24 T. – Mutmaßungen … Tag 20: Über das Fallen

Das Aufheulen der Motorsäge schneidet mir ins Herz, ich weiß, was jetzt gleich kommen wird und auch wenn ich mir die Ohren zuhalte innen wie außen, ich werde es hören.

Damals im Krankenhaus der alte Mann, von der Straße aufgelesen im Winter, halb erfroren, wir halfen ihm nach einem warmen Bad aus der Wanne, dann würgte er und erbrach in hohen Schwällen sein Blut und sein Leben … die Stationsschwester sagte: aus. Und dann dieser dumpfe Aufprall nach dem Fallen..

Vor dem kleinen Schlachthaus laden die Männer eine Kuh aus und führen sie dorthin, wo einer mit dem Schußapparat steht, sie sagt ein verzweifeltes Muuh, dann Schuß und dann sacken die Beine weg, und dann dieser dumpfe Ton beim Hinfallen ihres Leibes.

Jetzt in den Wipfeln oben eine kurze Unruhe, eine kleine falsche Bewegung, ein Zittern, das nicht sein soll und doch ist, dann kracht es kurz, wie wenn Knochen zerbrechen, dann ein Schwirren und dann … der dumpfe Aufprall … er ist gefallen.

Dann ist es still, es ist immer sehr still, wenn einer fällt, es ist so furchtbar still, daß es wehtut in den Ohren. Der Baum wird mit Ketten an den schweren Traktor gehängt und abtransportiert. Er hinterläßt eine Rinne im Schnee, in die sein Harz tropft. Ein großer Haufen Äste bleibt zurück, der wird morgen bearbeitet. Es dämmert und hier am Holzplatz schließt sich das Loch im Universum wie überall sonst auch, wenn wieder einer gefallen ist. Was fällt, das fällt, da hilft kein Aufbäumen.

Zwei Rehe huschen von irgendwo her und sehen sich nach was Eßbarem um auf dem Platz, wo vorher der Baum stand. Etwas kriecht aus dem Wirrwarr der hingeworfenen Äste der Baumkrone, der Mond läßt die Sterne auf einem zerfetzten Gewand schwach golden schimmern. Lange Haare hängen in Strähnen harzverklebt über die Schultern. Er richtet sich auf, barfuß hinkt er an den Rehen vorbei, die ihn nicht zu bemerken scheinen. Dann setzt er sich hin, auf den Stumpf, der vom Baum übriggeblieben ist. Er stützt die Ellbogen auf die Knie und hält das verschrammte Gesicht in den Händen, lange sitzt er so.

Und dann weint er,
der Engel.

Text:
Margarete Helminger

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