Architettura povera

Die Wochen vergehen mir  im Flug, oder bin ich es, die wegfliegt und vergeht?

Alt sind wir geworden, das Haus und ich. Eine milde und verständnisvolle Herbstsonne streicht uns über das Gesicht und mit mattem Gelb überzieht es unsere Falten, in denen die Gedanken nisten derer, die vor uns waren. Es bröckelt an allen Ecken und Enden, die grauen Haare der Spinnerinnen spannen sich über Ecken und Kanten und stellen Zusammenhänge her, die der Jagd nach Beute dienen. Der Verputz bröckelt, wir verlieren die Facon und die Stürme bringen uns aus der Fassung, immer mehr, und das Stöhnen und Ächzen wird lauter. Viel wurde gestorben und geboren und geweint und gelacht und geliebt, ja, geliebt wurde auch, viel und heftig und schwierig und leise und alles durcheinander. Ja, wir sind in die Jahre gekommen, das Haus und ich und der Boden schwankt bedenklich. Und doch … ein liebevoller Blick, eine sonnenwarme Berührung lassen uns aufleuchten und wir erstrahlen für einen Moment des Glücks.

Niemand schätzt sie mehr, die alten Häuser, was soll man da noch Geld reinstecken, es bleibt ja doch nur ein altes Haus, sagt einer. Einer brennt es einfach ab, ein anderer „entkernt“ es und läßt die äußeren Mauern stehen, wie die Kulissen im Bauerntheater. Und dort, auf der anderen Talseite steht plötzlich ein neues, schönes. Sehr weiß steht es da mit großen, glasigen Öffnungen, wie ein Totenschädel, der runtergekugelt ist und irgendwo liegengeblieben.

Der neue Kaminkehrer geht durchs Haus und sagt: dieses Haus hat schon viel erlebt, wenn es nur erzählen könnte. Ja, aber es erzählt doch. Immer. Und seine Sprache ist verständlich und unüberhörbar. Ich brauche nur auf der Hausbank sitzen und die Augen schließen, dann höre ich die Geschichten, eine nach der anderen und manchmal auch mehrere gleichzeitig. Wenn jetzt der Karl noch leben würde, dann säße er ganz sicher längst neben mir und würde mir erzählen aus seinem Leben, aber das ist eine andere Geschichte … die eines armen Mannes … povero.

Hin und wieder klopft der Specht an die Holzwände, Geister huschen die Stiege hinauf und hinunter und manchmal kommt eine Maus zu Besuch. Viel gesungen und musiziert wurde hier, lange bevor das Wort „Stubenmusi“ erfunden wurde. Und gelesen, viel viel gelesen wurde, die Bücher kamen von Wohnungsauflösungen und von wer weiß woher und als ein wenig Geld da war, wurden sie bestellt, beim Buchhändler. Von oben bis unten stehen und liegen und lehnen die Bücher in Stapeln und Reihen alles von Schopenhauer, Felix Dahn, Nietsche bis hin zum Altöttinger Liebfrauenboten, alles, was lesbar war, wurde aufbewahrt. Auf Schritt und Tritt liegen die Bücher herum, kein Treppenabsatz und kein Eßtisch oder Fensterbrett ist sicher vor ihnen, sie bevölkern das alte Haus und auf die Frage, ob wir denn alles schon gelesen hätten … nein, warum auch, Bücher sind nicht nur dazu da, sie auszulesen … Ratlosigkeit und die kopfschüttelnde Bedenkung … wer soll die denn mal entsorgen…? Ja, das ist die Frage, um die sich die Welt zu drehen scheint. Wer entsorgt uns alle mal.

Es gibt ständig Baustellen und manchmal lastet es schwer auf meinen Schultern, dieses kostbare Geschenk meiner Vorväter. Eine alte Frau bin ich geworden und sitze auf der Hausbank meines Lebens und spüre das Blutgeld, das ich bezahlt habe, ohne zu ahnen, wofür. Und dann streicht mir die Herbstsonne übers Gesicht und dann vergolde ich.

Ein schwarzes Eichkatzerl saust um das Hauseck herum, hinauf auf den Birnbaum, hinüber zum uralten Goldpermenerbaum und hinauf bis in die zitternde Krone und von dort aus auf schwingenden Ästen hinüber in die Birke und auch da hinauf, weit weit hinauf bis dorthin, wo der Himmel beginnt …

Katze Scheckerl stolziert mit einem zitternden  Vogel im Maul die Straße entlang, der Kater Herbert geht ihr nach und der rote Willie beobachtet sie, ein kleines Federchen fliegt durch die Luft … Kater Maxi macht sich beim Nachbarn auf den Weg zur grausigen Szenerie.

Die Schafe stehen um den Kirschbaum herum, legen die Stirnen an den Stamm und sind ganz still … nur das große Bergschaf mit Namen Isabelle ruft hin und wieder leise “ M ö ö ö  ö“…zu ihren beiden neugeborenen schwarzgelockten Böcklein, die dann sofort angehüpft kommen.

Nutztiere.

Im Hintergrund seit vielen Stunden ein armselig heisergebellter Hund, es schneidet mir ins Herz. Povera bestia.

Wunderschöne, große Vögel mit einem Gefieder wie grauer Samt kommen, picken hier und dort und verschwinden am Abend. Aus dem Wald fließt der Nebel herab, es wird langsam milchig und blau … Zeit, einfach alles, was da ist zu lieben, einfach nur zu lieben, alles,

trotzalledem,

zu lieben,

nur deshalb,

weil ich es kann.

und Zeit, die Laterne vor dem Haus anzuzünden.

 

 

 

 

 

11 Gedanken zu „Architettura povera

      1. Unbedingt, liebe Ulli, nächstes Jahr gibts hoffentlich wieder ein Hoffest, da bleibst Du dann einfach bisserl länger zum gezielten Bankerlsitzen! Liebe Grüße!

  1. Ach, die vergessen beim Bau der neuen Häuser, dass diese dann auch eines Tages einfach nur von den nächsten „entsorgt“ werden (müssen) … der Lauf der Dinge, … ich höre dieser Tage von der „jungen“ (die auch nur mehr mittelalterlich sind, also echt nicht mehr lange auf dem „Markt“ „verwertbar“ sein werden) dauernd von „Paradigmenwechsel“ … der allerdings nur darauf beruht, dass sie glauben, das Alte, das überholt zu sein scheint, durch etwas Neues zu ersetzen, und bei genauerem Hinsehen stellt sich dann heraus, ja, die Fassade ist neu, aber das dahinter …. und so ist es also besser, die Häuser zu entkernen, um die alte Fassade, schön aufpoliert, geschminkt, zu erhalten????? Ach herrje, irgendwo scheint uns allen irgendwo irgendwas zu entgehen, aber gehen müssen wir, irgendwann, alle mal … und was bleibt, sind die Geister, die über das Land streichen, die Stimmen, die flüstern … nichts festhalten. Wir können wirklich, wirklich nichts mitnehmen, nicht wahr? Und so bleibt uns nichts anderes, als JETZT zu lieben, ganz genau, und morgen, da schauen wir dann, wenn es so weit ist, aber JETZT lieben wir …. herzlichste Umarmung aus dem Wienerwald!

  2. Eine schöne, einfühlsame Reflektion auf das Werden und Vergehen allen Seins.

    Die Geschichte eines alten Hauses.
    Ich kann Deine Worte gut nachvollziehen. Dem Haus, das Du auch kennst, soll nach allem, was ihm angetan worden ist in den hundertvierzig Jahren, diesem alten soll seine Würde wieder gegeben werden.
    Sehr viel Arbeit ist das. Aber mit jedem Handgriff wächst die Freude. Wer spendet diese Freude?

    Ich wünsche Dir ein feines Wochenende
    Robert

  3. Oh, darfst Du in diesem wunderbaren altem Haus wohnen? Ich liebe alte Häuser, die atmen und Geschichten erzählen. Ja, sie machen uns viel Arbeit, wie unser in die Jahre gekommener Körper. Auch wenn die Knochen knarzen, die Liebe ist es wert. Ich lese so gerne Deine Zeilen. Herzensgrüße Susanne

  4. Hach. Schöööön geschrieben, endlich mal wieder! Mehr! Mehr! Mehr!

    Ja, die Mauern sprechen. Die Ritze und die Schrammen bergen Geschichten und Geschichte!

    „Sie wundern sich bestimmt über die gesprungene Scheibe da im Bücherschrank. Ich hab mir gedacht: Die muss bleiben. Als die Russen kamen, haben sie hier drin gefeiert und sich dann mit den Stühlen beschmissen. Ich hab hinterher aufgeräumt, so gut es ging.“ Sie schaut mich an, ob ich noch Nachfragen hätte, aber ich möchte nicht an DEM Thema rühren.

    Aber „niemand weiß die alten Häuser zuschätzen2 ???? Und noch schlimmer: Drüben steht ein schönes Neues? ???? Das geht doch gar nicht mehr! Wer kann denn heutzutage „schön“ bauen?

    Gegenwärtig geschehen doch NUR noch Bausünden. Und richtig „in“ ist so ein absolut grottiger Führerbunkerstil! (Schon mal dieses 3D Drücker-Haus gesehen?) Passend zur aktuellen Haarmode der männlichen Mehrheit zwar, aber sonst?

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