gesteckt? Ich werde es wohl nie mehr erfahren, sie ist schon so lange tot.

Was ich aber mit erschreckender Klarheit weiß: Ich wäre ohne die Verteibung meiner Mutter nicht am Leben. Was für merkwürdige Fügung.

 

die Band, untrennbar mit dem Film verbunden

Reisende…

In der Nacht vor Allerheiligen, die Alten sollen Samhain dazu gesagt haben, die Einladungen sind hinausgeflüstert in dieses schwarze Gewölbe, an dem die Sterne hängen. Keine Antwort. In der Laterne brennt eine Willkommenskerze. Aus dem Mond fließt das Licht in den Schmetterlingsflieder und der zeichnet wandernde Muster auf das Pflaster vor dem Haus. Die Eingeladenen werfen keine Schatten mehr. Es kommt eh niemand, denn es gibt keine Wiederkehr von dort, wo wir alle mal hingehen, wenn unsere Zeit gekommen ist, nicht wahr? Auch nicht, wenn noch so viele Fragen offen geblieben sind.

Viele sind durch dieses alte Haus gegangen und alle, ob sie lang oder kurz hier lebten, sind auf der Hausbank vor dem Haus gesessen. Jetzt ist es Nacht, alle in der Nachbarschaft liegen längst in den Betten, der Administrator schläft vorm Fernseher in der Stube, nur ich sitze allein und proste allen, die hier mal saßen, mit neuem Most zu, zuckersüß und ein wenig perlend. Auf Euch trinke ich, die sich abgeplagt haben, diesen Hof zu erhalten und ihn weiterzugeben. Manchmal spür ich die Last dieses Erbe auf mir, denn wir haben keine Kinder, ich bin die letzte dieses Namens hier, an wen soll es weitergegeben werden? Was soll einmal werden? Die große Sorge meines Vaters.

Ein schwacher Geruch einer brennenden Virginia schlängelt sich durch die Luft, Papa? Viele Western kannst vergessen, aber die mit dem Cupper Gerri, die sind einfach so gut, daß man sie immer wieder anschaun kann, sagt er und dann sagt er noch: was wohl aus dem Herrn Breuer geworden ist?

Ja, den hab ich auch eingeladen, keine Ahnung, in welcher der Welten er sich momentan bewegt. Der Breuer war ein weitgereister, gebildeter Mann und der sagte immer, er hätte alle Traumstraßen der Welt schon gesehen, aber dieses Stückerl Straße auf der Salzburger Autobahn, da, wo man runterfährt und den Chiemsee vor sich liegen hat, das wäre das schönste auf der Welt. Ja, dieser Herr Breuer war wohl ein Reisender, keine Ahnung, wer er war und was er tat, er tauchte ein paar mal im Jahr bei uns auf und verschwand wieder, zwischendurch kamen Ansichtskarten von der ganzen Welt. Meine Eltern und der Herr Breuer mochten sich und saßen bis in die Nacht hinein kaffeetrinkend und rauchend und palavernd in der Stube und es wehte mit ihm die große weite Welt herein. Das vermisse ich sehr, daß es heute keine so Herr Breuers mehr gibt bei uns. Früher tauchten immer mal wieder so Gestalten auf, mit denen wurde nächtelang über die großen Fragen der Welt diskutiert, meine Mutter kochte Bohnenkaffee und zu essen gab es extrem scharfen Quargel, d.h. so eine Art Quark mit viel Kümmel und Paprika und manchmal auch ziemlich sauren Wein dazu und manchmal tanzten sie Rock´n Roll auf dem Stubentisch…sag mal Papa… aber er ist schon weg, in der Ferne höre ich ihn einen Landler pfeifen…

Und meine Mutter, kommt sie oder nicht, ich kann mich ja auch gar nicht mehr erinnern…ein leises Lachen höre ich irgendwo, Mama, das Lachen hast Du mir vererbt und dieses Gaukler- Gen…ich soll aus einer Theaterfamilie stammen, ach was, Mama, Gaukler wart Ihr und mein Großvater war ein Windhund, nicht wahr…wieder dieses Lachen…ach Mama, ich glaube, Du warst eigentlich auch eine Reisende, eine vom fahrenden Volk, aber Du bist festgesesssen auf diesem Hof und da sind dann alle zu Dir gekommen, Du hast sie angezogen mit Deinen rehbraunen Augen und Deinem Humor, der auch vor Zoten keinen Halt machte und wenn Besuch kam, hast Du über die größten Berge dreckigen Geschirrs einfach eine Decke gebreitet, Du konntest eigentlich gar nichts, was im richtigen Leben brauchbar gewesen wäre,  Du warst eine Schmierenkomödiantin, auf nichts konnte man sich bei Dir verlassen, aber das mit Charme und Bravour und Theatralik, und geschämt hast Du Dich vor nichts und niemand!

Eines Tages hast Du das Sofa als Rampe benutzt und bist weggeflogen, für immer.

Im Lauf der Jahre sind die Palavereien in diesem Haus weniger geworden, es wurde nicht mehr geraucht und nicht mehr so viel gesoffen, und die alten sind gestorben und von manchen weiß man  nichts und so Besuche wie vom Herrn Breuer gibt es schon lange nicht mehr…wer schaut schon “einfach so” vorbei? Wenige haben noch Geschichten dabei und schon gar niemand hat mehr Lust, Geschichten zu hören oder möchte über die großen Fragen philosophieren..ohne Termindruck. Ich hör Dich wieder lachen Mama, ja, und ich lache mit, hier, alleine auf der Hausbank in der Nacht.

Nacht, Nacht, wie weiße Pferde kommt Nebel ums Hauseck getrabt, aber sonst wohl niemand mehr zu Besuch aus der Anderswelt.

In dem uralten sumerischen Mythos horcht die Mondgöttin Inanna im Großen Oben in das Große Unten und das, was sie da hört, wird dazu führen, daß sie ihr irdisches Reich verläßt, um hinabzusteigen in die Unterwelt und dort viele rätselhafte Dinge zu tun.

Ich erhorche nichts, die Nacht ist sehr still, eine Katze streicht um meine Beine, ich möchte nicht absteigen, da hinunter, noch nicht. Ich denke an eine, die schon lange dort unten ist, sie, eine Lady, alle Männer lagen ihr zu Füssen, leider meiner auch, sie war meine Freundin, meine beste Freundin, wir konnten uns das Leben ohne einander nicht vorstellen, wir schrieben uns Gedichte, wir wären füreinander durchs Feuer gegangen, bis wir uns verraten haben, sie wählte einen Säufer als Mann, sie gebar Kinder, ertrug alles, was das Leben Ihr brachte gefasst und in Würde, in Opferbereitschaft und ohne zu jammern und vor ein paar Jahren ist sie verhungert, leise ..sie legt den Finger auf die Lippen, ich soll nichts mehr sagen, nicht mehr weiterreden, ich soll alles lassen. Ja,  gut, obwohl, die Freundschaft zerbrach, aber die Liebe? Die ist geblieben. Ja, meine Freundin mit den Jadeaugen, meine Liebe zu Dir ist geblieben.

Die Rosen duften stark, immer noch.

KREUZBERG SÜD-OST …

Menschenschwärme

Daß die toten Menschen im Lkw auf irgendeinem Parkplatz an der Autobahn erst entdeckt wurden, als sie sich bereits in stinkender Brühe aufzulösen begannen, die heruntertropfte, das hat mich in eine abgrundtiefe Traurigkeit versetzt und den kleinen Buben, der tot am Strand liegt, bringe ich nicht mehr aus dem Kopf. Wenn es stimmt, was im Talmud steht, daß, wer ein Menschenleben rettet, die ganze Welt rettet – dann stimmt auch der Umkehrschluß, dann geht die Welt bei jedem vergeudeten Leben unter.

In der Zeitung steht neben einem Spendenaufruf: “Jedes Kind ist ein Zeichen der Hoffnung für diese Welt.” Ja, und der Kleine, der da im Sand liegt, ertrunken, weil es bei uns nicht möglich ist, legal ins Land zu kommen, der war wohl auch mal ein Zeichen der Hoffnung, und was ist er jetzt?

Der Kapitalismus und damit seine Eliten hätten abgewirtschaftet, schreibt der Philosoph Armen Avanesian in seiner “Kampfschrift”, einem blitzgescheiten Aufsatz zum gegenwärtigen Durcheinander der ins Land drängenden “Menschenschwärme” und die verachtenden “Lösungsvorschläge” für die “Flüchtlingsproblematik”.

Das Land ist reich, sehr reich sogar und alle haben Angst, der Reichtum könnte weniger werden und wir wären in irgendeiner Weise nicht mehr abgesichert. Und dann kommen da Hunderttausende und wollen uns alles wegnehmen. Was wir nicht gerne denken ist die Tatsache, daß Kapitalistische Wirtschaftssysteme weltweit nur funktionieren, wenn sie auf systematischer Ungerechtigkeit und Rassismus aufbauen und auf Ausbeutung angelegt sind, von liberaler Freiheit und Gleichstellung kann keine Rede sein. Und dies führt zweifellos irgendwann zu Abwanderung von denen, die grad am meisten darunter leiden. Höchstwahrscheinlich ist eh immer der der Mächtigste, der über den Transit herrscht. Und die Kriege, die in “diesen Ländern” von den ganz Bösen angezettelt werden – deren Kriege sind immer auch unsere Kriege, das sollte mal in unser Denken einsickern.

Was tun? Momentan einfach alles, was wir können, um Symptome zu lindern, unterbringen, versorgen…aber das wird auf Dauer nicht reichen, daß wir Millionen von Menschen irgendwo in abgelegenen Asylantenheimen als Randproblem unserer Gesellschaft verstecken? Wird es zur radikalen Transformation unseres Wirtschaftssystems kommen wie Avanessian voraussieht, und “das Fass der postdemokratischen Ignoranz zum Überlaufen und uns alle gemeinsam einer Lösung näherbringen”?

Was weiß ich. Ich sehe im Fernsehen Bilder von Menschenmassen im Münchner Hauptbahnhof, die einen kommen übermüdet aus den Zügen und die anderen versuchen ihnen durch Aufstapeln von Stofftieren und Altkleidung zu vermitteln, daß wir durchaus geruhen, so gnädig zu sein, sie aufzunehmen, wenigstens so lang, bis geklärt ist, wer tatsächlich würdig ist, in diesem heiligen Lande weiterhin leben zu dürfen. Alle scheinen für einen Augenblick glücklich zu sein, am Münchner Hauptbahnhof. Ein kleiner Bub saust schnell von der Hand seines Vaters weg, schnappt sich von einem Plüschtierhaufen einen Teddybären, klemmt ihn unter seinen Arm und geht an der Hand seines Vaters weiter, einem Ausgang zu.

Im Aldi bewegen sich die Leute, die auf dem Parkplatz die teuren Automarken stehen haben, langsam in der Schlange vor dem begehrten Backautomaten vorwärts. “Bitte gedulden sie sich einen Moment, unser Produkt wird ofenfrisch für sie zubereitet!” – sagt eine sehr freundliche Stimme aus dem Nichts.

Es fällt mir das Bild wieder ein, ein Foto, irgendwo in Syrien, ein Kind liegt mitten auf der Straße, es ist an einem Bauchschuß verblutet. Die Mutter hatte es losgeschickt, es sollte ein Brot holen vom Bäcker auf der anderen Seite.

Die Wahrheit der Rose

Die alte “New Dawn” war explodiert vor Blüten und wildwuchernden Ästen, die dem daneben “am Kreuz hängenden” Spalier-Birnbaum unter die Achseln griffen und sich um seinen Hals wanden, so daß er wohl auf der einen Seite seine ganze Kraft brauchte, um sich mit der Rose zu arrangieren und deshalb nur auf seiner anderen Seite Birnen produziert.
Jetzt ist lang schon der Höhepunkt überschritten und die ganze Blütenpracht hängt in braunen Klumpen hernieder. Soll ich nicht auch diese ganzen wilden Triebe mit abschneiden, denke ich. Kannst du schon machen, sagt die Rose aber bedenke, daß beim Falschen auch das Gegenteil falsch ist, beim Richtigen ist es umgekehrt…
Vor mir liegt ein Haufen dornigen Gestrüpps…wie hattest du das gemeint? Aber die Rose lächelt versonnen und schweigt.
Ich lege mich zu den Katzen ins Gras unter dem Birnbaum, lasse den Sommer vergehen und die Zeit verstreichen.

Die Fremden

Ritz-Foto3

 

Dieses Bild, gemacht von einem Fotografen in Neutitschein (Novy Njcin) in einem altmodischen Rahmen, liegt seit Jahrzehnten bei uns herum, niemand wusste mehr, wer die Leute auf dem Foto waren. Ich nehme an, es sind nahe Verwandte der Geschwister Ritz, womöglich die Eltern, und der junge Mann, ist es der “Herr Ritz”? Ähnlichkeit wäre vorhanden. Was nimmt man mit, wenn man verjagt wird und ganz schnell ein paar wenige Habseligkeiten zusammenpacken kann? Ja, ein Foto der Eltern, das nimmt man mit, glaub ich. Jan M. Piskorski schreibt in seinem Buch: “Die Verjagten”, daß Menschen den Wohnungs- oder Hausschlüssel mitnehmen, sie sperren ab, bevor sie weg müssen und dieser Schlüssel wird aufbewahrt an neuen, erzwungenen Lebensorten. Einen Schlüssel gibt es nicht mehr, aber ein Poesiealbum und eine Urkunde über bestandene Gehilfenprüfung im Nähhandwerk.

Die fremden Menschen, Fremde unter Fremden, die hiessen dann “Flüchtlinge” und ihre Kinder sind die Kinder von Flüchtlingen, ein Leben lang.  Und auch die nachfolgende Generation trägt diese Traumata von Verjagtwerden oder Flüchtenmüssen mit sich herum, mehr als wir ahnen.

In den siebziger Jahren kamen wieder Fremde, die hießen auch so: “Die Fremden” und es waren Menschen “von oben herunter”, das heißt, aus Norddeutschland und sie wollten hier im Voralpenland Urlaub machen. Mancherorts wurden sie am Bahnhof mit Blasmusik begrüßt, man freute sich, denn diese Fremden brachten Geld in die Häuser. Den Sommer über wurde manch eine Familie in den stickigen Dachboden ausquartiert, die übrigen Zimmer wurden zu “Fremdenzimmern” umgestaltet. Und alles nahm so seinen Lauf. Da die Fremden Geld brachten, bekamen sie alles, was sie wollten, es wurde die volkstümliche Musik erfunden, es gab Heimatabende mit krachledernem Getue und langsam mutierte das Land, den Fremden zuliebe und ihrem Geld, zu einem einzigen Komödienstadl und die Geranienfluten an Balkonen und den Miedern der Jungfrauen wippten den Takt dazu, der Schweinsbraten hieß ab jetzt Schweinebraten, die Fleischpflanzl wurden zu Frikadellen und die Semmeln zu Brötchen.

Heute ist der Tourismus zu einer Industrie geworden und hat sich, wie überall, der Zeit angepasst, das heißt, das Land wird zubetoniert und kann sich kaum mehr rühren unter Wellnessanlagen, Funcentern und Erlebnisparks, denn “man muß den Leuten ja was bieten!”

Die Freude läßt sich davon bis heute nicht verführen, die hat ihre ganz eigenen Gesetze, genauso wie die Liebe und das Glück. Tröstlich, aber auch ein wenig traurig.

Ja, und die Fremden, die heißen heute längst schon Touristen und die Anderen, die kein Geld bringen und sehr fremd sind, die heißen “Asylanten”. Jetzt sind wir mal beim Spazierengehen in eins dieser unglückseligen Gespräche geraten, die man vermeiden sollte, aber dann darf man mit niemandem mehr reden…es ging um den geplanten Ausbau der Autobahn unter einem Hügel durch, um zu fünf Spuren zu gelangen und da kam die Bemerkung: “Das können wir uns nicht leisten, der Staat hat doch kein Geld mehr, weil uns die da, die ständig ins Land hereindrücken, armfressen!” Die Flüchtlinge also wieder und wieder und wieder! Wo denn da die Armut wäre, wenn ich am Aldiparkplatz stehe und vor mir ein Audicoupet, rechts neben mir ein großer Audi und links neben mir ein Mercedes – Geländewagen und hinter mir fährt grad ein Sportwagen vorbei, dem man die 100000 EUR schon ansieht…ach, völliges Unverständnis.

Die Fremden, ohne Geld sind sie nirgends erwünscht.

Noch heute frage ich mich, ob meine Flüchtlingsmutter und mein Vater die Flüchtlinge auch ohne Zwang aufgenommen hätten? Ich glaube schon. Ich hoffe es . Und wir, heute?

Leopoldine und Herr Ritz

Es wurde später nie über sie gesprochen, sie wurden “zugewiesen”, das heißt, jeder Haushalt musste welche nehmen, sie wohnten wohl ein paar Jahre bei uns, dann starben sie und wurden vergessen. Keine Spuren haben sie hinterlassen, ein paar wenige Fotos sind von ihnen übriggeblieben und eine Art Gesellenbrief, und ein Poesiealbum, sonst nichts, auch kein Grab, das wurde bald aufgelöst, als mein Vater nicht mehr bezahlen konnte. Aber ich weiß noch, wo das Grab war und ich stelle hin und wieder eine Kerze auf die leere Fläche im Friedhof, dort, wo sie begraben sind, unsere “Flüchtlinge”. Diese Ausdrucksweise ist mir unangenehm, ich empfinde es als demütigend, so von Menschen zu sprechen, die verjagt worden sind.

Leopoldine Ritz, und ihr Bruder, von dem nicht einmal der Vorname bekannt ist, weil sie immer “Herr Ritz” zu ihm sagte, müssen kurz nach Kriegsende zu uns gekommen sein, sie wurden bei uns im “Stübel” untergebracht, das ist in einem alten Bauernhaus wie dem unsrigen die Kammer gegenüber der Stube, wo sich das Leben abspielte, dazwischen liegt der Hausgang. Mittels einer sehr gewagten Ofenrohrkonstruktion und eines alten, rauchenden Ofens wurde das Stübel mehr schlecht als recht beheizbar gemacht, auch haben sie selber gekocht darauf. Mein Vater sagte, sie hätten schon recht armselig bei uns  gehaust. Ich kann mich nur noch sehr undeutlich erinnern daran, daß “die Poldi” mir ziemlich unsanft die Haare kämmte, sie passte auf mich auf, fuhr mich mit dem Kinderwagen spazieren, aber das war schon Mitte der Fünfzigerjahre, der Herr Ritz war schon verstorben und als ich 1959 eingeschult wurde, da war die Poldi auch schon lange tot.

Wie haben sie damals nur alle miteinander gelebt? Meine Großeltern waren ja auch im Haus, ungefähr gleichaltrig wie die Geschwister Ritz. Der Herr Ritz hat wohl nie das Stübel verlassen, saß immer auf dem Sofa Jahr und Tag. Haben sie denn überhaupt miteinander gesprochen? Ich glaube nicht. Meine Mutter, die Hausherrin, von den Eltern meines Vaters weder erwünscht noch gemocht, sie war ja auch einFremdling, und geredet wurde eh nicht viel. Und dann noch diese Not, der kleine Hof hat nichts abgeworfen, es gab nie genug Holz zum Heizen, Großvater und Vater mussten zusätzlich arbeiten gehen und die Frauen mochten sich nicht sehr und schon gar keine Fremden wollte man im Haus. Mein Vater schimpfte auch, wie alle, über diese “Flüchtlingsweiber”, vor allem die bei unseren Nachbarn, die sich Gänse hielten, die sie mit Kartoffeln stopften um ihnen dann, wenn sie fett genug waren, mit angeblich stumpfen Messern weißgottwielang die Krägen durchzusäbeln, langsam und qualvoll. Meine Güte, ja, grausig, und keiner hat aber was unternommen, vielleicht hätte ja mal wer das Messer schleifen können. Naja, aber das war halt so “bei denen”. Ach, die waren auch nicht schlimmer als der reiche Wirt, der als Metzger zum Nachbarn kam und die Schweine ewig schrieen, bis er sie endlich abgestochen hatte, diese Schreie verfolgen mich ein Leben lang.

Untereinander hatten sie anscheinend keinen Kontakt, die Verjagten. Ein gemeinsames Schicksal macht noch lang keine Freundschaften.

Heute sitze ich manchmal im Stübel im alten Haus und schau mir das Foto an vom Herrn Ritz und frage mich heute, erst heute, selber eine Alte werdend, wie es ihm denn so ergangen sein muß, was hat er gelesen, wer war er denn, von ihm weiß ich gar nichts, schade, ich sehe das Bild eines gepflegten alten Herrn mit gescheiten und ein wenig traurigen Augen. Seine Schwester konnte wenigstens das Zimmer verlassen, aber er, was hat er gemacht, die langen Tage und Nächte, an einem Ort, wo er hingejagt wurde und nur gezwungenermaßen geduldet? Nichts weiß ich, nichts, gar nichts. Geboren und gelebt haben beide in Neutitschein. Ein verblichenes Poesiealbum existiert noch, keinen hat es interessiert, ob ich meine Kinderkritzeleien dort hinein schmierte, sie hatten andere Probleme wahrscheinlich, wir mussten irgendwie überleben.

Ich zünde eine Kerze an im Stübel, dort, wo der kleine Tisch stand und der armselig geflickte Teppich lag, auf den Herr Ritz die Füsse in den peinlich sauberpolierten Schuhen stellte, sitzend auf dem Sofa. Heimat. Fremde. Heimat.

Längst sind alle Spuren verweht, auch wir werden verwehen über kurz oder lang und doch hänge ich jetzt endlich die Bilder der Verjagten auf hier in diesem alten Haus, wo sonst.

Heimat. Fremde. Heimat.

 

Ritz-Pass

 

Ritz-Foto2

 

Ritz-Foto