24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 3 #Andreas Wolf

My Spanish Heart

Nach meinen Gedanken zum Deutschsein befragt, fiel mir komischerweise als erstes eine Geschichte über das Spanischsein ein, die handelt von meinem Großvater, geboren in Granada, der in den zwanziger Jahren nach Deutschland auswanderte, wo er meine Großmutter kennenlernte, sie heirateten, dann wurde meine Großmutter schwanger, wie man das damals eben so machte, alles hübsch der Reihe nach. Nun war mein Großvater der Meinung, seine Kinder müssten unbedingt auf spanischem Boden geboren werden. Sonst wären die ja gar keine richtigen Spanier. Sie fuhren also pünktlich zum Entbindungstermin nach Spanien, eine sehr anstrengende, aufreibende Reise, ein erzwungener Aufenthalt in Paris, meine Großmutter wird plötzlich schwer krank, trotzdem reisen sie weiter, als sie endlich in Spanien sind, kommt das Kind tot zur Welt. Sie begraben es in spanischer Erde. Wären sie nicht losgefahren, wären sie einfach zuhause geblieben, wer weiß, da hätte das Kind vielleicht leben können.

Meine Großeltern bekamen dann noch sechs Kinder, das vorletzte war meine Mutter. Alle wurden in Deutschland geboren, wenigstens von dem Wahn war mein Großvater geheilt.

Meine Großmutter, dieselbe Frau, die ihr erstes Kind tot in Spanien zur Welt gebracht hatte, war für mich als Kind der wichtigste Mensch überhaupt, meine Liebe zu ihr ist bis heute grenzenlos, ich lernte von ihr alles, unter anderem das Sprechen, wofür ich dann im Dorf bei uns schon schnell den Titel „Saupreiß“ verliehen bekam. Dass das verhasste saupreißische Idiom, dessen ich mich offenbar befleißigte, diese Sprache von Schweinen, dieses unerträglich schweinische Gegrunze, das ich unablässig absonderte, in Wahrheit das eigentliche, ganz normale Deutsch war, lernte ich erst später, in der Schule, da war meine Großmutter schon tot. Und auch der bayrische Opa, der immer am schlimmsten darüber gewütet hatte, dass sein Enkel eine falsche Sprache sprach, die meisten seiner grotesken Verwünschungen verstand ich gar nicht, auch er lag damals schon im Grab, als sich in der Schule mein vermeintliches Defizit, mein schreckliches Stigma plötzlich in etwas Gutes verwandelte. Ich redete und schrieb die von der Lehrerin erwünschte Sprache. Eine Sprache, die gar nicht Saupreißisch hieß, sondern schlicht und einfach Deutsch. Diese komische Sprache, mit der sich all die anderen so furchtbar schwer taten, ich konnte sie, ich hatte gar keine andere, nur die hatte ich gelernt, von meiner spanischen Großmutter.

 

Text:  Andreas Wolf
Blog:  Wald und Höhle

8 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 3 #Andreas Wolf

  1. Schön. Man kann als Kind mit dem falschen Dialekt oder auch mit der Hochsprache ganz übel in die Außenseiterrolle geraten. Bei uns zu Hause wurde in einer plattdeutschen Umgebung Hochdeutsch gesprochen (die Mutter kam aus Hannover). Daher galten wir als Utländers (Ausländer).

    Hatte der spanische Opa eine Deutsche oder eine Spanierin heimgeführt? Oder wie soll ich verstehen, dass die geliebte Oma die „spanische Großmutter“ war?

    1. Danke. Sie war gebürtige Deutsche, bekam aber durch die Heirat mit meinem Großvater einen spanischen Pass und spanischen Nachnamen. Ihre Mutter war gebürtige Engländerin gewesen, sie selbst sprach fließend Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch, ich glaube, man kann sagen, sie war eine wirkliche Europäerin.

  2. 10. Klasse 70er Jahre. Saaletal. Mein Kumpel, mütterlicherseits sudetendeutsche Wurzeln, haut in unserer Freundesrunde irgendwann im Pausengespräch raus:
    „Mit Dialekten habch kee Broblehm. Ich vorsteh ooch noch sudetendeutsch.“
    Ich: „Ich auch.“
    Er: „Du? Du sprichst es sogar!“
    Ich: „Ach hehrok auf.“ (Da wurde mir das erst bewusst.)

  3. Meine Güte, wie man schon als Kind herausfallen kann, wenn man nicht die vermeintlich »richtige« Sprache spricht … unglaublich …bei mir war es umgekehrt sozusagen, weil ich die bairische Sprache meiner geliebten Großmutter sprechen lernte, bin ich meiner Mutter aus dem Herz gefallen.
    Wunderbarer Text, lieber Andreas, ich danke Dir sehr dafür!

  4. Das ist ein Text, der springt mich aber sowas von an!

    Wenn man mich heute hört, merkt keiner, das ich aus Schwaben komme. Meine Mutter war Siebenbürger Sächsin, mein Vater Hannoveraner. Als Lebensumfeld hatten beide sich Schwaben ausgesucht, also kam ich dort zur Welt und wuchs dort auch auf.
    Allerdings meinten meine Eltern zur Einschulung, ab jetzt sei mir das Schwäbische verboten.
    Jahre später erzählten sie dann, mein Schwäbisch sei so stark ausgeprägt gewesen, daß selbst Paps mit seinen schon 15 Jahren Schwabenerfahrung nichts mehr verstand.

    Höchst bedauerlich, schließlich ist ein Dialekt auch ein Stück Heimat.

    Einen angenehmen Abend,
    Franziska

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