24 T. – Mutmaßungen … Tag 15: Über die Musik

Die Musik

Eines Abends im April dieses Jahres, ich ging gerade vom Arbeitseinsatz in einer Unterkunft für Geflüchtete aus der Ukraine nachhause, fühlte mich beklemmt und beschwert von dem, was ich in den zurückliegenden Stunden gesehen, gehört und erlebt hatte, drang aus einer kleinen Kneipe, an der mich mein Weg vorbeiführte, Musik hinaus aufs Trottoir.
Die Töne hatten einen Touch von Cajun-Musik: einfach, melodisch und dermaßen rhythmisch, dass es einen sofort reißt und ergreift. Ein junges Paar trat aus der Kneipe, um eine zu rauchen, und während er in seiner Hosentasche nach dem Feuerzeug suchte, begann sie ein bisschen zu Tanzen.

Monate später fällt mir diese Szene wieder ein, an einem aus ganz anderen Gründen beklemmten und beschwerten Abend, und ich wünsche mir plötzlich sehnlichst, Swing oder Boogie oder – das wär‘ am besten! – Lindy Hop zu tanzen, doch die Lebenssituation gibt das gerade nicht her, auch die eigene Gesundheit ist zu wacklig für neuartiges Gewackel. Oder stimmt das vielleicht gar nicht? Sollte man (paradoxe Intervention!) genau jetzt den Lindy hoppen, um die Musik wieder richtig hineinzulassen in den musikentwöhnten, malträtierten Körper?

Es war ein weitgehend musikloses Jahr, eines der musiklosesten wohl, die ich je durchlebte. Das Leben wird stumm ohne Musik, vielleicht sogar stumpf, denn Musik verspricht Dinge, die das Leben nicht hält und bringt sie manchmal auf akustische Weise auf den Punkt, womöglich immer dann, wenn das Leben es gar nicht aushalten würde, von seinem Besitzer selbst auf den Punkt gebracht zu werden (oder umgekehrt).

Some innocent phone calls in the middle of the night

Some purchased existence that says “Hold me tight!”

Some heartbreakin’ feelings, your conscience says “No!”

An avalanche howlin’ and free falling snow

But the answer is far from what you expect

With so few words you can … just explode!

An einem Vormittag im Mai plumpst die Post aufs Parkett des Wohnungsflures. Der befreundete Grazer Musiker schickt sein neues Album, ich freue mich riesig und möchte es so bald wie möglich in Ruhe anhören. Doch das musiklose Frühjahr hat sein Fortbestehen im Sinn, lässt Mann und Hund verunfallen und ich falle mit. Anstatt mich an der Musik festzuhalten, verliere ich den Boden unter den Füßen, wie man so sagt, wann immer man das Gefühl hat, ins Bodenlose zu stürzen.

Bis ich die erste Strophe des ersten Songs auf dem Album zwar nicht in Ruhe, aber immerhin überhaupt einmal anhöre, ist es schließlich Anfang Juni. Ich sitze auf dem Fußboden im Flur und schraube müde einen wackligen Servierwagen zusammen. Bei der Zeile mit der Lawine und dem Schnee fällt mir der Inbusschlüssel fast aus der Hand, an avalanche howlin’ and free falling snow, so ist es, genau so, aber du meine Güte, dabei ist doch längst Sommer, nur ich, ich bin irgendwo im Winter hängengeblieben, fühle mich wie von einer Lawine zu Boden gerissen (und werde erst Monate später fröstelnd begreifen, wieso).

Kleine Katastrophen geben sich fortan die Klinke in die Hand: der Mann hinkt, der Hund hinkt, auch ich hinke alsbald mit allem hinterher, ein Onkel stirbt, ein Grab kostet Geld, nichts zu erben ebenfalls, ein Tumor wächst, ein Tumor wird entfernt, ein Vater ruft, ein Vater will nicht mehr sprechen, ein Virus kommt, ein Virus geht, ein Fenster klemmt, ein Überlauf ist undicht, auf der Windschutzscheibe ein Steinschlag, in der Kniekehle eine Zyste – überall kriecht-fliegt-springt-wächst etwas herbei, das man nicht sehen-hören-fühlen-handhaben will. Aus dem seidenen Faden, an dem ein Leben hängt und aus dem insgeheim sein Gewand gewoben wird, entspinnt sich ein Wirrwarr, es wird zum Knäuel, es verknotet sich unentwirrbar, harrt seiner Zerreißung, wartet auf den erleichternden Schnitt.

Someone said, “She’s far away”

Someone said, “Well, now it’s too late”

How, just tell me, could you do?

Why’d you break her heart in two?

Hold me, hold me, hold me, hold me
Hold me, hold me, hold me now!

Am Ende des Albums angekommen steht der fertige Servierwagen vor mir, nicht nur symbolisch fungiert er als Vehikel einer kleinen Freiheit, sondern serviert uns diese ganz konkret auf seinen vier gummiummantelten Rollen: der Achillessehnenoperierte hat daheim nun ein Transportmittel für alles Not_wendige und ich steige mit dem traumatisierten Hündchen ins Auto und mache mich auf den Weg nach Badgastein und höre bis Salzburg ununterbrochen nur diesen ersten Song und bis zur Ankunft im Gasteiner Tal noch zwei weitere. Drei Songs für dreihundert Kilometer, das ist schon viel, an diesem Sonnensonntag durchs Salzburger Land brausend (und vollbeladen wie ich unterwegs bin, nicht nur mit Bergbekleidung).

Schon immer war ich ein Langsamhörer, vermutlich ist das der Ausgleich für meinen Hang zum Schnellschauen und Raschriechen. Wenn ich richtig hinhören möchte, muss ich mich behutsam hineinhören, und dieses Hineinhören verträgt keine Eile, kein Nebenbei, kein Zwischendrin. Mitten hineinwerfen muss ich mich, in die Musik, in ihren Klang- und Sprachozean, so sie mir denn einen schenkt, durch den ich mich schwimmend bewegen kann, von dem ich mich tragen lassen will, in den ich untertauchen möchte ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob ich untergehen könnte.

In einem Lied, das mich bewegt, fließen die beiden Ausdrucksformen, mit denen ich am meisten anfangen kann, ineinander: Worte und Klänge werden eins, die Grenze zwischen der Metrik der Sprache und der der Töne löst sich auf. Diese Verschmelzung erzeugt nicht zwangsläufig Harmonie, sie kann sich gleichfalls in Disharmonien vollziehen, denn Stimmigkeit ist auch im Unstimmigen zuhause, nur das Ohr ist nicht immer offen dafür, Misstönen Zutritt zu gewähren.

Once I had to cross the ocean
Once I had to leave my town
I was strong and I was lonesome
I came pretty far around.

Hold me, hold me, hold me, hold me
Hold me, hold me, hold me now!

Eines Morgens, der Sommer liegt in seinen letzten Atemzügen und die Tage werden bereits wieder kürzer, lichtet sich auf einmal der Schleier, der über dem gesamten bisherigen Jahr hing und es in einen seltsamen Dunst hüllte und gibt den Himmel frei, in einer Klarheit und Konturierung, wie ich ihn lange nicht mehr sah. Später am Tag sitze ich mit einem Freund am Lieblingsweiher und erzähle ihm von all den Kondensstreifen und Kumuluswolken, die ich in den vergangenen Monaten zwar gesehen, aber nicht begriffen hatte, weil Himmelsbilder ja Kunstwerke sind und Kunst nicht zum Begreifen da ist, sondern zum Betrachten und schon als Kind lernt man, dass Kondensstreifen sich auflösen und Wolken vorüberziehen.

Als ich alles erzählt habe, stürzt er ein, der Himmel, und begräbt mich in oder unter sich, es vergehen erneut Wochen und Monate, bis ich aus dem Trümmerhaufen ex_plodiere und wieder an der Oberfläche erscheine, mich ganz aus dem Erdreich emporziehen möchte am eigenen Schopfe und dabei leider ins Leere greife, aber klar, das Haar braucht Licht, um zu wachsen, also bin ich so kurzgeschoren wie an jenem Einsturztage, an dem es noch Sommer war und nun, da ich wieder aufgetaucht bin, ist es dunkel geworden da draußen, dunkel und so kalt.

Now ain’t there no one exciting tonight

An uncertain future is shuffling ahead

The big blow-out is right on its way

The ruins of stability are easy to see

But the answer is far from what you expect

With so few words you can … just explode!

Resonieren, Räsonieren, Sinnieren, überall stecken sie drin, diese Nieren, an die es ging und geht. Die Dialyse grad erst begonnen, ein Generalreinigungsprozess, alles muss raus und zur Reinigung gebracht werden, um sie nicht selbst waschen zu müssen, diese Schmutzwäsche.

Aber dialysis bedeutet auch Auflösung, ein Ausverkauf des beschädigten Interieurs, neues Mobiliar muss her, die Innenräume so kahl und zugleich zum Bersten voll, so dass gar nichts Platz hätte hier drinnen. Außer Musik, die hallt jetzt besser als je zuvor.

Reste der Resilienz zusammensuchen: wo bin ich geblieben? wo gelandet? wohin weiter? (gibt’s ein wo? ist alles hin? wie geht’s weiter?)

Aus den Boxen ertönt die Musik meines Jahres: Some silhouettes rushing, there is no place to stay.

[Englische Texte aus den Songs Explode und Hold Me, Hold Me von Matthias Forenbacher, deutsche Umrahmung von Kraulquappe]

11 Gedanken zu „24 T. – Mutmaßungen … Tag 15: Über die Musik

  1. Liebe Kraulquappe, was für ein fulminanter Text. Es gibt so viele schöne Stellen darin, auch wenn du insgesamt gar nicht das Schönes des Lebens beschrieben hast, sondern über die Schwere und all das, was einen ereilen kann. Es tut mir leid von so viel Unbill innerhalb eines Jahres zu lesen und freue mich gleichzeitig, dass dir die Musik nicht wirklich abhanden gekommen ist. Es gibt sie auch bei mit von Zeit zu Zeit, diese stummen Tage oder Wochen, in denen kein Rhythmus mich erreicht.
    Ich wünsche dir von Herzen, dass sich alles wieder einrenkt und das neue Jahr für dich ein leichteres werden möge.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    1. Liebe Ulli,
      hab Dank für deine Worte! Ich antworte mal wieder arg zeitversetzt, finde momentan oft weder Ruhe noch passende Worte, du verstehst schon.
      Ob das Schicksal und der Strom der Ereignisse sich an Jahresgrenzen halten, wage ich zu bezweifeln, aber dass ich mir hier jetzt manches „rausschreiben“ kann, könnte ein Anzeichen dafür sein, dass ein Licht am Ende des Tunnels aufblitzt.
      Dir wünsche ich gute Besserung (las bei dir drüben, dass du erkältet bist)!
      Herzlich,
      Natascha

  2. Voller Wut, Traurigkeit … und Liebe … legt dieser Text den Finger in Wunden … auch in meine. Und ich glaub ihm seine schmerzende Wahrhaftigkeit.
    Ja.

  3. Ich stimme dir zu, liebe Graugans.
    Auch mich berührt Musik in meiner tiefsten Seele – bringt mich zum Weinen, zum Lachen, zum Traurigsein, zum Tanzen, zum Nachdenken, zum mich erinnern….
    Zitat:
    „Musik ist das Unsagbare“.
    Bedřich Smetana (1824 – 1884)

    1. Ja, liebe Rosie, ich stimme Dir auch von Herzen zu, und ich finde den Text auch wunderbar aus der Seele sprechend … nur leider hab ich ihn nicht geschrieben, sondern die Kraulquappe, nur sie kann so einen Text schreiben! Und ich mußte das jetzt sofort sagen, denn eine Graugans würde sich natürlich niemals mit fremden Federn schmücken!
      viele liebe Grüße!

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