24T.-Mutmaßungen über das Fremde,Tag10

Ferne – näher kommend – fremd

Touristisches Fernweh hab ich nie verspürt. Ob das ein Erziehungserfolg der DDR ist oder ob es daran liegt, dass es meine Eltern per Vertreibung genug herumgeschleudert hatte, so dass es für mehrere Generationen reicht, und mir ein übermächtiges Ruhebedürfnis bescherte, mag sich jeder Leser selber aussuchen.

Aber die Phantasie braucht Anreize – und nur auf vertrauer Scholle verharrend, funktioniert das nicht mit der Abenteuerlust heranwachsender Dreiviertelstarker. So wurde ich Zeitreisender per Bodenkammerfund. Per Lesestoff. Per Trödelmarktkauf.

Eine lange Teenie-Phase lang hatte ich es mit den Kolonien. Gemach, gemach – nicht gleich aufregen! Das kam nämlich so: Bereits zu Kindergartenzeiten kamen Neger-Püppi‘s in Mode. Frühe 60er. Die Imperien Englands und Frankreichs waren gerade zerfallen. Die noch nicht weltweit anerkannte DDR übte sich in Solidarität mit den jungen Nationalstaaten und stellte Neger-Püppis in die Auslagen der Spielzeugläden. Da wünschte sich meine Sandkastenkumpeline Conny auch eine.

Als sie sie bekam, wollte sie sie Kerstin nennen. Ich protestierte. Ich wusste noch nicht, was Exotik ist, aber dass jemand, der so anders aussieht, keinen Allerweltsnamen kriegen durfte, war mir spontan klar. Ich schlug also Suleika vor. Da aber auch Conny durch mich das „Mosaik“ kannte, protestierte sie: „Die sieht ja ganz anders aus!“

Also fragten wir den erstbesten Erwachsenen, der greifbar war – Connys Vater.

„Alle Negerinnen heißen Bessy.“, war die Antwort.

Aha. Damit war der Name klar. Und da Conny keine Freundinnen hatte, sondern mich und Udo, wurde die exotische Schönheit eher untypisch verwendet: Als Ersatz-Indianerin.

„Bessy muss heute mal Watawah sein und wir müssen sie befrein.“

Wir fesselten sie an den Apfelbaum, schlichen uns an, befreiten sie, wurden von unsichtbaren Gegnern entdeckt, kämpften, siegten, verbanden unsere Wunden. Kopfverbände mit echter Mullbinde fetzen! Das sieht so heldisch aus!

Zeitchen verging. Die 5. Klasse bescherte „Weltsicht“ durch Erdkunde. Udos Vater hatte einen alten Globus. Da waren die deutschen Kolonien noch drauf. Und einen ebenso alten „Handatlas“ – eine gefühlte Tonne schwer – hatte er auch noch!

Das weckte Begehrlichkeiten und warf Fragen auf.

„Wieso hatten wir mal Kolonien soweit weg?“

„Weil die Briten und Franzosen schneller waren und uns nichts anderes übrigließen.“ War seine knappe Auskunft; und in der Schule, im Geschichtsunterricht, kam nicht viel mehr: Rohstoffquellen und Absatzmarkt eben. Abstrakt. Irrwitzig.

„Welcher Negerhäuptling würde europäische Möbel kaufen? Gerahmte röhrende Hirsche?“

„So isses ja auch nicht gemeint.“

„Wie dann?“

„Veraltete Waffen für Gold und Elfenbein.“

„Ach wie bei den Indianern?! Aber dann sind ja wir die Bösen gewesen.“

„Exakt.“

„Und warum wollten wir freiwillig die böse Rolle?“

„Weil die, die das gemacht haben, dachten, dass sie etwas Gutes tun und denen da unten die Zivilisation bringen.“

Das passte zu dem, was filmisch so in West-Fernsehen und Kino lief: König Salomos Diamanten, Tarzan, Elsa-Königin der Wildnis, Elefanten-Boy, Serengeti darf nicht sterben, die Vorabendserie „Omaruru“… überall überlegene, aber hilfsbereite Weiße. Literarische Erfindungen. Erlöserwahn.

Alsbald hatte auch ich einen alten Handatlas, der neben mir lag, wenn ich die alten Schmöker las, die Kohlmanns Antiquariat so hergab, oder auch die Neuerscheinungen, die sich mit jenen alten Sagenzeiten befassten. Es ergab sich ein interessantes Hinundher der zeitgenössischen und postkolonialen Standpunkte. Mit der Zeit fiel mir die eine oder andere Zeitgeistlüge auf; in beiden Epochen. Geschönt und gelogen wurde zu allen Zeiten.

In Heinrich Loths „Propheten, Partisanen, Präsidenten“ (1975) stieß ich auf eine erste Darstellung von Dr. Carl Peters. Ein Monster. Außerdem auf Leutwein und Trotha. Die deutschen Lord Kitcheners. Massaker-Fabrikanten. Als mir das Zigarettenbilderalbum zum Thema Kolonien in die Hände kam, fanden sich die 3 dort in der „Ehrentafel“ wieder. Außerdem fiel mir auf, dass hier Emin Pascha fehlt. Klar, Erscheinungsdatum des Albums: 1936.

Emin Pascha (= Eduard Schnitzer) wurde bis 1933 unumstritten verehrt, dann störte seine jüdische Abstammung. Nach’45 blieb er vergessen.

Egal aber, ob du neue Reprints oder alte Originale erbeuten konntest, eins war ihnen gemeinsam:

Sie waren voller idyllischer Illustrationen; mal Federzeichnung, Kupferstich, mal ganzseitiges Gemälde mit Seidenvorblatt. So wurden die Duala-Bay, der Waterberg, der Victoria-See, die Serengeti zu Sehnsuchtsorten.

Ich bereiste sie alle. Im Alter von 13-18 Jahren. Mit dem Finger auf der Landkarte meines Handatlas. An der Seite von Kara Ben Nemsi, Livingstone, Schweinfurth, Hendrik Witboi … der Gewehrlauf glühte wegen all der Gefechte gegen Sklavenhändler, Elefantenjäger, Wilddiebe … P.P. Arnold versetzte ich nach Afrika, um sie retten zu können. Dann kam die Einberufung. Und zerstäubte die Abenteuerlust.

Seit 1991 wären nun wirkliche Reisen dorthin möglich, wo ich in der Phantasie schon war. Aber inzwischen haben andere Bilder von Afrika das Forscher-Idyll überformt.

EPA-Freihandelszwang: Unser Müll an deren Küsten. Unsere alten Klamotten auf deren Jahrmärkten. Unsere Waffen in deren Stellvertreterkriegen… im Kampf um Mangan und Lithium… schmutzige Deals für saubere Smartphones (oder demnächst Auto-Akkus). Eine neue Plünderrunde startet gerade. Die alten Einbildungen vom soliden Pflanzer- und Wildhüter-Dasein auf‘ner Ranch in Kamerun oder Tansania mit schwarzer Frau und treuen Helfern haben sich verflüchtigt.

Fremd liegt der sagenhafte Kontinent nun wieder am anderen Ende des Mittelmeeres.

„Down the ancient corridors
And through the gates of time
Run the ghosts of dreams that we left behind.“ (Dan Fogelberg)

 

Gastbeitrag: Bludgeon

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