Briefe an die nahe Ferne ( 12 )

Alles, was lebt, hat einen Kreislauf und das Leben selbst ist ein Kreis, das heißt, es gibt keinen Anfang und kein Ende, der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang. Das ist schwer verständlich, aber keine Begründung dafür, daß es nicht so ist. Ich kann junge Pubertierende mit all ihren Nöten sehr gut verstehen, nicht nur, weil ich auch mal jung war, sondern, weil ich jetzt im Altsein wieder sowas Ähnliches durchlebe. Es fühlt sich Vieles  so an wie früher, der Körper verwandelt sich in ein völlig unbekanntes, schmerzhaftes Wesen, das mir Angst macht und mich verstört und ratlos sein läßt. Ich möchte Nähe und halte sie nicht aus, ach es gäbe soviel, was ich aufzählen könnte … Beziehungen werden kompliziert oder brechen ab, ich möchte viel fröhliche Gesellschaft um mich haben, die ich nicht aushalte, weil ich eigentlich meine Ruhe haben will, ich möchte von allem alles und auch das Gegenteil. Ich bin müde aber werde immer rebellischer und kämpfe gegen etwas an, was ich nicht sehe. All das und noch viel mehr kenne ich aus Jugendtagen und vor allem aus der Arbeit mit sogenannten schwierigen Jugendlichen. Der Kreis dreht sich und dreht sich, Kinder sind klein, werden größer, erwachsen und werden wieder kleiner und kleiner … ihr sollt werden wie die Kinder… Deshalb verstehen alte Menschen die für alle anderen  vollkommen unbegreiflichen Verhaltensweisen der jungen oft viel besser, man ist sich ähnlich im Fühlen und kennt die Einsamkeit.

Das Altwerden und Altsein ist nicht nur deshalb schwierig, weil man mit sich selbst überfordert  ist, sondern weil man signalisiert bekommt, man müsse sich halt anstrengen, gut zurechtmachen, ein fröhliches Gesicht, hübsche Frisur, ganz wichtig ist gut riechen, also Vermeidung von  säuerlichem Altersgeruch nach Urin und alten Schachteln, „aktiv am Leben teilnehmen“, um Einsamkeit zu vermeiden, Seniorengruppen beitreten oder im besten Falle, wie es ein kürzlich auf den Markt geschleudertes Buch lobpreist anhand von Beispielen über 70 jähriger Frauen: nochmal so „richtig durchstarten“, Firmen gründen usw.

Menschenskinder!

Ich bin alt und ich leide aus tausend Gründen darunter. Trotzdem bin ich neugierig, lache laut, bin leise, wenn ich laut sein soll und laut, wenn ich leise sein soll und ich liebe es, zu kommunizieren, ich liebe lange Gespräche mit schwierigen Themen, tausche gerne Gedanken/Träume mit Menschen, die welche haben und merke jetzt, daß dieses Thema so groß und heftig ist, daß ich eigentlich gar nicht darüber schreiben kann, warum ist das so kompliziert, einfach als Mensch betrachtet zu werden und nicht immer nur darauf reduziert zu werden, was man NOCH oder NICHTMEHR kann und im ständigen Bewußtsein zu leben, die letzte Etappe auf dem Lebensweg sinnvoll zu gestalten … als wären wir nicht alle auf diesem Weg, es gibt gar keinen anderen, wir haben alle nur diesen letzten Weg.

Erst kürzlich sagte jemand zu mir: Du hast ja noch so eine schöne Haut und Du bist ja noch so lebendig, Du wirkst einfach noch so jung, viel jünger, als du bist.

Noch. Noch. Noch.

Das alte Haus hat sehr merkwürdig reagiert, als Herr Graugans für eine Woche ins Krankenhaus mußte. Das Haus ist voll mit alten Bauernkästen und Truhen, tausend Büchern in unzähligen Regalen, viel zu viel Zeug überall, aber auf einmal war es ganz weit und wurde immer weiter, bis ich in leeren Hallen gelebt habe und schier verloren gegangen bin in dieser Weite. Seit er wieder da ist, hat sich alles wieder auf normale Raumgröße zusammengeschrumpft, aber es wartet noch ab, das spüre ich. Auch der Sichelmond ist wieder zum Solitär geworden, nachdem er vom Krankenbett aus betrachtet wie aus einer Geschichte von Murakami doppelt am Himmel stand.

In das  Eck unter dem Tisch, auf den jetzt die überwinterten Kakteen kommen, hinter zwei leeren Blumentöpfen, hat sich der Igel aus zusammengetragenem dürren Laub eine Schlafhöhle gebaut. Ich habe es nur durch diverse Grunzgeräusche tagsüber gemerkt und durch Sichtung all dessen, was wir Menschen üblicherweise ins Klo entleeren, wenn wir ein menschliches Rühren verspüren. Beim Igel, dem geliebten  Urweltvieh ist das so, daß er, wo er auch geht und steht in unzähligen Häuflein das verliert, was halt so übrigbleibt beim Verarbeiten des Katzenfutters.

Sei herzlichst aus der fernen Nähe gegrüßt, liebe Frau Kraulquappe

 

5 Kommentare zu „Briefe an die nahe Ferne ( 12 )

  1. So viel kommt mir vertraut vor. Auch ich werde älter und nehme teils irritiert zu Kenntnis, dass mein Körper sich irgendwie umgekehrt proportional zum Zustand meiner Seele entwickelt. Auch der geht es nicht durchgängig gut, aber sie weitet sich, was sich gut anfühlt.

    Ich lese, wie der präfrontale Cortex den überladenen Mandelkern zur Seite stehen kann, indem er Worte findet, für das Gefühlte. Ist andernorts gerade ein großes Thema, dabei uralt – das Wesen der Selbsthilfe. Dämonen & Engel benennen, und oft genug geht es anderen ähnlich.

    Aktiv und so. Muss nicht, kann aber. Unsere Katzen liegen schon seit Stunden in der Sonne, und ich glaube nicht, dass ihnen etwas fehlt. Überhaupt sind sie gute Lehrmeister vom Umgang mit sich selbst. Ach, und dass Männer anders altern als Frauen, die alte Sucht nach Unterscheidung. Irgend etwas ist dran, allein schon hormonell, auf beiden Seiten. Wobei gut riechen beiden gut steht 🙂

    Liebe Grüße, Reiner

    PS: Das mit den sich verändernden Häusern kenne ich auch.

  2. Ich merke, mein Körper tut nicht mehr ganz so, wie er tun sollte. Zipperleins, Unwohlsein, Kraftlosigkeit, Schwäche. Krankheit. Im Kopf entstehen mehr Dinge als in der Realität. Meine Vorhaben reduzieren sich manchmal auf den Kopf und nicht mehr auf die Tat, weil mein Körper etwas dagegen hat, weil ich nicht mehr so in die Knie gehen kann, weil ich nicht mehr so kraftvoll etwas aufheben kann. Weil ich bin, wie ich bin. Bin ich deswegen weniger?
    Keineswegs. Ich denke immer noch das Gleiche. Ich projektiere immer noch das Gleiche. Nur tue ich nicht mehr das Gleiche. Das ist der Luxus, den ich jetzt habe. Ich muss nicht mehr vor Aktivität strotzen. Es genügt, wenn mein Kopf vor Geist strotzt. Irgendetwas bringe ich zustande. Dinglich vielleicht nur für mich. Vielleicht unsichtbar für die anderen. Aber mit gleicher Spannkraft wie seit eh und je. Immer noch zünde ich andere an. Du auch.

  3. Wunderbar geschrieben was ich derzeit nicht in Worte fassen konnte. Dieses Gefühl beim Älterwerden. Es ist ein stiller Countdown, denke ich manchmal, wenn es darum geht, was „noch“ geht.
    Ja, im Kopf meinen wir, noch so zu denken wie immer oder früher. Das ist gewiss auch so. Das Leben drumherum verändert sich, die Jüngeren setzen andere Prioritäten und das grenzt uns teilweise von ihnen ab. Sie tun aber auch das, was wir in ihrem Alter taten. Der jüngere Chef will noch 20 Jahre in den Betrieb investieren, ich bin nicht mehr auf Neubeginn aus. Aber meine Erfahrung schätzt er und lässt sie einfließen. Daher denke ich, wir haben nur eine andere Rolle, aber keine geringere…

    Liebe Grüße und Dank für deine/eure Gedanken,
    SyntaxiaSophie

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