24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 1

Vor vielen Jahren habe ich mich einmal sehr geschämt, eine Deutsche zu sein. Eine Freundin und ich sitzen am Abend in einer Taverne in Piräus und warten auf die Fähre nach Kreta. Der Wirt bemerkt, daß wir Deutsche sind, kommt hergerannt und erzählt voll Stolz und großer Freude über seine 18 Gastarbeiterjahre in Deutschland, über die wundervolle Arbeit bei BMW am Fließband und über die Deutschen spricht er, als wären sie die absolute Krönung der Menschheit. Wir werden eingeladen zu Wein und Schnaps und Essen und alle im Lokal prosten uns zu. Seine Taverne verdanke er den Deutschen, die ihm Arbeit gaben.

Wir wussten damals schon, daß nicht alles so angenehm war für die Gastarbeiter, und unter welchen Bedingungen am Fließband gearbeitet wurde, und wie die Unterkünfte aussahen. Ich hab mich so geschämt und wollte mich nicht nur aufgrund meiner deutschen Staatsangehörigkeit beschenken lassen, aber das Großherzige der griechischen Gastfreundlichkeit ist unwiderstehlich und so würgte ich mein Souvlaki hinunter und schämte mich nur.

Meine Mutter wurde aus Karlsbad verjagt, bevor es Karlovy Vary hieß. In den 15 Jahren, die ich mit meiner Mutter verbrachte, bis sie starb, lehrte sie mir inbrünstigen Tschechenhass. Nie auch nur mit einer Silbe hat sie deutsche Beteiligung an der ganzen schrecklichen Misere für möglich gehalten. Im Verteilungslager in Nürnberg bat sie, nach Oberbayern transportiert zu werden, möglichst in die Nähe der österreichischen Grenze, denn in Salzburg waren ihre Halbschwestern am Landestheater. Zu ihnen spürte sie wohl eine Art Zugehörigkeit, waren sie doch das Letzte, was vom gemeinsamen Vater noch übrig war. Mein Großvater war Österreicher. Meine Mutter ist bis zu ihrem Tod heimatlos geblieben, sie hatte einen deutschen Paß und fühlte sich als Österreicherin, sie sprach schriftdeutsch mit österreichischer Einfärbung, das hat sie auch mir beigebracht. Als Schulkind begann ich dann, die bairische Sprache meines Vaters zu sprechen, da hat sie sich von mir abgewendet.

Seit ich mir vor ein paar Wochen das Thema für diesen Adventskalender ausgedacht habe, plage ich mich bis in die Träume hinein damit herum und spreche mit anderen und erfahre, wie sehr vielen Menschen nahezu graut davor, dieses Deutschsein zu definieren oder wenigstens irgendwas dazu zu sagen … gleichzeitig sollen aber alle, die hier leben wollen, gezielt das Deutschsein erlernen … meine Güte, also ich kann´s nicht so recht, alle meine Überlegungen führen diesbezüglich ins Leere.

Deutschland ist mein Vaterland. Mein Vater war das siebte Kind auf einem Bauern – Sacherl (Gütel)im Südosten Bayerns, er hat dieses weiche Bayrisch gesprochen, dem man die Nähe zu Salzburg anmerkt, das hätte er aber nie zugegeben, weil man sich wie an allen Grenzen hüben und drüben nicht sonderlich schätzt. Er hat die Sozis gewählt und Herbert Wehner geliebt und er hat 60 Jahre die gleiche Geschichte erzählt, wie er im Krieg als 18 jähriger Soldat in der Nacht beim Essenholen über diesen Ast gestolpert ist und am nächsten Tag sah, daß es ein toter Russe war.

Und ich spüre hier am Alpenrand eine starke innere Nähe zu Österreich, oft mehr als zum eigenen Land, aber in Österreich wird man mich nie als zugehörig betrachten, meine Sprache verrät mich und trennt mich, obwohl doch beide Länder deutsch sprechen. Es ist halt so: im einen Land geht es um das Österreichischsein und im anderen um das Deutschsein und ich kann wohl nur letzteres, ohne zu wissen, wie das genau geht…

Die einzige Mutmaßung, die ich mit Sicherheit äußern kann ist: Deutschsein ist für mich in erster Linie Sprache. Ich spreche die bairische Sprache, in ihr schlägt mein Herz und ich spreche Schriftdeutsch mit starker südlicher Färbung. In diesen Sprachen bin ich zuhause.

Ein paar Leute konnte ich gewinnen, ihre Texte zum Deutschsein werden in den nächsten Wochen hier auftauchen, darüber freue ich mich sehr, seid alle schon jetzt bedankt für den Mut zu Euren Anmaßungen! Ich hoffe, es schreiben viele Leute lange  Kommentare zu den Einträgen und berichten von ihren eigenen Mutmaßungen!

Vor ein paar Tagen hörte ich plötzlich ein Violinkonzert, und diese Musik hat mich durchdrungen in ihrer schier überirdischen Schönheit, kaum auszuhalten vor Glück!

Ein deutscher Komponist: Max Bruch … aber die Musik, ist das jetzt deutsche Musik oder

einfach nur Musik?

7 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen über das Deutschsein, Tag 1

  1. Beeindruckend.
    Ist mir beim Lesen Ihrer Erinnerungen spontan eingefallen.
    Und so hab ichs auch hingeschrieben.

    Ich werde Ihnen auch was schreiben zu Ihrem Adventskalender. Die Tage.
    Auf Schriftdeutsch. Versprochen.
    Abendgruss aus der weihnachtsmarktfreien Zone im magischen Bembelland,
    Herr Ärmel

  2. Erst mal: Danke schön für deinen Mut, liebe Gretl. Ein schwieriges Thema, für mich und für viele, aber vielleicht ist es gut, sich trotz der damit verbundenen Schlaflosigkeit, über die Heine schon klagte, darüber zu beugen und ein paar Puzzlesteine zu betrachten. Ist bei dir dies Fremdschämen wie in Piräus noch immer so ausgeprägt, oder hast du einen anderen Standpunkt dazu gewinnen können?
    Zur Musik: sie ist, meine ich, aus der Romantik erwachsen, die ein sehr deutsches Lebensgefühl ausdrückt. Musik entsteht in einer lokal und zeitlich begrenzten Welt, überwindet aber diese Grenzen, wenn sie zum Gefühl spricht und dadurch in die gesamte Menschheit hineinwirkt.
    Ich wünsche dir und mir und uns allen Einsichten, durch die wir lernen, unser Deutschsein zu begreifen und zu ergreifen, um uns dem Konzert der Menschheit mit unserem besonderen Ton einzufügen, als eine Nation unter so vielen.
    Einen frohen ersten Advent wünsche ich dir! Gerda

  3. Liebe Gretl,
    du weißt, dass auch ich mich schwer mit den Mutmaßungen getan habe und doch ist etwas herausgekommen. Auch bei dir und das ist nicht grade wenig. Ich möchte jetzt gar nicht allzuviel dazu schreiben, da ich denke, dass jede und jeder, die, der sich hier beteiligt eine Facette beitragen wird und wir am Ende, wenn alles gut geht, keine Mutmaßungen mehr haben, sondern eher etwas Greifbares, vielleicht winzig klein, aber da.
    Ob sich andere Nationen auch so schwer tun? Oder ob unser Herumgeier und die schlaflosen Nächte mit der unsäglichen jüngeren Geschichte zusammenhängen?
    Gerda hat deine Frage nach der Musik für mich so treffend beantwortet, dass ich nur dazu nicken kann.
    Danke für deine spannende Idee!
    Herzliche Grüße von der Nachteule Ulli

  4. Also, dass ist ja ein einerseits sehr sperriges Thema, andererseits ein reizvolles Thema, aber das weisst Du ja, liebe Graugans.

    Mir ist vor Jahren mal ein Zitet des großartigen Achim Reichel in die Hände gefallen:

    „Ich erinnere mich an einen Irlandaufenthalt vor ein paar Jahren. Wir saßen in einem Pub, ein Ire spielte traditionelle Lieder und plötzlich reichte der mir seine Gitarre und sagte: ‚Sing us a song from your country!‘ Da ging mir der Arsch auf Grundeis, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte. Das kommt daher, weil man als Deutscher in dieser Beziehung ein bisschen verkrampft ist. Wenn man deutsche Volkslieder spielt, läuft man immer Gefahr, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Aber es kann doch nicht angehen, dass 13 Jahre Naziherrschaft die ganze deutsche Kultur zerstören. Pete Sage hat zu mir gesagt: ‚Ihr müsst euch eure Kultur wieder zurückholen.‘ Und das sehe ich ganz genauso. Irgendjemand muss die Courage haben, die Kultur nicht irgendwelchen Verrückten zu überlassen. Ein Volk ist nicht komplett, wenn es keine Kultur hat.“

    Und dieser Gedanke hat mich sehr innehalten lassen … und das sog. „deutsche Volkslied“ hat für mich auch mittlerweile einen ganz anderen Stellenwert.

    1. O, das ist mir lange so ergangen! Zum Glück kenne ich viele Lieder, die ich liebe und einigermaßen singen kann, zB das melancholische „Schon ins Land der Pyramiden flohn die Störche übers Meer“ oder das weihnachtliche „Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord“ oder das kindliche „Auf einem Baum ein Kuckuck, simsalabim…“ oder das ironische „Drei Chinesen mit dem Kontrabass…“. Na, klar, auch „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ in Schuberts Vertonung und „Am Brunnen vor dem Tore…“, das mich glatt zum Weinen bringt.

  5. Das ist ein schwieriges, aber zugleich lohnendes und wichtiges Thema – das mich auch stärker interessiert als zuvor.
    Durch Zufall kaufte ich in einem Antiquariat im September : „Tiefer deutscher Traum“ von Horst Krüger.
    Ich habe es noch nicht ausgelesen, aber schon einiges davon profitiert.

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