24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 17 #Zeilentiger

Koordinaten

Nehmen wir „Deutsch-Sein“ als politische Kategorie, finden wir uns im Bereich des historischen Zufalls wieder. Die Geschichte ist so reich an Wendepunkten, dass das, was heute als „Deutschland“ bezeichnet wird, auch völlig anders aussehen könnte.

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„Prima, dass wir uns so weit geeinigt haben. Dann können wir ja jetzt eine Liste aufsetzen, was wir alles dazu brauchen.“ Meine spanischen Freunde sehen mich verdutzt an. Eine Liste? Wozu denn das? Sie organisieren sich nicht in Listen.

Vielleicht waren es ja auch gar nicht Menschen aus Spanien – ich will mit diesen Zeilen schließlich nichts über irgendein Spanisch-Sein aussagen -, vielleicht waren sie auch aus Moldawien oder Tunesien, das ist einerlei. Die Liste aber, die ist mein.

Listen mochten ja auch die Nazis. Ich weiß nicht mehr, wer es sagte: Die Nationalsozialisten waren so blöd, dass sie selbst über ihre abscheulichsten Verbrechen penibel Listen führten.

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Im Arabischen bezeichnet al-nimsa das Land Österreich. Das Wort wurde über das Osmanisch-Türkische aus slawischen Sprachen übernommen. Aus der slawischen Wurzel nem(e)c, das deutschsprachige (eigentlich: stumme) Menschen bezeichnete, entspringt der heutige Name für Deutschland in einigen slawischen Sprachen. Als die damals über weite Teile Südosteuropas herrschenden Osmanen das Wort übernahmen (und es von dort ins Arabische weitergetragen wurde), war Österreich der wichtigste deutsche Staat Europas. Im Türkischen wird das heutige Österreich nicht mehr als nimsa bezeichnet, im Arabischen hingegen gilt dem eigentlichen Wortsinne nach – wenn man es auf seine Wurzel zurückverfolgt – bis heute die Republik Österreich als „Deutschland“, die Bundesrepublik Deutschland (almania) hingegen nur als nachgeordneter, nach einem Einzelstamm bezeichneter deutscher Staat.

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Der Schalter am Flughafen Manchester war nicht besetzt, die Schlange der Wartenden wuchs und niemand kam, um ihren Check-in durchzuführen. Die Unruhe nahm zu, hie und da ein Murren, zunehmende Schärfe in den Stimmen und den eruptiven Bewegungen der Fluggäste. Der Schalter aber blieb leer.

Als er doch endlich einmal besetzt wurde, teilte sich die bisherige Schicksalsgemeinschaft der Wartenden in zwei Lager. Das eine johlte und applaudierte höhnisch, rief Worte des Unmutes nach vorn. Sie alle sprachen deutsch. Das andere Lager blieb unbewegt, ja wurde desto unbewegter, je lauter das andere höhnte. Auch ich zog mich in die Stille zurück, nahm

aus meinem Gesicht jeden Ausdruck von Ungeduld, überhaupt Gefühl, und hoffte, so ganz im Lager der tadellos schweigenden Engländer zu verschwinden.

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Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, wirkte er sehr niedergedrückt, beinahe depressiv. Gründe dafür hatte er genug. Nun aber hatte sich etwas bewegt und plötzlich sprüht er vor Energie. Er strahlt so viel Kraft aus wie noch nie, seit er – aus Syrien geflüchtet und nach monatelanger Bewegungslosigkeit in einem Krankenhausbett – vor einem Jahr in Deutschland angekommen war. Innerhalb von sechs Wochen hat er deutlich abgenommen und aus seinem Blick spricht ein Wille, den er seit Jahren erprobt haben muss, sonst wäre er gar nicht zu diesem Punkt gekommen, an dem er jetzt steht.

Heute hat er Prüfungstermine erhalten für die Qualifikation, sich an einer deutschen Universität einschreiben zu dürfen. Der Termin liegt zu früh für seinen derzeitigen Sprachkurs und er hat Angst, nochmals ein halbes Jahr zu verlieren. Wir sprechen die Möglichkeiten durch, er überlegt, den Vorbereitungskurs parallel zu seinem eigentlichen Deutschkurs zu machen und vorzeitig in die Prüfung zu gehen.

„Wenn es erlaubt ist, mach das“, empfehle ich. „Es wird halt anstrengend.“

Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Anstrengend ist egal. Das spielt keine Rolle.“

Er meint es, wie er es sagt, und ich frage mich mit einem mulmigen Gefühl, ob ich in meinem Leben auch nur einen Bruchteil der Willensleistung aufgebracht habe wie er.

„Gibt es etwas an der deutschen Grammatik, das dir gefällt?“, frage ich später.

„Der Genitiv“, kommt es wie aus der Pistole geschossen als Antwort. Ich mache mir keine Sorgen mehr um ihn.

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Wir sind als Individuen ein Kontinuum an Identitäten. In meinen Jahren in Stuttgart war mir wichtig, mich als Bayern-Schwabe zu bezeichnen. Zurück im bayerischen Allgäu, will ich nicht als Schwabe und noch viel weniger als Bayer betrachtet werden, sondern eben als Allgäuer – als den mich wiederum viele ‚Bergler‘ nicht sehen. In diesem schillernden Spektrum aus Identitäten, vom Bewohner eines kleinen Ortes bis zum Erdenbürger, vom Süddeutschen zum Europäer und so fort, ist das „Deutsch-Sein“ eine Ebene. Rechtlich relevant und sprachlich entscheidend, aber doch nur eine Koordinate des Kontinuums.

Text: Zeilentiger
Blog: Zwischen zwei Flügelschlägen

7 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 17 #Zeilentiger

  1. Jaa, „eine Koordinate des Kontinuums“ … da stimme ich Dir sofort zu, ich, die ich auf einem oberbayrischen Bodenfleckerl lebe, das vor noch nicht allzulanger Zeit zu Salzburg gehört hat …

  2. Eine Koordinate im Kontinuum, besser kann man es nicht sagen! Danke dafür, lieber Holger, wie überhaupt für den ganzen Beitrag, der so hautnah Erinnerungen an Situationen weckt, wenn ich einfach nicht dazu gehören wollte, nicht wollte, dass man mich mit geraden „diesen“ Deutschen auf eine Stufe stellt (auf Reisen vor allen Dingen). Fremdschämen nennt man das ja auch.
    Deutsche Menschen sind oft sehr laut … (und ich gestehe, ich kann das auch, aber nur im engeren Kreis … betröpfelt guck.)
    Herzliche Grüße
    Ulli

  3. Viele Ebenen hat dein Beitrag, sehr gerne, nachdenklich oder auch amüsiert, habe ich ihn gelesen.
    Zu der Energie des Syrers fiel mir ein, welchen Eindruck mir damals, als mein Sohn in die Grundschule ging (Mitte der 70er) manche Kinder von „Gastarbeitern“ machten. (Auch mein Mann war übrigens als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen). Star der Klasse war ein Mädchen mit jugoslawischer Mutter und italienischem Vater, in allen Fächern Einsen, dazu sehr hübsch und in drei Sprachen bestens bewandert. – Im Kontrast dazu waren die meisten deutschen Kinder langsam, sozial schwach und familiär beschädigt. Und ich dachte damals: Diese werden die Verlierer sein. Ähnlich ging es mit den kräftigen jungen Männern und Frauen, die in den Fabriken arbeiteten, in jeder Schicht, mit Überstunden, ohne zu murren. Der Akkord wurde beschleunigt. Die deutschen Arbeiter aber, nach so vielen Jahren am Band, waren müde, alt und krank, verloren Teile ihres Lohns oder wurden sogar ausrangiert.

    Dies ist die andere Seite der Zuwanderung, wir kennen sie auch aus den USA, aus England…. Es ist hart für die Alteingesessenen, mit den jungen ehrgeizigen unermüdlich arbeitenden Zuwanderern in Konkurrenz zu stehen und von ihnen überholt zu werden. Sie neigen dann leicht zu „faschistischen“ Ansichten und werden von den „Weltoffenen“ als hässliche weiße Männer und Frauen gebrandmarkt. Dabei handelt es sich um vorauszusehende Folgen einer massiven Zuwanderung (nach Marx: Reservearmee), die den Unternehmern nützt, die Arbeiterrechte aber schwächt ..
    Womit natürlich nichts gegen den jungen Syrer gesagt sei, dem ich nur das Beste wünsche.

  4. Ein Afghane (kein Hund), den ich kenne, ist monatelang geflüchtet, unter dramatischsten und abenteuerlichsten Umständen, hat alles überlebt. Als er mir seine story erzählte, weinte ich nur noch. Er hat sich hier das Schreiben von links nach rechts beigebracht, das Lesen, das Sprechen, das Zuhören. Hat nach vielen Anläufen Arbeit gefunden. Kann jetzt seine Famile ernähren. Mein Bruder.

    1. Lieber Eberhard, da, wo ich lebe, gibt man jemand die Hand und sagt: „Grüß Gott“ … das würde ich gerne zu ihm auch sagen, würde mich freuen, wenn Du ihm , dem Bruder, das ausrichten tätest! Liebe Grüße auch an Dich

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