Archiv für den Tag: 3. April 2026

Briefe an die nahe Ferne ( 9 )

Stabat Mater

Mit 26 Jahren hat er das mittelalterliche Gedicht vertont, ein paar Wochen, bevor er gestorben ist: Giovanni Battista Pergolesi. Und diese Musik gehört zum Erschütternsten, was ich jemals gehört habe und ein Schmerz zieht mir den Boden unter den Füssen weg, der Schmerz der Mutter, die mit anschauen muß, wie ihr Kind getötet wird.
Nein, das ist keine Musik, die man so nebenbei laufen lassen kann, denn die Geschichte, die sie erzählt fordert den ganzen Raum, das ganze Herz.
All diejenigen, die schon seit gestern fröhliche Ostern wünschen würde ich gerne raten, sich hinzusetzen, und einfach nur zuzuhören, denn es betrifft uns alle, immer und immer wieder, in unseren Schmerzen, denn wir tragen alle unser Kreuz und alle kennen wir die verzweifelte Hoffnung und das Sehnen nach Auferstehung.

Stabat mater dolorosa
luxta crucem lacrimosa,
Dum pendebat filius…

Ostern ist mehr als nur ein verlängertes Wochenende, das Gerenne in Supermärkte, um  Eier aus Legebatterien zu kaufen und verblutete, abgeschlachtete Lämmer. Was wünschen wir uns, wenn wir uns frohe Ostern wünschen? Daß es mit den gebuchten Flügen klappt, wo doch jetzt angeblich das Kerosin knapp wird? Und warum kosten die Goldhasen jetzt 8 Euro – meine Güte, weil die Leute sie kaufen.

Und die Geschichte, die zweitausend Jahre alt ist, scheint niemanden zu interessieren, weil man längst mit der Kirche abgerechnet hat und weil man schon lange an nichts mehr glaubt.

Mit jemand zu diskutieren, dem eh alles egal ist, habe ich aufgegeben. Auch die Frage: bist du noch gläubig?  -regt mich schon wegen dem Wort „noch“ auf und ich sage darauf: ich bin genauso gläubig, wie ich nicht gläubig bin, dann sind diese „Gespräche“ eh gleich vorbei.

Die Bibel ist schwierig, vieles darin ist zwiespältig, die Chronisten lebten lange nach dem Leben und Sterben von Jesus, es kann nicht mal zu 100% bewiesen werden, daß er tatsächlich gelebt hat und doch … und doch … ist seine Geschichte so wahr, wie sie nicht wahr ist und erschüttert mich immer wieder in meiner Existenz.
Da war einer, ein etwas sonderbarer Heiliger, ein Rebell, ein merkwürdiger „Kund“, wie man in der bairischen Sprache einen etwas sonderbaren Mann nennt, der plötzlich irgendwo auftaucht und sich herumtreibt. Der Kund kommt, wie so viele Wörter aus dem Rotwelschen, nach dem Bairischen eine weitere Lieblingssprache von mir. Und ich glaube, so ein Wanderprediger wäre sicherlich bei uns „So a rarer Kund“ genannt worden.

Als die Menschen damals erfahren haben, daß er Heilkräfte hatte, sind sie ihm zugelaufen, das ist alles nachzulesen, wenns jemand interessiert. Als er in Jerusalem eingeritten ist, hat er gesagt, ich bring Euch den Frieden, wenn Ihr es nicht erkennt, wird Eure Stadt fallen. Aus dem Tempel hat er alle die rausgeworfen, die er ganz sicher auch heute rauswerfen würde beim Betreten der Gotteshäuser. Die Frauen mochten ihn, denn er sprach von Liebe und er hat Maria von Magdala die Füsse gewaschen und er war ganz anders, als die Männer, die sie gewohnt waren. Ich würde gerne sagen, daß er weich und zärtlich war, aber damals war es wahrscheinlich schon etwas ganz Besonderes, daß er sie behandelte wie menschliche Wesen. Und viele Frauen folgten ihm und begleiteten sein Leben bis hin zum schrecklichen Kreuzestod. Und wir wissen, daß alles, was danach geschah, durch das Mitwirken von Frauen geschah. Ja, ich weiß, was man alles dagegen sagen kann, ich frage mich, wozu? Denn wenn wir uns umschauen, passiert die Geschichte doch immer noch  und wenn ER jetzt wiederkäme, dann würde ER wieder von Liebe sprechen und würde den Kranken die Hand auflegen und es würden IHM wieder die Frauen zulaufen, auch ich wäre dabei und selbstverständlich würde ER wieder beseitigt, vielleicht grad nicht am Kreuz, aber es gibt da ja vielfältige Methoden.

Ich hab ein zärtliches Gefühl für diesen Rabbi und seinen unbezähmbaren Glauben daran, Gottes Sohn zu sein und das bis zur letzten Konsequenz und ich liebe die Frauen um ihn herum, weil sie ich trauten, zu lieben.

Ich schicke jetzt (vorerst) keine fröhlichen Wünsche, denn wir haben Karfreitag und ohne Karfreitag kein Ostern, nicht wahr? Und glaubt mir: Ostern ist mehr als ein verlängertes Wochenende…

viel  viel mehr.

Und Dir, liebe Kraulquappe schick ich ganz liebe Grüße aus dem Land der nunmehr geschmolzenen Schneeflocken … mit abklingendem Gehuste etc.  aus der fernen Nähe inmitten der tausend Himmelsschlüsserln.