„It´s better to have loved“
Letzte Nacht habe ich von einem geträumt, den ich früher mal kannte. Er sah vollkommen anders aus und trotzdem wußte ich, daß er es war. Vor ein paar Jahren hätten wir uns zufällig in einem Supermarkt begegnen können, wenn ich nicht geflüchtet wäre. Er sollte nicht in meinen Augen mein Entsetzen über seine Verfassung sehen. Es war früher schon zu ahnen, daß sein Weg in Suff und Elend führen würde, wenn er nicht die Richtung änderte, aber ich bin dann doch heftig erschrocken darüber, wie ein Gesicht in Abgründe und tiefe Schluchten stürzen kann und dann irgendwo liegenbleibt auf dem grauen Schotter. Im Traum war er in eine ganz andere, ziemlich belanglose Gestalt geschlüpft … belanglos, wie unsere Gespräche damals. Das, was wir uns sagen wollten, haben wir aus der Musik herausgehört, die wir uns vorspielten und aus ein paar schönen Briefen. Aber alles, auch das, was nicht geschah, ist lange schon vorbei.
Vor kurzem bin ich am Abend durch ein Tal gefahren, das eigentlich eine tiefe Schlucht ist, mit einem kleinen Fluß und einer Straße daneben. Meine Heimat ist durchzogen von Abgründen, das sind Furchen in den Seitenmoränen des Gletschers, der sie bei seinem Rückzug hinterlassen hat. Wir sind umgeben von diesen Einkerbungen und nennen sie entweder „Graben“ , wenn sie sich durch die Wälder schlängeln, meist gemeinsam mit einem Bach; oder man nennt sie Tal.
Das erwähnte Tal erscheint mir meistens dunkel, auch wenn die Sonne scheint, und am Abend wird es dort stockfinster. Anscheinend saßen alle schon daheim am Nachtmahltisch, niemand war mehr unterwegs. Die Straße lag schwarz vor mir und glänzte matt im Scheinwerferlicht und plötzlich erschien oben über den schwarzen Wipfeln der Bäume der Mond und schob sich von irgendwoher wie eine riesige Goldmünze langsam … sehr langsam … ins Bild.
Und da gibt es noch immer eine halb verfallene alte Scheune und da hab ich geparkt und mir eins meiner Lieblingslieder angehört und habe es seitdem ständig im Ohr. Ich glaube, es ist nicht besonders berühmt und hat keine große Bedeutung und der Interpret wäre dadurch wahrscheinlich nicht zu Ruhm und Ehre gekommen.
Es erzählt die Geschichte von einem, der eine schwarze Straße im Nirgendwo zurück zu einem Ort fährt, der jetzt verfallen ist und wo durch die Risse im Beton der Löwenzahn wächst. Mit Brettern vernagelt und wie ein altes Sommerlied verschwunden, aber da war mal was, ein Anfang in einem verschlafenen Eckzimmer, der Geschmack von Lippenstift und ein warmer Atem am Ohr … der Anfang ist lang schon ein Ende … jetzt wacht er in seinem Bett auf und ist einsam …
aber er erinnert sich, daß damals jemand sagte, daß es besser ist, geliebt zu haben.
„Yeah it´s better to have loved“
Und dann stellt er sich auf denselben Parkplatz wie früher und dann holt er aus der Papiertasche eine Flasche Jack … und dann … einen für sie, einen für ihn und einen auf den Parkplatz … vom Moonlight Motel.
Ringsherum blüht alles, was blühen kann. Die Igel schlafen anscheinend noch, also lassen wir alles liegen, worunter sie womöglich ihre Winterquartiere haben. Das Leben lebt sich so dahin und ich sitze da und schaue ihm dabei zu.
Liebe Grüße an die Kraulquappe und: Sag Bescheid, wenn Du in Helgoland angekommen bist, wir trinken einen auf Deinen Papa und seine Überfahrt ins Meer der Unendlichkeit … Du mit einem Klaren vom Norden und ich mit einem Enzian vom Grassl in Berchtesgaden und nicht vergessen: Du mußt natürlich auch den für Deinen Papa trinken, eh klar, und einen für den Blanken Hans!

Du schreibst immer so schön warme Erzählwerke.
Vielen Dank!
Sehr gerne
Aber gerne
Liebe Graugans,
beim Lesen deiner nächtlichen Fahrt ahnte ich es schon, in welchem Song du schließlich einparken würdest, und genau so war es dann auch…
„Moonlight Motel“ ist ein ganz und gar aus der Reihe fallender Song, relativ unbeachtet kümmert er am Ende eines auch insgesamt eher unbeachteten Albums vor sich hin. Dabei ist er eine einzigartige Perle, aber zum Auffinden mancher Perlen bedarf es eines tiefen Tauchganges.
Für dich als Meeresgrundexpertin natürlich nicht schwierig.
Ich liege mit Bronchitis und ohne Stimme im Bett, höre dieses Lied und heule ein bisschen mit.
Aus der fernen Nähe ein Herzensgruß & „Bruce forever!“,
Deine Kraulquappe
Mei, wie schön: „Meeresgrundexpertin“!Ich dank Dir!
Mir wurde gerade klar warum ich nicht in den Bergen und mitten im Wald wohne diese schwarzen Täler und der dunkle Wald wären in dunkleren Zeiten nichts fur mich.
Gruß aus dem gerade tristen nordischen Hamburg.
Ja, die Berge muß man aushalten, auch Wälder und Täler, ich liebe dieses Land,denn es ist meine Heimat und da gehöre ich hin. Das geht doch allen so, egal ob flaches Land hinterm Deich oder große Stadt oder im Gebirge, man hat eine enge Verbindung dahin, wo man daheim ist.
Ich bin und bleibe wohl Norddeutsche.
Aber als nicht geborene Hamburgerin und seit 30 Jahren hier wohnhaft kann ich sagen Hamburg ist meine Heimat.
Ich bin Schleswig-Holsteinerin, aber aufs Land in das Kaff was meine Heimat ist bekommen mich keine 10 Pferde mehr hin.
Bin so gerne mitgereist durch deine Erinnerungen … So weich, so schön geschrieben!