Briefe an die nahe Ferne ( 20 )

Das Wurzelbuch

Neben dem Wasserhahn am Gottesacker hängen an einem Gestell ordentlich aufgeräumt Gießkannen aus Plastik in allen möglichen Größen und Farben. Aber leider ist anscheinend wieder mal keine dabei mit einem Brausekopf, oder wie immer man dieses Ding nennen mag, das vorne auf dem Schnabel der Gießkanne sitzen sollte, um das Gießwasser sprühmäßig auf den Blumen zu verteilen, damit sie nicht mit einem schweren Strahl platschend niedergewalzt werden. Inzwischen ist eine Frau dazugekommen, die auch vergeblich sucht wie ich. Wir unterhalten uns darüber, an was es wohl liegen mag, daß alle Versuche scheitern, diese Aufsätze an den Kannen so zu befestigen, daß sie dort auch bleiben. Irgendwann hat mal jemand Schrauben hineingedreht, diese Kanne ist auch verschwunden. Es bleibt ein jahrelanges Rätsel, nimmt sie wer mit, klaut ernsthaft jemand Gießaufsätze am Friedhof? Nicht vorstellbar oder? Da kommt ein Mann mit zwei leeren Kannen, eine davon hat tatsächlich noch einen Brausekopf. Er ist leicht irritiert, weil wir ihn so anstarren, während er die Kannen aufhängt. Als er weg ist, müssen wir lachen, die Frau und ich und sie läßt mir den Vortritt.

Am Grab bei den Fleissigen Lieserln sage ich zu den Altvorderen, daß ich begonnen habe, die Geschichte unseres Hofes aufzuschreiben und mich durch die verschlissenen und schier unleserlichen Dokumente der Jahrhunderte hindurchwühle, die mir in den Händen zu zerfallen drohen. Es ist ein verwahrlostes Sammelsurium von Fotos, Erbverträgen, Nachweisen über Soldatenzeiten im 14er Krieg mein Großvater, und ein Altvorderer ist aus einem früheren Krieg heimgekommen, es ist noch nicht klar aus welchem, ob mit Österreich gegen die Preußen oder mit den Preußen gegen Frankreich, ungut allemal für diese armen Bauern, die weg mussten von ihrem Hof und auf ein ganz anderes Feld gezwungen wurden, dorthin, wo der Boden sich rot gefärbt hat.

Ach, warum tu ich mir das an, für wen, ich habe keine Nachkommen, wer bitte wird das jemals lesen. Meine Cousine möchte gerne die Geschichte vom Stammhof der Familie haben für ihre Kinder, damit diese erfahren, woher sie alle stammen,

und ich  … ich möchte genauer wissen, was ich weiß.

Im Jahr 1878 kam einer und hat für wenig Geld unseren armen Hof, dessen Jahreszahl 1756 oben auf dem Türstock steht, gekauft. Bis jetzt weiß ich weder über den Käufer, der meinen Familiennamen mitbrachte, noch über den Vorbesitzer Genaueres. Der Käufer war höchstwahrscheinlich mein Urgroßvater. Noch gibt es viele Rätsel und große Lücken, es ist eine extrem schwierige Sache, so einen Stammbaum zusammenzutragen, Gottseidank hilft mir Herr Graugans, sonst würde ich verlorengehen.

Es ist eine Sauarbeit, sage ich am Grab und ich ärgere mich darüber, daß auch das, wie sovieles andere, an mir hängenbleibt. Aber wißt Ihr was, ich mach es trotzdem gern, aus Achtung vor Euch, die Ihr Euer Leben in großer Armut und Elend zugebracht habt, mit nix als schwerer Arbeit, den Marxenhof durch alle Mühsal gerettet und auch uns Heimat und Obdach gegeben habt.

Man glaubt es nicht, wie sehr so eine Arbeit ans eigene Eingemachte geht. Es hängt alles mit allem zusammen, ich finde Leichen im Familienkeller und Geheimnisse, Erinnerungen tauchen auf, bei Gott nicht nur meine. Menschen erscheinen plötzlich, von deren Existenz ich nichts ahnte, alle lang schon tot, aber ich bin noch da und ich glaube, ich bin es ihnen schuldig, daß sie nicht völlig vergessen im Nebel verschwinden. Und da ich  Wurzelstränge in mir erkenne, von denen ich noch nichts wusste, die mich mit anderen Wurzeln verbinden und mich Teil der großen Menschenfamilie sein lassen, werde ich die Geschichte des Hofes „Wurzelbuch“ nennen.

Und dann meine ich, die Großmutter singen und lachen zu hören und ich höre ein Flüstern durch die Zeiten, noch kann ich nichts verstehen,  aber ich bleib dran und wenn ich in zwei Jahren noch lebe, dann wird es ein großes Fest geben, denn dann ist unser Familienname 150 Jahre auf dem Hof.

Sei herzlich gegrüßt, liebe Kraulquappe, wo Du auch bist und was Du grad machst und das Zwutschgerl sowieso!

8 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne ( 20 )

  1. Die Geschichte wird dir wohl einige Berg- und Talfahrten, Wurzeln und Flügel bescheren. Gut, dass du es machst und wenn es nur für dich ist.

    Liebe Margarete, ich wünsche dir gute Wege. Herzlichst, Ulli

  2. Gleiches wie für die Gießkannenbrauseköpfe gilt für Waschbecken-Stopfen in den Toiletten von Gaststätten. Die fehlen fast immer, stattdessen gähnt einen ein dunkles Loch an. Wer nimmt die mit, wozu? Menschen sind seltsam.

  3. Tja, für wen macht man das? Recherchieren und Zusammentragen von alten Daten und Fakten? Ich mache das für mich selbst, obwohl ich Kinder habe. Für mich selbst, weil mein Leben dadurch runder und bunter wird. Mein Leben ist aus der Vergangenheit die Gegenwart für die Zukunft.

    Bei uns steckt die Gemeinde schon seit Jahren keine Brauseköpfe mehr auf die Giesskannen am Friedhof. Laut Auskunft sind zu viele Schrebergärten in der Nähe. Aber ich erinnere mich, dass meine altvorderen Giesser neben der kleinen Hacke auch immer eine Zott dabeihatten, wenn sie zum Giessen auf den Friedhof gegngen sind.

    Schönen Dank für deinen Bericht.

  4. Eine Zott, wie wunderbar, daß Ihr dafür ein eigenes Wort habt! Aber egal wie man es nennt, es scheint immer schon gerne geklaut worden zu sein… Gruß!

  5. Ich versuche gerade selbst etwas über meine Geschichte und die meiner Mütter herauszufinden, daher geht mir dein Text nah. Und überhaupt; wer soll das lesen? Ich glaube das ist nicht die Frage (obwohl ich bei deinen Texten immer schreiben will: na ich!), sondern: was müssen wir schreiben?

    1. Liebe Elke, ja, dieses „wer soll das lesen“ ist selbstverständlich das Todesurteil für jeden Text und obwohl ich natürlich um die völlige Sinnlosigkeit dieser Bemerkung weiß, würge ich sie manchmal aus mir heraus, dann, wenn ich grad nicht mehr weiter weiß und ich mich verliere in einer Arbeit, die mir große Schmerzen bereitet und ich überhaupt nicht weiß, woher sie kommen und für wen ich sie womöglich trage… wenn dann jemand, dem ich traue sagt: „na ich“! dann wirkt das wie ein Wunder, hab Dank dafür!
      Ja, was müssen wir schreiben, das ist die Frage, die mich auch umtreibt … wenn ich meinen Verstand nicht zu Wort kommen lasse, und nur auf mein Herz höre, sage ich:
      ALLES!
      Alles

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