Briefe an die nahe Ferne ( 8 )

Ganz hinten im kleinen Büchlein „Weihnachten in Prag“ dankt Jaroslav Rudiš ein paar Leuten und sagt: Wir sehen uns dann im „Ausgeschossenen Auge“. Da hatte ich so eine große Sehnsucht, und hab sie immer noch, mich dazusetzen zu können in dieser Kneipe, die auch in der unglaublich liebenswerten und etwas mysteriösen Geschichte vorkommt. Und dort dann mit Menschen, die ich mag, schwarzes Bier zu trinken und auf den „König von Prag“ zu warten.
Und jetzt ist es wieder soweit, das Buch „Winterbergs letzte Reise“ nimmt mich mit nach Königgrätz, dort erfahre ich, daß auf dem riesigen Schlachtfeld, wo 400000 Soldaten gekämpft haben und mindestens 100000 Tote liegen mit ihren Pferden, die Erde immer noch und immer wieder die Reste ausspuckt, die sie nicht verarbeiten kann. Eine sehr merkwürdige Bahnreise mit zwei merkwürdigen Männern, die mit Hilfe von einem Baedecker Reiseführer aus dem Jahr 1913 einer Spur folgen, die ins heutige Nirgendwo führt, oder ist es die Sehnsucht nach einer brennenden großen Liebe, die lange verweht ist aber niemals erloschen … ein Sog ist es, der mich hineinzieht in die Geschichte, ich reise mit, der Ausgang ist ungewiß wie so Manches, was man tut und nicht weiß, wohin es führt. Aber was ich sicher weiß ist, wenn ich das Buch ausgelesen habe, werde ich dieser Reise gerne nachreisen wollen. Es ist nicht nur die merkwürdig vertraute Sprache von Rudiš, die mir aus der Seele spricht, Seite für Seite. Ich spüre Erinnerungen in mir, die ich selber gar nicht haben kann. Die Erinnerungen meiner Mutter, die anscheinend auf geheimnisvolle Weise auch in mich hineingelangt sind, lösen in mir ein wehmütiges Zurücksehnen nach einer verlorenen Heimat aus, die womöglich gar nicht existiert hat.

Vor Jahren bin ich schon einmal in Karlsbad herumgeirrt und auch in der Kirche an ihrem Geburtsort vor dem Taufstein gestanden, ich habe nichts gefunden, konnte keine Spur von meiner Mutter entdecken, auch nicht wirklich ein Gefühl für sie, die Orte und mich. Beim Lesen dieses Buches streifen mich ihre Erinnerungen, das ist seltsam, aber Worte gibt es dafür  nicht.

Manchmal sitze ich da und die Zeit oder das Leben saust wie im Zeitraffer um mich herum, irrsinnig schnell und ich komme nicht hinterher, sondern lasse es geschehen … die Tage, Wochen, Monate rasen dahin, die Jahreszeiten fliegen um meine Ohren … vorgestern war Winter, gestern Frühling, heute Schneesturm, es hagelt Unmengen weiße Körner, die aussehen wie Styroporkugeln.

Ich sitze am Stubentisch und schäle Erdäpfeln, im Radio laufen die Brandenburgischen Konzerte Nr. eins und zwei. Meine wirren Gedanken ordnen sich und werden zu einem Wunschtraum: Ich möchte gerne einen Club alter Weibsbilder gründen! Und als erste Clubregel würde ich einführen: Das unliebsame Wort „NOCH“ wird vernichtet.

„Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht“. – soll er gesagt haben, –  jetzt ist er gestorben: Alexander Kluge.
Ich bin sicher, alle Gestirne sind ihm wohlgesonnen und erleuchten seinen Weg in die ewige Glückseligkeit.
Ruhe sanft und in Frieden großer, alter und weiser Mann.

 

Aus dem Schneekugerlland in der fernen Nähe schicke ich liebe Grüße in die frisch ergrünte Stadt und an die Kraulquappe!

 

 

6 Gedanken zu „Briefe an die nahe Ferne ( 8 )

    1. Beinahe hätte ich gesagt: Aber Du bist doch noch sooo jung! So ist das mit diesem blöden Noch, man muß verdammt aufpassen, was man wie sagt! Du bist herzlich eingeladen, wir sind jetzt zwei im Club!

  1. Auch ich würde nur zu gerne Mitglied dieses Clubs alter Weibsbilder! Das Wort „noch“ habe ich mir schon vor langer Zeit abgewöhnt, glaube ich. Aber ich müsste in meinem Blog nachschlagen. Fühlte mich seltsam angerührt vom Gedanken an die brennende, grosse Liebe in deinem Text, die ich in meinem Leben längst vergessen glaubte, und die dann doch wieder kurz aufgefunkt hat.

    1. Liebe Frau Frogg, jetzt mit Dir sind wir zu dritt im Club der alten Weibsbilder! Vielen Dank fürs Sagen über die brennende Liebe, ja, so ist das.

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