Das Aufrichten aus einer grippalen Erniedrigung wird erschwert durch Reizhustenattacken. Es dauert halt alles seine Zeit.
In der Osternacht hab ich die Johannespassion gehört, bis über Salzburg der Morgen heraufgezogen ist. Die Himmelslichter werden immer hinter Salzburg losgeschickt, es leuchtet der Mond und es strahlt die Morgensonne und sie wandern über den Himmel, mit den Flugzeugen, in denen die sitzen, die weg wollen.
Aus den singenden Thomanern strahlte eine Ernsthaftigkeit, fast zuviel an Wissen um Leben und Tod in diesen Bubengesichtern.
Die Musik füllt die Stube, ansonsten ist es still im Haus, vor der Haustüre draußen brennt die Kerze und flackert leis in einem kleinen Wind. Das alte Haus nimmt die Musik gerne in sich auf und läßt sie durch alle Poren gleiten. Und im Hausgang meine ich wieder einmal ein leises Rascheln oder Schlurfen mehr zu spüren als zu hören, Füße gehen über die alten Platten der romanischen Kirche. Was haben sie damals gebetet und gesungen im Mittelalter in dieser Kirche in Belgien? Warum wurde sie überhaupt abgerissen. Ich mag es nicht, wenn Kirchen abgerissen, oder sakrale Orte zu Eventstätten der Volksbespaßung umfunktioniert werden. Orten oder auch Steinplatten, an denen jahrhundertelang Menschen in ihrer Not gebetet und um Hilfe gefleht haben, kann man ihre Bestimmung nicht einfach so abwaschen. Und Kirchenboden gehört eigentlich auch nicht in unseren Hausgang, aber durch eine merkwürdige Fügung ist dieser Boden eines Tages zu uns gekommen … vielleicht höre ich deshalb nächtens Füsse drübergehen, an der Madonna vorbei, die im Sockel an der Säule der Stiege steht mit gefalteten Händen.
Ostern vorbei.
Ein zarter, sehr sanfter Regen fällt auf die alte Geschichte.
Unbemerkt und unscheinbar und leise, sehr leise, kam die Auferstehung.
Großes kündigt sich an in dramatischer Form und wenn es dann kommt, ist es ganz leise wie der zarte Regen im Frühling. Unhörbar versickert er.
Und was fangen wir jetzt an mit der Auferstehung? Was hinterläßt das große Unsichtbare? Was hinterlassen Geschichten, wozu sind die alten Geschichten überhaupt da?
Kinder fragen sowas nicht, sie wollen nur immer dieselbe Geschichte unendlich oft erzählt bekommen, obwohl sie sie längst auswendig kennen. Warum wollen sie es immer und immer wieder hören? Weil sie darin das Geheimnis des Wiedererzählens erfahren, weil sie in sich das Geheimnis bewahren … oder weil sie selbst das Geheimnis sind. Wir alle kommen auf die Welt mit dem Wissen über die Reise des Menschen von seiner Geburt und seinem Tod und seinem Wiedergeborenwerden im großen Kreislauf der Schöpfung … kommen – vergehen – wiederkommen … kein Anfang, kein Ende.
Das alte Kind in mir läßt sich die Geschichte gerne wieder und wieder erzählen, am liebsten von einem, dem ich gerne zuhöre. Ich lese „Der Menschensohn“ von Michael Köhlmeier. Er hat Thomas, den Zweifler und Skeptiker erzählen lassen und folgt ihm schreibend und vertrauend und so ist es die Geschichte von Thomas, dem Zweifler geworden und ich gehe auch mit ihm herum und tauche ein in die ewige Geschichte der Menschheit über Vertrauen und Verrat, Liebe und Schmerz, Not und Erlösung.
Und weil er ein guter Märchenerzähler ist, läßt er der Geschichte das Geheimnis, um das sie kreist.
Der Regen ist wie ein Schleier, der sich über die Dinge legt, ein zartes Gespinst aus Fragen, die er beantwortet, während er zu Boden sinkt.
Sag mir, kleiner Regen, auf welche Frage bin ich die Antwort?
An alleroberster Stelle im Geäst der Birke sitzt ein winziger Vogel, der so lauthals aus vollster Kehle pfeift, daß alles ringsherum stillzustehen scheint, selbst der Regen stoppt seine Bahn, um zuzuhören diesem Gesang, der wie ein Gebet die Schöpfung preist und mir die Tränen in die Augen treibt.
Dann fliegt er weg und alles scheint wie vorher zu sein, die Katzen gehen ihrer Wege, bald kommen die Igel und werden fressen und gleichzeitig alles vollkacken und der kleine Regen nimmt weiterhin alle Fragen mit und benetzt zart das durstige Scharbockskraut und den frisch aufgetauchten Herrn Gundermann mit seinen Antworten.
Die Kraft in den Geschichten braucht sich nicht zu beweisen, sie ist meist dort am stärksten, wo sie schwach zu sein scheint, alles bleibt Fragment und ist doch vollkommen, und oft ist das, was ganz leise daherkommt, am lautesten.
Wer Ohren hat, kann horchen.
Halleluja.

Aus der fernen Nähe sei gegrüßt, liebe Kraulquappe!