Briefe an die nahe Ferne ( 9 )

Stabat Mater

Mit 26 Jahren hat er das mittelalterliche Gedicht vertont, ein paar Wochen, bevor er gestorben ist: Giovanni Battista Pergolesi. Und diese Musik gehört zum Erschütternsten, was ich jemals gehört habe und ein Schmerz zieht mir den Boden unter den Füssen weg, der Schmerz der Mutter, die mit anschauen muß, wie ihr Kind getötet wird.
Nein, das ist keine Musik, die man so nebenbei laufen lassen kann, denn die Geschichte, die sie erzählt fordert den ganzen Raum, das ganze Herz.
All diejenigen, die schon seit gestern fröhliche Ostern wünschen würde ich gerne raten, sich hinzusetzen, und einfach nur zuzuhören, denn es betrifft uns alle, immer und immer wieder, in unseren Schmerzen, denn wir tragen alle unser Kreuz und alle kennen wir die verzweifelte Hoffnung und das Sehnen nach Auferstehung.

Stabat mater dolorosa
luxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius…

Ostern ist mehr als nur ein verlängertes Wochenende, das Gerenne in Supermärkte, um  Eier aus Legebatterien zu kaufen und verblutete, abgeschlachtete Lämmer. Was wünschen wir uns, wenn wir uns frohe Ostern wünschen? Daß es mit den gebuchten Flügen klappt, wo doch jetzt angeblich das Kerosin knapp wird? Und warum kosten die Goldhasen jetzt 8 Euro – meine Güte, weil die Leute sie kaufen.

Und die Geschichte, die zweitausend Jahre alt ist, scheint niemanden zu interessieren, weil man längst mit der Kirche abgerechnet hat und weil man schon lange an nichts mehr glaubt.

Mit jemand zu diskutieren, dem eh alles egal ist, habe ich aufgegeben. Auch die Frage: bist du noch gläubig?  -regt mich schon wegen dem Wort „noch“ auf und ich sage darauf: ich bin genauso gläubig, wie ich nicht gläubig bin, dann sind diese „Gespräche“ eh gleich vorbei.

Die Bibel ist schwierig, vieles darin ist zwiespältig, die Chronisten lebten lange nach dem Leben und Sterben von Jesus, es kann nicht mal zu 100% bewiesen werden, daß er tatsächlich gelebt hat und doch … und doch … ist seine Geschichte so wahr, wie sie nicht wahr ist und erschüttert mich immer wieder in meiner Existenz.
Da war einer, ein etwas sonderbarer Heiliger, ein Rebell, ein merkwürdiger „Kund“, wie man in der bairischen Sprache einen etwas sonderbaren Mann nennt, der plötzlich irgendwo auftaucht und sich herumtreibt. Der Kund kommt, wie so viele Wörter aus dem Rotwelschen, nach dem Bairischen eine weitere Lieblingssprache von mir. Und ich glaube, so ein Wanderprediger wäre sicherlich bei uns „So a rarer Kund“ genannt worden.

Als die Menschen damals erfahren haben, daß er Heilkräfte hatte, sind sie ihm zugelaufen, das ist alles nachzulesen, wenns jemand interessiert. Als er in Jerusalem eingeritten ist, hat er gesagt, ich bring Euch den Frieden, wenn Ihr es nicht erkennt, wird Eure Stadt fallen. Aus dem Tempel hat er alle die rausgeworfen, die er ganz sicher auch heute rauswerfen würde beim Betreten der Gotteshäuser. Die Frauen mochten ihn, denn er sprach von Liebe und er hat Maria von Magdala die Füsse gewaschen und er war ganz anders, als die Männer, die sie gewohnt waren. Ich würde gerne sagen, daß er weich und zärtlich war, aber damals war es wahrscheinlich schon etwas ganz Besonderes, daß er sie behandelte wie menschliche Wesen. Und viele Frauen folgten ihm und begleiteten sein Leben bis hin zum schrecklichen Kreuzestod. Und wir wissen, daß alles, was danach geschah, durch das Mitwirken von Frauen geschah. Ja, ich weiß, was man alles dagegen sagen kann, ich frage mich, wozu? Denn wenn wir uns umschauen, passiert die Geschichte doch immer noch  und wenn ER jetzt wiederkäme, dann würde ER wieder von Liebe sprechen und würde den Kranken die Hand auflegen und es würden IHM wieder die Frauen zulaufen, auch ich wäre dabei und selbstverständlich würde ER wieder beseitigt, vielleicht grad nicht am Kreuz, aber es gibt da ja vielfältige Methoden.

Ich hab ein zärtliches Gefühl für diesen Rabbi und seinen unbezähmbaren Glauben daran, Gottes Sohn zu sein und das bis zur letzten Konsequenz und ich liebe die Frauen um ihn herum, weil sie ich trauten, zu lieben.

Ich schicke jetzt (vorerst) keine fröhlichen Wünsche, denn wir haben Karfreitag und ohne Karfreitag kein Ostern, nicht wahr? Und glaubt mir: Ostern ist mehr als ein verlängertes Wochenende…

viel  viel mehr.

Und Dir, liebe Kraulquappe schick ich ganz liebe Grüße aus dem Land der nunmehr geschmolzenen Schneeflocken … mit abklingendem Gehuste etc.  aus der fernen Nähe inmitten der tausend Himmelsschlüsserln.

 

9 Gedanken zu „Briefe an die nahe Ferne ( 9 )

  1. Liebe Margarete, ich habe gestern viel an dich gedacht und war mir sicher, dass du etwas zum Karfreitag schreiben würdest. Es war auch gestern, als ich noch einmal etwas auf dem Passionsblog nachlesen wollte, aber leider scheinst du ihn vom Netz genommen zu haben, was ich etwas schade finde, da ich immer mal wieder dort etwas nachgelesen habe. Du wirst deine Gründe gehabt haben.

    Ich glaube, dass heute so manch ‚Heiliger Mann‘ in der Klappse landen, oder ihnen Schlimmeres passieren würde, wenn ich mich mit ihren Geschichten beschäftige. Letztlich haben sich die meisten Menschen nicht geändert, haben nichts aus der Geschichte/den Geschichten gelernt und das schmerzt mich immer mal wieder.
    Man muss nicht zwingend mit dem christlichen Glauben verbunden sein, um erkennen zu können, dass Liebe und Mitgefühl ein Weg zum Frieden sind.

    Herzliche Grüße, Ulli

    1. Liebe Ulli, ich hab den Passionsblog nicht vom Netz genommen, auch mit Gründen hätte ich das natürlich nicht einfach so gemacht. Zumindest nicht wissentlich. Ich hab vor längerer Zeit, bestimmt auch schon wieder paar Jahre her, meine Texte herausgenommen, weil der Blog jahrelang wie tot war und ich nicht wollte, daß aus meinen Einträgen allmählich Karteileichen werden. Womöglich ist beim Herausnehmen meiner Beiträge der ganze Blog abgehauen, ich hab keine Ahnung, ob es so war und wie es passiert ist, anscheinend ist er jetzt bedauerlicherweise verschwunden.

      Liebe Grüße trotzdem!

      1. Liebe Margarete, es hätte ja sein können, dass du es angekündigt hast und ich es verpasst habe, wie es mir mit meiner eigenen Webseite gegangen ist, als die Admins mich gefragt haben und ich das schlichtweg übersehen hatte. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Meine Texte habe ich natürlich noch selbst abgespeichert.

        Liebe Grüße, Ulli

  2. “ … das Gerenne in Supermärkte, um Eier aus Legebatterien zu kaufen und verblutete, abgeschlachtete Lämmer. Was wünschen wir uns, wenn wir uns frohe Ostern wünschen? Daß es mit den gebuchten Flügen klappt, wo doch jetzt angeblich das Kerosin knapp wird? Und warum kosten die Goldhasen jetzt 8 Euro – meine Güte, weil die Leute sie kaufen. …“
    Drei Ausrufezeichen möcht i hier machen und dreimal „Ja, genau!“ rufen.
    (… und bei etlichen anderen Textstellen auch.)

    Danke für den Osterbrief, liebe Frau Graugans!

    Pega

    1. Liebes Nachterl, ich denk oft an Dich, vor allem natürlich so um 2 Uhr nachts, da wehten mich früher manches Mal Kuchendüfte an aus Deiner Küche in Gröbenzell und immer sah ich Marmorkuchen bei Dir im Backrohr! (Wahrscheinlich, weil das ein Lieblingskuchen von mir ist!) Ich hoffe, es geht Dir gut in Deiner jetzigen Heimat und du erlebst viel schöne Sachen! Liebe Grüße!

  3. Am Anfand waren mir zwei Dinge klar – es gibt einen Gott – und – ich bin es nicht. Also ging ich ihn suchen und finde immer nur Fragmente von ihm. Diese aber reichlich und manchmal fein getarnt 🙂

    Liebe Grüße, Reiner

    1. Lieber Reiner, hab vielen Dank für Deine Worte, die waren ein wunderbares Ostergeschenk für mich, die ich auch eine unverbesserliche Gottsucherin bin ! Die Fragmente werden mehr, die Fragen aber auch, die Tarnungen sind rätselhaft und schwer durchschaubar! Liebe Grüße, Margarete

  4. Ein mutiges Credo. Habe mich letzen Winter durch die Bibel gelesen, ohne Glauben. Die Stellen in denen von Liebe und Vergebung die Rede ist, sind wirklich die einzigen, die überzeugen.

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