24T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 16: Maren Wulf

Liebe Margarete,

als du mir im Sommer schriebst und mich fragtest, ob ich einen Beitrag für deinen diesjährigen Adventskalender schreiben mag, habe ich erstmal eine Runde geheult. Das ist an sich nichts Besonderes, es passiert mir öfter in diesem kräftezehrenden Jahr.

„Mutmaßungen über meine Mutter“ – noch vor gar nicht so langer Zeit hätte ich wahrscheinlich gesagt, da brauche ich nicht zu mutmaßen, ich kannte sie ja. Ich war immer Mutters Tochter, später auch Mutters Vertraute, gelegentlich mehr, als für uns beide gut war. Sie gehört zu meinen absoluten Herzensmenschen. Noch heute, vier Jahre nach ihrem Tod, vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Spätestens seit dem Sommer spüre ich aber immer deutlicher, dass ich sie vielleicht doch nicht so gut gekannt habe, wie ich meinte, dass es da einen Teil gab, den sie ganz für sich behielt. Lag diese noch recht nebulöse Erkenntnis so sehr in der Luft, dass sie bis zu dir ins Berchtesgadener Land geweht ist? Ich staunte – und heulte.

Voller Elan trug ich die Kiste mit den persönlichen Dingen der Eltern vom Dachboden ins Wohnzimmer. Jetzt, Jahre nach beider Tod, wollte ich endlich einen genauen Blick auf den Inhalt werfen, auch auf die vielen Briefe aus der Zeit, als die Eltern noch keine Eltern waren. Ein paar Wochen später trug ich die Kiste unverrichteter Dinge wieder auf den Dachboden. Es war doch noch nicht der richtige Zeitpunkt. Nicht fürs Lesen. Und auch nicht fürs Mutmaßen. Was womöglich weniger mit meiner Mutter als mit mir selbst zu tun hat. Schließlich kriege ich auch sonst wenig zu Papier in diesem Jahr, wenig Eigenes zumindest.

Am 23. Dezember würde meine Mutter 90 Jahre alt. Und auch wenn es mit einem Beitrag nicht geklappt hat, freue ich mich sehr über deine Einladung – und über das Projekt sowieso, dem ich viele LeserInnen wünsche!

Sehr herzlich
Maren

P.S. Wenn du magst, kannst du diesen Brief gern in „meine“ Tür stellen. Du kannst sie aber auch leer lassen. Ganz wie es dir lieber ist.

 

Text und Bild: Maren Wulf

 

8 Gedanken zu „24T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 16: Maren Wulf

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