24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 1

Hin und wieder werde ich bei Wohnungsauflösungen geholt, ganz zum Schluß, wenn alles ausgeräumt ist und nur noch das übrig, was niemand haben will. Bevor es in die Container am Wertstoffhof wandert, schau ich es mir nochmal an … werfe einen letzten Blick auf dieses Häuflein Abfall, was von einem gelebten Leben übrig bleibt. Vor einiger Zeit war ich in der sehr gepflegten Wohnung einer 95 – jährigen Frau und kam mit einer großen Schachtel voller Ansichtskarten heim. Und jetzt, nachdem ich hunderte von diesen Karten monatelang  aufbewahrt habe, die Frage, was weiter mit ihnen geschehen soll.

Vor mir auf dem Boden ausgebreitet die Bilder von bereisten Orten und die Geschichten von geheimen Sehnsüchten, von unerfüllten Träumen, von glücklichen Erlebnissen, von gelebtem Leben … ich kannte die Frau nicht, wusste nur, daß sie alleinstehend war und erst, als ich ihren Namen erfahren hatte, wurde mir klar, daß sie viele der Ansichtskarten an sich selbst adressiert, aber nie abgeschickt hatte. Alle Karten sind leer, nur manchmal steht das Datum der Reise drauf, zart mit Bleistift geschrieben. Viele Reisen führten durch ganz Deutschland und Österreich, ein paar ins damalige Jugoslawien.

Gelebtes Leben, gelebte Geschichten, Spaziergänge vor dem Schloßbesuch und dem Nachmittagskaffee im Heidelberg der 50er Jahre … es flüstert und raunt aus den Karten und ich kann sie nicht wegwerfen, denn ihr Daseinszweck ist: sie müssen beschrieben und frankiert und zur Post gebracht werden, nur dafür sind sie da!

Und genau das möchte ich hiermit anbieten: Wer eine Karte haben möchte, soll mir bitte ihre/seine Adresse zukommen lassen per PN oder e-mail und dann schicke ich sie auf die Reise!

Das ganze Jahr wurde soviel gejammert, weil man nicht weit wegfahren kann, aber die wenigsten wissen genau, wie die Welt um sie herum in 10 km Luftlinie ausschaut! Auch mir passiert es immer wieder, daß ich mich verfahre und vollkommen überrascht bin von Orten, die ich noch nie gesehen habe … manchmal sind es nur ein paar km und alles ist vollkommen fremd. Und deshalb mache ich mich jetzt auf den Weg  und werde innerhalb der 10 km Grenze von meinem Heimatort aus die Welt erkunden und mich auf die Spur von Geschichten machen, alten, neuen, wahren und erfundenen und ihren Orten … eine Reise von drinnen nach draußen und wieder zurück … durch die Zeit des Advents.

Und sollte jemand Lust haben, auch zu erforschen, was ihm/ihr begegnet im Radius von 10 km, nur zu … wir werden vieles entdecken, von dem wir bisher nichts ahnten, glaubt mir!

Es ist finster geworden und es riecht nach Schnee, vor dem alten Haus brennt eine Kerze in der Laterne. Wie Feenstaub glitzert der Rauhreif am Rosenstock und in den Zweigen der Birke hängt Engelshaar … Ihr da draussen in unendlicher Weite des Alls, kommt gut durch diese Nacht und seid herzlich gegrüßt!

 

 

22 Gedanken zu „24 T. – Erkundungen der fernen Nähe … Tag 1

    1. Ach, Du liebes, gestresstes Nachterl, der Gruß ist gut angekommen, jetzt brauchert ich halt nur noch Deine Adresse, sonst geht das mit dem Schicken net!

      1. liebe margret, jetzt schreib ich sie einfach hier her, die adresse, schau:

        Pega Mund c/o J. Häusler
        Firnstraße 8
        82194 Gröbenzell

        ja, und hoffe, dass diese flaschenpost möge gefunden werden … 🍀

  1. Hätte ich den Wienerwald nicht, wäre ich viel ärmer…. die Isolation ertrage ich klaglos, solange ich in den Wald gehen kann, den Egoismus Vieler leider nicht so, Klagen hilft zwar auch nicht, aber das Ertragen fällt ein wenig schwerer. Daher: bin ich dankbar für den Wienerwald vor der Haustüre. Solange ich nicht „real“ reisen kann, tue ich das – wie in meiner Kindheitsstrategie, die mich das Überleben in Notzeiten gelehrt hat – in meiner Phantasie … die allerherzlichsten Wienerwaldgrüße zur lieben Graugans!

    1. Der Wienerwald in der Nähe … was für ein Glück … grad vorhin hab ich gelesen: „wer bist du, Ruhendes unter hohen Bäumen“ vom Trakl. Jaaa, es verdichtet sich die Aufforderung, in die Zwischenräume der Bäume zu reisen… die Feen in Spürnähe…immer.
      Sei ganz lieb gegrüßt!

  2. Was für eine schöne Idee. Auch ich streune mehr und mehr in der Umgebung umher und entdecke immer wieder Neues, oder ich baue im Wald einfach mit Holz herum. Es bereitet kindliche Freude.

    1. Wie wunderbar, dieses Wort „Streunen“, ich liebe es … und daß Du für Dich allein im Wald mit Holz herumbaust, berührt mich sehr und ich hab große Lust, mal wieder mit Tannenzapfen Spiralen zu legen, dann denk ich an Dich!

  3. Liebe Margarete, das ist eine hübsche Idee. Ich freue mich, wenn ein Stück gereiste oder auch nur geträumte Sehnsucht der alten Frau ihren Weg auch zu mir in den Norden findet. Da wird ein feines Netz entstehen, weit über den 10-Kilometer-Radius hinaus. Zu dem spüre ich selbst noch keinen wirklich neuen Impuls. Ich gehe ja schon lange vor der eigenen Haustür auf Reisen. Aber wer weiß, was sich noch entwickelt in den nächsten Wochen…

    1. Bald, liebe Maren, kriegst Du eine Karte, ich warte, bis ein Stapel beisammen ist, dann rentiert sich das Auf -die -Post -fahren! Ja, es ist Advent, wer weiß, was sich zeigen wird, meine Spurensuche wird langsam deutlicher, bin auch sehr gespannt, wohin ich mich in den nächsten 20 Tagen noch bewegen werde…
      Ganz liebe Grüße!

  4. „Und sollte jemand Lust haben, auch zu erforschen, was ihm/ihr begegnet im Radius von 10 km, nur zu … wir werden vieles entdecken, von dem wir bisher nichts ahnten, glaubt mir!“

    Ich glaube es nicht nur, ich weiss es aus eigenem Erleben.
    Ich finde Ihre famose Idee beeindruckend und wünsche allen Beteiligten viel Freude dabei.

    Herzliche Grüsse aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

    1. Lieber Herr Ärmel dankeschön für die Grüße und die Worte … diesmal bin ich alleine auf Spurensuche und das im Erinnern und wachsamem Unterwegssein … bin sehr gespannt, wohin mich die Reise führt und was mir begegnet in den Zeiten und Räumen … fast ist mir, als wäre es ein Erkunden … Abtasten der sogenannten „Heimat“… täte mich aber natürlich sehr freuen, wenn parallel auch andere auf Spurensuche gingen, so wie du das ja schon lange ganz wunderbar im näheren Bembelland machst!
      Servus und liebe Grüße aus der Nordalpenprovinz heute mit Schneebefall!

      1. Liebe Frau Graugans, ich wünsche Ihnen feinste Entdeckungabenteuer.

        Wie Sie wissen, bin ich nach meinen weiten Wegen in fernen Erdteilen nunmehr in hiesigen Gegenden unterwegs. Zu Fuss oder mit dem Fahrrad.
        Wir leben in einem fantastischen Land mit Wundern an vielen Orten. Sicherlich gibts andernlands spektakulärere Attraktionen : tiefere Meere, höherer Berge, wildere Tiere oder buntere Pflanzen. Aber hier gibt es eine einmalige Vielfalt.
        Und die sollten wir wertschätzend entdecken und erkunden. Und wenn immer möglich mit den Menschen sprechen. Es lohnt sich auf jeden Fall.

        Abermals herzliche Grüsse,
        Herr Ärmel

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.