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24 T. – Mutmaßungen … Tag 5: Über das Land

Das Land

Jedes Land hat sein eigenes Lied.“

Am Anfang war das Land. Geformt von den Bewegungen der Erde, des Wassers, des Windes, den Tieren und Pflanzen. Später formten auch die Menschen.

Aus Wandernden wurden Sesshafte, aus wildem Land gezähmtes Ackerland. Es wuchsen kleine und größere Siedlungen, die später zu Städten mutierten. Nun ward der Unterschied geboren – Stadt und Land. Und das Land wurde immer noch zahmer. Wildes in Großstadtrevieren, Kartoffeln, Lauch, Getreide und so weiter brav auf umfriedetem Land.

Landflucht. Stadtflucht. Die Speckgürtel der großen Städte fressen sich immer weiter ins Land. Aber wehe, wenn der Hahn kräht, der Mist stinkt, die Landwirte düngen!

Es hatte noch jedes Volk ein Nachsehen, wenn es das Land, das es bewohnte, nicht als „sein Land“ begriff. Das geht nun auch schon hunderte von Jahren so.

Das Land aber verschenkt sich immer weiter. Gedankt wird es ihm kaum.

Text:
Ulli Gau

24 T. – Mutmaßungen … Tag 4: Über den Stein

Ich lebe auf einem der beiden Hügel, die der Gletscher zurückgelassen hat, als er unser Tal ausgeschoben hat. Beim Ausgraben der Pflanzlöcher für die Rosen bin ich auf unzählige Steine gestoßen, umgeben von größerem und kleineren Geröll. Ein paar Steinhaufen liegen ums Haus herum. In alten Zeiten, als die Menschen noch um die Existenz der Wildfrauen wussten, da wussten sie auch, daß diese in den Steinhaufen lebten und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie wegzuräumen. Über den Stein zu mutmaßen heißt, mich in Gebiete zu begeben, in denen alle Wirklichkeiten an den Rändern ausfransen. Sagengut fließt zusammen mit Erträumtem, Überliefertem und selbst erlebten Geschichten von steinernen Begegnungen.

Der Stein ist nicht aus Hartem gefertigt,
der Stein ist gemacht aus einem Ei,
der Steinblock aus einem Schaumklumpen.
Du wirbeltest als Weizenteigkügelchen,
als Roggenbrotklumpen
auf dem Feldrain der Zauberin.
(Finnische Ursprungsrunen)

Wenn ich meinen Weg um den kleinen schwarzen See herumgehe, meistens in der Dämmerung, dann spüre ich ihn, den Berg. Ich gehe an seinen Wänden entlang und niemals habe ich das Gefühl, daß der Stein kalt ist. Und mein Vater fällt mir ein, der hat immer vehement abgestritten, daß das Eisen kalt sei, denn es käme doch aus dem Bauch der Erde … der Stein ist auch nicht kalt.  Übriggeblieben nach dem Rückzug des  Urmeeres, liegt er da und ich spüre seine verdichtete Existenz. Riesinnen seien unterwegs gewesen, heißt es, wilde, starke Weiber, Ihre Haare wehten wie Sumpfgras im Wind, sind herumgestapft und haben Steinbrocken herumgeworfen… Uralte Mythen sprechen von einer alten Zauberin, die im Tanz dieses Ei verlor, das in die Welt fiel als Klumpen, als ihre laszive Laune, Gestalt aus ihren Sinnen geformt, von Schaum umgeben, verdichtetes Wünschen, Sehnen, Begehren, umtanzt von einer Riesin. Ich nenne sie „die Graue vom Berg“. Wenn ich so gehe bei Steinen, begleiten mich oft eine Art Traumgesichte. Auf meinem Seeweg ist es ein Findling, der verborgen im Schilfufer liegt, eine Sage erzählt von Lichterscheinungen an diesem Ort, mir ist manchmal, als sähe ich an seiner Rückseite eine Art von Gestalt, im Stein eingeschlossen. Sie ist nur manchmal sichtbar. Wenn ich sie sehe, nicke ich ihr zu und gehe meinen Weg weiter am Berg entlang. Ich gehe diesen Weg schon viele Jahre, aber ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich beim Hinfahren überdeutlich erkenne, daß der Berg etliche km weiter östlich aufragt … über meinem Seeweg ist nichts Steinernes, sondern ich gehe an einem kleinen Hügel entlang, einem Waldbuckel, wie wir sagen.

Ein Phänomen, dem ich manchmal begegne ist das, was ich im Stein eingeschlossen sehe. Ein österreichischer Bildhauer (Karl Prantl) hat davon gesprochen, daß ihn unzählige Augen aus dem Stein heraus anschauten, wenn er ihn bearbeitet hat. Bei mir sind es meist Gestalten. Sie sitzen oder liegen im Stein und schauen mich an oder haben kein erkennbares Gesicht. Warum ich da immer wieder etwas sehe, was andere offenbar nicht sehen, weiß ich nicht, ich frage auch nicht danach. Die Steine bleiben stumm, zumindest für Menschenohren. Ich habe Ahnungen, aber dafür gibt es keine Worte.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich vor ein paar Monaten. Wir fanden nach längerer Suche einen Steinkreis oberhalb eines Dorfes im Bayrischen Wald und gingen um die Steine herum. Der Ort hat eine schwere Vergangenheit … er scheint eine uralte kultische Stätte gewesen zu sein, auf der sich wohl auch später noch Menschen trafen und sich vergnügten, und angebliches Teufelszeug trieben. Eine schreckliche Geschichte: Frauen wurden der Zauberei bezichtigt und gefoltert und dann wurden zwei Frauen, eine war 13 Jahre alt, lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt im Jahr 1703.

Dieser Ort im Wald ist seltsam und die Gräuel dieser Vergangenheit legen sich wie ein schwerer Mantel über die Schultern, aber es ist auch noch was anderes in diesen Steinen, zu zwei Kreisen geformt, ein großer, zum Teil zerstörter und ein vollständiger kleiner Kreis. Und vom Mittelstein kam ein Sog, der mich hinzog zu ihm. Ein großer Stein, ein Felsbrocken, zwei tiefe Furchen, oder sind es Falten in der Zeit überkreuzen sich in seiner Mitte … die Energie ist so verdichtet, daß man sich wegreissen muß, um nicht hinauszuwirbeln in einen Zustand, fernab von Zeit und Raum … ich höre meine Freundin unablässig singen und komme zurück, von woher auch immer.  Als ich den Platz verlasse, drehe ich mich nochmal um und sehe sie. Die Graue im Stein. Sie sitzt im Mittelstein an der Hinterseite und merkwürdigerweise sieht sie genauso aus, wie die Figur, die ich mal vor vielen Jahren aus Ton geformt habe. Ein Mischwesen mit einer etwas unförmigen , schalenartigen weiblichen Gestalt und einem Vogelkopf mit großem Schnabel. Nie wusste ich so recht was anzufangen mit dieser Figur und hatte sie vergessen.

Fragen führen ins Leere. Ich schaute sie an und freute mich über die Begegnung.

Stein im Stein im Stein im Stein.

Steine sind stumme Lehrer.
Sie machen den Beobachter stumm,
und das Beste, was man von ihnen lernt,
ist nicht mitzuteilen.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Text:
Margarete Helminger

 

24 T. – Mutmaßungen … Tag 3: Über das Wasser

Das Wasser

Der Zauber des Wassers liegt in der bloßen Tatsache seiner Existenz. Immer schon ist es dagewesen, um uns und in uns. Es kann uns umschließen und tragen, durchdringen und ertränken, doch wir, wir können es nicht einmal festhalten, weil es grenzenlos und niemals greifbar ist. Das Wasser, in das ich jetzt springe, ist nicht dasselbe wie jenes, in das ich gestern eintauchte und ein anderes als das, in welches ich mich morgen begebe. Schwimmen ist unsere Chance, mit dem Wasser auf Tuchfühlung zu gehen, uns mit ihm zu verbinden und zu verständigen, wohingegen jeder Versuch, das Wesen des Wassers in Worte zu gießen, zum Scheitern verurteilt ist: denn die Sprache ist das Festland und das Wasser sein ungreifbares Gegenüber, glattweg fließt es uns davon wie die Zeit. Nur ein zartes Geschöpf mit verschwommenen Konturen verfing sich in meinem Netz, ansonsten fischte ich im Trüben.

 

***

 

Beinahe bis zum Hals steht es mir momentan, das Wasser. Ein ungewohnter Zustand, zwar nicht per se, jedoch per mesi. Den besorgten Blick dem fernen Ufer zugewandt, doch der Körper kann der Blickrichtung nicht mehr folgen. Ein wenig Grund spüren sie noch, die Füße, ihre Zehen krallen sich fest in den Schlick, dass es an Rist und Sohlen schmerzt. Sicherer Stand ist auf diese Weise nicht möglich. Längst zu gelähmt, um an Land zu schwimmen, zu groß ist der Widerstand des Wassers. Die bange Frage taucht auf, was wohl zuerst geschieht: Steigt zunächst der Wasserpegel und spült mir Schwall für Schwall in den Schlund, bis ich mich dran verschlucke und ersticke? Oder knicken zuvor die Knöchel um, zerlegen mich langsam zehaufwärts, wie eine Marionette, die fallengelassen wird? Ersteres eine stille Aspiration, das Zweite ein Zusammenbruch in Zeitlupe.

 

***

 

Mich über Wasser halten, indem ich mich ins Wasser begebe – das hat früher mal funktioniert. Dieses Getragenwerden, das Untragbares für die Dauer des Untertauchens erträglich macht, stockende Schwere zu liquider Leichtigkeit transformiert. Die Nerven werden besänftigt, das Grübeln geht baden, das Lebenszittern kommt endlich zur Ruhe. Und schließlich entsteigt Melusine dem Nass, runderneuert wie Phönix aus der Asche. Doch im Unterschied zu ihm, dem Feuergeweihten, der sich mit seinen Flügeln aufschwingt in die Höhen, ist ihr von ihrem Element die Enge auferlegt. Dass Wasser Weite bedeutet – welch Irrglaube. Fruchtbar und flüchtig zugleich zu sein, das ist Melusines Bestimmung. Halb Frau, halb Fee formt sie den Familienkreis und hält ihn zusammen, bis das Tabu gebrochen oder ihr Geheimnis gelüftet wird. Dann reißt es alles auseinander, dann ist es dahin, das Wasserweib.

 

Text:
Kraulquappe

24 T. – Mutmaßungen … Tag 2: Über verlorene Orte

V E R L O R E N

Wie kann etwas verloren gehen, ohne es vorher besessen zu haben?

Bei jeglicher Verortung bleibt der Umstand vorübergehend. Kein Haus, kein Schloss, keine Burg, die nicht bröckeln würden, sobald sie verlassen werden.

Es sind die verlassenen Orte, die verloren gehen.

Wem oder was?

Der Ort ist der Ort, einzig Atlantis ist untergegangen und Shambala noch immer ein Geheimnis.

Wind weht Erde und Sand über verlassene Orte, dringen durch offene Dächer in Säle hinein. Sträucher, Bäume, Wiesen, Blumen wachsen. Manchmal werden sie gefunden.

Rostende, verfallende Fabriken muten verloren an, nutzlos gewordene Wachtürme auch. Im Krieg verlieren Länder Orte, Dörfer und Städte. Es bleiben Orte, Dörfer und Städte; nicht ohne Schäden, nicht ohne Flucht und Verlassenheit.

Als ich einst von einem Berg auf einen anderen zog, verlor ich den bis dahin schönsten Ort, den ich je für eine Weile Zuhause nannte. Der Ort ist noch da. Manchmal besuche ich ihn. Seine Weite, sein Licht, seine großen Himmel haben sich in mir verwurzelt.

Ich habe keine Spuren hinterlassen. Habe ich nicht?

Es kursieren zig Bilder von „Lost places – verlorenen Orten“ in der Welt. Jedes Bild erzählt davon, wie es gewesen sein könnte. Wie einst all diese Gänge und Räume tönten, rochen, welch Licht in ihnen spielte, welche Menschen wie.

Das ist die Faszination.

Das ist der Raum für Mutmaßungen.

Text:
Ulli Gau

24 T.- Mutmaßungen … Tag 1: Über den Advent

Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ (Alfred Delp, 1907-1945)

Was ansonsten davon zu halten ist, erfährt man sofort, wenn man es bei Google eingibt –  Advent: Ferienzeit. Warum will ich unbedingt über ein Thema schreiben, das ich selber nicht begreifen kann … vielleicht grade deswegen … ?

Letzten Sonntag hat er also wieder begonnen, dieser Advent und Tag für Tag und Nacht für Nacht gehe ich in ihm herum, der Weg ist steinig und unwegsam, Geländer gibt es, aber sie dienen nur zur ungefähren Orientierung, zum Anlehnen oder gar Festhalten sind sie nicht gemacht, zu brüchig erscheint mir die Konstruktion des Glaubens an etwas, das man zwar erhofft, aber halt nirgendwo Beweise dafür findet. Kerzenschein läßt Antworten aufleuchten aus verschiedenen Richtungen, mehr oder weniger religiös. In einer früheren Zeit waren es mal diese magischen 40 Tage, in denen gefastet wurde zum Reinigen und Ausräumen des Inwendigen, um Platz zu haben für das Wunder … Platz für die Krippe, in der das göttliche Kind liegt.  Es geht hier, wie im Märchen, um das reine Herz. Warten und hoffen auf die Ankunft, das Herz bereit machen für das Wunder.  Wie soll man diese Aufgabe bewältigen?

Leichter fällt mir die Vorstellung, daß die uralte Göttin, die bei uns  „Frau Percht“ heißt und im Sommer in den Bergen über Berchtesgaden wohnt, jetzt in ihrer dunklen Gestalt als mildtätige Todesgöttin über das Land fliegt mit ihrer wilden Jagd und die Seelen einsammelt von denen, die gestorben sind und sie mitnimmt in ihren Garten der ewigen Glückseligkeit.

Aber wie man es auch dreht und wendet, der Weg ist steinig. Klar, man kann sich den Versprechungen der Werbung ergeben und sich mit Konsum zuschütten oder gleich verschwinden und an Pools in Gebieten mit Sonnengarantie herumliegen.

Für mich ist es so: ich begebe mich fastend auf diesen Weg, ohne jemals zu wissen, wohin er führt. In mir ist eine niemals zu stillende Sehnsucht, die ich schon kosmisch nennen könnte, ich suche dieses Kind in der Krippe, wohl wissend, daß es später von Menschen ans Kreuz genagelt wird. Kein schöner Gedanke, aber man kennt halt schon das Ende der Geschichte und weiß, daß das Ende ja auch schon wieder der Anfang ist.

Ich liebe es, unterwegs zu sein, aber ich mag weder das Losfahren noch das Ankommen; schwierig also dieses Unterfangen.  Nein, ich habe auch keine wirkliche Erklärung, warum man den Advent begehen soll wie eine Abenteuerreise, denn man kann ja nie sagen, ob man nicht hinter der nächsten Kurve in das eigene Herz gerät und sich da umschauen muß und das , was man da findet, das muß man erst mal aushalten … letztendlich ist es immer das Gleiche, der Schatz liegt vor unseren Füssen, aber wir erkennen ihn erst, wenn wir uns selbst erkennen, daran führt kein Weg vorbei und keine noch so gute Gebrauchsanweisung kann uns den ersten Schritt abnehmen, der geht ins Leere …

Der Advent kann einfach alles sein, nichts von allem und alles von allem. Und was wünschen wir uns denn, wenn wir uns einen schönen Advent wünschen?

Ich bin gestern bei Nacht und Nebel zu unserer alten Pächterin den Hügel hinauf und hab ihr einen Adventskalender gebracht. Nicht nur, weil Advent ist, sondern, weil sie sich so freut darüber. Das hat sie erst lernen müssen, das Freuen, denn in ihrem Leben hat es das nicht so oft gegeben. Buchstabensuppe und Puddingpulver und ein Engerl mit Kerze und eine Dose Futter für ihre Katze und paar Blumenzwiebeln zum Vergraben, Hustenbonbons, usw. usw.  Die Vorfreude auf das tägliche Auswickeln der Packerln läßt sie schon bei der Übergabe strahlen und sie bekommt rote Wangen vor Freude. Ich hab mich gleich wieder verabschiedet, weil die ganze Freuerei sonst zu peinlich wird.

Am Nachmittag an der Tankstelle kam mir von der Frau an der Kasse eine so ungewohnte Freundlichkeit entgegen, allein schon beim „Griaßdi“ und „Pfiati“- Sagen, wie wenn die Sonne plötzlich durch den Nebel scheint und man sitzt grad auf einer Bank zum Ausrasten auf einem beschwerlichen Weg .

Und dann fällt mir plötzlich diese Stimme wieder ein aus einem vergessenen Traum vor ein paar Nächten: ‚“Zärtlichkeit läßt Blumen im Herzen blühen!“ Manchmal braucht es gar nicht viel… ein liebes Wort, ein Lächeln, einen Brief, ein Lied … ein wenig Zärtlichkeit am Weg macht ihn leichter gangbar. Und ich nehme meine Flöte, die neben mir am Schreibtisch liegt und spiele mein altes geliebtes Kinderlied:

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind
auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.

Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,
geht auf allen Wegen mit uns ein und aus

Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt,
daß es stets mich leite an seiner lieben Hand.
Friedrich Silcher

Ja.

 

Text:
Margarete Helminger

 

 

Mutmaßliches Vorwort

„Hättet Ihr Lust, mit mir die Mutmaßungen über Gott und die Welt, die wir ansonsten in langen Gesprächen austauschen, hier aufzuschreiben oder sonstwie zu bearbeiten in den nächsten 24 Tagen?“ –  fragte ich meine beiden Gesprächspartnerinnen. Ja, zu meiner großen Freude wollten sie, und sehr schnell und unkompliziert hatten wir die Rahmenbedingungen festgelegt. Jede hat acht Türen zu gestalten über eine selbstgewählte Mutmaßung. Und so gehen wir jetzt ab morgen zu dritt durch den Advent und ich bin voller Vorfreude und Spannung, was uns so einfällt und was uns wohl auf dieser Reise begegnen wird, hier zwischen Himmel und Erde!

Seid gegrüßt, Ihr alle da draußen und seid herzlich eingeladen, durch das eine oder andere Türchen zu treten und uns zu begleiten auf dem Weg!

Hinter Milchglas.

Nach dem Spaziergang am Abend sitzen wir beide auf der Hausbank, der Kater Herbert und ich. Es ist immer der gleiche Ablauf, immer das gleiche Ritual. Wenn ich gehe, geht er mit, neben mir, hinter mir, vor mir, manchmal schneidet er meinen Weg, ich muß aufpassen, nicht über ihn zu stolpern oder auf ihn zu treten, das gehört zum Katerspiel. Wir gehen immer nach Osten, auf die Salzburger Berge zu, die wir erst richtig sehen, wenn wir am Bach vorbei sind. Früher hat der Vater immer darauf geachtet, daß das Buschwerk am Bachrand so runtergeschnitten war, daß er von seinem Platz am Stubentisch die Gipfel gesehen hat. Je nach Witterung. Bei Föhn stehen sie, in dunkelblaue Mäntel gehüllt, sozusagen vor unseren Fenstern, ansonsten sind sie entweder im Dunst verschwunden oder ihre Gipfel stehen über dem Nebel … die Berge bestimmen selbst die Distanzen. Der Vater wollte immer wissen, wo sie gerade sind. Einer von ihnen sieht aus wie ein Amboß, ich weiß nie, ist es der Schmittenstein oder der Schober. Der Vater wusste es natürlich, denn er war Kunstschmied und liebte das rotglühende Eisen, wenn es auf dem Amboß lag und sich von ihm in Spiralen drehen ließ. Ob der Berg wirklich wie ein Amboß ausschaut, das wusste nur er. Daneben ist der Schafberg, wir sind mal mit der Bockerlbahn hinaufgefahren und beim Runtergehen hab ich geweint, weil mir die Knie so weh taten.

Nach unserem Gang auf die Berge zu sitzen wir auf der Hausbank, der Herbert und ich, nach kurzer Fellpflege springt er zu mir herauf, niemals, ohne mir wortreich über dieses Vorhaben Bescheid zu geben. Dann legt er sich ganz dicht an meine rechte Seite und würde dort laut schnurrend stundenlang liegenbleiben. Nach 14 schrecklichen Tagen, an denen er eine Halskrause tragen mußte, nach Operation von Krebsgeschwüren an beiden Ohren, voll des Jammerns und lauten Wehklagens und depressivem Verkriechen ganz nach hinten unter die Truhe, ist jetzt wieder sowas wie Normalität eingetreten. Er geht wieder durch seine Tage und Nächte, so wie es ihm als 13 jährigen Freigänger entspricht. Er tut, was er mag und was möglich ist. Das Unangenehmste in seiner jetzigen Lebenslage ist, wenn vorbeigehende Leute stehenbleiben, mit dem Finger auf ihn zeigen und ihn sogar anstarren, was er nicht nur als Unhöflichkeit, sondern als Bedrohung empfindet. Er mochte sowieso noch nie fremde Menschen, jetzt verschwindet er sofort, sobald sich irgendwer nähert.

Wir sitzen da, der Himmel ist voller Sterne, einer ist so besonders hell, er schaut aus wie ein Licht in einem Wasserglas. Ich denke an „Psycho“, da geht jemand mit einem Glas Milch die Stiege hinauf und die Milch leuchtet unnatürlich weiß … Hitchcock hatte eine Lampe im Glas installiert …

Viele Sterne sind beweglich, sie fliegen in Urlaubsgebiete, in heiße Wüstenländer, um dem gefühlt eiskalten Herbst nach einem viel zu heißen, viel zu trockenem Jahr zu entfliehen. Um vor was wegzulaufen, um was dort in den Tourismusanlagen zu finden? Welche Freiheit suchen wir nur immer, oder ist es die Gier nach ständigen Höhepunkten, die alle letztendlich leer und traurig zurückläßt mit unseren hungrigen Seelen?

Immer wenn ich diesen Stern im Glas am Himmel sehe, denke ich an sie, meine Freundin mit den Jadeaugen. Wir saßen in ihrer kleinen Wohnung und tranken Jasmintee, sie kochte ihn auf ihre spezielle Weise und die Vorhänge wehten in einem lauen Wind, die Vögel zwitscherten im Baumwipfel vor dem Fenster. Ich erinnere mich an diesen Moment, dessen Kostbarkeit ausschließlich darin bestand, Tee zu trinken und zu wissen, es gibt sie und es gibt mich. Glück.

Wir verloren uns.

Viele Jahre später habe ich von ihrem Kranksein erfahren und habe ihr einen langen Brief geschrieben. In den letzten Sätzen stand, daß wir das mit der Freundschaft nicht konnten, aber meine Liebe sei geblieben. Und ich sagte ihr, daß ich mir am Himmel immer den hellsten Stern aussuche und an sie denke.

Ich habe dann erfahren, daß sie den Brief gelesen hat mit den Worten: „Darauf habe ich noch gewartet“ … kurze Zeit danach ist sie gestorben, meine Freundin mit den Jadeaugen.

Nebel zieht auf, während ich dies schreibe, ich werde ein wenig spazierengehen, hineingleiten in die Welt hinter Milchglas und es wird sein wie das Schweben auf dem Meeresboden.

Es ist Advent. Es ist Zeit, die Kerze in der Laterne vor dem Haus anzuzünden.

 

Gläserne Ringe.

Ich bin also jetzt offiziell alt, der Bayerische Ministerpräsident läßt ein Schreiben schicken, das pünktlich zu meinem 70. Geburtstag eintrifft, unterschrieben mit persönlichem Krakel und freundlichen Grüßen. Er läßt mir ausrichten, daß ich in sieben Jahrzehnten viel erlebt hätte und stolz sein könne, wenn ich auf das Erreichte zurückblicke und er läßt hoffen, daß – noch – viele weitere Jahre mit schönen Ereignissen und glücklichen Momenten zum Erfreuen wären. Dazu noch alles Gute, insbesondere Gesundheit! Die Raiffeisenbank schickt alles Gute, Glück und Zufriedenheit, die Hoffnung darauf, daß meine Wünsche in Erfüllung gehen und ich gesund bleiben solle und  – noch – viele weitere schöne und erlebnisreiche Jahre genießen. Der Bürgermeister wünscht  mit breiter Füllfeder und blauer, wahrscheinlich Pelikano-Tinte unter den Glückwunschvordruck  alles Gute für das neue Lebensjahr.

Auf dem Tisch liegen Zeitschriften über Vogelschutz, draußen vor der Terassentüre hüpfen ein paar Spatzen am Futterhäusl herum und ich sehe uns, die wir hier im Wartezimmer meiner Hausärztin sitzen, eine Handvoll trostlos blickender Gestalten, aus denen auch beim besten Willen keine Vögel werden, obwohl sie alle einen Schnabel tragen, mit dem sie verzweifelt und durchaus originell versuchen, zurechtzukommen. Von der Maske des laut schnaufenden und seufzenden alten Mannes neben mir hängen etliche lange Bänder, deren Funktion ihm nicht klar zu sein dürfte;  der Mann gegenüber schiebt den Schnabel unters Kinn, um besser Luft zu kriegen während einer Hustenattacke, eine Frau schiebt ihren schräg über das Gesicht, damit ein Nasenloch frei wird zum Schneuzen, einem anderen wird es zu heiß, er schiebt die Maske hoch und verwendet sie als Stirnband. Seine Frau, ein kleines, zerbrechlich wirkendes Geschöpf, lehnt sich vorsichtig an ihren Mann und versucht, ihre zittrige Hand in seine Hand zu schieben … er läßt es nicht zu, dreht sich weg, minimal, fast nicht zu erkennen, aber sie spürt es und zieht ihre Hand zurück. Der junge Bursche  im Eck trägt seine Maske so, wie es sein soll und ist ganz in sich und sein Handy versunken.

Vor der Wartezimmertüre versucht die Arzthelferin mit überirdischer Geduld einem Patienten klarzumachen, daß er von den Tabletten nur zwei nehmen müsse und da er ja heute schon eine genommen hätte, bräuchte er nur noch eine zu nehmen und zwar morgen. Ein schwieriges Unterfangen offenbar und sie braucht mehrere Anläufe, um diese komplexe Angelegenheit zu erklären …“ Nein, heute keine mehr, erst morgen … insgesamt zwei …  Gebrummel … und heute haben Sie ja schon eine genommen … Gebrummel … nein, nur eine … Gebrummel … nein nicht heute, morgen, eine Tablette, nur eine … Gebrummel … nein, nicht zwei auf einmal, eine haben Sie doch schon, nur eine noch, … Gebrummel … eine nur, Gebrummel, morgen, Gebrummel, die Frau Doktor sagt, Sie nehmen eh schon so viele Tabletten, morgen die eine reicht! Die Aussage der Frau Doktorin hat wohl endlich zur Beendigung der Maßnahme beigetragen und mit ein wenig Gebrummel im Hintergrund wird der Patient freundlich verabschiedet.
Das Ganze hat mich erinnert an die genialen Doppelconférencen „Der Gscheite und der Blöde“ von Farkas und Waldbrunn, bei dieser Art von Humor ist man in einem Zwischenbereich von Lachen und Weinen, alles verschiebt sich, man weiß nicht mehr genau, ob der Gscheite nicht eigentlich der Blöde ist  und umgekehrt und wenn einem die Tränen runterlaufen vor Lachen, weiß man nicht , ob es nicht auch zum Weinen ist und eine Tragödie, dieses Menschsein…
Die Praxis ist bestens organisiert und niemand muß lang warten, draußen fährt ein Auto vorbei mit offenem Fenster … „du bist vom selben Stern, ich kann deinen Herzschlag hörn, du bist vom selben Stern wie ich, wie ich wie ich …“ in den Augen der Frau schräg gegenüber sehe ich es leuchten, dann werd ich aufgerufen.

Neulich haben wir endlich den Listsee gefunden, im Bergland, etwas oberhalb von Bad Reichenhall, im Wald  unter den steilen Wänden der Felsen auf dem Kreuzungspunkt der Wege ins Gebirge und zur Burgruine. Es ist immer wieder rätselhaft, warum man manche Orte im gar nicht so weiten Heimatumkreis einfach jahrelang nicht findet. Ich liebe es,  Sagen und geheimnisvollen Geschichten zu folgen und die Orte zu suchen, an denen sie sich ereignet haben sollen. Diesmal war es der „Nöck“ (Wassermann), dessen stark verborgener Spur ich folge. Hier im Listsee, der sehr lange Zeit „der ungenannte See“ geheißen hat, soll mal einer gelebt haben. Aber die Geschichte beginnt eigentlich schon viel früher … in der Broncezeit war hier schon eine Art Kultort, das haben Ausgrabungen gezeigt. Aus den Sagen der Gegend geht hervor, daß bei der Entstehungsgeschichte des Sees die damals in Urzeiten hier noch ansäßigen Riesen mitgewirkt haben … einer von ihnen ist herumgehüpft an dieser Stelle und durch sein wildes Getanze hat er eine Kuhle in den Boden gestampft, in der sich das Wasser gesammelt hat, so ist der See entstanden. Er hat keinen Zufluß, sondern wird unterirdisch versorgt. Ein Wassermann hat im See gehaust, lange lange Zeiten, dann ist er verschwunden. Schwer zu glauben, daß sich ein mächtiger Wassermann von einem dummen Bauernburschen, einem richtigen Rotzlöffel, so ärgern hat lassen, daß er sich davongemacht hat. Der Bursche wurde tot aufgefunden, ertrunken im See. Bis dahin war der Nöck ein wertvoller Helfer, hat die Menschen gewarnt vor Unwettern und Überschwemmungen und war ihnen stets zu Diensten in ihrer kargen Welt und er hat ihnen aus so mancher Not geholfen.

Ein mächtiger Wassergeist, eine Gottheit, verehrt und hochgeachtet und den Menschen zugetan. Warum hauste er ausgerechnet in diesem kleinen See, der eigentlich eher ein Weiher ist? Grün ist er, sehr grün, nicht tief und voller Seegräser, die sich hin und herbewegen. Ich werde noch öfters hierher kommen. Es ist ein vollkommen unscheinbarer und unspektakulärer Ort, die meisten gehen vorüber, hinauf zu den Almen und den Felsen. Ein Ort, der mich an die „Höhlenkinder im heimlichen Grund“  erinnert. Ja, es ist einer  dieser geheimen Orte … denen man das nicht ansieht. Das Geheimnis zeigt sich nicht im Hinschauen, sondern im Hineinschauen. Wir tragen es in uns. Inwendig. Genauso, wie sich die Heiligkeit der Berge nicht automatisch erschließt durch das Hinaufsteigen sondern durch das von unten Hinaufschauen, dann schaut der Berg in uns hinein. Diese Logik ist rätselhaft wie manch alte Geschichte.

Ich sitze da und schaue ins Wasser, hinter mir  führt der Weg steil hinauf, man sieht ihn noch nicht, aber ich kann ihn spüren, den Berg, den Felsen, den Stein. Es ist sehr still am ehemals ungenannten See. Ein kleiner Fisch schwimmt immer wieder die gleiche Route. Auf der Wasserhaut tänzelt eine Libelle. Wassermann, wohin bist Du gegangen … könnte ich Dich finden, wenn ich die richtige Frage stelle? Worte von Rumi sagen sich in mir:

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.“

 

Auf der Seehaut bildet sich ein kleiner Kreis, so als ob ein Tropfen hineinfällt, es regnet aber nicht. Das Wasser kommt lautlos herauf aus dem Bauch der Erde  und überzieht den See mit Ringen, mit zarten, gläsernen Ringen.