24 T. – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 4: Ulli Gau

Je mehr Sie scheitern, desto mehr Erfolg haben Sie. Erst wenn alles verloren ist und man nicht aufgibt, sondern weitermacht, erlebt man die momentane Aussicht auf einen kleinen Fortschritt. Plötzlich haben Sie das Gefühl, dass sich etwas Neues aufgetan hat.“

Albert Giacometti

Zuerst war das Thema zu den heurigen Mutmaßungen, dann kam der Satz von Giacometti zu mir und ich nickte.

Und ich stellte mir Fragen – eine wie diese, die ich mir schon öfter stellte: Was ist Erfolg? Bin ich erst dann erfolgreich, wenn meine Bilder in einem Museum hängen oder wenn mein Kinderbuch die Bestsellerlisten stürmt?  Umgekehrt lautet die Frage: Bin ich gescheitert, weil meine Bilder in keinem Museum hängen, das Kinderbuch nie auf die Bestsellerliste kam?

Oder ist es nicht eher ein Erfolg, wenn ich um Menschen weiß, die sich an meinen Bildern erfreuen, die mein Buch gerne gelesen und auch verschenkt haben?

Ich will gestalten, ob mit Worten oder Bildern. Wenn ich mich nicht ausdrücke, wenn ich meine Welt nicht teilen kann, dann würde ich ersticken an all meinem Viel.

In den Ordnern liegen Texte, die ich niemals veröffentlichen würde. In den Ordnern liegen Fotomontagen, Fotos, die ich nicht zeige. Warum ich sie nicht lösche? Weil sie Teil meines Weges sind und nicht alles ist für die Öffentlichkeit gedacht.

Es geht mir ums Tun. Tun um des Tuns Willen, gegen die Erstickung, gegen die Lähmung, die mir die Menschenwelt sonst bescheren würde.

Meine Freiheit ist jeden Tag wählen zu können, ob ich schreibe, fotografiere oder ein Bild gestalte, darin liegt auch die Freiheit am Ende zu sagen: das war heute nichts, morgen versuche ich es erneut. Bis der flow einsetzt, sich wieder eins zum anderen gesellt, Wort zu Wort, Satz zu Satz, Hintergrund zu Elementen.

Der Erfolg, den Giacometti benennt, ist für mich die Zufriedenheit am Ende eines Tages, wenn ich mit einem Text/einem Bild einverstanden bin; wenn diese Zufriedenheit auch am nächsten Tag, bei neuerer Betrachtung, anhält; wenn ich merke, dass etwas Neues entstanden ist, etwas, das ich so noch nie getan habe. Wenn es dann noch zu einem Austausch, oder zu einem Lob kommt oder gar zu einem Verkauf, dann wandelt sich mein persönlicher Erfolg in Freude.

„Handwerk“ will erlernt sein, auch Schreiben oder Bilder gestalten sind Handwerk. Es braucht, bis Sicherheit wächst, bis der Mut entsteht sich mit dem eigenen zu zeigen, jenseits von Berühmtsein oder Berühmtwerden. Erfolg heißt für die meisten auf Titelseiten zu erscheinen, in aller Munde zu sein – wie frei ist mensch dann noch wirklich in all seinem Tun?

Schaue ich in meine Archive, dann sprechen sie von vielen gescheiterten Versuchen, von einem Herantasten, Umkreisen eines Themas, von Versuchen, vom Ausprobieren, von annehmen oder verwerfen – und genau das bedeutet für mich die Freiheit am Scheitern.

Text: Ulli Gau

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