24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 20: Christiane

Sie war Anfang 20, als sie Königsberg/Ostpreußen Richtung Deutschland verlassen durfte, und ich habe lange gebraucht, um zu begreifen: Das Schlimmste im Leben hatte sie (vermutlich) da schon erlebt. Ihr Vater war ein seefahrender, prügelnder Alkoholiker, ihre Mutter brachte den Mut auf, sich scheiden zu lassen, arbeitete als Straßenbahnschaffnerin und brachte sich und das Kind irgendwie durch. Die Folgen der Inflation. Hunger. Die Nazis. Der Krieg. Die Bomben. Die Zerstörung. Die Besetzung. Die Russen … »Es gab auch Gute«, in Details ging sie nie, aber sie lernte spätestens in jener Zeit das Unsichtbar-Werden, und ich fürchte, es war sehr nötig.

»Mama, was war mit den KZ?«
»Christiane, es wurde hinter vorgehaltener Hand darüber geredet, und wir haben gesagt: Das ist Feindpropaganda, ein Deutscher macht so was nicht.«

Meine Großmutter war politisch skeptischer, erfuhr ich. Die Thüringer Familie meines Vaters angeblich auch: Es gab ein Außenlager von Buchenwald in der Nähe, und Gefangene sollen auf dem Weg zum Arbeitseinsatz durch die Straßen der Stadt marschiert sein.

Meine jugendliche Mutter hatte mit aller Kraft an die Nazis geglaubt, und sie hat verstanden, wie sehr sie verraten wurde, wie groß die Märchen waren, die man ihr erzählt hat. Ihre Welt brach in jeder Hinsicht zusammen.

»Mama, was wolltest du mal werden?«
»Gutsrendantin.«
»Und warum bist du es nicht geworden?«
»Ich hätte weit weg in eine Schule gehen müssen, und dann kam der Krieg. In der Molkerei gab es immer was zu essen.«

Als mein Vater Anfang der 50er in ihr Leben trat, muss er unglaublich anziehend gewesen sein: ein großer Junge, zwar mit Kriegserlebnissen, aber relativ unbeschwert, humorvoll, feingeistig. Nicht bedrohlich, kein Draufgänger. Zugewandt. Liebevoll. Als Kind habe ich gedacht, er liebt sie mehr als sie ihn, aber möglicherweise konnte er es auch nur leichter (bzw. überhaupt) zeigen.
Gegensätze ziehen sich an, zum Glück wollten sie in die gleiche Richtung. Sie sind miteinander durch dick und dünn gegangen (zuerst in den Westen) und haben ansonsten sehr viel mit sich allein ausgemacht …

 

Wie war sie, die Mutter, die ich kennengelernt habe?

Reserviert. Distanziert. Kontrolliert.
Die, die die Arbeit macht.
Die, auf die man sich verlassen kann.
Sie versuchte, aus allem das Beste zu machen.
Sie ließ sich nur von ganz wenigen duzen.
Sie war stolz darauf, im Alter von über 50 noch den Führerschein gemacht zu haben.
Sie strickte und häkelte gern, bis die Fingerknöchel dick wurden und zu weh taten.
Sie hatte ein Händchen für Kuchen (nicht Torten) und Weihnachtsplätzchen. Und Christstollen!
Sie hatte einen grünen Daumen und fand das selbst erstaunlich. An ihren Fenstern gedieh alles.
Sie las. Buchclub zumeist, aber hey! Dicke Bücher!
Sie liebte im Fernsehen Serien mit Herz, Traumschiff und Quizshows.
Sie empfand »Pflicht« nicht als Schimpfwort, sondern als Selbstverständlichkeit.
Sie war gern unabhängig gewesen und hatte ihren Job als Laborantin geliebt. Sie war zumindest anfangs keine begeisterte Hausfrau und Mutter. Nachdem es dann aber sein musste, hat sie Leben und Haushalt organisiert und die Kleinfamilie zusammengehalten, Aufzucht der Tochter inklusive.
Sie hat sich eigentlich erst nach dem frühen Tod meines Vaters in ihre Nachbarschaft integriert – nachdem sie dort schon 24 Jahre wohnte.  Sie machte einen Unterschied zwischen »Heimat« (Ostpreußen) und allem anderen. Sie fühlte sich immer bisschen fremd.
»Was sollen denn die Nachbarn von uns denken?« (Ja, was wohl.) »Ding Moder war immer so fein aahn« (»Deine Mutter war immer so fein an« (-gezogen)), sagte unsere Nachbarin bewundernd. Sie hielt auf sich: Nach der Hausarbeit kam die Kittelschürze an den Haken und sie lief in Rock und Pulli herum. Heute liegen die beiden auf dem Friedhof nebeneinander. Erst Nachbarn, später befreundet, und ich freue mich, dass sie im Leben wie im Tod einander Gesellschaft leisten.

 

Meine Mutter interessierte sich für vieles nicht, eine bewusste Entscheidung – die ich ihr übel nahm und erst heute besser verstehe, wo ich akzeptiert habe, dass Mauern (auch/gerade im Kopf) Sicherheit bieten, nicht nur einsperren.
Sie ist in ihrem Leben in keinen Verein und in keine politische Partei mehr eingetreten, die örtliche Kindertanzgruppe ausgenommen.
Sie war selten überschwänglich, der Verstand kam vor dem Gefühl. Heute kann ich das nachvollziehen, aber dem Kind prägte sich ein, dass jede Form von lauter Ausgelassenheit nicht richtig ist.
Liebe war keine Frage, aber sie hätte mich nicht gebraucht.
Sie wollte, dass ich so werde wie sie. Überraschung – ich nicht.
Ich habe Kinderfotos von ihr und mir vergleichen können, die Übereinstimmung ist frappierend.
Ich weiß weder, wer sie hätte sein wollen, noch, wer sie hätte sein können. Ich bin ziemlich überzeugt, dass sie unter ihren Möglichkeiten geblieben ist, und das kann ebenso ihre eigene Entscheidung gewesen sein wie das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung der Umstände.
Manchmal frage ich mich, ob sie glücklich war, alles in allem, und dann höre ich ihre Stimme sagen: »Glücklich nicht, aber zufrieden.«

Als Vatertochter begreife ich inzwischen, wie sehr ich auch die Tochter meiner Mutter bin, manchmal schmeckt mir das gar nicht, manchmal bin ich stolz darauf. Ich trage sie in mir, wie ich auch die schräge Familie meines Vaters in mir trage – was keine einfache Mischung ist – aber das ist auch ein weites Feld.

 

»Mama, wer ist die Frau auf dem Bild?«
»Das bin ich.«
Das Kind erkannte die lachende Frau auf dem großformatigen Foto, das über dem Sessel in der Wohnung der Großmutter hing, vielleicht nicht, aber ich liebte sie.

Text und Bild: Christiane

12 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 20: Christiane

  1. Liebe Christiane, nicht jede erkannte Ähnlichkeit ist genehm, manches kann man in sich wenden, anderes gilt es anzunehmen, so, wie deine Mutter ihr Leben angenommen hat und am Ende zufrieden gewesen ist, wenn auch vielleicht nicht glücklich.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    1. So ist es, liebe Ulli. Wir haben die Wahl, und auch, wenn ich andere Entscheidungen treffe/getroffen habe, bin ich ihre Tochter. Manchmal irritiert mich das 😁
      Danke dir!
      Herzliche Grüße zurück 😁🧡🌲🕯️👍

  2. liebe christiane, das gefällt mir gut, wie du deine mutter beschreibst, detailreich, viele facetten … und der zeitgeschichtliche hintergrund dazu als matrize für’s individuelle bild … danke!

  3. Du: „Sie hatte ein Händchen für … Weihnachtsplätzchen.“ Meine Mutter hat die allerallerbesten Pfefferkuchen der Welt, zumindest der DDR, gebacken und alle – Tochter mit Familie – damit glücklich gemacht. Leider konnte ich mich nach ihrem Tod nie dazu aufraffen, in diese Rolle zu schlüpfen, obwohl das Rezept erhalten ist.
    Ich würde mir nicht zutrauen, sie zu beschreiben – ich würde ihr Unrecht tun.

    1. Es geht um Facetten. Um „Mutmaßungen“. Das schließt Unvollständigkeiten und Irrtümer mit ein, wie ich finde.
      Ich glaube, dass man sich entscheiden muss, wenn man etwas schreibt: Das wird nie perfekt, und jemand hat/hätte immer etwas zu meckern. Aber du hast auch eine andere Wahrnehmung als alle anderen …
      Mich hat die Herausforderung gereizt. 🤔😉

  4. Ein schönes – und wie ich finde – liebevolles Portrait deiner Mutter! Deine Mutter und deine Großmutter scheinen starke Frauen gewesen zu sein, wenn man die damaligen Verhältnisse bedenkt. 💞
    Wenn ich solche Geschichten von anderen lese, imponiert es mir oft, was Menschen mit solchen Schicksalen trotz allem geschafft haben. Bei meinen eigenen Eltern imponiert mir das zwar durchaus auch. Ich sehe aber naturgemäß bei ihnen auch die Schattenseiten von Verdrängung und allem, was damit zusammenhängt, viel stärker. Weil ich weiß, was diese Schattenseiten mir für Probleme bereitet haben … . Dass ich auch von ihren positiven Seiten viel mitbekommen habe, vermag ich (leider) oft weniger zu sehen. Und ich glaube, das geht fast allen so. Jedenfalls scheint es (nach meinem Eindruck) auch in deinem Text durch… . 💕💝

    1. Unser Verhältnis war auf jeden Fall nicht ungetrübt, weil wir einfach verschieden waren und es einander (auch) übel nahmen, sie mir, ich ihr, denn natürlich fehlte mir dadurch was – und ihr auch …
      Ich habe lange dafür gebraucht, bis ich sagen (und meinen) konnte, dass sie es so gut gemacht hat, wie sie konnte. Und dass sie das getan hat, das ist viel, wie ich inzwischen lernen durfte.
      Lass mich zurückfragen: Ich wette, du hast dir früher auch geschworen, auf jeden Fall nicht so wie deine Mutter zu werden, was? 😉 Ich habs jedenfalls getan. Es war damals richtig, und heute ist es richtig, dass ich grinse und mich freue, dass mein Tellerrand inzwischen ein anderer ist.
      Hab Dank für deine Rückmeldung. Liebe Grüße zur Nacht! 😁🌟❄️✨🍷🍪👍

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