Zwischen den graubraunen Stämmen der Bäume am Obstanger steht das Reh. Nichts auf der Welt kann so bewegungslos stehen wie ein Reh. Eine Statue mit glänzenden Augen, die mich ansehen. So schauen wir und harren aus. Ich sage nichts, das Reh auch nicht . Auf einmal macht es einen lautlosen Sprung nach vorne und noch einen und weg ist es.
Ich esse die letzten Kirschen vom Baum, ihre Zeit war heftig und überquellend vor süßer Fülle und jetzt geht sie zu Ende. Am Anfang sucht man die ersten reifen Früchte und jetzt geht es darum, die letzten zu finden, die noch nicht angefault sind und die letzten schmecken genauso besonders wie die ersten. Nein, keine Wehmut, daß es vorbei ist, alles hat seine Zeit. Und auch wenn ich mir noch nie am Anfang vorstellen konnte, daß ich jemals genug bekommen könnte, irgendwann ist es soweit, dann bin ich satt und zufrieden und dankbar für die Fülle und das Geschenk der Bäume.
Die vernichtende Hitze der letzten Woche hat die Wiesen verbrannt und braun gefärbt, jetzt kam Regen, der in kurzen Sturzbächen auf das Land platschte, viel zu wenig konnte der harte Boden davon aufnehmen. In einem von drei ausgetrockneten Bächlein fließt wieder ein wenig Wasser. Ob es jemals wieder diesen Sommerregen geben wird, der ein paar Tage und Nächte durchgehend vom Himmel fällt und nach heißen Tagen warm und leicht und liebevoll die Fluren, Fell und Haut berieselt in einem Tempo, daß alle Lebewesen genug davon abbekommen, aber nicht ertränkt werden. Dieser wunderbare Sommerregen, in den man hinausläuft und sich den Schweiß abwaschen läßt und klatschnaß zu tanzen beginnt und zu küssen, wer weiß, wie in einem meiner alten Lieblingsschlager von damals..
Heute ein kleiner kühler Wind und schon kommt dieser typische Geruch und die Farbe des Himmels ändert sich, minimal, aber dennoch spürbar … Herbstahnungen … nein, auch hier keine Wehmut, es ist immer alles da, man sieht halt manchmal das eine mehr und dann wieder das andere.
Mit befreundeten Menschen sitzen wir zusammen und reden über das, was uns gerade bewegt auf unseren Umlaufbahnen. Und das Thema „Epigenetik“ taucht auf. Niemand weiß so recht, was es genau bedeuten könnte, daß diese Wissenschaft Markierungen in unserer DNA erforscht, die von großen Belastungen herrühren, die Menschen bis zu mehreren Generationen vor uns erleiden mußten. Schwer vorstellbar, daß großer Schmerz, schlimme Vorkommnisse in meiner Urgroßmutter chemische Prozesse ausgelöst haben, die sich in die Gene gebrannt haben und weitergegeben werden bis sie bei mir angelangt sind. Und dann erzähle ich von meiner Arbeit am Familien – Wurzelbuch und wieviel Schmerz ich entdecke, und auf einmal tauchen bei allen Bilder auf aus Ahnenreihen und plötzlich entdecken wir, vor allem in manch einer Familienproblematik von heute, die unlösbar erscheint, eine Art Wiederholung durch die Ahnenreihen, so, als wären Sorgen, Ängste, was auch immer, weitergereicht worden. Natürlich nicht genauso, eher eine Ahnung, schemenhaft, aber durchaus bemerkbar und vorausgesetzt, man findet Zugang zu den Lebensgeschichten der Vorfahren.
Rätselhaft und nicht einfach, damit umzugehen, aber ich bleibe dran.
Sollte es in den nächsten Tagen regnen, dann geh ich raus und tanze, tanze , tanze, barfuß im Regen, macht Ihr mit?
Viele Grüße an die Kraulquappe!
Siehste! Früher oder später kommt jeder dahinter. Hinter die Geheimnisse seiner Familiengeschichte. Auch (alte) Mädchen. Die fangen ja immer so spääääät an, sich zu interessieren; rümpfen in jungen Jahren die Nase, wenn es ihre „Boyfriends“ tun: Wozu machstn das? Was hastn von dem alten Scheiß? (Meine Erfahrung) – tjaja.
Viel Spaß und Staunen noch beim Entschlüsseln all der Vorgeschichte(n), die da noch deiner harren…
Also, ich kenne nicht viele Leute, die sich für das Schicksal der Altvorderen interessieren, weil sie wissen, daß es sehr wohl mit uns heutigen was zu tun hat. Mein Vater hat lange geforscht nach dem Ursprung unseres Namens und eines evtl. Familienwappens und ist bei Maria Theresia gelandet… leider konnte er mir nichts über Groß- und Urgroßvater erzählen und die Geschichte seiner Mutter hat ihn anscheinend auch nicht interessiert. Ich suche auch schon seit Jahren, es ist mühsam und ob ich tatsächlich schaffe, das lückenhafte Stückwerk zu einer Art Hofgeschichte zusammenzubringen ist unsicher. Ich würde trotzdem allen, die Kinder haben raten, ein Familienstammbuch anzulegen. Denn irgendwann fragen sich die Kinder, woher sie kommen und von wem sie abstammen.
Viele zahlen viel Geld für Abstammungsnachweise weißgottwohin oder lassen sich vom Realitytv verschollene Familienmitglieder suchen…
Ja und diese Sprüche, was man mit diesem alten Glump vorhat, das doch niemand braucht, das kenn ich mein Leben lang!